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Samstag, 20.01.2018

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.07.2008

Die Geschichte Vietnams als Krimistoff

Tran-Nhut: "Das schwarze Pulver von Meister Hou. Ein Kriminalfall für Mandarin Tân", Unionsverlag, Zürich 2008, 320 Seiten

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Als Autorinnenduo erfanden die vietnamesischen Schwestern Thanh-Van und Kim Tran-Nhut einst die Figur des Mandarin Tân. In ihren Geschichten führen sie Kriminalroman, Fantasyliteratur und die Geschichte ihres Heimatlandes zusammen. "Das schwarze Pulver von Meister Hou" ist die erste deutsche Übersetzung aus ihrer Reihe von Krimimalfällen.

Den in den USA und Frankreich aufgewachsenen Schwestern Tran-Nhut ist mit einer Serie von Krimis ein unterhaltsames Spiel zwischen Nähe und Distanz zu Vietnam, dem Land ihrer Geburt, gelungen.

Die Reihe handelt vom jungen Mandarin Tân in einer kleinen Küstenprovinz im Norden Vietnams oder besser gesagt in Dai Viet und spielt im 17. Jahrhundert. Als Richter ist er für das Wohl der Bevölkerung und die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich. Zusammen mit seinem Freund, dem Schriftgelehrten Dinh, der sich durch sein phänomenales Gedächtnis und seine besondere Vorliebe für extravagante Stoffe auszeichnet, sowie dem kugelrunden Doktor Porc, der zwar dünkelhaft und mit ekelerregenden Essgewohnheiten behaftet ist, dabei aber als exzellenter Mediziner gilt, stellen sich dem tatkräftigen Magistrat höchst seltsame Aufgaben: Lebende Tote, die ein Schiff zum Versinken bringen und Grabsteine stehlen, die Ermordung eines alten, wohlhabenden Grafen, der sich als Veranstalter diverser Orgien einen Namen gemacht hat, geschmuggelte Güter unter der Oberaufsicht des Eunuchen Clemens, dessen Ehe mit der bezaubernden Madame Libelle so manche Verwunderung hervorruft.

Ausgebreitet wird ein äußerst mysteriöser Kriminalfall, der auch als historischer Roman zu lesen ist. Die Geschichte zeigt die bedrohte Situation Dai Viets durch den übermächtigen Nachbarn China auf der einen Seite und den Einfluss der europäischen Eroberer und Entdecker anhand einer portugiesischen Handelsniederlassung und eines französischen Jesuiten.

Die verschiedenen Handlungsstränge entwickeln sich parallel, werden in einzelnen Kapiteln fortgesponnen und erwartungsgemäß erst zum Ende zusammengeführt. Immer wieder schwankt der Leser zwischen dem exotischen Interesse an der fremden Kultur, der Freude an der stringenten Logik des Kriminalromans und der Frage, was ist real und was Fantasie oder Parodie. Diese Brüche zeigen an Rhythmus und Stil ebenso wie an den wechselnden Perspektiven. So gewinnt die Erzählung an Tempo, ermöglicht aber auch neue Erkenntnisse und Blicke auf die Charaktere.

"Verrückte, parodistische Passagen" sehen die beiden Autorinnen als ihr Markenzeichen. Nicht zuletzt wollen sie damit ihre Leser hinters Licht führen. Daneben ist ihnen die Rolle der Frau wichtig – auch in der Vergangenheit. Dafür stehen die beiden bildschönen und klugen Figuren Madame Eisenhut und Madame Libelle. Wobei - nomen est omen - der Eisenhut in kleinen Dosen genommen als Heilmittel wirkt, doch ein wenig zuviel davon ist tödlich. Die Libelle sieht zwar zart und zerbrechlich aus, fliegt aber schnell und zielstrebig davon.

Die Figur des Mandarin Tân geht auf den Urgroßvater der beiden Schwestern Thanh-Van und Kim Tran-Nhut zurück. Beide, Anfang der 60er Jahre in Vietnam geboren, wanderten 1968 mit ihrer Familie in die USA aus und zogen drei Jahre später nach Frankreich. Nach dem Abitur studierte eine Physik, die andere Maschinenbau. 1999 fanden sie als Autorinnen zusammen und begannen mit der Reihe der Kriminalfälle des Mandarin Tân, in er sie bewusst Kriminalroman, Fantasyliteratur und die Form des historischen Romans zusammenführen, um sich so intensiv mit der Geschichte ihres Heimatlandes auseinanderzusetzen. Sie schreiben ihre Romane auf Französisch. Einige sind bereits ins Italienische, Japanische, Spanische und Russische übersetzt worden.

"Das schwarze Pulver von Meister Hou" ist die erste deutsche Übersetzung der beiden vietnamesischen Autorinnen, aber schon der dritte Roman in ihrer Reihe, die inzwischen nur noch von Thanh-Van weitergeführt wird. Vielleicht erklärt sich so der etwas abrupte Einstieg in die Handlung und das Gefühl, dass man die Hauptpersonen schon kennen sollte. Doch die Überwindung des ersten Schocks über die Geister- und Gruselgeschichte wird mit erbaulichen und lehrreichen Gesprächen über die Begrenzung des traditionellen Konfuzianismus im Vergleich zum Taoismus und zur Weltsicht des Christentums beziehungsweise der Jesuiten belohnt. In diesem Krimi geht es nicht darum, dass möglichst schnelles Lesen zum Ergebnis führt – die einzelnen Gedankengänge sind so lohnenswert, dass es eine Freude ist, die Geschichte(n) immer weiter und weiter zu verfolgen.

Rezensiert von Birgit Koß

Tran-Nhut, Das schwarze Pulver von Meister Hou. Ein Kriminalfall für Mandarin Tân,
Roman, aus dem Französischen von Michael Kleeberg,
Unionsverlag, Zürich 2008
320 Seiten, 19,90 Euro

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