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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.08.2006

Das Rätsel bleibt

Erinnerungen an den Pastor Oskar Brüsewitz, der sich in der DDR das Leben nahm

Von Kirsten Dietrich

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Brüsewitz hat nicht nach den Lücken gesucht, die der SED-Staat für die Christen ließ. (Uckermärkische Musikwochen)
Brüsewitz hat nicht nach den Lücken gesucht, die der SED-Staat für die Christen ließ. (Uckermärkische Musikwochen)

Vor 30 Jahren übergoss sich der evangelische Pfarrer vor der Kirche in Zeitz mit Benzin und zündete sich an. War das die Tat eines Wahnsinnigen, wie die SED schnell behauptete? War er ein moderner Märtyrer? Das Buch "Ich werde dann gehen" zeigt Erinnerungen aus vielerlei Perspektiven und gibt Einblicke in die Situation der Kirchen in der DDR.

Neues Licht in das Rätsel versuchen Weggefährten, Mitstreiter und auch fernere Beobachter nun mit einem neuen Buch zu bringen: "Ich werde dann gehen. Erinnerungen an Oskar Brüsewitz." Auch wenn das Rätsel Oskar Brüsewitz wohl niemand wirklich lösen kann.

Was bringt einen Menschen dazu, einen Menschen zudem, der ja nicht etwa isoliert und am Ende ist, der im Gegenteil eine Familie hat, Freunde, ein soziales Umfeld, was also bringt diesen Menschen dazu, auf die grausamste vorstellbare Weise aus dem Leben zu gehen? Man merkt den gesammelten Erinnerungen und Zeugnissen in dem Band an, dass die Autoren und Autorinnen damit selber nicht recht fertig geworden sind, auch nicht 30 Jahre später.

Also, Rätsel bleibt. Was aber deutlich wird, ist das System und die Bedingungen, unter denen diese Tat stattgefunden hat.

Da ist die kleinteilige Form der Darstellung sehr hilfreich: Es gibt Erinnerungen aus vielerlei Perspektiven, die sich in vielen Punkten überschneiden, aber eben immer auch neue Einsichten bringen, dazu kommen Fotos, viele Faksimile-Abbildungen von Zeitungsartikeln aus dem Neuen Deutschland, Stasi-Unterlagen, Briefen, vielleicht kann man sich dieser schillernden Persönlichkeit Oskar Brüsewitz nur so nähern.

Oskar Brüsewitz war ein anstrengender Mensch, ein sehr lebendiger Zeitgenosse und jemand, der das Wort Kompromiss nicht kannte. Geboren in Litauen, kam er nach dem Krieg nach Sachsen, dann verschlug es ihn mit seiner Familie in die Nähe von Osnabrück, wo er Schuhmachermeister wurde. Brüsewitz heiratete, hatte ein Kind.

Als die Ehe scheitert, geht er Hals über Kopf zurück in die DDR. In Thüringen arbeitet zunächst weiter als Schuhmacher, heiratet sehr schnell wieder, eine Diakonisse, und fällt auf durch Aktivitäten für den christlichen Glauben. Brüsewitz will auf die Predigerschule gehen, wird aber beim ersten Mal abgelehnt. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar, es war wohl Besorgnis über eine Mischung aus körperlicher und psychischer Instabilität.

Brüsewitz ist aber weiter für die Gemeinde tätig, findet dort auch Fürsprecher, so dass es im zweiten Anlauf klappt mit der Predigerschule.

1970 wird er als Pastor in Rippicha angestellt, einem Dorf in der Nähe von Zeitz, zwischen Halle und Gera. Und dort ist er ein sehr auffälliger Pfarrer, einer, der mitnichten nach den Lücken sucht, die der SED-Staat für die Christen lässt, sondern einer, der provoziert, der sich als Krieger im Kampf zwischen Licht und Finsternis versteht, wie er es selber in seinem Abschiedsbrief an die Kirchenleitung formuliert hat.

Berichte über seine Arbeit haben etwas sehr Anekdotenhaftes: Brüsewitz verlost bei Gemeindefesten selbstgezogene Kaninchen als Preise, er fährt mit Verhöhnungen von DDR-Parolen am Pferdefuhrwerk nach Zeitz: "Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott", das als Gegenpol zur DDR-Losung "Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein". Brüsewitz richtet einen evangelischen Spielplatz ein und ruft seine Kollegen zur Bewachung, als die SED mit dessen Zerstörung droht.

Alles auf Effekt gerichtete Handlungen also, und zumeist Reaktionen auf das, was Brüsewitz als Angriffe des Staates gegen die Kirche versteht.

Aber, und das wird zum Glück neben dem Anekdotischen in den vielen Erinnerungen in dem Buch auch deutlich: Es gibt auch den Seelsorger Brüsewitz, der zum Beispiel einen regelmäßigen Treff für krebskranke Frauen einrichtet, es gibt auch den nicht so guten Prediger, der deswegen gern das Wort an alle Theologen weitergibt, mit denen er bei seinen Veranstaltungen zu tun hat. Brüsewitz motiviert Menschen, aktiv zu werden und sich nicht zu verstecken.

Eine Haltung, mit der er natürlich bei der Partei anstößt, eine Haltung aber auch, mit der er seine Kirche auf schwere Proben stellt. Deswegen ist es nur konsequent, dass sich der größere Teil der "Erinnerungen an Oskar Brüsewitz" mit den Konsequenzen der Selbstverbrennung für Kirche und Staat beschäftigt.

Es wird zum Beispiel deutlich, dass es in Kirchenkreisen eben schon vorher massive Probleme mit Brüsewitz gab. Nicht alle Pfarrer verstanden sich wie er als Krieger des Herrn. Auch in der Gemeinde rückten, trotz aller spektakulären Aktionen, Menschen ab von dem Pfarrer, der sie zum Teil seines Kampfes gegen die SED machte.

Brüsewitz sollte auf Geheiß der Kirchenleitung auf eine andere Stelle versetzt werden, darauf spielt der Titel des Buches an: "Ich werde dann gehen". Das sagte er nach Erinnerung seines Kollegen in Zeitz, als der ihm Vermittlung im Gespräch mit der Kirchenleitung anbot, zwei Tage vor der Selbstverbrennung.

Die evangelische Kirche stellte sich erst hinter ihren schwierigen Pfarrer, als zehn Tage nach Brüsewitz’ Tod ein diffamierender Kommentar im Neuen Deutschland erschien. Unter dem Titel "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden" redete der Artikel, gutgeheißen von höchster Stelle, von Brüsewitz nur in Anführungszeichen als Pfarrer, wertete dessen Abschiedsbrief als Geständnis einer Zusammenarbeit mit dem Bundesnachrichtendienst und kam zu dem Schluss: "Was Brüsewitz tat, war ein Zeichen der Abwendung von einer gesunden und sich gesund entwickelnden Gesellschaft."

Das führte zu vielstimmigen Protesten aus Kirchenkreisen, Leserbriefen von Pfarrern und engagierten Christen, von denen natürlich kein einziger abgedruckt wurde, und sogar einem Protest ans ZK von jungen Sozialisten um die Liedermacherin Bettina Wegner. Auch dieser Brief wurde nie abgedruckt, war aber insofern schrecklich effektiv, als dass alle Unterzeichnenden von der Stasi verhört wurden, drei als Haupttäter isoliert, zu langjähriger Haft verurteilt und danach in die Bundesrepublik abgeschoben wurden.

Das Urteil über die Haltung der evangelischen Kirche ist immer noch gespalten: Hat die Kirchenleitung nun getan, was sie konnte, indem sie den Menschen Oskar Brüsewitz als Bruder in Christo verteidigte, auch wenn sie die Tat nicht gutheißen konnte? Oder war sie zu zögernd, wollte die kleinen Zugeständnisse, die der Staat für Christen Mitte der 70er machte, nicht aufs Spiel setzen, und ließ deswegen Brüsewitz schon vor seinem Tod allein? Die Zeitzeugen bis hin zu Manfred Stolpe sind sich nicht sicher. Man spürt in allen Beiträgen Schuldgefühle im Nachhinein, und aus allen Dokumenten aus der Zeit spricht vor allen Dingen so etwas wie eine verlegene Solidarität mit Brüsewitz. Man musste ihn stützen, aber eigentlich ging er den meisten zu weit.

Was war Brüsewitz nun? Ein Märtyrer? Ein Wahnsinniger? Einfach ein Selbstmörder? Wohl nichts von alledem: Er war zur Selbstverbrennung nicht gezwungen worden, deswegen kein Märtyrer. Die Tat war aber auch so sorgfältig geplant und stand so im Einklang mit seinem vorherigen Handeln, das war kein Wahnsinn. Ein Zeitzeuge erinnert sich, dass er hörte, ein Pfarrer habe sich verbrannt, und gleich dachte "das kann nur Oskar gewesen sein".

Am Schlüssigsten scheint mir die Deutung von Mitherausgeber Dieter Ziebarth zu sein: Oskar Brüsewitz sah sich in der Tradition der alttestamentarischen Propheten, die ihre Umgebung durch Zeichenhandlungen aufrütteln wollten. Jesaja zum Beispiel lief nackt als Vorzeichen künftiger Gefangenschaft umher, Jeremia trug ein Joch auf den Schultern. Diese Propheten riskierten dabei, in ihrem Eifer für Gott nur auf Unverständnis zu stoßen. Genauso erging es Oskar Brüsewitz: er rüttelte auf, er gab den Anstoß für Veränderungen im Verhältnis von Staat und Kirche, aber seine Selbstverbrennung blieb er eben auch letztlich unverständlich.

Das Buch "Ich werde dann gehen. Erinnerungen an Oskar Brüsewitz" ist zeitgeschichtliche Lektüre, spannend wie ein Krimi. Und es bringt eben viel mehr als nur Stimmen zum Fall Brüsewitz. Es gibt überraschend ehrliche Einblicke in die Situation der Kirchen in der DDR in den 70ern, ohne sofort in Schuldzuweisungen und alte Debatten zu verfallen. Es verschafft auch Einblicke in das konfliktreiche Verhältnis von Bürgerrechtsgruppen und Kirche, das sich im Gefolge des Brüsewitz-Todes entwickelte. Und durch die vielen Originaldokumente kann man zumindest versuchen, die Mentalität des Staates zu verstehen, der da versuchte, mit dem merkwürdigen Phänomen Religion fertig zu werden und grandios scheiterte.

Karsten Krampitz / Lothar Tautz / Dieter Ziebarth (Hg.):
Ich werde dann gehen. Erinnerungen an Oskar Brüsewitz

Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2006
238 Seiten, 12,80 Euro

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