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Tonart | Beitrag vom 30.08.2016

Cellist und Dirigent David GeringasZurück zu seinen Wurzeln

Von Philipp Quiring

David Geringas 2009 in Moskau. (imago/ZUMA Press)
David Geringas 2009 in Moskau. (imago/ZUMA Press)

Als Tschaikowsky-Wettbewerbs-Preisträger ist er einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Er setzt sich aber auch mit der Musik seiner Heimat auseinander. Wir werfen einen Blick in das litauische Musikleben durch die Brille des Cellisten und Dirigenten David Geringas.

"Die Geschichte ist ja so eine Sache! Die kann man nicht lenken, die kann man nicht verändern. Man kann sie verschweigen, aber irgendwann kommen die Erkenntnisse doch immer heraus, weil die Geschichte eine objektive Sache ist."

David Geringas: Cellist, Dirigent und Litauer! Objektiv ist die Geschichte Litauens für ihn nicht. Vielmehr war und ist sie Teil seiner persönlichen Biografie. Hineingeboren in die Nachkriegszeit lernte er früh litauische Musik kennen. Es gehörte zur musikalischen Ausbildung, die Werke litauischer Komponisten ins Repertoire mit aufzunehmen. In der Schule wurde als eigenständiges Unterrichtsfach litauische Musik vermittelt. Dennoch wurden dem jungen Geringas weite Teile der musikalischen Identität seines Heimatlandes nicht zugänglich gemacht. Komponisten der Vorkriegszeit, die während des Krieges die Sowjetunion verließen, wurden nicht gespielt. Über sie wurde nicht gesprochen. Kazimieras Viktoras Banaitis war während der 30er Jahre ein bedeutender und bekannter Komponist Litauens. David Geringas kam mit dem emigrierten Banaitis jedoch erst Anfang der 70er-Jahre in Berührung, durch den Vorschlag seines Harmonielehre-Lehrers doch seine Sonate zu spielen.

Renaissance der Komponisten

Geringas: "Und ich bin selber in Berührung gekommen mit westlichen-litauischen Kreisen, die die litauische Kultur immer sehr gepflegt haben und natürlich hört man von den Litauern in Amerika und Kanada. Und die meisten, von diesen Musikern haben eine sehr ehrenhafte und großartige Tätigkeit geführt in den Migrationsländern, in denen sie lebten, also die meisten in Amerika und Kanada natürlich. In Litauen gibt es jetzt natürlich so eine Renaissance von diesen Leuten wie zum Beispiel Vladas Jakubėnas, er wird sehr verehrt und ein Stück von ihm habe ich auch aufgenommen, was ich sehr schön finde."

Eine Renaissance ehemals angesehener und im Kulturleben fest etablierter Komponisten, bedingt auch dadurch, dass einige Emigranten wie etwa Bronius Budriunas zunehmend wieder den Kontakt gen Heimat suchten. Die Musik der späten 40er- bis späten 70er-Jahre fällt in die sowjetische Periode Litauens. Bedeutende Komponisten dieser Zeitspanne wie Balys Dvarionas, Eduardas Balsys und Stasys Vainiunas wurden politisch aufmerksam beobachtet. Die Musik als tönendes Abbild der Liebe gegenüber der eigenen litauischen Herkunft wurde in Moskau nicht gerne gesehen. David Geringas, eng mit kulturell wichtigen Persönlichkeiten des Kulturlebens verflochten, reiste 1975 aus der Sowjetunion aus.

Geringas: "Aber ich habe immer Kontakt mit meinen Freunden in Litauen gehalten und die Freundschaften und das habe ich natürlich sehr genossen."

Zu wenig litauisches Repertoire für Cellos

Rund zwanzig Jahre verbrachte David Geringas in Westeuropa. Seine Weltkarriere nahm seinen Lauf. Während eines Konzertes in Japan 1990 gratulierte ihm eine ältere japanische Dame zur Unabhängigkeit Litauens.

Geringas: "Ich war total erschlagen. Was für ein Interesse hat eine Dame in Japan an dieser Tatsache, ich war wirklich sehr erstaunt. Und als ich dann von Tokyo nach Wien geflogen bin, war das erste, was ich gemacht habe, dass ich den Parlamentspräsident Witold Eslandsbergis persönlich angerufen habe. Denn er war Lehrer bei uns in der Schule, in der Schillonis-Schule und ich habe ihm gratuliert."

Bis Geringas in seine Heimat zurückkehrte, dauerte es dann noch drei weitere Jahre. Eine erste geplante Reise 1990 konnte trotz eines gültigen Visums und eines gekauften Zugtickets nicht angetreten werden. Sowjetische Panzer wurden in Vilnius in Stellung gebracht, die Grenze geschlossen.

1993 erfolgte dann die Rückkehr in die Heimat. Gleichzeitig die Möglichkeit für Geringas seinen Einsatz für die Förderung litauischer Musik zu intensivieren. Auch aus Eigeninteresse, weil es zu wenig litauisches Repertoire für Violoncellos gäbe, vergab er fünf Kompositionsaufträge an litauische Komponisten. Geringas führte ihre Werke auf und hielt sie auf CD fest.
Er suchte gezielt nach Nachfahren litauischer Komponisten und schuf eine Möglichkeit des fruchtbaren Austausches ebenso wie mit weiteren lebenden Komponisten. Als Plattform - zunehmend professionalisiert - diente ihm hierfür sein eigenes Festival "David Geringas & Friends" mit Musik litauischer Komponisten und Nachfahren litauischer Komponisten am Klavier.

"Für mich sind diese kreativen Geister Götter"

Geringas: "Wir pflegten einfach das zu zeigen, wie mit den Komponisten, mit den Schöpfern, die ich als sehr wichtig empfinde. Für mich sind die sozusagen Götter, diese kreativen Geister, denen wir folgen müssen, wir Interpreten. Und das führte dazu, dass wir auch aufgeführt haben und dann auch aufgenommen haben. Und ich bin sehr stolz auf die Arbeit, weil es hat was zu tun mit meinen Wurzeln, mit meinem Land, wo ich geboren bin."

Eine Arbeit, eine Auseinandersetzung mit der eigenen musikalischen Identität, die auch für das zukünftige Wirken Geringas eine Rolle spielen wird. Durch mehrere CDs, der Aufführung litauischer Literatur auch außerhalb der heimatlichen Gefilde, kann durch ihn das musikalische Gedankengut zunehmend entdeckt werden. Als Cellist und auch als Dirigent. So steht er am litauischen Operntheater am Pult, wenn das erste Mal seit der Entstehung in den 60er Jahren das Ballett "Eglè – Die Königin der Nattern" von Eduardas Balsys wieder ins Repertoire aufgenommen wird.

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