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Sonntag, 19.11.2017

Sein und Streit | Beitrag vom 17.09.2017

BundestagswahlWie manipuliert sind wir?

Michael Pauen im Gespräch mit Svenja Flaßpöhler

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Illustration: Zwei Menschen werden von einem Marionettenspieler gelenkt. (Imago / Ikon Images)
Sind wir in unserer Meinung wirklich frei? (Imago / Ikon Images)

Wie frei sind wir in unseren Entscheidungen, wenn wir bei der Bundestagswahl unser Kreuzchen machen? Wie stark werden wir durch Bots, Fake News, Umfragen und unser Umfeld manipuliert? Der Philosoph Michael Pauen sieht besonders im Digitalen Möglichkeiten der Manipulation.

Manipulation sei gezielte und verdeckte Beeinflussung. Insofern könne niemand von sich behaupten, dass er oder sie "unmanipuliert" sei, sagt der Philosoph Michael Pauen. Und: Manipulation habe es immer schon gegeben. Sie existiere überall dort, wo es Machtgefälle gebe.

Klar sieht Pauen die ungeheuren manipulativen Möglichkeiten des Digitalen: Dark Posts, Bots, Fake News beeinflussen eindeutig.

Sich des eigenen Verstandes bedienen

Umso wichtiger sei es, den eigenen Verstand zu gebrauchen, und zwar durch "Anstrengung". Jede und jeder habe heute Zugang zu unzähligen Medien, inländischen wie ausländischen. Fake News als solche zu entlarven, sei immer möglich, zumal es sich zumeist um "offensichtlichen Schwachsinn" handle, den nur jene sie für wahr halten, die ihn für wahr halten wollen.

Eine Gefahr sieht Pauen eher im Konformitätszwang, der auch – wie jetzt zur Wahl – durch Umfragewerte ausgeübt werde und sicherlich eine Form der Beeinflussung darstelle. Wenn viele Menschen im eigenen Umfeld eine bestimmte Partei wählen, so Pauen, wirke sich das auch auf die eigene Entscheidung aus.

Aus diesem Grund empfiehlt Pauen, die eigene "Filterblase" immer wieder gezielt zu verlassen und sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen.

Die Verführungskraft des Charismatikers stelle, was die Manipulation angeht, eine "Grauzone" dar. Natürlich besitze der Charismatiker durch seine Rede- und Überzeugungskunst manipulatives Potenzial; gleichzeitig aber sei Pauen sich sicher, dass ein Mensch, der die Inhalte einer charismatischen Rede nicht teile, ihr auch nicht verfalle. 

Das falsche Bewusstsein

Die Einschätzung, dass nicht nur die Neue Rechte, sondern auch die linke Theoriebildung zur Verabsolutierung der Manipulation neige, teilt Pauen. Theodor W. Adorno sprach vom "Verblendungszusammenhang", Marx vom "falschen Bewusstsein", das von bestimmten Interessegruppen vermittelt werde.

Bei allen Unterschieden sei diesen Ansätzen gemeinsam, dass es immer nur wenige Menschen gibt, die die Verblendung durchschauen. Pauen vertritt mit Blick auf die Philosophiegeschichte die Auffassung, dass die Wahrheit allen Menschen zugänglich ist. Eine "elitäre Schau" der Wahrheit lehnt er ab. 

Gibt es eine gute Manipulation?

Nudge heißt übersetzt: Schubs oder Stups. Gemeint sind damit Manipulationsformen der liberalen Gesellschaft, die uns etwa zu gesundem Verhalten anleiten, ohne Verbote auszusprechen. Für Pauen ist entscheidend, dass diese Strategien öffentlich gemacht und öffentlich diskutiert werden.

Auch die Entscheidung, bestimmte Formen des Nudging einzusetzen, sei das Resultat eines öffentlichen Prozesses, weshalb es sich um keine Manipulation im engeren Sinne handele, sondern eher um Beeinflussung. Wir Bürger, so Pauen, hätten uns zudem nun einmal für eine Politik entschieden, die es zum Beispiel auch nahelegt, Organe zu spenden.

Eine gute Manipulation aber, so Pauen, gebe es nicht, denn sie widerspreche der Autonomie des Einzelnen.


Außerdem in der Sendung

Dark Posts, Fake News, Bots: Kleines Lexikon der digitalen Manipulation
Von Jennifer Rieger

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Die ganze "Sein und Streit"-Sendung vom 17.9.2017 zum Thema "Bundestagswahl: Wie manipuliert sind wir?"

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