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Fazit | Beitrag vom 09.10.2017

Deutscher Buchpreis für Robert Menasse "Brüssel ist faszinierender, als es selbst weiß"

Robert Menasse im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Robert Menasse hält eine Zigarette in der Hand und schaut in die Kamera. (dpa)
Robert Menasse wird für seinen EU-Roman "Die Hauptstadt" mit dem Deutschen Buchpreis geehrt. (dpa)

Der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017 ist Robert Menasse. Der österreichische Schriftsteller erhält die Auszeichnung für seinen Roman "Die Hauptstadt": Eine Hommage an die EU und die belgische Hauptstadt Brüssel, sagte er im Deutschlandfunk Kultur.

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse wird für sein Buch "Die Hauptstadt" mit dem Preis für den besten deutschsprachigen Roman dieses Jahres ausgezeichnet. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. Der Autor hatte seit einiger Zeit das Projekt eines Europa-Romans verfolgt und dafür mehrere Jahre  in Brüssel gelebt, um vor Ort zu recherchieren.

Als Schriftsteller wollte Robert Menasse einmal hinter die Kulissen der EU-Bürokratie blicken und wissen, wie die Politiker ticken.  (APF / Pool / STEPHANIE LECOCQ)Die Staats- und Regierungschefs der EU während des Gipfeltreffens in Brüssel. (APF / Pool / STEPHANIE LECOCQ)

Abflug nach Brüssel

Die Europäische Union stelle eine schleichende Revolution dar, sagt Menasse im Deutschlandfunk Kultur. Sie habe über 60 Jahre in kleinen Schritten ein System entwickelt, in dem in einer Stadt wie Brüssel die Rahmenbedingungen für einen ganzen Kontinent produziert würden. "Und das ist ja eigentlich ungeheuerlich, wenn man sich das klar macht und bewusst macht", sagte Menasse. "Ich wollte einfach wissen, wie funktioniert das? Was sind das für Menschen, die da arbeiten und wie ticken die? Wie ist dieses System organisiert?"

"Die Hauptstadt" - das beste Buch des Jahres? Kolja Mensing und Helmut Böttiger bewerteten in der "Lesart" die Vergabe des Deutschen Buchpreises an Robert Menasse.

Vor seiner Abreise nach Brüssel habe er einen Abend mit einem Glas Wein vor dem Kamin gesessen. Auf einmal habe ihn eine tiefe Ergriffenheit erfasst bei der Vorstellung, dass es da etwas gebe, was seine Fantasie kurzfristig übersteige. "Da habe ich beschlossen, ich fliege morgen  nach Brüssel."

Zentrum Europas

Sein Buch "Hauptstadt" sei auch eine Hommage an die Stadt Brüssel. Die belgische Hauptstadt sei eine sehr interessante Metropole, aber auch ein Zentrum Europas. Dort werde im kleinen, wie in einem Labor, durchgespielt, was heute die großen Widersprüche und Konfliktlinien der Europäischen Union seien. So müssten sich die 19 Bürgermeister der Stadt ebenso wie die Staats- und Regierungschefs der EU auf komplizierte Kompromisse einigen. "Oder Brüssel ist die Hauptstadt einer Nation, die keine Nationsidee hat, das ist sinnig für ein Projekt, das den Nationalismus überwinden will.", sagte Menasse. Belgien habe außerdem drei Amtssprachen, was ebenfalls zum "sprachlichen Babylon" der EU passe. "Aus all diesen Gründen ist Brüssel faszinierender, als es selbst weiß."  (gem)  


Das Interview im Wortlaut:

Eckhard Roelcke: Preisträger in diesem Jahr ist der österreichische Autor Robert Menasse. Ausgezeichnet wird er für seinen Roman "Die Hauptstadt". Ich begrüße ihn in einem Ü-Wagen beim Frankfurter Römer. Guten Abend, Herr Menasse, und herzlichen Glückwunsch!

Robert Menasse: Vielen Dank! Guten Abend!

Roelcke: Sie haben in Brüssel gelebt, Sie haben in Brüssel recherchiert, Sie haben sich essayistisch mit Europa beschäftigt. Kurzum: Sie sind ein überzeugter und engagierter Europäer. Wie sind Sie denn zu der Einsicht gekommen, dass Europa und das Brüsseler Personal, dass das auch für einen Roman taugt?

Menasse: Ich bin der Meinung, dass alles, was wesentlich in unser Leben eingreift, was Rahmenbedingungen unseres Lebens provoziert, was Auswirkungen auf unsere Chancen und Möglichkeiten hat, unser Glück zu suchen, auch für einen Roman taugt. Das Interessante, was wir uns in der Regel noch gar nicht wirklich so zu Bewusstsein geführt haben im Allgemeinen ist, dass die Europäische Union eine schleichende Revolution darstellt, die seit 60 Jahren in kleinen Schritten nach und nach ein System entwickelt, in dem in einer Stadt wie Brüssel die Rahmenbedingungen für einen ganzen Kontinent produziert werden, und das ist ja eigentlich ungeheuerlich, also wenn man sich das einmal klarmacht und bewusstmacht.

Ich wollte einfach wissen, wie funktioniert das, was sind das für Menschen, die da arbeiten, und wie ticken die, wie ist dieses System organisiert. Ich bin eines Abends mit einem Glas Wein in der Hand zu Hause gesessen, habe ins Kaminfeuer geschaut, und auf einmal hat mich irgendwie eine tiefe Ergriffenheit erfasst bei der Vorstellung, da gibt es etwas, das meine Fantasie – und ich habe wirklich viel Fantasie – kurzfristig übersteigt, und da habe ich beschlossen, ich fliege morgen nach Brüssel.

Interesse an den Menschen 

Roelcke: Um dann auch an dieser schleichenden Revolution teilzuhaben, also richtig den Apparat kennenzulernen.

Menasse: Um, sagen wir mal, zu verstehen. Das Entscheidende bei solchen Phänomenen ist ja, dass sie etwas Menschengemachtes sind, und mir ist an diesem Beispiel EU und der Europäischen Union und all ihre Verwerfungen und die Klischees, die da herumschwirren, mir ist aufgefallen, dass da in besonders radikaler Weise ein Widerspruch entsteht zwischen unserer Vorstellungslosigkeit, so dass eben das als riesiges Abstraktum, als erratischer Block sozusagen, in unserer Vorstellung darstellt, und der Tatsache, dass es ja gleichzeitig Menschen sind, die das machen, und es sind Institutionen.

Es gibt die EU in dem Sinne nicht. Es gibt die Europäische Kommission, es gibt einen Europäischen Rat, es gibt das Parlament und so weiter. Es gibt verschiedene Institutionen. Das habe ich in Brüssel gelernt: Das sind Institutionen, die auch Konflikte untereinander austragen, verschiedene Interessen haben. Die verschiedenen Interessen werden repräsentiert eben durch Menschen, und man kann natürlich das jetzt lange essayistisch oder wissenschaftlich abhandeln.

Aber ich finde, es ist auch die Aufgabe der Literatur, wenn etwas so eingreift in unser Leben, auch wenn wir es jetzt nicht so dramatisch spüren oder den Geschichtshauch so scharf erleben wie zum Beispiel beim Mauerfall oder wenn ein Krieg ausbricht, wo dann einfach Kriegsromane und Antikriegsromane geschrieben werden, auch wenn es schleichend ist, es ist die Aufgabe der Literatur, das Menschengemachte zu zeigen und zu erzählen, was da passiert und wie es passiert und warum auch so viele Probleme entstehen, aus welchen Widersprüchen heraus, aus welchen Abgründen.

Menschen haben Abgründe. Menschen können hoch fliegen, Menschen können tief sinken, Menschen können ehrgeizig sein und egoistisch, Menschen können auch sehr altruistisch sein und sich engagieren für ein großes gemeinsames Projekt. Ich wollte diese Menschen kennenlernen. Ich habe dann versucht, aus ihnen Figuren zu machen und einen Einblick zu geben in das Funktionieren dieser schleichenden Revolution.

Roelcke: Sie haben gesagt, Herr Menasse, dieses Buch sei ein realistischer Roman. Was ist denn daran realistisch, wenn am Anfang des Buches ein Schwein durch Brüssel läuft und fast alle Akteure Ihres Romans trifft?

Menasse: Seitdem ich das geschrieben habe, habe ich immer wieder irgendwo Zeitungsnotizen gelesen von frei herumlaufenden Schweinen. Also das Zweite ist, das Schwein ist interessant, für mich als Autor in einer Erzählung über die Europäische Kommission, weil das Schwein eine Querschnittmaterie ist. Je nachdem, ob es im Stall steht oder ob es im Schlachthaus ist, ob es in der weiterverarbeitenden Industrie ist oder ob es im Container liegt für den Export in ein nichteuropäisches Land, ist eine andere Generaldirektion der Europäischen Kommission dafür zuständig. Das ist ein Glücksfall, wenn man von so einer Institution erzählen will, wenn es solche Querschnittmaterien gibt, und im Übrigen ist es eine universale Metapher: Vom Glücksschwein bis zur Drecksau deckt es alles ab und verbindet alle menschlichen und sozialen und gesellschaftlichen Äußerungen. Vielleicht ist es auch nur das, was Adorno den Rätselrest genannt hat.

Stadt mit 19 Bürgermeistern

Roelcke: Vier Jahre lang haben Sie in Brüssel gelebt. Ich hatte das schon gesagt. Sie haben die Stadt kennengelernt, in der, glaube ich, 19 Stadtteilbürgermeister Ihrer Arbeit nachgehen, die Stadt regieren. Ist Brüssel die Hauptstadt, wie Europa, wirklich extrem vielfältig?

Menasse: Also ich hoffe, dass der Roman auch gelesen wird als Hommage an die Stadt Brüssel, die eine sehr, sehr interessante Metropole ist und gleichzeitig irgendwie sinnigerweise sozusagen ein Zentrum Europas, weil dort im Kleinen, wie in einem Labor, durchgespielt wird, was heute die großen Widersprüche und Konfliktlinien der Europäischen Union sind.

Zum Beispiel die 19 Bürgermeister: Das ist einmalig, eine Stadt mit 19 Bürgermeistern, die sich da in komplizierten Kompromissen einigen müssen, so wie die Staats- und Regierungschefs der europäischen Mitgliedsstaaten dann im Europäischen Rat oder … Brüssel ist die Hauptstadt einer Nation, die keine Nationsidee hat. Das ist sinnig für ein Projekt, das den Nationalismus überwinden will. Oder Belgien ist ein Staat mit drei Amtssprachen. Also das ist auch sinnig im Hinblick auf das sprachliche Babylon, das ja die Europäische Union darstellt. Aus all diesen Gründen ist Brüssel faszinierender als es selbst weiß.

Roelcke: In Ihrem Essay "Der europäische Landbote" haben Sie 2012 für eine Europäische Republik auf dem Fundament eines Europas der Regionen plädiert. War dieses Buch so etwas wie ein Vorläufer für den Roman?

Menasse: Publikationshistorisch ja, aber vom Anspruch her nicht. Ich bin nach Brüssel gegangen, weil ich diesen Roman schreiben wollte. Der Anspruch war der Roman, und ich habe eine Zeit lang in Brüssel recherchiert und mit vielen Beamten gesprochen. Ich wollte wissen, wie die ticken, kann man sie typisieren, kann man Figuren aus ihnen machen, und habe den Roman begonnen zu schreiben und habe entdeckt oder bemerkt, dass ich immer in so einen essayistischen Ton verfalle, und da ist mir klargeworden, ich habe offenbar so ein fast schon automatisiertes Bedürfnis, jetzt immer gleich alles zu erklären, was ich gerade gelernt habe, und da habe ich gesagt, so kann der Roman nie entstehen. Aus diesem Grunde habe ich beschlossen, na gut, dann schreibe halt mal einen Essay, wenn du immer eh schon automatisch ins Essayistische verfällst.

Roelcke: Das ist dann abgearbeitet sozusagen.

Menasse: Ja, und ich habe gehofft, dass es vom Schreibtisch weg ist und dass ich dann eben wieder befreit bin für die Entwicklung der Erzählbewegung, die der Roman braucht. Deswegen habe ich so einen Essay geschrieben, obwohl ich eigentlich einen Roman schreiben wollte, und nach dem Essay war ich dann befreit für den Roman.

Roelcke: Robert Menasse, sein Roman "Die Hauptstadt" wurde heute in Frankfurt am Main mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Herr Menasse, danke schön und einen guten Abend!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. Er zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Schriftstellern Österreichs. Der literarische Durchbruch gelang Robert Menasse 1995 mit dem Roman "Schubumkehr".  Der Autor äußerte sich in den letzten Jahren verstärkt in Essays und Vorträgen zu politischen Fragen. Gemeinsam mit der Politologin Ulrike Guérot entwarf er 2013 ein "Manifest für die Begründung einer Europäischen Republik". Menasse wurde bereits mit dem Heinrich-Mann-Preis, dem Max-Frisch-Preis und dem französischen Orden der "Arts et Lettres" ausgezeichnet.

Robert Menasse: Die Hauptstadt
Suhrkamp Verlag 2017, 24 Euro

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