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Profil / Archiv | Beitrag vom 25.03.2010

Das Labor als liebster Ort

Jungwissenschaftlerin Kneipp im Porträt

Von Gerrit Stratmann

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Janina Kneipp ist Wissenschaftlerin an der Berliner Humboldt-Universität (hier ein Hörsaal). (AP)
Janina Kneipp ist Wissenschaftlerin an der Berliner Humboldt-Universität (hier ein Hörsaal). (AP)

Janina Kneipp ist Juniorprofessorin für optische Spektroskopie am Institut für Chemie an der Humboldt-Universität in Berlin. Für ihre spektroskopischen Forschungen erhält sie nun den Bunsen-Kirchhoff-Preis, eine Auszeichnung des Deutschen Arbeitskreises für Angewandte Spektroskopie.

Ihr liebster Ort ist das Labor. Obwohl Janina Kneipp dort nicht mit Flammen, Tiegeln und Glaskolben hantiert, sondern vor allem mit Laserlicht zu tun hat, kann sie ihre Neugier und Kreativität hier am besten ausleben. Der Alltag einer Juniorprofessorin für optische Spektroskopie an der Humboldt-Universität in Berlin sieht jedoch noch andere Pflichten in ihrem Terminkalender vor.

"Ich selber habe leider oft Dinge zu tun, die mir gar nicht so sehr gefallen: irgend welche Sachen organisieren, Berichte schreiben, Geld organisieren. Das ist nicht so das, was ich gelernt habe eigentlich. Also nur im Labor arbeiten, macht mir natürlich viel mehr Spaß."

Im Augenblick aber ist das Labor für die Mittdreißigerin tabu. Hochschwanger mit ihrem zweiten Kind sitzt sie in einem schwarz-weiß gestreiften Sweater und blue Jeans in einem Berliner Kaffee, trinkt entkoffeinierten Milchkaffee und erzählt von den Anfängen ihrer naturwissenschaftlichen Laufbahn.

Kneipp: "Nein, ich hatte keinen Chemie-Baukasten. Ich hatte einen Physik-Baukasten und so einen Elektrobaukasten hatte ich. Und Chemie direkt hat mich nie ganz vordergründig gereizt.

Nach dem Abitur habe ich dann Biologie studiert, weil ich mich schwer entscheiden konnte zwischen den Naturwissenschaften, ich war auch kurz davor Slawistik anzufangen. Und dann hatte ich Glück, dass ich mit Biologie was gefunden hatte, das mich sehr interessiert."

Als Juniorprofessorin vertritt sie jetzt aber nicht das Fach Biologie in der Lehre, sondern hält vor Studenten Seminare in Analytischer Chemie, obwohl sie das selber nie studiert hat. Eigentlich mag sie das kaum laut erzählen, dabei hat es bis jetzt noch niemanden gestört. Und mit ihren fächerübergreifenden Interessen, die sie auch im Studium ausgiebig auslebte, passt das sowieso perfekt zusammen.

Kneipp: "Was mich immer geärgert hat, war, dass ich im Nebenfach – man muss ja auch Physik dann belegen - dass man als Biologiestudent von Physikern im Nebenfach so behandelt wird, als ob man nie in der Lage sein würde, die Physik zu verstehen. Ich finde Physik aber sehr interessant und habe dann für mich als Konsequenz daraus gezogen, halt auch Physik zu studieren, hab mich in Physik eingeschrieben, hab das parallel gemacht, hab aber ein Diplom in Biologie."

Während ihrer Diplomarbeit, die sie im Labor eines Chemikers schrieb, hatte sie das erste Mal Kontakt zu jenem Gerät, das ihre weitere Laufbahn entscheidend prägen sollte: einem Spektrometer, mit dem Gewebe, Flüssigkeiten oder beliebige Materialien mit Licht auf ihre Bestandteile oder auf bestimmte Eigenschaften untersucht werden können.

Kneipp: "Raman-Spektroskopie, vielleicht kann ich's ganz kurz erklären: Man nimmt einfarbiges Licht und man schaut sich an, wie streut die Probe das Licht. Das meiste Licht, das ich auf die Probe schicke, kommt mit exakt derselben Farbe zurück. Aber ein ganz kleiner Bruchteil des Lichts kommt nicht mit derselben Wellenlänge zurück, weil ein bisschen Energie übergeht auf die Probe. Und dieses unelastisch gestreute Licht, das ist das, was uns bei der Methode interessiert."

Aus dem gestreuten Licht lässt sich erkennen, welche Bausteine oder Moleküle in einer Probe vorhanden sind. In ihrer Diplomarbeit untersuchte Janina Kneipp zum Beispiel das Gehirngewebe von Tieren auf Hinweise nach Erkrankungen, und im Augenblick arbeitet sie an einer Datenbank, um in der Luft fliegende Pollen zuverlässig und schneller als bislang identifizieren zu können. Von der Genauigkeit und Empfindlichkeit der spektroskopischen Messmethode war sie anfangs selbst überrascht.

Kneipp: "Ich hab da festgestellt, dass es halt sehr schön ist, mit solchen optischen Methoden, mit denen man die Proben nicht zerstört, in Kombination mit Statistik, dass man damit sehr viel zeigen kann, ohne dass man - wie man das sonst klassisch in der Biologie macht - das Tier färben muss oder Antikörper aufbringen muss oder irgendwie markieren muss, dass man sehr, sehr empfindlich sein kann, wenn man gar nichts weiter macht."

In den letzten zwölf Jahren hat die in Jena geborene Forscherin nicht nur alte Methoden in der Spektroskopie ausgereizt, sondern auch erfolgreich neue, empfindliche Verfahren entwickelt und getestet. Den Grund für ihre Fortschritte sieht sie dabei ganz pragmatisch in den richtigen Bedingungen am Arbeitsplatz.

Kneipp: "Man braucht Zeit eigentlich nur, um in Ruhe Experimente optimieren zu können, Sachen ausprobieren zu können. Aber es gehört auch ein bisschen Glück dazu und die richtigen Kollegen dazu - ich mach ja nix alleine."

Trotz vieler Projekte und ihrer zweiten Stelle als Juniorprofessorin bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung hat sie immer noch das Gefühl, dass sich ihr Beruf gut mit ihrer Rolle als Mutter, mit ihrem Privatleben, ihrem Hobby als Sängerin in einem Kammerchor und dem gelegentlichen Klavierspielen vereinbaren lässt. Wahrscheinlich weil Wissenschaftlerin zu sein für sie nur eine weitere willkommene Gelegenheit ist, ihren Neigungen nachzugehen.

Kneipp: "Ich denke, Wissenschaftler ist ein Beruf ... also ich üb' den eigentlich auch aus Spaß aus. Und find's klasse, dass es solche Berufe gibt, in denen man dafür bezahlt wird, dass man Dinge erarbeitet, die einem Spaß machen."

Für die Zukunft hat Janina Kneipp noch viele Fragen auf dem Gebiet der Bioanalytik und insbesondere der Zellbiologie vor Augen. Während sie den letzten Rest Milchschaum aus ihrer Tasse löffelt, ist sie sich trotzdem sicher:

"Ich hab eine Familie und ich denke auch, dass man, wenn man nur einmal lebt, auf keinen Fall sein ganzes Leben damit verbringen soll, Raman-Spektren zu messen."

Aber wie es aussieht, wird das Thema sie noch nicht so bald loslassen.

Kneipp: "Es gibt noch viel zu arbeiten. Also, ich denke, dass ich die nächsten Jahre noch viel zu tun habe damit."

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