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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.06.2017

"Der Schuss 2.6.1967" an der Neuköllner OperDas vergebliche Warten der Christa Ohnesorg

Bernhard Glocksin im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Eine Gruppe Studenten, die ein Transparent mit der Aufschrift "Wer hat Benno auf dem Gewissen? Albertz? Innensenator? Polizei?" tragen.  (dpa picture alliance )
Eine Gruppe Studenten, die ein Transparent mit der Aufschrift "Wer hat Benno auf dem Gewissen? Albertz? Innensenator? Polizei?" tragen. (dpa picture alliance )

Was ging in Christa Ohnesorg in der Nacht des Wartens auf ihren Mann Benno vor? Das ist der künstlerische Ansatz für das Musiktheaterstück "Der Schuss" an der Neuköllner Oper. Thematisiert werde auch die damalige Spaltung der Gesellschaft, sagt Librettist Bernhard Glocksin.

Ein heute geschichtliches Ereignis und seine bedeutenden Folgen: Die Neuköllner Oper in Berlin beschäftigt sich in dem Musiktheaterstück  "Der Schuss 2.6.1967" mit den Ereignissen rund um die tödlichen Schüsse auf den Studenten Benno Ohnesorg. Die Musik des Stücks, das heute Abend Premiere hat, stammt vom Komponisten Arash Safaian.

Bernhard Glocksin hat das Libretto für "Der Schuss" geschrieben . Er beschrieb im Deutschlandfunk Kultur die künstlerische Umsetzung des Themas. Es gehe nicht um " Aufklärungsunterricht" über politische Ereignisse, das sei eher Sache der Medien:

"Was wir versuchen, ist einen Klangraum, einen inneren Raum aufzumachen. Das Theater und  vor allem das Musiktheater kann in einer subjektiven Perspektive von Gefühlen, von Drucksituationen erzählen, unter denen Menschen gestanden haben. Das ist unser Ansatz. Wir erzählen eine subjektive Nacht der Christa Ohnesorg, die wir nachempfunden haben."

"Kamerafahrt" in den Kopf von  Christa Ohnesorg

Benno und Christa Ohnesorg seien beide auf der Demonstration gewesen, erzählt Glocksin. Er habe seine schwangere Ehefrau dann aber auf Grund der gefährlichen Situation nach Hause geschickt – mit dem Versprechen, später nachzukommen:

"Sie wartet und wartet. Und der Mann kommt nicht nach Hause, kommt nie nach Hause. Und das ist ein starker Punkt, den wir aufgreifen. Und dann gehen wir in eine subjektive, sagen wir einmal Kamerafahrt in ihren Kopf hinein und schauen, welche Stimmen, welche Geister sich da verdichten und in ihr Platz sowie eine Sprache bekommen."  

Autoritätsgesellschaft gegen jugendliches Aufbegehren

Fabian Gerhardt ist der Regisseur des Stücks "Der Schuss". In dessen Inszenierung zeige sich auch der politische Hintergrund jener Zeit, sagt Glocksin:

"Wir wollen damit eigentlich so eine Art Kaleidoskop der unterschiedlichen Positionen zwischen der starren Autoritätsgesellschaft – einer Autoritätsgesellschaft, die Kurras deckt und möglich macht als Todesschützen – und den Jugendlichen, die sagen: 'Wir können hier nicht weiter leben mit Euch, hier muss etwas passieren in diesem Staat."  


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Es war ein Abend in Aufruhr damals am 2. Juni 1967, 50 Jahre her. Es hatte in Berlin Demonstrationen gegen den Besuch des Schahs gegeben, Reza Pahlewi, und am Ende lag ein Student erschossen auf der Straße. Sein Name: Benno Ohnesorg. Die Ereignisse damals spielen jetzt eine Rolle in einem Musiktheaterstück der Neuköllner Oper Berlin, "Der Schuss. 2.6.1067" heißt sie, und sie hat heute Abend Premiere, komponiert von Arash Safaian. Das Libretto, der Text also, stammt von Bernhard Glocksin. Der ist jetzt in Berlin am Telefon. Schönen guten Morgen!

Bernhard Glocksin: Guten Morgen!

von Billerbeck: Danke erstmal, dass sie am Premierentag so früh mit uns sprechen. Da hat man ja vermutlich ein anderes Gefühl im Bauch. Der Schuss, durch den Benno Ohnesorg starb, der fiel heute vor einem halben Jahrhundert. Wie sehr hallt er noch in Ihrer Erinnerung nach?

Glocksin: In meiner Erinnerung gibt es ein sehr starkes Gefühl, und zwar, das war der Deutsche Herbst zehn Jahre später, also '77. Und dieser Tag, an dem dann Stammheim zu Ende ging, diese Spannung, die wir alle gespürt haben – ich war damals so 17, 18 -, das war schon sehr heftig. Und eine Zeit, die so gespalten war, in der so viel Energie, negative und Stellungskämpfe eigentlich da waren, das ist etwas, was wir heute so, glaube ich, nicht mehr kennen. Deswegen lohnt es sich, zurückzugucken.

Großer Kampf zwischen zwei gegensätzlichen Systemen

von Billerbeck: Was hatte dieser Schuss, so heißt ja auch Ihr Musiktheaterstück, das da heute Abend Premiere hat, was hatte der für Auswirkungen auf die Gesellschaft, auch auf die studentische, auf die außerparlamentarische Bewegung?

Glocksin: Es ist ja eigentlich zweifelsohne so, dass dieser Schuss eigentlich eine Art Brandbeschleuniger war für eine Tendenz, für eine Struktur, die sich vorher herausgestellt hatte. Es war der große Kampf, würde ich sagen, von zwei fundamental gegensätzlichen Systemen. Das war das alte Vätersystem, das auf Befehl und Gehorsam beruhte, das war das System aus dem Preußentum und dem Faschismus.

Und dagegen einfach das Aufbegehren einer jungen Generation, die gesagt hat, wir wollen nicht gehorchen, wir wollen fragen. Wir wollen wissen, was da los war, und wir wollen den Diskurs. Wir wollen die Diskussion, wir wollen auch andere Lebensformen. Das sind sozusagen zwei Haltungen, die mit unheimlicher Energie aufeinandergetroffen sind. Es hat die Gesellschaft in einer unvorstellbaren Weise reformiert, nicht nur dieser Schuss, aber ganz wesentlich.

Und er hat im Prinzip auch revolutioniert, wie wir heute Theater machen. Die gesamte Kulturgesellschaft, die Art und Weise, welche Freiräume eigentlich Künstler heute haben, ist eigentlich ohne die Entwicklung von '68 undenkbar, und deswegen ist es auch ein Thema für unser Haus, für die Neuköllner Oper.

Musiktheater kann subjektiv von Gefühlen erzählen

von Billerbeck: Und Ihre Neuköllner Oper geht ja nicht zum ersten Mal in die Politik. Es gab da auch ein Stück zum Beispiel über Kanzlerin Merkel. Dennoch, beim Wort "Oper" reagieren viele ja immer noch abwehrend, die ist für viele sperrig. Und Oper, die sich mit aktuellen und jüngeren gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt, dann noch zusätzlich. Das kann ja auch ganz schön aufgesetzt wirken. Wie versuchen Sie denn, das zu vermeiden?

Glocksin: Zunächst einmal, wir wollen keinen Aufklärungsunterricht machen. Die Medien sind ja heute und dieser Tage voll davon. Jeder, glaube ich, weiß, was vor 50 Jahren passiert ist. Was wir versuchen, ist, einen Klangraum, einen inneren Raum aufzumachen.

Das Theater und vor allem das Musiktheater kann in einer subjektiven Perspektive von Gefühlen, von Drucksituationen erzählen, unter denen Menschen gestanden haben. Das ist unser Ansatz. Wir erzählen eine subjektive Nacht der Christa Ohnesorg, die wir nachempfunden haben. Wir machen, wie gesagt, keine –

von Billerbeck: Das ist die Frau von Benno Ohnesorg.

Glocksin: Die Frau von Benno Ohnesorg, von der man weiß, die waren beide auf der Demonstration, und er hat dann gesagt, geh nach Hause, es ist zu gefährlich hier – zumal sie schwanger war. Sie waren gerade drei Wochen verheiratet. Und sie ist nach Hause gegangen sicherlich mit dem Versprechen von ihm, ich komme nach. Warte nicht so lange, ich komme nach.

Und in der Tat, sie wartet und wartet, und der Mann kommt nicht nach Hause und nie nach Hause als Lebender. Das ist ein starker Punkt, den wir aufgreifen, und dann gehen wir in eine subjektive Kamerafahrt in ihren Kopf hinein und schauen, welche Stimmen, welche Geister sich da verdichten und in ihr Platz bekommen und Sprache bekommen.

Das sind übergroße Figuren, die wir subjektiv und surreal erzählen in der Regie von Fabian Gerhardt. Und wir damit eigentlich so eine Art Kaleidoskop der unterschiedlichen Positionen zwischen der starren Autoritätsgesellschaft, einer Gesellschaft, die Kurras deckt und möglich macht, den Todesschützen, und den Jugendlichen, die sagen, wie können hier nicht weitergehen mit euch, hier muss was passieren in diesem Staat.

Bildstarke Musik des iranischen Komponisten Arash Safaian

von Billerbeck: Das heißt, da wird nicht eine konkrete Handlung geschildert, sondern das ist eher atmosphärisch auch in der Musik?

Glocksin: Wir haben eine sehr starke, sehr bildstarke Musik von Arash Safaian, dem Komponisten, der durch seine Eltern und seine Geburt in Teheran – er ist Deutscher, er ist in Deutschland groß geworden, aber die ersten drei Lebensjahre hat er noch in Teheran verbracht –, von vielen Erzählungen auch von seinem Vater ist ihm diese Zeit auch sehr bewusst.

Und insofern war es für uns ein Anliegen, jemanden zu bitten, die Musik zu schreiben, der einen unmittelbaren biografischen Bezug dazu hat. Und in dieser klangmächtigen Komposition von Arash Safaian entsteht eine Welt für sich, die kongenial, wie ich finde, mit Bildern, mit eigenen Bildwelten versehen wird von Vincent Stefan, unserem Videokünstler. Wir haben eine Mischung zwischen Sprechtheater, Schauspielszenen und auskomponiertem Musiktheater.

von Billerbeck: Und wie genau nehmen Sie es mit dem Wort "Oper", wenn da so viel auch geredet wird?

Glocksin: Wir sagen ja "Musiktheater". Und es ist in der Tat Theater plus Musik, oder wir sagen besser, ein Theater, in dem die Musik der zentrale Hauptdarsteller ist. Es gibt eine Szene, in der die Musik eine Figur übernimmt, eine Bedrohung übernimmt, auf die ein eingesperrter Mensch reagieren muss, eine Geschichte eines inhaftierten persischen Dichters. Da ist die Musik ein ganz zentraler Akteur, und wir hören das, was passiert. Die Musik erzählt es - und nicht das Wort oder ein Schauspieler.

"Die Neuköllner Oper ist ein Kind dieser Zeit"

von Billerbeck: Jetzt also "Der Schuss", die Oper. Was glauben Sie, wie nahe geht dem Publikum, das ja oft auch aus Neuköllnern besteht, der Stoff? Was können die damit heute anfangen?

Glocksin: Ich denke, das ist so eine Art Generationen-Projekt, könnte man sagen, denn es gibt in der Tat viele Menschen, die die Zeit mitgeprägt haben, miterlebt haben, nicht zuletzt die Neuköllner Oper. Und das ist ein ganz wichtiges Anliegen, warum wir das machen exakt auch auf dem 50. Todestag von Benno Ohnesorg.

Die Neuköllner Oper ist auch ein Kind dieser Zeit. Als Winfried Radeke dann Anfang der 70er-Jahre dieses Haus gegründet hat als so eine Art Gegenoper. Es war klar, dass, was in den Staatsopern passiert, kann so nicht weitergehen, wir brauchen eine andere Art von Kultur und einer Gegenkultur. Daraus hat sich die Neuköllner Oper entwickelt. Wir sind dieses Jahr 40 Jahre alt als Haus, und das ist das eine.

Interaktive Formate für die junge Generation

Das andere ist halt tatsächlich, dass wir denken, das ist so wichtig, was da passierte, es ist ein epochaler Einschnitt in unsere Nachkriegsgesellschaft und Kultur, dass wir es einer jungen Generation einfach als Erfahrung zugänglich machen wollen. Einer Generation, die zum Teil gar keine Anbindung mehr daran hat. Wir machen dazu zusätzliche Veranstaltungen, am 10. Juni zum Beispiel mit Ströbele und anderen.

von Billerbeck: Da geht es dann noch mal ganz direkt darum.

Glocksin: Da geht es direkt darum. Und wir machen eine ganz besondere Form für junge Leute am 18.06. Unter dem Thema "Revolt" gehen wir auch in interaktive Formate, dass eine ganz junge Generation sagen kann: Wie erschließt sich für mich diese Zeit  und wie reagiere ich eigentlich heute?

von Billerbeck: Bernhardt Glocksin war das, Librettist, künstlerischer Leiter der Neuköllner Oper, wo heute "Der Schuss. 2.6.1967", das Musiktheaterstück zu Benno Ohnesorg Premiere hat. Zu sehen dort bis zum 8. Juli. Ich danke Ihnen, Herr Glocksin!

Glocksin: Gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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