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Zeitfragen | Beitrag vom 16.04.2018

Digitales Lernen für SeniorenNachhilfe für Silver Surfer

Von Anke Petermann

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Eine Seniorin sitzt an ihrem Laptop (picture alliance / Sebastian Gollnow)
"Ich will dabei bleiben", sagt eine Seniorin über ihre Motivation, einen Kurs zu besuchen. (picture alliance / Sebastian Gollnow)

E-Mails checken, online Bankgeschäfte abwickeln oder mit den Enkeln chatten: Der Umgang mit neuen Techniken fällt vielen Senioren schwer. Damit sie nicht den digitalen Anschluss verlieren, helfen spezielle Seminar den Senioren auf die Sprünge.

Wie sich Silver Surfer Max Mustermann um seinen digitalen Nachlass kümmert – das bebildert Herbert Heimes mit Hilfe eines Overhead-Projektors und einer Karikatur.

"Graue Haare, Drei-Tage-Bart, Altersflecken, wie wir alle hier sind - das ist der Herr Max Mustermann."

Aus einem sperrigen Thema macht Herbert Heimes damit eine anschauliche Geschichte. Darüber nämlich, wie man Online-Passwörter und -Konten so verwaltet, dass dieses Erbe nach dem eigenen Tod einer Vertrauensperson zugänglich ist. Einem digitalen Nachlassverwalter, den man selbst auswählen sollte.

Herbert Heimes leitet den PC-Treff im modernen Kastellauner Volkshochschul-Gebäude. Zweimal im Monat schult der 67-Jährige Altersgenossen im Wechsel mit anderen ehrenamtlichen Dozenten. Die Ampel-Regierung von Rheinland-Pfalz gibt solchen Silver-Surfer-Treffs eine Anschubfinanzierung, rund hundert gibt es landesweit.

Nicht übertreiben mit Anglizismen

Zurück zu Max Mustermann, dem fortgeschrittenen Silver Surfer.

"Er verbringt einige Zeit im Internet, er schreibt und empfängt E-Mails, ist in sozialen Netzwerken unterwegs. Und macht Online-Banking und speichert viel in einer Cloud, das ist die sogenannte Wolke",

… übersetzt Heimes. Mit Anglizismen darf man's vor den Altersgenossen nicht übertreiben, weiß der pensionierte Polizist.

"Dann merkt man direkt, die machen die Augen zu und gehen raus. Die kommen nie wieder."

Das ist beim Kastellauner PC-Treff aber die Ausnahme. Drei Dutzend Interessierte hören Heimes an diesem Nachmittag zu, viele davon gehören zur Stammklientel.

"Die Themen, die wir hier behandeln: immer interessant."

Findet Doris Henn, Mitte 70. Lebensnah, pflichtet ihr der gleichaltrige Ludwig Geisbauer bei. Wie der digitale Nachlass:

"Ich weiß genau, das kommt auf mich ganz sicher zu. Das verstärkt natürlich die Bereitschaft, was dazu zu lernen."

Allerdings fällt es nicht mehr so leicht, gibt die 72-jährige Erika Erbes zu:

"Also, ich brauch' mehr Zeit, um was zu lernen, weil ich schnell wieder vergesse, was ich gelernt habe, das muss ich immer wieder wiederholen."

Ein spezielles Lehrbuch mit großen Buchstaben und Bildern

Und genau dabei hilft das Zentrum für Wissenschaftliche Weiterbildung der Uni Mainz im Silver-Surfer-Projekt. Unter anderem mit einem praxisnahen Lehrbuch mit großen Buchstaben und vielen Bildern. Maresa Getto, studierte Medienpädagogin, teilt es zu Beginn der VHS-Seminarreihe zum Thema "Tablet, Smartphone & Co." aus.

"Es sind auch immer noch irgendwelche Links oder Übungen, hinten das Glossar …"

... von B wie Browser bis W wie World Wide Web. Englische Fachbegriffe, die Getto nicht eins zu eins übersetzt, sondern bildlich erklärt, die Internetseite zum Beispiel, die Getto als eine Körper-Struktur auf eine Leinwand projiziert, mit dem Header oben, dem Kopf,

"Und im Body, im Körper, ist der eigentlich Inhalt: Um was geht’s auf der Seite, welche Informationen finde ich da – Beiträge, Videos, Text."

Junge Leute, sogenannte digitale Eingeborene, würden sofort loslegen und alles ausprobieren, die muss man eher bremsen, weiß Getto.

"Bei Senioren ist das so, man muss sie so ein bisschen anstupsen."

Denn weil der Umgang mit neuen Medien für die digitalen Spät-Einwanderer anstrengend ist, hinterfragen sie die Notwendigkeit der angebotenen Lektionen.

"Brauch' ich das, nutz' ich das? Ich hab so lange ohne das Tool überlebt, brauch' ich das jetzt wirklich, muss ich mich da jetzt reinfuchsen, ja oder nein?"

Online in Kontakt mit Kindern und Enkeln

Wilhelm Lambrich hat die Frage schon vor einigen Jahren mit ja beantwortet, vor allem auch, um den Anschluss an Kinder und Enkel zu behalten.

"Ich will dabei bleiben. Einfach: Man muss mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit."

Der 82-Jährige fährt zweigleisig: Er besucht die kleinen Volkshochschul-Außenstelle in seinem Heimatort Gau-Algesheim. Hier ist die Technik noch nicht perfekt, zum Auftakt der Silver-Surfer-Seminarreihe wird improvisiert. Daneben fährt der Rheinhesse nach Ingelheim, dem Sitz der Kreisvolkshochschule Mainz-Bingen, bestens ausgestattet mit PCs, online vernetzt mit dem der Seminarleiterin, um jeden ihrer Schritte durch die digitale Welt zeitgleich mit zu gehen.

"Also lernen durch Praxis?"

"Ja, durch Praxis. Und dann probier ich daheim manches, und dann kommt oft der Fall, dass es nit weitergeht. Dann muss ich mein Köfferchen nehmen, geh' ich abends zum Enkel oder ruf' den auch schon mal an. Aber mittlerweile brauch' ich ihn nicht so oft. Ich sammele dann so ein paar Dinge, und dann geht das schon."

Mit der Textverarbeitung sogar sehr gut, freut sich Lambrich.

"Ich schreib so schöne Urkunden– davon bin ich ganz begeistert, mach auch mal eine Zeichnung dazwischen. Also, ich hoffe, dass ich weiterkomme."

Lambrich und seine Mit-Lernenden sind 40, 50 Jahre älter als die junge Mainzer Medienpädagogin, die sie unterrichtet. Getto schult auch ältere Multiplikatoren, wie den PC-Treff-Leiter Herbert Heimes in Kastellaun. Zentrales Thema: umfassende Medienkompetenz.

Vertrauen fassen und anpacken

"Also nicht immer nur ein Wie-geht-was, sondern warum ist das so und wie ist meine Einstellung zu dem, was diskutiert wird, also so eine Kritikfähigkeit auch zu entwickeln."

Einmal jährlich findet eine große Tagung an der Uni Mainz statt mit Netz- und Weiterbildungsexperten, Verbraucher- und Datenschützern, mit Studierenden der Medienpädagogik und Multiplikatoren aus ganz Rheinland-Pfalz.

"Dann findet dort auch wieder so eine Vernetzung statt: 'Was machst du denn eigentlich in deinem Seminar, hast du Tipps oder hast du neue Themen?' Und das ist schön für die Senioren zu sehen, wie wird es woanders gemacht."

In der Volkshochschule Kastellaun packt Doris Henn ihr Smartphone ein, das sie sich vor einem Jahr zugelegt hat. Über den PC-Treff sagt die 74-Jährige:

"Hier habe ich vor allen Dingen Vertrauen gefasst, was anzupacken. Selbstvertrauen - ja, dass man das lernen kann, wenn man will!"

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