Seit 20:03 Uhr Konzert
 

Donnerstag, 14.12.2017

Tonart | Beitrag vom 28.11.2017

Die portugiesische Sängerin Lula Pena"Saudade ist eine Art Bewusstseinsstrom"

Lula Pena im Gespräch mit Mathias Mauersberger

Beitrag hören
Die portugiesische Musikerin Lula Pena  (Lucile Dizier / Promo )
Die portugiesische Musikerin Lula Pena (Lucile Dizier / Promo )

Nicht nur auf Portugiesisch, Italienisch oder Spanisch singt Lula Pena. Selbst auf Sanskrit und auf Sardisch interpretiert sie ihre Musik. Interessant dabei sei vor allem der Klang einer Sprache, der Wortlaut spiele keine so große Rolle, sagt Lula Pena.

Mathias Mauersberger: Die portugiesische Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Lula Pena, hier in der Tonart am Vormittag. ‚Archivo pittoresco‘ - so heißt das aktuelle Album, und ich freue mich sehr, dass Lula Pena heute den Weg zu uns ins Studio gefunden hat. Herzlich Willkommen!

Lula Pena: Thank You.

Mauersberger: Sie singen Ihre Texte tatsächlich auf sechs Sprachen, wenn ich richtig mitgezählt habe: portugiesisch, italienisch, spanisch, französisch, englisch und sogar griechisch. Wie kommt es zu dieser Vielfalt?

Pena: Naja, das sind nur die Sprachen, die ich auf meinem neuen Album verwende. Manchmal singe ich bei Konzerten sogar auf Sanskrit, auf Sardisch – der Sprache von Sardinien – oder auf Provenzalisch, dem alten französischen Idiom. Mich interessiert an Sprache eher der Klang als der genaue Wortlaut. Sprache kann deine Emotionen auf eine gewisse Art und Weise kanalisieren und formen wie eine Art "Klang-Massage". Ich habe mich dafür entschieden, auf verschiedenen Sprachen zu singen, weil ich das ganze Spektrum an Klangfarben darstellen möchte und so verschiedene Hör-Erfahrungen ermöglichen will.

Meine Entscheidungen sind intuitiv

Mauersberger: Die Texte schreiben Sie zum einen selbst; zum anderen vertonen Sie auch Gedichte anderer Lyriker und Lyrikerinnen, der chilenischen Musikern Violeta Parra zum Beispiel. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für die Texte, die Sie interpretieren?

Pena: "Die Entscheidungen für die jeweiligen Texte sind ziemlich intuitiv. Jeder Text trägt schon eine bestimmte Melodie und Harmonie in sich – manchmal sogar eine Polyphonie. Wenn ich also einen Text lese und sofort merke, wo die Sprachmelodie hinwill, dann muss ich diese nur herausarbeiten. Und ich mag Texte, die neue Dimensionen öffnen, nicht allzu konkret sind und Spielraum für eigene Interpretationen lassen. Diese Qualität habe ich gerne als "Basis".

Mauersberger: Ihre Musik wird ja gern dem portugiesischen Fado zugerechnet, den berühmten Klageliedern aus den Hafenvierteln von Lissabon. Ihre Musik klingt aber etwas zurückhaltender als die Songs, die man von den jungen portugiesischen Fadosängern sonst kennt. Verstehen Sie sich selber tatsächlich als Fadista, als Fado-Sängerin?

Pena: Am Anfang meiner Karriere habe ich mich schon als zeitgenössische Fado-Sängerin gesehen, wenn auch nicht auf allzu "strenge" Weise. Dann begegnete ich dem traditionellen Fado, der sich ja über die Jahrhunderte sehr entwickelte. Es gab zum Beispiel diese ganz ursprüngliche Form, die nur aus Singen, Tanzen und Trommeln bestand, mit einer Menge afrikanischer Einflüsse. Aber das passt natürlich nicht zu dem sehr festgelegten Bild, das wir hier in Portugal von dieser Musik haben. Wie auch immer: Als "Fadista", die Gitarre spielt und singt, habe ich eine Verantwortung; muss wissen, wieso ich tue, was ich tue. Früher versuchte ich, diesem Anspruch gerecht zu werden, aber das macht keinen Sinn. Heutzutage fühle ich mich also nicht mehr unbedingt als Fado-Sängerin.

Musikalische Reise zu spirituellen Orten

Mauersberger: Dem Fado wird ja immer gerne eine besondere Melancholie nachgesagt, die sich auf in Ihren Songs finden lässt. Man spricht auch von "Saudade", der portugiesischen Sehnucht, dem Weltschmerz. Halten Sie das für ein Klischee? Oder gibt es tatsächlich so eine besondere portugiesische "Saudade", eine besondere portugiesische Sehnsucht in Ihrer Musik?

Pena: Das Wort "Saudade" kommt aus dem Arabischen und führt in eine Art "Schattenwelt"; geheimnisvoll, dunkel, schwarz. Melancholie hat diese Qualität, und das interessiert mich. Denn Musik macht es möglich, zu diesen mysteriösen und spirituellen Orten zu reisen. Übrigens findet sich dieses spezifische Gefühl nicht nur im Fado, sondern auch im spanischen Flamenco. Im Zustand der Melancholie achten wir mehr auf Details und auf Kontraste, zwischen Stille und Spannung beispielsweise. Fühle ich mich also melancholisch oder identifiziere ich mich mit "Saudade"? Natürlich! Denn "Saudade" ist eine Art "Bewusstseinsstrom", ähnlich dem "Wissen" und "Nicht-Wissen" im Zen-Buddhismus oder in den asiatischen Kampfkünsten.

Ein Beitrag geteilt von Jazz Today (@jazz.today) am

Mauersberger: Ihr aktuelles Album trägt den Titel "Archivo pittoresco", und es ist erst Ihr drittes Album seit 1998. Wieso lassen Sie sich so viel Zeit, um neue Musik zu veröffentlichen?

Pena: Es ist interessant, ich frage mich oft, wieso alle Anderen so schnell, so produktiv sind; jedes Jahr ein neues Album veröffentlichen. Ich trenne die Musik nicht von meinem Leben, beides ist eins. Und man fragt ja auch nicht: "Wieso hast du solange gebraucht, um dieses Essen zu kochen?" Es geht einfach um Timing, es muss organisch passieren. Ich habe ja zwischendrin auch Konzerte gespielt. Aber ich mag es halt nicht, meine Erfahrungen in eine Art "Käfig" zu sperren, das ist für mich kein "ökologisches" Vorgehen. Vielleicht ist das ein utopischer Gedanke, aber Musik ist auf verschiedene Arten erfahrbar. Wenn ich also gefragt werde, wieso ich in 20 Jahren nur drei Alben veröffentlicht habe, dann antworte ich, dass die Musikindustrie Dinge verlangt, die ich nicht leisten kann.

Mauersberger: Die portugiesische Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Lula Pena zu Gast heute in der Tonart, und ich bedanke mich sehr für das Gespräch.

Pena: Thank you very much!

Mehr zum Thema

Fado-Musikerin Lula Pena - Düster, ohne deprimierend zu sein
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 27.01.2017)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur