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Nachspiel | Beitrag vom 09.07.2017

Digitalisierung im ProfisportDaten-Doping im Footbonaut

Von Yannick Lowin

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Tarik Elyounoussi, Spieler des Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim, demonstriert am 25.02.2014 in Zuzenhausen (Baden-Württemberg) den Trainingsroboter Footbonaut. (picture alliance / dpa / Daniel Maurer)
Vorstellung des Footbonaut bei TSG 1899 Hoffenheim (picture alliance / dpa / Daniel Maurer)

Arbeit, Medien, Bildung, Mobilität und auch der Spitzensport ist vor der Digitalisierung nicht gefeit. Daten sind der Rohstoff des Digitalzeitalters. Wie Big Data und Smart Data den Leistungssport verändern.

Wenn die digitale Revolution auf neue Gebiete vorstößt, dann scheint es erstmal zu piepen, bei Computern war das so, bei Modems oder Fax-Geräten. Von überall hat man noch diese Pieptöne im Ohr.

Auch im ländlichen Baden-Württemberg piepts, genauer gesagt beim Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim.

Die digitale Revolution hat also den Sport erreicht und ist dabei, ihn umzukrempeln. Häufig macht sie das ganz versteckt, so auch im Kraichgau. Inmitten grüner Hügel, am Ortsrand von Zuzenhausen. Hier haben die Hoffenheimer ihre Trainingsakademie eingerichtet.

Und so findet in dem 2000 Einwohner großen Dorf die Zukunft des Fußballs statt, unter Laborbedingungen, in einem schmucklosen Gebäude, das von außen so aussieht, als könnten darin Büros untergebracht sein. Tatsächlich ist es aber vollgestopft mit modernsten Trainingsgeräten – sie sind die digitale Antwort der TSG Hoffenheim auf die Evolution des Fußballs, wie Team-Psychologe Jan Mayer erklärt.

"Das, was man sich anschaut ist einfach, wo geht der Trend hin? Wie spielen die besten Mannschaften? Die erfolgreichste Mannschaft ist eben die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und da gibt es Zahlen, dass die 2006, als Klinsmann übernommen hat, eine durchschnittliche Ballkontakt-Zeit von 2,8 Sekunden hatte. Bei der Weltmeisterschaft in Rio ist das mittlerweile von unter einer Sekunde, wo man sieht, in nicht mal zehn Jahren ist das Spiel dreimal so schnell geworden und da musst du natürlich mit entsprechender Trainingsmethodik und Trainingsansätzen reagieren."

Technisch versiert und abgezockt

Eine Maßnahme: die Jugendspieler der TSG Hoffenheim, von der U12 bis zur U21 trainieren alle vierzehn Tage am sogenannten Footbonauten – wenn sie wollen auch öfter. An diesem Tag im Frühjahr darf sich unter anderem Emilian Lässig beweisen. Der 17-Jährige ist Linksverteidiger in der Hoffenheimer A-Jugend, ein Typ wie Philipp Lahm, klein, schmal, dafür aber technisch versiert und abgezockt.

Footbonaut. Der Name klingt futuristisch, das Gerät ist es auch. Man kann es sich vorstellen, wie einen Fußball-Käfig, den man von Bolzplätzen kennt. Der Unterschied: der Footbonaut ist quadratisch und erweitert um je zwei Ballmaschinen an allen vier Seiten sowie jede Menge Technik.

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Insgesamt 64 Tore bilden die Gitter des Käfigs, die eine Hälfte der Tore unten, die andere oben. Der Spieler steht in der Mitte und bekommt eine Minute lang Bälle zugespielt. Ein akustisches Signal verrät, aus welcher Richtung der Ball kommt. Fast gleichzeitig leuchtet eins der Tore auf. Darein muss er den Ball schießen. Emilian Lässig spult die Einheit lässig herunter.

"Also ich fands schon gut. Ich mein, man sieht ja, ob man trifft oder ob man nicht trifft und dann ist die Prozentzahl ja auch höher."

Nachwuchstrainer Wolfgang Heller hat die Einheit beobachtet, er bestätigt die Einschätzung des Spielers. 

"Ich war jetzt der Meinung, dass er zu 80 bis 90 Prozent immer gewusst hat, wo er hinwollte. Also, dass er sich da gut vororientiert hat. Den Ball auch gut verarbeitet hat am Boden, mit beiden Füßen gearbeitet hat. Also viel war da jetzt nicht mehr zu korrigieren."

Die Eindrücke von Spieler und Trainer: subjektiv. Die schöne neue Sportwelt gestaltet sich aber nach objektiven Maßstäben: nur exakt messbare Daten zählen, kein Pi mal Daumen. Das, worauf es ankommt, liefert der Computer: Er erfasst und speichert die Anzahl der Treffer in einer Datenbank genauso wie zum Beispiel die durchschnittliche Zeit, die ein Spieler braucht zwischen Ballannahme und Schuss. Außerdem hält eine Video-Kamera jede Bewegung im Footbonauten fest. Was ideal gelaufen ist und wo Verbesserungsbedarf besteht, bespricht Trainer Wolfgang Heller mit Emilian Lässig wenige Meter vom futuristischen Fußball-Käfig entfernt am Bildschirm.

"100 Prozent Trefferquote"

"Darfst Dich nochmal angucken. 100 Prozent Trefferquote. Am Anfang war noch die Eingewöhnung. Da sind sie noch ein bisschen weiter weg gesprungen. Ansonsten immer gut mit zwei Kontakten gearbeitet. Die Ruhe gehabt. Auch wenn er mal versprungen ist, die Ruhe gehabt, ihn noch locker zu nehmen." 

Man könnte denken, es ginge im Footbonauten darum die Technik der Spieler zu schulen: Ballannahme, präzises Passspiel – das trifft höchstens auf die ganz jungen Kicker zu, nicht aber auf die Profis, sagt Hoffenheims Sportpsychologe Jan Mayer:

"Weil das so schwierig für einen Fußball-Profi jetzt nicht ist, aus sieben Metern in einen Kasten von einem Meter Fünfundzwanzig zu treffen, sondern da geht’s tatsächlich eher um das Thema, auch wenn ich einen Fehler gemacht habe, dran bleiben. Die Jungs, die da rausgehen, sagen auch, oah, das ist vom Kopf anstrengend, darin zu trainieren. Und wir haben das auch schon zeigen können mit entsprechenden Studien, dass wir hier tatsächlich eher eine kognitive Komponente trainieren. Und insofern ist diese Kombination, aktiv im Footbonaut, mit präzisem Passspiel, aber dennoch mentale Geschwindigkeit zu trainieren und dann eher passiv in der Helix stehend das Objektverfolgen trainieren, eine ganz gute Ergänzung."

Zur Helix, von der Jan Mayer spricht, geht es vom Footbonauten aus ein paar Treppenstufen nach oben in einen abgedunkelten Raum. Dort ist die Helix aufgebaut: eine um 180 Grad gekrümmte Leinwand, auf die hochauflösende Beamer gerichtet sind. Dazu dröhnt aus den Boxen der Sound eines Bundesliga-Stadions. Die Beamer projizieren digitale Fußballer an die Wand, Mitspieler in Hoffenheim-Trikots und Gegner in roten Hemden, deren Gesichter alle identisch sind. Vor der Leinwand steht ein realer Fußballer. Der muss sich bestimmte Mitspieler und Gegner merken. Dann rennen die digitalen Pappkameraden plötzlich wild drauf los über ein virtuelles Spielfeld. Um das zu überblicken, muss der echte Spieler ständig den Kopf drehen und sich auf sein äußeres Sichtfeld verlassen. Nach acht Sekunden stellen sich die Figuren in willkürlicher Reihenfolge wieder auf und der Proband muss diejenigen identifizieren, die er sich merken sollte. Jan Mayer dazu:

"Es gibt Studien, die zeigen, dass bessere Fußballer über bessere oder schnellere Gehirnfunktionen verfügen. Und genauso gibt es Studien, die zeigen, dass sich diese  Gehirnfunktionen durch diesen Gaming-Ansatz. Also die Eltern werden jetzt erschrecken. Aber Video-Spielen hat auch manchmal Vorteile, es macht tatsächlich schneller im Kopf."

"Das wird ja alles erfasst"

Footbonaut, Helix, diese Geräte dienen dazu, Wahrnehmung und Handlungsschnelligkeit zu verbessern. Kognitives Training heißt das in der Fachsprache – ein Teilbereich der Sportwissenschaft, der durch digitale Technologien neue Impulse erfährt. Und gleichzeitig ein neues Feld, auf dem Daten produziert werden. Sie sind der wertvolle Rohstoff der Digitalisierung. Unvorstellbare Mengen von Ihnen werden bereits heute erhoben und gespeichert.

"Der Fernsehzuschauer sieht es ja auch, dass Passwege, Laufkilometer, Sprints usw. Das wird ja alles erfasst, aber du weißt noch nicht genau, was mache ich mit diesen ganzen vielen Informationen. Und genauso kommen neben diesen ganzen Informationen noch die Spielerdaten. Was wir messen hinsichtlich deren Kondition, Schnelligkeit, Sprungkraft, aber auch wieder das Mentale hinsichtlich Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit usw. usf. und diese ganzen Daten dann clever, also nicht nur Big Data, sondern auch Smart Data auszuwerten, sodass wir sagen können, wir können das jetzt optimal nutzen zur Trainingssteuerung und zur Belastungssteuerung, zur Prävention, zur Gesunderhaltung, da sind wir erst in den Anfängen."

So die Einschätzung von Hoffenheims Sport-Psychologe Jan Mayer. Der schiebt aber auch gleich nach, wie er sich Smart Data vorstellt.

"Diese Daten – und das ist die Herausforderung, vor der wir stehen – die sollen so ineinander fließen, in eine Information, die dann der Trainer über den Spieler hat. Und ein konkretes Beispiel ist, dass es natürlich interessant ist für den Trainer, wenn er noch eine Auswechslung zur Verfügung hat, zu sehen, wie gut sind die Ausdauerwerte von den Spielern, die noch zur Verfügung sind, wenn wir in die Verlängerung müssen. Und solche Daten fließen dann auch in die Trainerarbeit am Platz ein."

Wehret den Anfängen

Die Gesundheit, die Leistung des Spielers, sie sollen berechenbar werden durch Algorithmen. Dank Big Data und Smart Data. Ein wissenschaftlicher Quantensprung, ein großartiger Fortschritt – das ist die Sichtweise der Profi-Vereine. Es gibt aber auch eine andere Sichtweise der Dinge. Denn von hier ist es nicht mehr weit bis zum alles überwachenden Big Brother und ja dann eben auch Smart Brother. "Wehret den Anfängen" ist deshalb die Devise der Datenschützer, die der schönen, neuen Sportwelt kritisch gegenüber stehen. Zu Ihnen gehört auch Imke Sommer, Datenschutzbeauftragte des Landes Bremen. Sie kritisiert die ungehinderte Datensammelei der Fußball-Clubs.

"Da muss man ja sagen, dass das sozusagen die Übertragung von Arbeits- und Leistungskontrollen aus dem Normalarbeitsverhältnis sind. Das ist die Leistungskontrolle der Spitzensportler. Und da gibt es zurecht die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichtes, dass es eben keine lückenlose Kontrolle geben darf. Es muss klar sein, jetzt wird ein Test gemacht und dann ist wieder keiner. Und es bedarf eines guten Grundes dafür, dass diese Daten dann auch erhoben werden."

Die Datenschützerin Sommer will, dass Profi-Clubs, dass Manager, Trainer auf der einen Seite und Politik und Gesellschaft auf der anderen Seite darüber diskutieren, welche Daten erhoben werden dürfen und welche nicht. Wie lange sie gespeichert und wofür sie verwendet werden dürfen. Der Gesetzgeber soll dann auf dieser Grundlage klare Regeln schaffen. Und das auch für scheinbar harmlose Daten wie Puls- oder Laktatwerte.

"Trotzdem muss man sich im Klaren darüber sein, dass solche Gesundheitsdaten ganz viel über uns selber verraten. Und nicht nur in der Situation, wo ich noch jung und leistungsfähig bin, sondern möglicherweise auch für später. Da muss es ganz klar sein, dass da nichts weitergegeben wird an Versicherungen mit der Folge, dass ich ungünstige Tarife bekomme. Es muss klar sein, dass ich nicht vorgehalten bekomme, ja, Sie sind ja auch immer Sprint gelaufen, dann bekommen Sie die Knie-OP nicht gezahlt. Das muss ganz klar geregelt werden."

Fußball führt die digitale Revolution an

Der Fußball steht an der Speerspitze der digitalen Revolution im Sport – hier steckt das meiste Geld, die Vereine leisten es sich, in die neuesten digitalen Technologien zu investieren, immer auf der Suche danach, wie sie das Spiel und ihre Spieler weiter optimieren können. Aber auch in anderen Sportarten versprechen sie sich viel von der Kraft der Bits und Bytes. Auch hier werden digitale Trainings- und Messinstrumente entwickelt, Athleten getestet und genormt, riesige Datenbanken gefüttert und Computer mit der Auswertung beschäftigt. In Leipzig forscht das IAT, das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft im Auftrag des Deutschen Olympischen Sportbundes für die verschiedenen Verbände. Ina Fichtner leitet hier den Bereich MINT, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

"Man kann schon sagen, dass die Digitalisierung eines der entscheidenden Themen ist und sein wird. Wir werden angefragt durch unsere Klienten und Partner, also die Spitzenverbände, mit denen wir zusammenarbeiten bezüglich Digitalisierung, Hardware und Software-Bereich, vermehrt, immer mehr."

Und so laufen mitten im Sommer, bei Temperaturen von nahezu 30 Grad Weltcup-Skispringerinnen in voller Montur durch die Flure und Labore des IAT. Mit Handschuhen, Sprunganzug, Stiefeln, Helm und Brille stöckeln sie zum Beispiel in einen 3D-Bodyscanner. Ähnliche Apparate kennt der Durchschnittsbürger von deutschen Flughäfen. Das Modell am IAT Leipzig sieht aus wie eine Dunkelkammer – wie die funktioniert und was die Skispringerinnen darin machen, erklärt der Leiter des Fachbereichs Biomechanik Olaf Ueberschär.

"Man sieht hier vier Laserstrahlen und entsprechend viele Kameras, die simultan den Körper von oben nach unten abscannen – man bekommt ein dreidimensionales Abbild des Körpers des Athleten, wie er gerade steht. Also ganz konkret: in der Anfahrtshaltung beim Skispringen. Und ganz konkret, was wir heute machen, ist, dass wir die Athletinnen mit den Anzügen hineinstellen und schauen, wie ist die Körperhaltung. Wo kann man etwas optimieren, dass eben Aerodynamik, Widerstandskräfte optimal getroffen und berücksichtigt werden."

Eingefroren in der Anfahrtshocke

Nur ein paar Sekunden später erscheint das digitale 3D-Modell auf einem Computerbildschirm: Die Skispringerin Gianina Ernst, eingefroren in der Anfahrtshocke – es sieht so aus, als würde das Modell nur darauf warten, gleich von einem 3D-Drucker in die Realität überführt zu werden. Stattdessen drehen und wenden es ihr Trainer Daniel Vogler und Wissenschaftler Sören Müller bei der Analyse am Bildschirm in alle Richtungen.

"Ginni, g’fällt guad. … eher paralallel… joa, oaber der Kopf symmetrisch mittendrin … Wenn wir jetzt mal die Haltung optimieren würden, ne, die wir ja auch haben wollen, dann würde ich sagen, tiefer und spitzer."

Schließt Sören Müller die Analyse. Er leitet die Fachgruppe Skisprung am IAT Leipzig und erklärt, worauf es bei einer guten Anfahrtsposition ankommt:

"Entscheidend für die Anfahrtshaltung ist eine tiefe Hockposition, weil wir wenig Luftwiderstand bieten wollen. Damit einhergehend die Form des Rückens, der Armhaltung und der Kopfhaltung. Wenn der Kopf weit draußen ist, sieht man zwar besser, aber der Kopf ist dann ein großer Widerstand. Und dann wollen wir natürlich eine sehr gute Skiführung haben und da achten wir auf die Beinstellung: Haben wir eine X-Stellung, haben wir eine O-Stellung? Wie symmetrisch sitzt der Athlet? Dann kommt es darauf an, wie ist die gesamte Hüftachse, Oberkörperachse, Schulterachse, haben wir da eine Verdrehung drin, die letztlich eine ungleichmäßige Anfahrtshaltung provoziert? Das kann man an dieser 3-D-Scan-Bild Perspektive sehr gut erkennen."

Einmal im Jahr kommen die DSV-Adler, Frauen und Männer, um sich im wahren Sinne des Wortes durchleuchten zu lassen. Zu ihnen gehört auch Gianina Ernst, 18 Jahre vom Skiclub Oberstorf und letztes Jahr 31. im Gesamtweltcup. Ihre erste Reaktionen auf den Body-Scanner:

"Cool"

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Aber natürlich kann die angehende Abiturientin die digitalen Analyse-Helfer auch reflektierter einschätzen:

"Das hilft schon sehr viel. Gerade, dass man überhaupt mal die Erkenntnis hat, okay, der Kopf ist schräg oder der Kopf ist schon zu weit angehoben und man muss ihn mehr reinnehmen, also das sind Kleinigkeiten, wo man beim Training an der Schanze gar nicht dran denkt, wenn man noch nie so Messungen gemacht hat."

Rund 100 Meter weiter, im sogenannten Ergonometrie-Raum, laufen, radeln und rudern sich normalerweise Ausdauersportler die Lunge aus dem Leib, um unter anderem ihre Laktatwerte zu ermitteln. Bei Katharina Althaus, letztes Jahr Vierte im Gesamt-Weltcup, geht es dagegen darum, sich so wenig wie möglich zu bewegen. Wieder ist die Anfahrtsposition vom Startbalken Thema, wieder wollen Athletin, Trainer und Wissenschaftler die ideale Position justieren. Diesmal geht es um die Skistellung. Dafür sind Althaus Skisprung-Ski auf eine 20 Zentimeter erhöhte Plattform geschnallt, an der jede Menge Sensoren die kleinsten Bewegungen erfassen. Davor ein Monitor, mit Grafiken. Sie zeigen an: würde der Ski perfekt in der Spur aufliegen oder würde er irgendwo reiben und die Springerin dadurch an Geschwindigkeit im Anlauf verlieren? Jede Bewegungsnuance wird zurückgespiegelt an die Beobachter.

Geschwindigkeitssteigerung durch Technik

"Es ist natürlich cool, das mal im Ganzen zu sehen, die Anfahrt nicht nur von der Seite her zu sehen, sondern auch von vorne mal, ein Bild zu sehen und dann kann man auch mehr variieren als auf der Schanze und das hilft, die Anfahrt zu verbessern und natürlich auch die Geschwindigkeit."

Sagt und auch Team-Kollegin Gianina Ernst ist hellauf begeistert von den Messinstrumenten.

"Das hilft einem schon sehr viel, um die Anfahrtsposition anzupassen, um die Geschwindigkeiten zu erhöhen auf der Schanze. Ich habe das letztes Jahr schonmal gemacht  und das hat sehr viel gebracht. Ich bin dann viel schneller angefahren, weil man sieht, wo lässt man die Geschwindigkeit liegen? Liegt das an der verschiedenen Belastung von den Beinen oder an einer Reibung an der Seite? Und damit kann man echt viel kompensieren und es hilft einem einfach auch weiter. Das schwierige ist einfach, auf der Schanze das umzusetzen, damit es mit dem Gefühl übereinstimmt."

Angesichts der technischen Möglichkeiten, die Springer heute haben, um ihre Technik zu perfektionieren, können ehemalige Athleten wie Jens Weißflog nur blass werden vor Neid. Es ist schwer zu sagen, wie viele Meter weiter der Olympiasieger dank neuester digitaler Technik geflogen wäre – aber klar ist, die Digitalisierung eröffnet dem Leistungssport neue Möglichkeiten, seine Leistungsgrenzen noch ein bisschen weiter zu verschieben. Diese Auffassung vertritt auch Ina Fichtner, die Chefin vom IAT Leipzig in Sachen Technik.

"Das was man machen kann mit reinem Training, Trainingswissenschaft usw., das ist schon an der Grenze von dem, was möglich ist. Das sieht man an der immer kleiner werdenden Dichte der Leistungen, die gebracht werden. Das heißt, in allen möglichen Disziplinen ist die Leistungsdichte immer enger. Das heißt, die Leute sind ähnlich gut. Sie gleichen sich an und das, was man herausholen kann, ist meines Erachtens genau diese Technologisierung."

Vorsprung durch Technik – bei den Skispringerinnen geht‘s vor allem um sie selber, sie wollen sich selbst optimieren – bei den Zweikampfsportlern, also zum Bespiel den Judoka, ist der Durst aber auch groß nach Wissen über den jeweiligen Gegner. Und das heißt in digitalen Zeiten: nach Daten über den Gegner. Am besten zu jeder Zeit und an jedem Ort – und was hat man zu jeder Zeit an jedem Ort bei sich? Das Smartphone. Also haben sie am IAT Leipzig eine Applikation entwickelt; die sogenannte Gegner-App, vollgestopft mit allem, was man über einen Gegner wissen kann, erklärt Roland Oswald von dem Fachbereich Judo, der die App mitgestaltet hat.

Wer mehr Daten hat, gewinnt?

"Da sind Informationen zur Kampfauslage, zur Kampfhaltung. Und in einem sogenannten Technik-Profil sind diese ganzen Einzeltechniken dann aufgeteilt. Das unterscheidet in Wirksamkeit, also die eigene Wirksamkeit der Gegnerin. Was macht sie, mit welchen Techniken ist sie erfolgreich. Und die zweite Seite ist die Anfälligkeit: Gegen welche Techniken ist sie anfällig? Das heißt, welche Techniken sie in ihren Wettkämpfen schon abgegeben hat, wo sie Punkte abgegeben hat und auch schon verloren hat."

Die App hat dann zu jeder dieser Informationen das passende Bild parat: In einzelnen Video-Sequenzen können sich Trainer und Kämpfer anschauen, wie, welcher Gegner die jeweilige Technik ausführt oder wie er überlistet werden kann. Für Judoka ist das vor allem bei Wettkampf-Höhepunkten, großen internationalen Meisterschaften interessant.

"Der Judoka hat meist vier, fünf oder sechs Kämpfe an einem Tag im Turnier und ich kann mir nicht alles merken, was ich zu diesen Gegnern weiß. Also ist es schon wichtig, wenn ich meine ersten beiden Kämpfe absolviert habe und den Gegner vom dritten Kampf kenne. Wenn ich mir davor noch Informationen hole, was macht der? Oder auch nochmal abrufe, ich habe mir die Kämpfe schonmal angeguckt. Und hatte da eine bestimmte Strategie, weiß es aber nicht mehr genau, dann gucke ich mir das vor dem Kampf nochmal an und kann mir das nochmal neu in Erinnerung rufen."

Die Digitalisierung steht erst ganz am Anfang

Neue digital gestützte Trainingsgeräte, Messinstrumente, Computer, die riesige Datenbanken auswerten – der Sport steckt mittendrin in der digitalen Revolution – wobei: nach Ansichten derjenigen, die die Digitalisierung vorantreiben, steht sie erst ganz am Anfang. Experimentiert wird zum Beispiel aktuell mit virtueller Realität. Der Sportpsychologe Jan Mayer vom Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim ist fest davon überzeugt, dass die Spieler künftig auf dem Weg zum Spiel, alle ihre Virtual-Reality-Brillen aufsetzen und durch simulierte Szenen darauf vorbereitet werden, wie sich ihre Gegner typischerweise verhalten und wie sie darauf reagieren müssen. 

"Dieses Vorstellungs-Training, mentales Training hat eine große Tradition in der Sportpsychologie und wird auch fast von allen Sportlern gemacht. Allerdings bin ich als Trainer davon abhängig, was stellt er sich denn jetzt gerade vor? Und ich weiß auch nicht, wenn er die Augen zumacht, ob er sich dann auch genau das Richtige vorstellt oder ob er Fehler macht und da hat man dann von außen eine gewisse Steuerung, dass ich sage, die oder die Szene muss aber so ablaufen und kann auf diese Prozesse einwirken."

Und auch im Kern der Digitalisierung, der Datenauswertung, sind noch große Kräfte verborgen, sagt Jan Mayer.

"Big-Data-Analyse ist ein Punkt, der ist ja erst in den letzten ein, zwei Jahren wirklich hochgekommen. Dass man in der Algorithmik soweit ist, dass man auch in der Rechner-Architektur und den Fähigkeiten, die die Technologie da mitbringt, solche Datenmengen analysieren kann. Zum Beispiel in den Mannschaftssportarten, Fußball ist ein prominentes Beispiel, wo das auf einem sehr hohen Level betrieben wird, dass man Spieler im Training und im Wettkampf komplett analysiert und solche extrem großen Datenmengen generiert, wodurch man Erkenntnisse bekommt, die man bislang nicht hatte."

Minority-ReSport

Welche Erkenntnisse das sein können, deutet Hoffenheims Team-Psychologe Jan Mayer an:

"Es geht bei der Sammlung der Daten eben auch darum, wenn wir zum Beispiel viele  Muskelverletzungen haben, dass wir dann nicht anfangen, auf die medizinische  Abteilung zu schimpfen, sondern zu schauen, liegt das an der Trainingsgestaltung, an den Trainingsumfängen, an der Ernährung oder sonst was? Das sind unglaublich viele Fragestellungen, die noch völlig unklar sind. Wo man meistens, ja mit irgendeiner Fehlereinschätzung zurückschaut. Und wenn wir hier mit gesicherten Daten sagen können, nee, es liegt daran oder es liegt daran, dann werden wir ruck zuck besser und das nicht nur im Sinne von Leistung, sondern auch im Sinne von Prävention und Gesundheit."

Doch die Wissenschaftler wollen nicht nur zurückblicken – sie wollen vor allem in die Zukunft schauen. Dank Datenauswertung soll es möglich werden zu wissen, wann ein Athlet sich verletzt, noch bevor es überhaupt dazu kommt oder er Schmerzen hat. Das klingt nach Science-Fiction – so wie im Hollywood-Film Minority-Report, in dem Tom Cruise als Ermittler die Namen von Mördern kennt, noch bevor sie überhaupt jemanden umgebracht haben. Im Spielfilm muss Tom Cruise schließlich am eigenen Leib erfahren, wie hörig die Menschen den Prognosen geworden sind, nämlich als er selbst für einen zukünftigen Mord verantwortlich gemacht wird. Wie Manager, Trainer und Athleten mit dem umgehen, was ihnen Computer auf der Grundlage von Algorithmen errechnen – ob sie es für die einzige Wahrheit halten oder doch lieber ihrem Bauchgefühl vertrauen, das müssen sie in Zukunft verhandeln. Aber schon jetzt steht fest: So sieht sie aus, die schöne neue Welt des Sports.

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