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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 18.01.2013

Die Geschichte von Kalman und Jutta

Das mittelalterliche Erfurt als Schauplatz einer jüdisch-christlichen Liebesbeziehung

Von Blanka Weber

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Die Alte Synagoge in Erfurt (Uwe Gaasch)
Die Alte Synagoge in Erfurt (Uwe Gaasch)

"Amor vincit omnia" (Die Liebe überwindet alles) ist der Titel eines kleinen Büchleins, das im Blick Verlag Erfurt erschienen ist. Erzählt wird die Geschichte des jüdischen Kaufmannes Kalman, der einst in der thüringischen Handelsstadt wohnte, sich dort verliebte - aber sein Glück nicht leben durfte.

"Er hatte keine Lust, ins Wirtshaus zu gehen. Zu flach waren ihm die Gespräche, wenn die meisten schon einige Kannen Bier getrunken hatten. Ein klarer Kopf war ihm lieber. Also entschied er sich noch ein wenig in die Zunftstube zu gehen, bevor das Rathaus um 21 Uhr verschlossen wurde."

Alice Frontzek nimmt ihre Leser mit in das frühe Mittelalter der Stadt Erfurt, in die Enge der Gassen, das mittelalterliche Gewirr von Händlern, Zunftmeistern, Juden und Christen:

"Ach, der goldige Johann. Hat der Rotschopf keine Zeit für dich?` - wurde er von Hugo dem Langen, Zunftmeister der Fleischer begrüßt. `Keine Ahnung, wovon du sprichst.`, sagte er und setzte sich auf einen Hocker an dem großen Tisch.

Sie beschreibt, wie sich die Situation zwischen den bis dahin friedlich nebeneinander lebenden Christen und Juden zuspitzte, wie Missgunst, Konkurrenz, Häme und zunehmend Aggression die einst friedlich Nachbarschaft zerstörten:

"Noch ein Wort und ich gehe. Ihr macht doch die besten Geschäfte mit den Juden. Allesamt wie ihr hier sitzt. Ihr lasst sie in keine Zunft und sie sind gezwungen bei euch zu kaufen. Was wäre der eine oder andere ohne sie als Kunden. Johann guckte in die Runde. Damit hatte er eine kurze Stille ausgelöst und dann eine Diskussion entfacht. Des Hornschnitzers Mine verdunkelte sich."

Alice Frontzek lässt in ihren Text Archivmaterial einfließen. Die Bemerkung eines Rabbiners, dass jener Hornschnitzer sich beim hohen Rat der mittelalterlichen Stadt Erfurt beschwerte, dass die Hörner nicht wie behauptet von Widdern stammten, sondern Bockhörner seien. Die Autorin lässt den empörten Handwerker zu Wort kommen, der sich seinerseits beschwerte, dass es nun in der jüdischen Gemeinde eine eigene Hornwerkstatt gebe:

"Hat mich ganz schön runtergezogen für `ne Weile. Die Höhe ist natürlich, dass der Rat ihm zugestimmt hat. Aber damit nicht genug. Er verkauft seine Hörner nicht nur an Juden. Einige Christen der Stadtmusikanten haben schon bei ihm gekauft. Was sagst du dazu, Hugo, als Ratsmitglied?"

Auch jenen Hugo hat es tatsächlich als Person gegeben. Von einem `Hugo Longus` ist in Archiven von 1279 die Rede. Er soll einst Altarstifter des Predigerklosters gewesen sein. Alice Frontzek lässt ihre Leser die herannahende Bedrohung der Juden erahnen, die Pestkatastrophe und die Frage nach der Schuld daran. Sie fokussiert mittelalterliches Leben, die Zeit kurz vor dem jüdischen Pogrom 1349 und baut die Geschichte anhand zweier sich Liebenden auf - dem jüdischen Kalman und der christlichen Jutta:

"Kalman hatte sich in den letzten Tagen nicht blicken lassen und Jutta schien ihn jetzt genauso geschickt zu meiden wie sie es vorher geschafft hatte, ihn anzutreffen. Ein wenig entschuldigte er es damit, dass die Feindseligkeit der Christen den Juden gegenüber zugenommen hatte."

Der Pogrom kostete Hunderte Juden in Erfurt das Leben. Heute gibt es wieder eine jüdische Gemeinde, die Feste feiert – wie Chanukka - und versucht, auf jenen Wurzeln aufzubauen. Bis heute gibt es steinerne Zeugnisse des jüdischen Lebens, erklärt Alice Frontzek, die seit 20 Jahren mit ihrer Familie in Erfurt lebt.

"Das steinerne Haus, was gefunden wurde, wo Juden gewohnt haben im 13. und 14.Jahrhundert, das wird heute von der Tourismus-Information genutzt und das ist auch das Haus, was ich in der Geschichte hergenommen habe für die Golda, und tatsächlich hat dort auch eine Golda von Braunau gelebt, vermutlich aber ein bisschen später, als ich die Zeit angesetzt habe in meinem Roman."

Rund um das steinerne Haus war einst das mittelalterliche Viertel. Michaelisstraße, Krämerbrücke – Via Regia – die alte europäische Handelsstraße. Nur wenige Meter sind es bis zur Alten Synagoge, zur wieder entdeckten, restaurierten Mikwe und zu jenem Haus, in dem schließlich 1998 der jüdische Schatz des Kalman von Wiehe gefunden wurde:

"Also, von dem Kalman von Wiehe ist nur der Name bekannt. Wir wissen nicht, wie alt er war. Ich habe einen jungen Mann daraus gemacht, der noch vor der Hochzeit stand, so viel weiß man nicht, aber sicher ist, dass er Fernhändler war, weil er diese Turnosen in seinem Besitz hatte, die aus Frankreich stammen und damals das allgemeine Zahlungsmittel gewesen sind."

Vermutlich ist jener Kalman von Wiehe im 14.Jahrhundert hier entlang gegangen, wo auch heute in den Morgenstunden Bierfässer gerollt, Gemüsekisten und Kartoffeln angeliefert werden in die vielen kleinen Restaurants der Altstadt. Alice Frontzek geht oft hier entlang. Sie ist Übersetzerin und Stadtführerin. Der Fund des jüdischen Schatzes des Kalman von Wiehe hat sie so begeistert, dass dazu den kleinen Roman schreiben wollte - mit all’ den Parallelen zur Wirklichkeit, die sich in Archiven oder der Stadtgeschichte nachweisen lassen.

Auch die Wissenschaftlerin Maria Stürzebecher kommt – mit leicht abgewandelten Namen – am Ende des Romans vor, wenn es darum geht, das große Rätsel des Schatzes zu entschlüsseln und mit der Forschung zur jüdischen Geschichte zu beginnen:

"Zuerst mit der Entdeckung, der Wiederentdeckung der Synagoge, dem Fund des Schatzes, der Mikwe – die gaben den Anstoß, hier die Geschichte der Gemeinde zu erforschen. Da haben wir inhaltlich sozusagen ein bisschen Nachholbedarf. Das ist einfach viel nicht gelaufen in den letzten 50 Jahren."

Und so wird Stück für Stück Geschichte entschlüsselt. Für eine weitere kleine Synagoge gibt es mittlerweile Belege. Der jüdische Schatz ist erforscht. Und vielleicht war es ja wirklich so, dass sich Kalman in Erfurt verliebte und hier mehr als seinen wunderschönen goldenen Hochzeitsring mit der Innengravur: "Mazal tow" hinterließ….

Aus der jüdischen Welt

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