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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 18.09.2007

Die neuen Bildungsphilister

Von Jürgen Kaube

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Blick in ein Klassenzimmer (AP)
Blick in ein Klassenzimmer (AP)

Mein Neffe ist gerade in Hessen, in der Nähe von Darmstadt, aufs Gymnasium gekommen. Auf seinem Stundenplan stehen die Fächer und daneben die Namen der Lehrer. Nur am Mittwoch, da steht in den ersten zwei Stunden neben beidem noch ein Symbol – eine Brille.

Ich habe ihn gefragt, was das denn bedeuten soll. Es soll bedeuten, dass die Lehrerin in diesen Stunden gar nicht die ganze Zeit anwesend ist. Statt der Brille wäre also eigentlich ein Fernrohr angebracht gewesen. Denn das Symbol soll sagen: Die Lehrerin beaufsichtigt die Klasse erstens nur und zweitens halb aus der Ferne. Sie unterrichtet also gar nicht, sondern teilt nur Aufgaben aus, um dann das Klassenzimmer zu verlassen. Außerdem gibt es in Hessen noch ein Programm, das eine Aufsicht in Klassenzimmern auch durch Nichtlehrer möglich macht. Es heißt aber trotzdem: Unterrichtsgarantie plus. Doch so wie die Brille eigentlich bestenfalls ein Fernrohr ist, so müsste auch das Aufsichtsprogramm eigentlich "Unterrichtsgarantie minus" heißen. Denn es wird ja nicht Unterricht garantiert, sondern nur eine Art Aufsicht – Aufsicht aber, das liegt auf der Hand, ist weniger und nicht mehr als Unterricht.

Das hessische Beispiel ist nur ein es von vielen, die sich für eine schulpolitische Tatsache anführen lassen: Die Tatsache, dass unsere Bildungspolitiker Bildungsphilister sind. Als Bildungsphilister wurden Ende des 19. Jahrhunderts, prominent vor allem durch Friedrich Nietzsche, solche Leute bezeichnet, die nur vorgaben, sich für Bildung und Kultur zu interessieren, im Grunde ihres Herzens jedoch davon überzeugt waren, dass der Mensch vom Brot allein lebt, sofern jedenfalls auch noch ein bisschen Butter und Wurst drauf sind. Der Bildungsphilister genießt den Klang des Wortes "Bildung", und er sagt auch gern, dass Bildung die einzige Ressource in unserem rohstoffarmen Land ist. Nebenbei: Ein völlig überflüssiger und selber ungebildeter Satz, denn die allermeisten rohstoffreichen Länder sind ja Entwicklungsländer. Bildung ist also bestimmt keine Notmaßnahme rohstoffarmer Regionen, die, wenn sie nur rohstoffreich wären, auf Bildung gut und gern verzichten könnten.

Aber dem Bildungsphilister reicht es ja, das Wort "Bildung" hochzuhalten. Etwas für Bildung zu tun, das hingegen fällt ihm nicht ein. Er findet es zum Beispiel einen Fortschritt in der Bildung, wenn möglichst viele junge Leute studieren. Dass es sehr darauf ankommt, unter welchen Umständen sie studieren, darauf, ob sie überhaupt studieren, oder nur durch die Hochschulen durchgeschleust werden, und darauf, was sie am Ende können – das interessiert den Bildungsphilister so wenig wie die allermeisten Bildungspolitiker. Sie wären schon zufrieden, wenn eine deutsche Universität einmal in den Weltranglisten unter den ersten zwanzig auftauchen würde. Dass diese Ranglisten nach Kriterien ermittelt werden, die so gut wie nichts über die Qualität der Lehre an einer Universität aussagen – auch das interessiert den Philister nicht. Ihm genügt es, wenn irgendwo "Weltklasse" draufsteht. Nachzuschauen, was drin ist, wäre ihm viel zu anstrengend.

Der Anschein von Bildung genügt. Die neun Jahre bis zum Abitur sind jetzt überall auf acht reduziert worden. Wie man nach Pisa an dieser Idee festhalten konnte, ist schleierhaft. Aber so denkt der Philister: Hauptsache Zentralabitur für alle, ganz gleich, was und wie streng geprüft wird. Hauptsache Bildungsstandards - egal wie niedrig wir sie ansetzen müssen, damit dann auch alle das Abitur bekommen, um studieren zu können. Hauptsache immer mehr Leute laufen immer schneller, egal wohin.

An der Bildung interessiert diese Art von Bildungspolitik nur zweierlei: Wie viel sie kostet und in welchen fabelhaften Zahlen sie sich darstellen lässt. Man könnte vermuten, dass auf diese Weise die Bildung dem Nützlichkeitsdenken und der Ökonomie geopfert wird. Aber eigentlich ist es noch trauriger: Denn das ganze Sparen an Stellen und Stunden und die ganzen Erfolgsziffern von riesigen Abiturienten- und Studentenzahlen, sie werden uns am Ende nicht einmal wirtschaftlich etwas bringen. Das Bildungsphilistertum tut nur so, als sei es effizient. Tatsächlich ist es eine völlig nutzlose Erscheinung.

Jürgen Kaube, geboren 1962, studierte Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Germanistik sowie Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und war Hochschulassistent für Soziologie an der Universität Bielefeld. Seit 1998 ist er Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", wo er für Fragen der Bildung, Wissenschafts- und Gesellschaftspolitik zuständig ist.

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