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Zeitfragen | Beitrag vom 19.07.2017

"Critical Whiteness"Diskriminierung im Alltag - unbewusst und mächtig

Von Azadê Peşmen und Philipp Gessler

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(Unsplash.com/Anna Louise)
Critical Whiteness sondiert die unterschiedlichen Erfahrungen und Positionen von "Weißen" und "Schwarzen" in einer von "Weißen" dominierten Gesellschaft. (Unsplash.com/Anna Louise)

Wir hier und die da: Was anders ist, wird benannt - Ausländer, Migrationshintergrund, Einwanderungsgeschichte. Die unbewusste Norm dahinter: Weiß sein als gesellschaftliche Position, meinen Kritische Weißseinsforscher. Was ist dran an der Kritik?

Unter dem Stichwort "Critical Whiteness" wird heftig darum gerungen, wie unbewusste Privilegien der Weißen bewusst gemacht und aufgebrochen werden. Migrationshintergrund, Ausländer, Einwanderungsgeschichte: Die sogenannten Anderen zu benennen gehört zur Normalität. Unsichtbar bleibt hingegen die weiße Norm. Critical Whiteness bzw. die kritische Weißseinsforschung kehrt dieses Verhältnis um.

Das ist umstritten: Über den Ansatz wird innerhalb und außerhalb akademischer Kreise leidenschaftlich diskutiert. Was ist dran an der Kritik? "Die Macht entkleiden" - Kritische Weißseinseinsforschung in Deutschland. Eine Annäherung.

Gefühlt in "Migrationshaft"

Wie kann man sich diesem Thema nähern? Normalerweise machen wir so eine Sendung zu einem kontroversen Thema, indem wir beschreiben und analysieren, worüber gestritten wird, welche Hintergründe das hat, und wir befragen Experten, was sie dazu zu sagen haben. Bei dieser Debatte um Critical Whiteness kamen wir in der Redaktion so ins Diskutieren, dass wir uns entschieden haben: Wir versuchen mal, die Diskussion selber zu führen und dies in unserer Sendung abzubilden. 

Azadê Peşmen: "Ich lebe seit meiner Geburt in Deutschland und werde oft gefragt, woher ich komme. Also ursprünglich. So richtig bzw. meine Eltern oder Großeltern. Der 'Migrationshintergrund' ist für mich eher eine Migrationshaft. So geht es in Deutschland vielen. Der Autor Mutlu Ergün hat ein paar Antwortmöglichkeiten zusammengefasst":

Philipp Gessler: "Mich hat das Thema Critical Whiteness erstmals bewegt, nachdem ich eine ganze Reihe zum Thema Rassismus und Critical Whiteness in der Tageszeitung 'TAZ' gelesen habe – und teilweise Schwierigkeiten hatte, überhaupt zu verstehen, um was es ging. Was bedeutet das: Privilegien haben, einfach weil man eine weiße Hautfarbe hat? Warum soll die andauernde und bewusste Unterscheidung der Menschen durch Hautfarben so wichtig und zukunftsweisend sein – obwohl man gerade dieses Denken doch eigentlich überwinden möchte? Die Menschen nach Hautfarben zu unterscheiden, in Rassen einzuteilen: dieses Denken kam doch von rechts bis rechtsaußen. Wie kann es sein, dass diese Hautfarbendiskussion von links geführt wird? "

Critical Whiteness – der Begriff stammt aus den USA, ein Land, in dem die Rassendiskriminierung ein untrennbarer Teil der Entstehungsgeschichte der Nation ist, allen hehren Ansprüchen der Verfassung zum Trotz.

Wichtiger Schritt aus der Frauenbewegung heraus 

Schon 1903 sah der afroamerikanische Intellektuelle W.E.B. Du Bois die Zukunft Amerikas davon abhängig, wie Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe im Land miteinander umgehen. Intellektuelle wie der Schriftsteller James Baldwin, später führten die afroamerikanische Literaturwissenschaftlerin bell hooks und die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison seinen Diskurs fort. Sie alle forderten, das Konstrukt des Weißseins und den damit verbundenen Dominanzanspruch kritisch zu hinterfragen.

Einen wichtigen Schritt in Richtung Dialog unternahm die Frauenbewegung ab den 80er Jahren – wenn auch nicht ganz freiwillig. Schwarze Aktivistinnen machten ihre weißen Mitstreiterinnen auf den eigenen Rassismus aufmerksam. Die Vorwürfe trafen die weißen Frauen hart, stießen aber auch auf fruchtbaren Boden in einer Bewegung, deren Mitglieder selbst gegen Diskriminierung ankämpften. In den USA werden die Theorien der Critical Whiteness heute in den unterschiedlichsten Disziplinen angewandt - von den Sozialwissenschaften über die Psychologie bis hin zu Film- und Literaturwissenschaften.

Räume für "Machtgesättigte" 

In Deutschland beschäftigt man sich seit den späten 1990er Jahren verstärkt mit Critical Whiteness besonders vor dem Hintergrund eines eigenen rassistischen Kapitels – der deutschen Kolonialgeschichte. Maisha Auma, eine Professorin an der Humboldt Universität Berlin, hat den ersten Sammelband zu dem Thema mitherausgegeben: "Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseins-Forschung in Deutschland". Sie erklärt das strukturelle gesellschaftliche Ungleichgewicht, die unreflektierte Überlegenheitsposition von Weißen so:

"Soziale Räume sind für Menschen gemacht, die machtgesättigt sind. Die natürlich erst mal ihr Format, ihre Sichtweise durchgesetzt haben. Und diese Sichtweise zu entziffern, ist ein Stück Überlebenswissen. Insofern ist es konsequent zu sagen, dass Critical Whiteness, kritische Weißseins-Forschung, diese Analyse den Menschen gehört, deren Überlebensmittel das sind, also Handlungsmittel, die sie um ihr Überleben zu sichern, entwickelt haben."

Critical Whiteness - die Debatte spiegelt auf jeden Fall wider, dass Bürgerrechte und gleiche Rechte für alle noch lange nicht bedeuten, dass Diskriminierung überwunden ist. Kann die Debatte über das Weißsein, so wie sie geführt wird, dazu beitragen, Diskriminierung und gesellschaftliche Ungleichheit abzubauen? Welche Konsequenz ergibt sich für den Umgang miteinander? Und inwieweit erreicht diese Debatte überhaupt die Breite der Gesellschaft?

Es wäre verwegen anzunehmen, wir könnten mit dieser Sendung, in der wir selbst in die Diskussion eingestiegen sind, ein schlüssiges Fazit ziehen.

"Aber man kann die Sensibilität für dieses Thema schärfen. Zum Beispiel mit der afrodeutschen Dichterin May Ayim, die nur 36 Jahre alt wurde", meint Azadê Peşmen: 


Vollständiges Sendemanuskript als PDF-Download

Mehr zum Thema

Critical Whiteness - Ein Plädoyer gegen die "Farbenblindheit"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 19.07.2017)

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(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 03.05.2015)

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