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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.06.2008

Die müde Gesellschaft

Von Friedrich Thelen

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Von Reformen halten die meisten Deutschen nicht viel (AP)
Von Reformen halten die meisten Deutschen nicht viel (AP)

Wir leben in einer reifen Industriegesellschaft, die wenig Interesse an der Veränderung oder auch nur an der Vermehrung des Wohlstandes zeigt. Wer daran noch irgendwelche Zweifel hatte, muss nur die jüngste Studie von Prof. Meinhardt Miegel lesen, die dieser zusammen mit Prof. Thomas Peterson vom Allensbacher Institut für Demoskopie herausgegeben hat. Unter der Überschrift "Der programmierte Stillstand" kommen die beiden Sozialwissenschaftler zu erschreckenden Ergebnissen.

Zwar halten 69 Prozent der Deutschen es für erforderlich, dass Einkommen und Wohlstand wachsen, aber nur 31 Prozent wollen selber etwas dafür tun. Und so geht es weiter: 36 Prozent der deutschen Bevölkerung sind der Überzeugung, dass man hart arbeiten und etwas leisten muss – aber bitteschön nur die anderen sollen dies tun. Für sich selbst halten dies nur 19 Prozent für erforderlich. Es ist klar, dass in dem Märchenland, in dem einem die gebratenen Tauben quasi von allein in den Mund fliegen, nach Überzeugung von 75 Prozent die Menschen gut ausgebildet sein sollten – aber nur 41 Prozent von diesen halten dafür, dass dies auch für sie selbst gelten muss.

Und weiter: Das Wachstum kommt von allein. Es bedarf dafür keiner Anstrengung – allenfalls müssen sich andere darum bemühen. Leicht ironisch fühlt man sich an die 70er Jahre erinnert, als es in Studentenkreisen hieß: "Atomstrom nein danke – mein Strom kommt doch aus der Steckdose". Und das Geld? Aber das liegt doch auf dem Bankkonto. Der heutigen Einstellung und den damaligen Sprüchen ist eines gemeinsam: Sie gehen beide davon aus, dass es allen in der Bundesrepublik weiter gut geht, quasi automatisch. Denn die Absicherung gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit werden als selbstverständlich vorausgesetzt.

Natürlich erreichen gelegentlich beunruhigende Nachrichten die Profiteure der sozialen Dauer-Besitzstandwahrung. Denn Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg sind in unserer Gesellschaft ja sichtbar. Aber auch darauf gibt es schon die passende Antwort: Dann muss eben mehr umverteilt werden. Die da oben haben es ja sowieso. Sogenannte ominöse Reiche an der oberen Einkommensskala müssten einfach zusätzlich geschröpft werden. Und eine deutsche politische Partei segelt ganz allein unter diesem Banner. Deren Parteivorsitzender Oskar Lafontaine, der in den 80er Jahren auch schon ganz andere Thesen vertreten hat, nutzt solche populistischen Schlagworte mit beträchtlichem Erfolg bei den Wählern.

Er, wie auch ein Großteil der Partei der LINKEN weiß natürlich, dass sein Programm nicht finanzierbar ist, und dass die DDR ja nicht zuletzt wegen ihrer eigenen ökonomischen Unfähigkeit untergegangen ist. Aber warum soll man dieses missglückte Experiment an der Gesamtgesellschaft Deutschland nicht noch einmal wiederholen?

Natürlich denkt die Mehrheit der Befragten nicht so, sondern sie vertraut ganz einfach darauf, dass es auf wundersame Weise schon gut gehen wird. Und wenn ein mutiger Bundeskanzler wie Gerhard Schröder nach bitterer Erkenntnis jahrelanger Stagnation und wachsender Arbeitslosenzahlen einen Reformprozess anstößt, wählt ihn die Mehrheit einfach ab. Die nachfolgende Große Koalition, die bis heute noch weitgehend von den Früchten der sozio-ökonomischen Reformen Gerhard Schröders lebt, beendet den erfolgreichen Kurs, weil sie sensibel spürt, dass dieser unpopulär ist und beiden Wählern schlecht ankommt.

Folglich werden wesentliche Reformschritte jetzt wieder rückgängig gemacht. Nach der Miegel-Studie wollen die Bürger allenfalls bis 61 Jahre arbeiten. Da braucht man gar nicht gespannt sein, wann die Rentenaltererhöhung auf 67 Jahre wieder rückgängig gemacht wird. Über die positiven Auswirkungen, die diese Reform für die Beschäftigung gebracht hat, redet schon jetzt niemand mehr.

Und noch eine schmerzliche Erkenntnis gewinnt man aus der Studie: Die Leistungsbereitschaft, die Deutschland über Jahrzehnte hinweg so schöne ökonomische Erfolge beschert hat, ist nur noch bei den Jüngeren unter 30 Jahren feststellbar. Und genau dieser Bevölkerungsanteil nimmt bekanntlich, wie die demographische Entwicklung zeigt, ab.

Aus allem diesem ziehen die Autoren fatalistische Schlüsse. Im Kern sehen sie den Abstieg des ökonomischen Systems Deutschland auf uns zukommen. Wenn die Politik weiterhin die Illusion nährt, dass es in Zukunft dennoch Wirtschaftswachstum geben wird, sind große Frustrationen und politische Verwerfungen unvermeidbar. Im Grunde sehen sie eine deutsche Gesellschaft, die sich dem Aggregatzustand des römischen Kaiserreichs im Jahre 100 n. Chr. annähert. Unter dem Schlachtruf "Pannem et Circenses - Brot und Spiele" gab es ausreichend zu Essen und genügend Unterhaltung für jeden römischen Bürger. Parallelitäten zu heute drängen sich geradezu auf …

Der Unterschied ist nur, dass das römische Weltreich seine vielen Provinzen ausbeuten konnte und dies auch tat. Solche schönen Ressourcen stehen den Heute-Regierenden nicht zu Gebot. Vielmehr drohen Deutschland viele unerfreuliche Auseinandersetzungen, wenn die Ökonomie nicht mehr das halten kann, was die Politik den Wählern verspricht. Soziologen und Ökonomen prophezeien für eine solche Entwicklung den Crash. Danach kann es Besserung geben, wenn- ja wenn die politische Stabilität die ökonomische Krise überlebt.

Dr. Friedrich Thelen: Jahrgang 1941, studierte Rechtswissenschaft, Geschichte und Philosophie. Er ist jetzt als Publizist tätig und war bis vor kurzem Büroleiter Berlin der "Wirtschaftswoche". Er hat langjährige berufliche Erfahrungen im angelsächsischen Raum.

Politisches Feuilleton

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