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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.05.2012

Der Appetit steckt in den Genen

Sabine Paul: "Paläopower - Das Wissen der Evolution nutzen für Ernährung, Gesundheit und Genuss", Beck Verlag München 2012, 301 Seiten

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Evolutinsbedingt sucht der Mensch sich nährstoffreiche Nahrung, kann sie aber aufgrund seiner Lebensweise nicht verbrennen. (AP)
Evolutinsbedingt sucht der Mensch sich nährstoffreiche Nahrung, kann sie aber aufgrund seiner Lebensweise nicht verbrennen. (AP)

Ob Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes - viele Zivilisationskrankheiten lassen sich mit der frühzeitlichen Ausstattung des Menschen erklären. Die Evolutionsbiologin und Autorin Sabine Paul analysiert, erklärt und gibt Ratschläge, wie man dem begegnet.

Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil Sie Süßes lieben und gerne Fleisch essen? Vergessen Sie es. Schuld ist ihr Körper. Immerhin hat er zwei Millionen Jahre erprobt, welche Nahrung besonders vorteilhaft ist. Und die Gene sind nun darauf programmiert, das zumindest sagt die Epigenetik.

Deren Forschungsergebnisse schildert die Evolutionsbiologin Sabine Paul eindrucksvoll in ihrem neuen Buch und nennt zahlreiche Gründe, warum wir das essen, was wir essen und weshalb die sogenannten Zivilisationskrankheiten stetig zunehmen. Denn unsere Nahrungsgelüste stammen aus der Steinzeit, 99 Prozent ihrer Entwicklungsgeschichte ist die Menschheit als Jäger und Sammler durch die Gegend gestreift. Erst seit 10.000 Jahren ist sie sesshaft geworden. So rasch aber verändern sich Genanlagen nicht.

Was also für die Jäger und Sammler der Frühzeit gut war, weil sie sich viel bewegten und auf anstrengende Jagd gingen, ist für den normalen Durchschnittsbürger heute ein Problem: Es fehlt die Bewegung, die Lust auf Fettiges und Süßes bleibt bestehen. Die Gene lassen sich eben nicht austricksen. Und so bringen auch Diäten, die darauf völlig verzichten, gar nichts.
Genau deswegen lieben wir, so Sabine Paul, die modernen, industriell gefertigten Lebensmittel. Sie bieten Süßes und Fettes im Übermaß. Aber - und das ist die Crux in den Augen der Autorin - es fehlen die Mineralien und Vitamine, wie sie jene Naturprodukte aufweisen, von denen sich unsere Urahnen ernährten. Zahlreiche Hilfsstoffe gaukeln solche Qualität vor: Fruchtaromen statt Früchte, Fleischgeschmack statt Fleisch. So enthält eine Tüten-Hühnersuppe nur 0,1 Prozent Hühnerfleisch. Um 100 Gramm zu essen, müsste man fünf Badewannenfüllungen austrinken.

Und das wiederum ist - folgt man der Evolutionsbiologin - eine der Hauptursachen für die Wohlstandserkrankungen. Nicht das Nährstoffüberangebot lasse die Menschen dicker werden und gefährde ihr Wohlbefinden, sondern dieser Mangel an Nährstoffen.

Ob Übergewicht, Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes, hyperaktive Kinder, Allergien oder Burnout - all diese Zivilisationskrankheiten lassen sich überwiegend mit der paläolithischen Ausstattung des Menschen erklären. Jedem dieser Bereiche hat Sabine Paul ein Kapitel gewidmet: erst Analyse, dann Diagnose, schließlich Ratschläge. Die lauten regelmäßig: zurück zur unverfälschten Natur und zu natürlichen Lebensmitteln, denn darin stecke "Paläopower" - genauso wie in ausreichender Bewegung.

Couch-Potatoes und Kurzschläfer werden deshalb rascher krank, denn bei den Jägern und Sammlern folgten auf zwei Tage Jagd zwei Tage Nichtstun mit gemeinsamem Essen und Feiern. Natürlich lässt sich dieser Rhythmus nicht völlig auf heute übertragen. Aber wer regelmäßig Sport treibt und sich ausschläft, lebt länger. Genauso wichtig, sind laut Sabine Paul, gemeinschaftliche Aktivitäten wie Feste feiern und natürlich das Kochen - fernab von Fastfood und Fertiggerichten.

Besprochen von Johannes Kaiser

Links auf dradio.de:

Warnung vor Essen aus der Chemieküche - Hans-Ulrich Grimm: "Vom Verzehr wird abgeraten"
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