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Mahlzeit | Beitrag vom 09.02.2018

DiabetesrisikoVorsicht vor Süßstoffen!

Von Udo Pollmer

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Süßstofftabletten in einer Metallkelle (imago/CTK Photo)
Je mehr Süßstoff die Probanden einer Studien konsumierten, desto ausgeprägter waren die Folgen. (imago/CTK Photo)

Viele Menschen konsumierten gedankenlos täglich Süßstoffe, sagt Udo Pollmer. Dabei hätten verschiedene Studien bewiesen, dass die Mittel neben Diabetes und Übergewicht sogar Alzheimer verursachen können, warnt der Lebensmittel-Experte.

"Mit Süßstoffen steigt das Diabetesrisiko", meldete kürzlich die Ärzte Zeitung. Um Missverständnisse auszuschließen: gemeint sind kalorienfreie Süßstoffe und nicht Zucker.

Anlass war eine Doppelblind-Studie an 27 jungen Frauen und Männern. Dreimal täglich schluckten sie vor den Mahlzeiten eine Kapsel mit den Süßstoffen Acesulfam und Sucralose – oder Placebo. Unter den Süßstoffen stieg der Blutzuckerspiegel nach den Mahlzeiten von Tag zu Tag stärker an, nicht aber unter Placebo.

Ein scheinbar völlig widersinniges Ergebnis. Denn theoretisch sollten Süßstoffe helfen, den Blutzucker zu kontrollieren. Weitere Untersuchungen zeigten, dass Süßstoffe die Aufnahme von Glucose aus dem Speisebrei beschleunigen. In jeder Mahlzeit ist nun mal Stärke enthalten, die Glucose liefert.

Diät-Limonade kann Diabetes verursachen

Die Forscher schließen aus ihren Ergebnissen, dass Süßstoffe die Kontrolle des Blutzuckers erschweren, was bei regelmäßigem Konsum, zum Beispiel in Form von Diät-Limos Diabetes verursachen kann. Damit bestätigen sie eine Untersuchung des Weizmann-Institutes im israelischen Rehovot. Dort war man zunächst ebenfalls der Überzeugung, dass Süßstoffe gerade für Patienten mit Diabetes, metabolischem Syndrom und Übergewicht von Vorteil wären.

Die Forscher prüften Saccharin, Aspartam und Sucralose. Zunächst versetzten sie das Trinkwasser von Labormäusen mit jeweils einem der Süßstoffe. Im Gegensatz zur Kontrollgruppe mit Zuckerwasser entwickelten die Tiere in den drei Süßstoffgruppen im Lauf der Zeit eine ausgeprägte Glukoseintoleranz, der wichtigste Vorbote einer Diabetes. Doch nicht nur die drei Süßstoffe hatten vergleichbare Effekte, sie traten auch bei allen getesteten Mäusestämmen ein.

Lässt sich das aber auch auf den Menschen übertragen? Die Forscher verabreichten sieben Gesunden, die zuvor keine Süßstoffe genommen hatten, Saccharin. Nach einer Woche entwickelten vier der sieben Probanden signifikant schlechtere Werte beim Glukosetoleranztest, die übrigen drei Teilnehmer zeigten hingegen keine Reaktion. Die Menschen reagieren eben unterschiedlich.

Im nächsten Schritt analysierten die Forscher die Effekte an 381 Personen ohne Diabetes: Auch diesmal wurden bei Süßstoffkonsum im Schnitt ungünstigere Werte beim Glucosetoleranztest gemessen, die Leberwerte verschlechterten sich, zudem nahm das Fett am Bauch deutlich zu. Je mehr Süßstoff sie konsumierten, desto ausgeprägter waren die Folgen.

Schädigungen an der Darmflora

Und dann war da noch was: Süßstoff-Verwender hatten eine deutlich andere, ungünstige Zusammensetzung der Darmflora entwickelt wie sie für viele Dicke typisch ist. Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass Süßstoffe antibiotisch wirken. Saccharin beispielsweise ist ein Sulfonamid. Sulfonamide sind wichtige Antibiotika, daher die Wirkung auf die Darmflora.

Beinahe fassungslos macht ein weiteres Experiment aus Rehovot. Nachdem die Süßstoffe nicht nur die Darmflora von Menschen sondern gleichermaßen auch von Mäusen schädigten, verabreichten sie den Tierchen therapeutisch genutzte Antibiotika, die in der Lage sind, die fragwürdigen Süßstoff-Keime im Darm abzutöten. Das funktionierte: Diese Antibiotika schützten die Tiere sogar vor der Entstehung eines Süßstoff-Diabetes.

Es ist schon erstaunlich: Während Antibiotika wegen der Gefahr von Resistenzen in der Kritik stehen, konsumieren viele Menschen gedankenlos tagtäglich Süßstoffe. Als Medikament wären sie nie und nimmer zulassungsfähig, weil sie neben Diabetes und Übergewicht wohl auch Alzheimer verursachen können, wie eine aktuelle Studie an knapp 3.000 Probanden zeigt. Das Risiko hatte sich beinahe verdreifacht.

Wie lautet die Antwort der Politik, wenn man weiß, dass die dem Zucker zugeschriebenen gesundheitlichen Probleme in erster Linie von den kalorienfreien Ersatzstoffen herrühren? "Schützt unsere Kinder vor Zucker", lautet die Parole. Gemeint ist natürlich nicht "schützen", sondern vielmehr "verbieten", wohl wissend, dass die Kinder dann zu Diät-Limonaden greifen werden. Die Nutznießer sind Medizin, Pharma und natürlich die Rentenkasse. Mahlzeit!

Literatur

Anon: Mit Süßstoffen steigt das Diabetesrisiko. Ärztezeitung 30.11.2017

Young RL et al: Impact of artificial sweeteners on glycemic control in healthy humans. EASD Virtual Meeting, Lisbon 2017, Abstract 193

Suez J et al: Artificial sweeteners induce glucose intolerance by altering the gut microbiota. Nature 2014 Oct 9;514(7521):181-6

Suez J et al: Non-caloric artificial sweeteners and the microbiome: findings and challenges. Gut Microbes. 2015; 6: 149-155

Gul SS et al: Inhibition of the gut enzyme intestinal alkaline phosphatase may explain how aspartame promotes glucose intolerance and obesity in mice. Applied Physiology, Nutrition & Metabolism 2017; 42: 77-83

Pase MP et al: Sugar- and artificially sweetened beverages and the risks ofiIncident stroke and dementia: a prospective cohort study. Stroke 2017; 48: 1139-1146

Wersching H et al: Sugar-sweetened and artificially sweetened beverages in relation to stroke and dementia. Stroke 2017; 48: 1129-1131

Pollmer U: Kalorienfreie Süßstoffe: Light-Produkte als Dickmacher. Deutschlandfunk Kultur, Mahlzeit Beitrag vom 3. Juni 2016

Prashant GM et al: The antimicrobial activity of the three commercially available intense sweeteners against common periodontal pathogens: an in vitro study. Journal of Contemporary Dental Practice 2012; 13: 749-752

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