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Dienstag, 23.01.2018

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.09.2009

Deutschlands reformfreudiger Erzieher

Hartmut von Hentig: "Mein Leben - bedacht und bejaht". Beltz Verlag, Weinheim 2009, 1075 Seiten

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Hartmut von Hentig versteht Schule als Gemeinschaftswerk aller. (AP)
Hartmut von Hentig versteht Schule als Gemeinschaftswerk aller. (AP)

Hartmut von Hentig ist einer der bekanntesten Bildungsreformer Deutschlands. Er ist der Begründer der viel gerühmten Laborschule Bielefeld. Jetzt sind seine Memoiren erschienen, in denen er seine Geschichte und seine Pädagogik erläutert.

Es ist ein Kraftakt, die Memoiren von Hartmut von Hentig in der Taschenbuchausgabe zu lesen. Ein Kraftakt im wahrsten Sinn des Wortes, schließlich ist das Buch 1075 Seiten dick und mehr als zwei Kilo schwer. Unhandlich also, wäre da nicht der mitreißende Inhalt. Zwischen zwei dünne Pappdeckel gedrückt erzählt der Reformpädagoge "denkend schreibend" - wie er es nennt - aus seinem Leben und den prägenden Einflüssen über acht Jahrzehnte. Dabei gibt er mit seinen detailreichen, mitunter überbordenden, langatmigen Schilderungen Einsichten in die Geschichte dieses Landes und seiner Pädagogik.

Das ist spannend. Vor allem, weil man am Ende der über eintausend Seiten ahnt, warum manches scheitern musste und man versteht, wie Hartmut von Hentig zu diesem streitbaren, aufrechten, selbstbewussten und engagierten Staatsbürgers wurde, der er ist.

"Kindheit und Jugend. Schule. Polis, Gartenhaus" heißen sachlich die den Lebensbericht strukturierenden Überschriften. Dazwischen erzählt der heute 84 jährige Autor ganz gegenwärtig von prägenden Lebensstationen: Er wuchs als Sohn eines konservativen preußischen Diplomaten in mehren Ländern auf. Die Eltern sind geschieden. Seine Mutter bleibt ihm fremd. Beim Vater lernt er früh, dass Pflichtbewusstsein Lebenspflicht ist. Das begleitet ihn sein Leben lang.

In San Fransisco erlebt er die demokratische Pädagogik John Deweys in der Praxis. Jeden Tag war Projekt-Lernen angesagt. Deweys Anspruch, ein Kind in der Schule glücklich zu machen, prägen von Hentig nachdrücklich, auch wenn er anschließend noch 12 weitere Schulen in 13 Ländern besuchte.

Während der Zeit des Nationalsozialismus legt von Hentig das Abitur in Berlin ab. Er gefällt sich in der Offiziersuniform, übersteht den Krieg, eine Verwundung und die amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Danach studiert er alte Sprachen, wird Lehrer, ohne je Pädagogik "gelernt" zu haben, dann Studienrat, Professor, Schulgründer und -leiter. Mit der "Laborschule Bielefeld" kreiert er die Schule, wie er sie sich denkt: eine Schule, die den Lernprozessen der Kinder wie aber auch den der Erwachsenen Raum gibt, ihr Wissen handelnd überprüfen zu können. Auf mehr als 250 Seiten berichtet er von sich als Schulgründer, von seinen Visionen und den Widrigkeiten des Alltags.

Schule als Gemeinschaftswerk aller zu verstehen, heißt auch, dass da ideologische Positionen aufeinander prallen, gehört und aufgenommen werden wollen. Mit den 68ern und ihren Ideen tut sich Hartmut von Hentig schwer. Seine Bezugsgrößen sind Sokrates, Platon, Rousseau, Dewey usw.

Selbstbewusst erzählt Hartmut von Hentig über jede Lebensphase und rückt dabei doch immer wieder von sich selbst ab. Umso mehr erfährt man von Freunden, Bekannten, Förderern, auf deren Unterstützung sich der streitbare Mann jederzeit verlassen konnte. Richard von Weizsäcker, Golo Mann, Ernst Klett, Marion Dönhoff werden genannt.

Manche Passagen erscheinen wie Tagebuchaufzeichnungen oder Teile eines Vortrags, andere gleichen einem Bildungsroman. Sie alle aber lassen den Leser am Leben der intellektuellen Oberschicht der frühen Bundesrepublik teilhaben, einer Elite, zu der von Hentig selbst bis heute gehört. Das ist wichtig, um seine Reformen verstehen zu können. Jeder muss sich als Teil im Ganzen verstehen, als ein Rädchen im Getriebe. Das ist nicht despektierlich gemeint, sondern entspricht der großbürgerlichen Lebensphilosophie der von Hentigs.

Bezeichnend ist daher auch die eher kleine Episode von einem Segelurlaub mit seinem Neffen Nikolaus, einem schulmüden, fordernden Pubertierenden. So leidenschaftlich und kreativ Hartmut von Hentig für eine neue Schule stritt, konfrontiert mit dem schwierigen Patenkind zeigen sich die Grenzen von Hentigs moralischer Strenge und klassischer Gelehrsamkeit. Der Reformer scheitert! Auf das Anderssein des Jungen, auf dessen Suche nach Aufmerksamkeit konnte sich auch der sonst freundliche Lehrer nicht einlassen.

So klein diese Geschichte ist, so nebensächlich sie scheint, möglicherweise werden Forscher der stockenden Bildungsgeschichte gerade aus Schilderungen wie dieser einst lesen, warum Schulreformen in Deutschland so schwer zu machen sind.

Besprochen von Barbara Leitner


Hartmut von Hentig: Mein Leben - bedacht und bejaht
Beltz Verlag, Weinheim 2009
broschiert, 1075 Seiten, 25 Euro

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