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Im Gespräch | Beitrag vom 07.04.2018

Diskriminierung von MenschenDick und selbst schuld?

Moderation: Matthias Hanselmann

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Ein fülliger Mann sitzt alleine, der Kamera den Rücken zugedreht, und hält die Hand an den Mund. (imago/Indiapicture)
Mit dem Körpergewicht steigt die Wahrscheinlichkeit, zum Opfer von Mobbing zu werden. (imago/Indiapicture)

Im Alltag, auf Jobsuche, beim Arztbesuch: Dicke Menschen kennen Benachteiligungen und abwertende Blicke nur zu gut. Die Ärztin Susanne Maurer und die Aktivistin Natalie Rosenke diskutieren darüber, was die Betroffenen gegen die Diskriminierung tun können.

Wer zu viel auf die Waage bringt, hat es oft schwer: Viele Dicke klagen über Diskriminierung im Alltag, bei der Jobsuche oder beim Arztbesuch. Die Wahrscheinlichkeit, zum Opfer von Mobbing zu werden, steigt mit dem Gewicht – die Hänseleien und Kränkungen beginnen bereits im Kindesalter.

"Gewichtsdiskriminierung ist inakzeptabel und widerspricht den Menschenrechten", sagt Natalie Rosenke, Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen die Vorurteile gegenüber Dicken vorzugehen und setzt sich für die Chancengleichheit von Menschen mit unterschiedlichem Körpergewicht ein.

Abwertende Blicke und Benachteiligungen

Die Webdesignerin kennt die abwertenden Blicke und die Benachteiligungen, die dicke Menschen erfahren, nur zu gut: "Zum Beispiel beim Arzt: Hier wird oft auf eine ergebnisoffene objektive Diagnose verzichtet und sofort auf das Gewicht verwiesen. Oder im Flugzeug, durch die engen Sitze. Natürlich auch von der Werbung, in der dicke Menschen fast ausschließlich im Rahmen der Vorher-Nachher-Bilder präsent sind oder als schlechtes Beispiel dienen sollen. Für den dicken Konsumenten ist offensichtlich nur ein Produkt im Angebot: sein zukünftiges schlankes Ich."

Die Webdesignerin Natalie Rosenke ist Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung (GgG), aufgenommen am 02.02.2014 in Köln. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Natalie Rosenke ist Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Die Aktivistin sieht ihre Arbeit auch als gezielt politisch. Mit dem Kampf gegen die Pfunde werde schließlich auch Politik und Geld gemacht: "Die Fitness- und Diätindustrie, der medizinische Sektor und die Nahrungsmittelindustrie profitieren davon, dass 'Übergewicht` als gravierendes Problem gesehen wird, und dass die meisten Leute denken, sie selbst seien davon 'bedroht' oder schon 'betroffen'."

Es müsse aufhören, dass sich dicke Menschen erklären oder etwas erbitten müssen. Denn: "Gewichtsvielfalt ist ein positiver Wert."

Eine Konsequenz des Wertesystems

"Aus meiner Sicht ist Adipositas kein medizinisches Problem", sagt Dr. Susanne Maurer, Leiterin des Adimed - Zentrums für Adipositas- und Stoffwechselmedizin in Winterhur. "Es ist vielmehr ein philosophisches, ökologisches, ökonomisches, soziokulturelles und psychologisches Problem als Konsequenz unseres Wertesystems."

Die Ärztin beobachtet ein verzerrtes Bild unserer Schönheitsideale, das sich in Fernsehshows wie "Germanys Next Topmodel" oder auch in "The Biggest Loser" niederschlagen: "Das ist das Schlimmste vom Schlimmen, was da gemacht wird."

Fast alle übergewichtigen Patienten, die ihre Hilfe beanspruchen, hätten bereits einen größeren Leidensweg hinter sich. Ihr gehe es dabei nicht darum, ihnen möglichst rasch die nächste Diät oder eine Operation zu verschreiben, sondern die Gründe zu klären, warum die Betroffenen zu ihr kommen.

Ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland sei stark übergewichtig, etwa jedes siebte Kind dick oder sogar fettleibig. Und jedem Dicken, der abnehmen wolle, müsse geholfen werden. Aber man sollte Menschen nicht über ihr Gewicht oder ihr Aussehen bewerten. "Wir müssen ein Gespräch führen, ob wir uns über diese Werte definieren möchten."

Fett und selber schuld? Was tun gegen Diskriminierung dicker Menschen?

Darüber diskutiert Matthias Hanselmann heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Natalie Rosenke und Susanne Maurer. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen und Fragen stellen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de – sowie auf Facebook und Twitter.

Informationen über die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung (GgG) e.V. und über Adimed

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