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Buchkritik | Beitrag vom 23.05.2017

Carsten Jensen: "Der erste Stein" Die Hölle auf Erden

Von Thomas Wörtche

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Buchcover "Der erste Stein" von Carsten Jensen (Albrecht Knaus Verlag/imago/Kyodo News)
Buchcover "Der erste Stein" von Carsten Jensen und die Provinz Kandahar in Afghanistan. (Albrecht Knaus Verlag/imago/Kyodo News)

Dänische Nato-Soldaten kämpfen in Afghanistan, bis sie von ihrem Zugführer verraten werden. Doch wer ist Verräter, wer gehört zu Taliban und wer ist Warlord? "Der erste Stein" von Carsten Jensen entwickelt sich vom Kriegsroman nach und nach zu einem bösen Polit-Thriller.

"Der erste Stein" von Carsten Jensen beginnt wie ein Kriegsroman aus Afghanistan. Erzählt wird vom Schicksal eines dänischen Nato-Kontingents, irgendwo in der Wüstenei der Provinz Kandahar. Der 3. Zug ist in einem vorgeschobenen Camp basiert, von dort aus werden Patrouillen gefahren, es herrscht die übliche Langeweile, punktiert von Momenten der Lebensgefahr, Gewalt und Tod, in einer unsicheren und undurchsichtigen Gesamtlage. Wer ist Freund, wer ist Feind? Wer gehört zu den Taliban? Wer ist Warlord? Wer ist einfach nur Bauer oder Händler? Wie sehen die jeweiligen Konstellationen und fragilen Bündnisse aus, die noch vor Tagen anders aufgestellt waren?

Was treiben die Spezialeinheiten der USA? Was die Söldner-Firmen? Wer hat welche Interessen? Der 3. Zug hat seine internen gruppendynamischen Probleme, der Kommandeur denkt, er sei clever und verstehe, wie Land und Leute ticken. Dann bricht die Welt dieses 3. Zuges radikal zusammen. Der Zugführer, Oberleutnant Rasmus Schrøder, verrät seine Leute, die Hälfte von ihnen wird von Afghanen ermordet, die andere Hälfte verschleppt. Ein Höllentrip beginnt, keine einzige Gewissheit wird ihn überleben. Ist Schrøder nur ein Verräter? Welche Strippen werden wo und von wem in welcher Absicht gezogen? Und so wird aus dem Kriegsroman nach und nach ein böser Polit-Thriller, dessen Ränkezüge so ziemlich alles übertreffen, was man in diesem Genre je gelesen hat. Der Roman entwickelt einen Sog ins Ungeheure, an dessen Realitätstüchtigkeit man allerdings keine Sekunde Zweifel hat. Und es gibt noch eine Dimension: Es geht um Menschheitsfragen.

Folgen einer zynischen Politik

Um Loyalität und Verrat oder um Identität, um Virtualität und Wirklichkeit, um Bestimmung und Kontingenz, um Tradition und Moderne, um Zivilisation und Barbarei. Vor allem Barbarei, denn die Schilderungen der Kriegsrealitäten sind gnadenlos. Dass Krieg toxisch ist, wissen wir. Wie toxisch er sein kann, was er für Menschen bedeutet, was leben, sterben und überleben bedeutet, dafür findet Jensen eindringliche Bilder und Szenen. Radikal auch die Schicksale, die er seinen Figuren angedeihen lässt, die physischen und psychischen Qualen, denen er sie aussetzt. 638 Seiten Terror, der alle verändert. Auch unser Blick auf Afghanistan verändert sich, unsere Einschätzungen werden brüchig, weil Jensen die konkreten Folgen einer zynischen Politik mit deren Konsequenzen für Menschen konfrontiert.

Ohne Versöhnlichkeit, ohne Hoffnung, ohne Ausweg. Der erste Stein ist längst geworfen, Transzendenz bietet keinen Trost, die Archaik des Landes scheint unüberwindbar. Der Roman ist auch deswegen ein großes Stück Literatur, weil Jensen seine genauen Recherchen zum organischen Teil der Handlung macht und nicht etwa um Fakten herum eine dürre Handlung baut, die uns "über Afghanistan" belehren will. Der Roman erzählt in klarer Prosa, ruppigen Dialogen, extrem grausamen und rührenden Szenen in ultrazynischen und empathischen Passagen sowie grandiosen Landschafts- und Himmelsbildern von Menschen und ihren Lebensumständen. Ein Polit-Thriller ohne Genre-Klischees und sicher eine neue Qualität von Polit-Thriller, die Maßstäbe setzen sollte. Ein Meisterwerk.

Carsten Jensen: "Der erste Stein"
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Albrecht Knaus Verlag, München, 2017
638 Seiten, 26,00 Euro

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