Mittwoch, 22.11.2017

Religionen / Archiv | Beitrag vom 26.03.2017

Charlotte Wiedemann: "Der neue Iran"Gottesstaat auf Säkularisierungskurs

Moderation: Anne Françoise Weber

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Die Journalistin Charlotte Wiedemann (Foto: privat)
Die Journalistin Charlotte Wiedemann (Foto: privat)

Die Journalistin Charlotte Wiedemann stellt sich in ihrem Buch "Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten" gegen all die Klischees, mit denen wir wohl auf das Land blicken. Eines davon ist die Idee vom "Gottesstaat", in dem Politik und Alltag völlig von Religion bestimmt sind.

Wiedemann zeigt dagegen, dass die Wirklichkeit viel komplexer ist, Politik auch in Iran mehr mit Macht als mit Religion zu tun hat und Menschen aller Schichten sich durchaus Freiheitsräume schaffen. Vor allem die westliche Vorstellung eines tiefreligiösen Gottesstaates, in dem Geistliche Gesellschaft und Politik vollkommen durchdringen, ist so nicht zutreffend. Der Vielvölkerstaat säkularisiere sich zunehmend, sagt die Journalistin im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur.

Weniger Gottesstaat als der Westen annimmt

"Die Rolle der Geistlichkeit geht eigentlich in dieser so genannten Islamischen Republik immer mehr zurück", so Wiedemann. Dies könne man zum Beispiel am Parlament sehen. "Dort waren einst 60 Prozent der Abgeordneten Geistliche - heute sind nur noch sechs Prozent." Auch auf Präsident Hassan Rohani treffe dies zu. Rein äußerlich sehe er zwar aus wie ein Kleriker. "Aber eigentlich gibt es nichts in diesen vier Jahren Amtszeit von Rohani, das war im Guten oder im Schlechten geprägt von seiner Tätigkeit als Geistlicher." Das politische Kräfteverhältnis im Iran sei von daher "nicht viel anders als in anderen Ländern, wo wir eine autoritäre Regierung haben und gleichzeitig einige demokratische Elemente wie eben ein Parlament."

Finanzielle Unterstützung für jüdische Einrichtungen

In ihrem Buch macht Wiedemann auch deutlich: Selbst in den Hochzeiten der Islamischen Republik gab es noch Platz für religiöse Minderheiten. Immerhin rund 10.000 Juden leben heute in Iran dort und finden ihren Platz zwischen staatlichen Anbiederungsgesten und offiziellem Israelhass. Ihre Geschichte sei schwierig, "aber weniger existentiell als es von außen aussieht". Die iranischen Juden würden nicht als Zionisten betrachten und unter Präsident Rohani gehe es ihnen sogar relativ gut: "Sie haben Kultfreiheit, ihre Synagogen, das jüdische Krankenhaus und andere Einrichtungen werden auch vom Staat unterstützt."

Wiedemann, die als Studentin bei einer Anti-Schah-Demonstration verletzt und daraufhin von iranischen Kommilitonen beinahe als Märtyrerin verehrt wurde, ist die tiefe Sympathie für Iran und seine Bevölkerung anzumerken. Ihre klare Analyse der Schwächen und Schwierigkeiten dieser Gesellschaft trübt das nicht.

Leseprobe: "Komplex sind die Machtstrukturen und Entscheidungsprozesse, der ständige Konflikt zwischen den theokratischen und den republikanischen Elementen des Systems. Dann die Rolle der Religion, die sich im politischen und im privaten Raum sehr unterscheidet; dazu kommen die Besonderheiten des schiitischen Islam, der bei uns zu Unrecht für fanatisch gehalten wird. Das System hält sich wie ein Perpetuum mobile in einem geheimnisvollen Gleichgewicht der Kräfte; diese Konstruktion gewinnt (…) eine gewisse Stabilität unter anderem daraus, dass Vorschriften und Sittenregeln massenhaft verletzt werden." (S. 12)

Charlotte Wiedemann: Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten
dtv, 304 Seiten, 22 Euro

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