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Zeitfragen | Beitrag vom 15.02.2018

Das Projekt ChangeWritersWie Tagebuchschreiben Schulverweigerern hilft

Von Gerit Stratmann

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Schüler einer dritten Klasse einer Grundschule in Prenzlau in Brandenburg sitzen vor einer Tafel. (picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)
Wie können Problemschüler motiviert werden? Tagebuchschreiben hilft dabei, einen Zugang zu den Schülern zu finden. (picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)

Als verhaltensauffällig und unbeschulbar wurden die Jugendlichen bezeichnet, die Jörg Knüfken betreuen sollte. Und dennoch fand der Sozialpädagoge einen Weg, die Schülerinnen und Schüler zu motivieren und ein neues Miteinander zu entwickeln.

2010 in Dinslaken. Sozialpädagoge Jörg Knüfken soll die Betreuung einer Arbeitsgruppe übernehmen. Die Jugendlichen dieser AG gelten unter den Lehrern der Hauptschule als verhaltensauffällig und unbeschulbar.

"Ich hatte keine Ideen, wie ich mit denen arbeiten sollte. Die waren sehr, sag ich mal, schwierig. Ich hab sie nicht erreicht. Es war auch kaum möglich ein Gespräch zu führen. Es war auch nicht so richtig möglich zu sagen: Setzt euch erst mal hin, ich erzähl euch mal, was wir machen. Es funktionierte nichts."

Im Kollegium gilt die AG als Sammelbecken für die Schüler und Schülerinnen, mit denen keiner mehr arbeiten will. Wer hier landet, sitzt nur noch seine Zeit ab, bis er die Schulpflicht erfüllt hat.

"Wir waren ein hoffnungsloser Fall, um ehrlich zu sein!"

Melissa war damals 15. Von vier Schulen war sie bereits geflogen. Hier war sie seit Kurzem auf der fünften.

"Ich war echt anstrengend"

"Ich muss immer alles hinterfragen. Warum muss ich das jetzt machen? Seh ich nicht ein. Oder ich sag dann immer meine Meinung oder so. Und dann habe ich immer angefangen zu diskutieren. Also jetzt im Nachhinein: Ich möchte keine Schülerin haben, die so ist, wie ich mal war. Ich war echt sehr anstrengend."

Und dafür hatten ihre Lehrer und Lehrerinnen keine Zeit, sie sorgten sich vor allem um den Ablauf des Unterrichts. Es ging um Noten und Hausaufgaben, und um Erwartungen, die Melissa nicht erfüllen wollte – oder konnte. Damals zumindest.

"Ich hatte halt wirklich das Gefühl, dass das die gar nicht interessiert hat, was mit den einzelnen Schülern war."

Ein Gefühl, das auch Dilara kennt. Die 22-Jährige erinnert sich an das Mädchen, das sie einmal war.

"Ich war so eine Art Problemschülerin. Ich habe halt gar nichts an mich rangelassen, war so ganz abweisend zu Lehrern. Hab patzige Antworten zurückgegeben. Also nicht so eine Lieblingsschülerin."

Neue Impulse aus dem Film "Freedom Writers"

Typische für die Jugendlichen, die in Jörg Knüfkens AG saßen. Um sie ruhig zu halten, zeigt er ihnen den Film "Freedom Writers".

"Jeder in diesem Raum hier hat die Chance, einen Abschluss zu machen. – Die Methoden sind nicht dauerhaft durchführbar. Was wäre, wenn jeder Lehrer so unterrichten würde? – Diese Kinder sind 14, 15, und wenn sie den Tag lebend überstehen, ist das schon ein Riesenerfolg. Und ich soll ihnen Bildung vermitteln? – Was du mit diesen Kindern geschafft hast, dafür fehlen mir die Worte!"

"Freedom Writers" aus dem Jahr 2007 erzählt die Geschichte einer jungen Lehrerin, die das gegenseitige Misstrauen in ihrer Klasse überwand, indem sie die Jugendlichen Tagebuch führen ließ.

"Als ich diesen Film gesehen habe, beruhend auf einer wahren Begebenheit, und habe gesehen, dass Ghetto-Kids aus Los Angeles – so klischeehaft, wie das jetzt klingen mag – die haben es geschafft, ihre Waffen wegzulegen und einen Stift in die Hand zu nehmen, ihre Geschichte aufzuschreiben. Da war mein Gedanken, wenn die das schaffen, dann muss es möglich sein, dass Menschen wie Dilara, wie Melissa das auch hinkriegen."

Kurzentschlossen wiederholt Jörg Knüfken den Versuch mit seiner AG.

"Ich habe den Schülerinnen und Schülern Tagebücher gegeben, und die fingen an, ihr Leben da reinzuschreiben. Und das, was vielleicht mitentscheidend war: Ich durfte diese Tagebücher auch lesen. Und das hat noch mal einen völlig anderen Aha-Effekt für mich gehabt."

Tiefe Einblicke - der Lehrer darf die Tagebücher lesen

Seite für Seite erhielt er so Einblicke in die Lebenswelt seiner Schülerinnen und Schüler. Erfuhr, was sie wirklich beschäftigte, was sie dachten und fühlten, und begann zu verstehen, warum sie manchmal schlecht drauf waren. Die Scheidung der Eltern. Neue Lebenspartner, mit denen sie nicht klar kamen. Manche Einträge gingen an die Grenze des Erträglichen, wie der eines Jungen von damals zeigt, den Dilara vorliest.

"Früher ist mein Vater immer ausgerastet, wenn ich einen kleinen Fehler gemacht habe. Er hat mich geschlagen, aber auch meine Schwester, meinen Bruder und meine Mutter. Meine ganze Familie musste mitansehen, wie er mich mit dem Gürtel schlug oder seine Faust in meinem Gesicht landete. Ich heulte jeden Abend, weil ich Angst hatte."

Knüfken: "Und das, was sich ganz schnell geändert hat, war, dass ich ganz viel Respekt den Jugendlichen entgegengebracht habe für ihre Lebensleistung. Ich habe den Eindruck, dass die das auch schnell gespürt haben. Und das hat einen Wendepunkt bedeutet in der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern."

Neben dem Tagebuchschreiben stellte Jörg Knüfken ihnen Aufgaben, die sie als Gruppe gemeinsam lösen mussten. Bei Erfolg wollte er sie mit Ausflügen nach Amsterdam oder Berlin belohnen. Was dann im Laufe des einen Jahres geschah, gleicht einem kleinen Wunder. Die Gruppe raufte sich zusammen. Rücksicht, Verständnis, Respekt – ein ganz anderes Miteinander entwickelte sich zwischen den Jugendlichen und mit Jörg Knüfken. Als hätten sie nur auf jemandem gewartet, der sie nicht benotete, sondern ernst nahm und Verständnis für ihre individuelle Situation zeigte.

Um dieses Erlebnis mit anderen zu teilen, gründete Jörg Knüfken den Verein ChangeWriters – mit Erfolg. Auf Fortbildungen vermittelt er seine Erfahrungen mit den tagebuchschreibenden Schülern an andere Lehrer weiter. An Bärbel Guske etwa. Sie unterrichtet an einer Realschule in Dorsten, und obwohl sie schon lange im Schuldienst ist, erlebt sie immer wieder Situationen, in denen sie nicht weiterkommt.

"Im Laufe dieser fünf, sechs Jahre hatte ich immer wieder Schüler – und es werden auch immer mehr – die die Schule verweigern. Also es fängt halt mit einem Tag in der Woche an, irgendwann sind es zwei, irgendwann ist es eine Woche, und irgendwann kommen die gar nicht mehr. Und ich habe bisher keine Möglichkeit gefunden, irgendwie an die ran zu kommen."

Rückbesinnung auf das Wesentliche

Genau das wollte sie ändern. ChangeWriters vermittelt nicht nur Möglichkeiten, das Tagebuchschreiben in den Unterricht zu integrieren. Es geht auch um Spiele und Gruppenaktivitäten, die das "Teambuilding" in der Klasse unterstützen sollen. Und für Bärbel Guske bedeutete der Kurs auch eine Rückbesinnung auf das Wesentliche.

"Wenn man so auf sein Referendariat zurückblickt, im Vordergrund steht ja: Ich muss die Klasse im Griff haben, ich muss zusehen, dass die Schüler funktionieren, ich muss die Leistung abrufen, ich muss meinen Lehrplan durchkriegen. Und hier war ja nochmal wichtig, zu sehen: Da sitzt ein Mensch, der nicht einfach immer nur funktionieren kann. Und das finde ich total wichtig."

Angenommen und Ernstgenommen werden. Für Melissa und Dilara war das Zusammentreffen mit Jörg Knüfken ein Wendepunkt in ihrem Leben. Beide haben ihren Schulabschluss geschafft, Melissa sogar als Beste ihres Jahrgangs. Die eine macht eine Ausbildung zur Erzieherin, die andere zur medizinischen Fachangestellten. Melissas Mutter ist heute noch voller Dankbarkeit für das, was ihrer Tochter widerfahren ist.

"Das hat ihr so gut getan. Die war Rebell. Sogar ihre Lehrerin hat mir gesagt: Ich mag Ihre Tochter nicht. Ich mag lieber Hunde als Ihre Tochter! Soweit war das. Und später – ich würde sie nicht mehr hergeben. Die ist ganz andere Mensch geworden."

Natürlich ist Tagebuchschreiben kein Allheilmittel für alle Probleme im Unterricht. Aber es ist ein Grundstein, der helfen kann, die Atmosphäre in schwierigen Klassen in ein vertrauensvolleres Miteinander zu verwandeln. Und das sei besser als gar nichts tun, sagt ChangeWriters Gründer Jörg Knüfken.

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es so ganz toll funktioniert. Wer möchte, kann dran teilhaben. Und alle anderen, die können auch andere Wege nehmen. Es gibt unheimlich viele gute Sachen, die man machen kann. Alles ist besser, als es nicht zu machen."

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