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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.07.2016

BooktuberDigitale Mundpropaganda

Von Jochen Rack

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Leipziger Buchmesse (AFP / Robert Michael)
Jenseits des etablierten Literaturbetriebs: die Booktuber (AFP / Robert Michael)

Mit der etablierten Literaturszene haben Booktuber nicht viel zu tun. Was für sie zählt, ist die Authentizität ihres literarischen Geschmacks und ihres medialen Auftritts.

Sophie Palme, 23, Booktuberin, Berlin: "Ich habe meinen Videoblog auf Youtube 2014 gestartet und habe mich mit anderen Booktubern ausgetauscht und gefragt: Und da hat es geheißen, sei du selbst, rede über die Bücher, die dich wirklich interessieren, du musst dich keinem Massengeschmack anpassen, das merken die Leute sofort, wenn du nicht authentisch bist; das hat mich dann auch motiviert."

Anne Spitzner, 25, Booktuberin, Dresden: "Ich öffne den Browser, dann gehen wir auf Youtube, ich melde mich mal an ... dann sehen wir das so, wie ich das sehe - mit den ganzen Statistiken (tippt). Mein Kanal heißt literaturlärm, den habe ich seit März letzten Jahres und wie ich jetzt gerade gesehen, habe 666 Abonnenten aktuell.

Jo Lendle, 48,Verleger, Hanser Verlag, München: "Wir glauben schon, dass diese neuen Formen des Austausches über Bücher wichtig ist, mehr noch wichtig wird als eine Möglichkeit, das zu machen, was immer schon Bücher an die Leser gebracht hat, nämlich Empfehlungen. Und das kann natürlich auch in Form von Booktubern oder Bloggern dann stattfinden. Im Augenblick ist das eine Szene, die im Entstehen ist."

Karla Paul, 33, Verlegerin, Edelbooks Hamburg: Diese Booktuber und Blogger erreichen weltweit Millionen von Lesern, und ich denke, dass das Feuilleton ein kleines Neidproblem hat, weil sie bis heute nicht verstanden haben, wie sie da nachziehen können.

Andreas Dutter, 23, Booktuber, Wien: "Ich habe mich jetzt schon einmal vor das Bücher-Regal gesetzt und das Stativ aufgebaut mit der Kamera drauf und dem Mikrophon, und jetzt bin ich eben dabei, dass ich die Belichtung ändere mit den Einstellungen der Kamera und den Fokus auf mich richte, damit ich später nicht verschwommen bin im Video. Natürlich die Haare habe ich mir gemacht und über meine Anziehsachen habe ich mir schon Gedanken gemacht, aber jetzt nicht so, dass ich mich aufbrezle, denn es geht sehr viel um Authentizität, deshalb würde es merkwürdig wirken, wenn man sich zu gekünstelt vor die Kamera stellt, weil Booktuber ist ja immer noch mehr dieses digitale Mundpropaganda."

Andreas Dutter ist als Booktuber Teil einer wachsenden Internet-Community bzw. eines sozialen Netzwerks, in dem mit Passion auf Videos über Lektüre-Erfahrungen gesprochen wird und man sich gegenseitig Bücher empfiehlt. Ein Bewusstsein für die Inszenierung des eigenen Auftritts gehört im Videoformat dazu:

"Ich bin jetzt dreieinhalb Jahre dabei, und das Ganze gibt's vielleicht vier, fünf Jahre. Ich habe das zufällig gefunden. Ich habe nach einem Buch gegoogelt, das ich gelesen habe, und dann habe ich nichts gefunden dazu, wo jemand eine Meinung dazu geäußert hat, und dann habe ich das auf Youtube eingegeben und habe dann so ein Video gefunden, wo jemand über das Buch gesprochen hat, und das hat mir dann so gut gefallen, dass ich gedacht habe, das mache ich auch."

Palme: "Ich klicke jetzt mal eines meiner letzten Videos an, das aus 2016, und zwar habe ich ein Video gemacht von Autoren, die ich 2015 entdeckt habe. Das Video ist am 15.1. online gegangen, hat momenan 350 Aufrufe und hat eine größere Anzahl an Kommentaren."

Auch Sophie Palme, Germanistik- und Skandinavistikstudentin aus Berlin, gehört zu den engagierten Aktivistinnen der Szene, die regelmäßig Büchervideos ins Netz stellen. Anders als Andreas Dutter, der sich vor allem mit Unterhaltungs- und Phantasy-Literatur beschäftigt, präsentiert sie vor allem literarische Neuerscheinungen, wie sie auch im Feuilleton besprochen werden:

A - Anna Buchprinzessin. B - Bibliofee. C - Crazybooks. D - Der Buchtoaster. E - Erika Buchnerd. F- Flybooker. G - Goldschrift. H - handverlesen. I- inasAart. J- Jane's Bücherecke. K - Kapitälchen. L - Literaturlärm. M - MagicBookWorld. N - Nickis Bücherwelt. O - OurBookPassion. P - Papiertourist. R- ReadingBookChannel ...

200 bis 300 deutsche Booktube-Kanäle von A bis Z gibt es bislang im Netz. Und es werden immer mehr, von der Generation der 14- bis 40-Jährigen bestimmt und vornehmlich von Frauen, die 80-90 Prozent der Booktuber, auch genannt "Vlogger" - Videoblogger - ausmachen.

Palme: "Ich würde schon denken, dass Booktube so ein Generationending ist, Youtube hat seine Zielgruppe bei 13- bis 17-Jährigen."

S - Seitengeknister. T -Tintenwelten. V- VERStand. W - Wortkunstwerk. Z - Zeilenverliebt.

Die neue Booktuber-Szene wurde von der etablierten literarischen Öffentlichkeit bis vor kurzem kaum wahrgenommen. Oder abgelehnt und abgetan:

Thomas Brasch, Literaturblogger: "Um es bei aller nachvollziehbaren Zurückhaltung und Toleranz gegenüber allen Formen der Literaturvermittlung doch mal an dieser Stelle ganz deutlich zu sagen: ich finde es grauenvoll, dass diese Darbietungen, dieses ungenierte Plappern erfolgreich Bücher verkauft. Soviel Neid muss sein. Mit solchen Formaten trifft die Anspruchslosigkeit eines selbstgefälligen Youtube-Sternchens auf die Anspruchslosigkeit naiver Teenies. Inhaltlich und sprachlich erreichen die Buchvorstellungen noch nicht mal das Niveau des Klappentextes der besprochenen Bücher."

Booktuber wollen mehr sein als Quasselstrippen

Auf diese und ähnliche Angriffe reagierte die Community der Booktuber mit der Aktion "WirsindBooktube". Dabei ging es um die Frage, ob Booktuber bloß Quasselstrippen sind, die Trivialliteratur verbreiten, oder nicht vielmehr Teilnehmer eines literarischen Diskurses, die genauso viel Recht haben, über Bücher zu reden wie etablierte Literaturkritiker:

"Ich bin gegen Vorurteile. Alle Booktuber lesen nur Bestseller. Alle BT wollen nur Geld."
"Booktube ist für mich eine Möglichkeit, sich auf einer Plattform über Bücher auszutauschen. Das, was hier in der Booktuberwelt passiert, ist nicht die Kritisierung der Literatur sondern einfach, den eigenen Geschmack rüberzubringen. Booktuber sind Menschen, die Videos drehen und darin über Bücher sprechen. Ich bin einer davon."

Anne Spitzner, 25, Booktuberin, Dresden: "Ich bin Buchhändlerin von Beruf, habe vorher Germanistik und Philosophie studiert. Auf Booktube bin ich seit März 2015 aktiv. Hauptsächlich ist es die Kommunikation über Bücher, die schön ist. Gerade dass ich mich für das Videoformat entschieden habe, war eine Herausforderung, schriftlich hätte ich das einfacher und lockerer hingekriegt, aber ich wollte das trainieren, dass man das besser mündlich hinbekommt."

Anne Spitzner dreht im Durchschnitt jede Woche ein Rezensionsvideo. Im Jahr 2015 hat sie 155 Bücher gelesen, ein enormes Pensum, bei dem mancher professionelle Kritiker wohl nicht mithalten könnte. Booktuber sind geradezu Bücherfresser. Sofie Palme las im Jahr 2015 insgesamt 125 Bücher, produzierte 30 Rezensionen und stellte alle anderen Bücher in ihrem Kanal unter der Übersichtsrubrik "Lesemonat" vor.

Sofie Palme redet über Homers "Odyssee" oder gibt Tipps zur richtigen Dostojewski-Lektüre für Einsteiger. Anne Spitzner bespricht Ralf Rothmanns Roman "Im Frühling sterben" oder Thomas Hettches "Pfaueninsel". Dagegen hat sich Andreas Dutter auf Unterhaltungs- und Fantasyliteratur spezialisiert und entspricht damit am besten dem Geschmack des Booktube-Publikums.

Multimediale Talente, die Bücher auch für Jüngere attraktiv machen

Booktuber sind multimediale Talente, nicht nur Bewohner der Gutenberggalaxis, vertraut mit gedruckten Büchern und der bürgerlichen Kulturtechnik des Lesens, sondern auch vertraut mit den neuen Medien. Das Buch, von dem man dachte, dass es für die jüngere Generation nicht mehr so attraktiv sei, kommt über das Internet zum Publikum zurück.

Palme: "Das finde ich gar nicht als schlecht, dass durch das neue Medium das alte Medium Buch so ein bisschen aufbereitet wird. Andi hat ja auch diesen Anspruch, dass es nicht uncool ist, zu lesen, er gibt sich sehr sympathisch, ist ein Mensch, der als Vorbild dient in der Booktube-Szene. Er hat auch etwas sehr Sympathisches, ich guck ihn auch gerne, selbst wenn sich unsere Lesegeschmäcker kaum überschneiden. Es ist einfach, wie das vermittelt wird, wie manche Menschen über Bücher sprechen, dass sie mit so einer Leidenschaft dabei sind und trotzdem sagen, die sind zwar internet-affin und beschäftigen sich auch mit Serien, und trotzdem auch mit Büchern."

Reine Rezensionen zu einzelnen Büchern sind auf Booktube am wenigsten gefragt, das zeigen die Klickzahlen. Sogenannte "Lesemonate", "Neuzugänge", Top 10-Videos oder Bookhauls haben größere Zuschauerzahlen. Es gibt auch noch einige andere Formate wie zum Beispiel Gespräche über Bücher, "mein Bücherregal", "Buchverfilmungen", "meine Lieblingsbücher" oder Berichte von Buchmessen; der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Auch literarische Spiele, ähnlich denen auf manchen Literaturseiten von Zeitungen oder in öffentlich-rechtlichen Büchermagazinen, erfreuen sich großer Beliebtheit:

Spitzner: "Es gibt die sogenannten Tags, das sind so kleine Fragespiele, die auf sozialen Netzwerken rumgehen, auf Booktube geht es meistens um Bücher, aber so Sachen, die man aktuell nicht bespricht."

Karla Paul, Verlagsleiterin von Edel eBooks: "Insgesamt wird ja der Begriff 'social reading' dafür verwendet, da wird ohne zeitliche und räumliche Grenzen das fortgesetzt, was früher in den Teehäusern oder in den Bibliotheken und Buchläden stattgefunden hat."

Dabei beschäftigen sich Booktuber häufig mit literarischen Genres die im traditionellen Feuilleton so gut wie nicht vorkommen.

Palme: "Das stimmt auf jeden Fall, dass im Feuilleton nicht die Literatur besprochen wird, die vielleicht dann doch die Jugendlichen mehr lesen, oder die jüngeren Erwachsenen. Dass das im Feuilleton total fehlt, wenn man sich die größeren Zeitungen anschaut, da wird kaum über Jugendliteratur, Krimis, Thriller, einfache Unterhaltungsromane gesprochen. Das kann ich mir schon vorstellen, dass die Youtube-Community dadurch entstanden ist, weil da wirklich eine Lücke ist."

Dass sich Booktuber vielfach der Populär-, Unterhaltungs- oder sogenannten Trivialliteratur widmen, wird ihnen von den Vertretern der sogenannten Hochkultur gern vorgeworfen. Dabei hat die verachtete Genre-Literatur die großen Auflagen und die meisten Leser, und nicht alle Fantasy- und Spannungsliteratur ist automatisch von schlechter Qualität. Im Naserümpfen über die Booktuber äußert sich auch der Snobismus einer elitären Kulturauffassung, die auf soziale Distinktionsgewinne aus ist.

Thomas Brasch, Literaturblogger: "Es bestätigt zudem meine Ansicht, dass man Menschen nicht ästhetisch erziehen kann, sondern ästhetisches Empfinden in früher Jugend kaum noch veränderlich konditioniert wird. Und solche Formate verstärken diese Konditionierung noch.

Wer mit 16 Jahren Fantasy-Fiction und sonstige eskapistische Trivialliteratur liest, wird sich nicht Jahre später der Indie-Literatur hinwenden oder begeistert Virginia Wolff, Juli Zeh, Albert Camus, Thomas Bernhard, Reinald Goetz etc. lesen."

Mit seinem Verdikt über die Booktuber provozierte der Blogger Thomas Brasch auf seinem Literaturblog "Brasch und Buch" heftige Reaktionen.

Palme: "Wer schreibt uns denn vor, was richtige Literatur ist. Und was habe ich davon, wenn ich die richtige Literatur lese und sie mir nicht gefällt? Für viele ist Literatur vornehmlich Unterhaltung, und viele beschäftigten sich nicht wie ein Literaturkritiker damit, und das ist völlig legitim. "

Legitimation durch literarische Eliten? Unnötig!

Die scharfen Trennlinien zwischen High and Low Culture werden längst nicht mehr akzeptiert. Booktuber bedürfen keiner Legitimation durch die literarischen Eliten.

Dutter: "Für mich gibt es hochwertige Fantasyliteratur, aber das sehen viele anders. Ich denke, dass es in jedem Genre Literatur gibt, die hochwertige Literatur ist und Kriterien zu finden, was in welchem Genre bestimmen darf, welche Literatur hochwertig ist und was nicht, das ist schwieriger zu untermauern.

Ich glaube vor allem bei Jugendbüchern und Phantasybüchern geht es nicht vor allem darum, wie sie geschrieben sind, sondern solche Bücher leben von Emotionen. Gerade bei den Jugendbüchern habe ich oft erlebt, dass die Jugendlichen von Charakteren angesprochen werden und Krisen durchmachen, die sie selbst kennen."

Lendle: "Ich glaube aber auch, dass es nicht richtig ist, die immer eins zu eins zu vergleichen mit der klassischen Literaturkritik, weil die Zielrichtung eine andere ist.

Die Literaturkritik versucht so objektiv wie es nur möglich ist, Kategorien zu finden, Analysen zu betreiben, Bücher einzuordnen, während das durchschnittliche Literaturblog eher von einer subjektiven Lektüre ausgeht und sagt: Bei mir hat es dies und das gemacht. Das ist in Ordnung, aber es ist etwas anderes. Man darf es nicht eins zu eins vergleichen."

Die Leser klassischer Literaturkritiken werden in vielen Booktube-Videos die analytische Ebene vermissen. Über Schreibstile und Konstruktionen wird nicht viel gesprochen. Oft gibt es identifikatorische Urteile zu Figuren, in die man sich hineinversetzt; oft fehlen die einfachsten literarischen Kategorien. Viele Booktuber bleiben bei der Beschreibung der eigenen Begeisterung stehen und geben eine emotionale Empfehlung. Aber auch das hat seine Berechtigung und seinen Charme. Außerdem gibt es auch für den analytischen Geschmack ein Angebot. Anne Spitzner und Sofie Palme sind in dieser Hinsicht Gegenspielerinnen zu Andreas Dutter, denn sie bemühen in ihren Besprechungen durchaus Begriffe, die auch die klassische Literaturkritik verwendet:

Palme: "Ich möchte in meiner Rezension nicht nur sagen: Das Buch war toll, und das Cover sieht gut aus, und die Sprache war schön, und es lässt sich flüssig lesen, sondern ich möchte sagen: Was ist an dem Text besonders? Was ist der Erzählstil, wie ist der Roman aufgebaut, aus welcher Perspektive ist erzählt, wer sind die Figuren, was machen die? Dass man auf so was alles eingeht, was das Buch für mich bedeutet. Gibt es vergleichbare Bücher? Sowas interessiert mich alles."

Sofie Palme hat für ihren anspruchsvollen Kanal VersTand 744 Abonnenten und 32.000 Aufrufe ihrer Videos, seit der Kanal existiert. Durchschnittlich 500 Aufrufe bekommt sie pro Video und bedient ein kleines Publikum von ungefähr 300 Leuten. Aber es geht Palme nicht um Massenkompatiblität, sondern um ihre literarischen Interessen und den Austausch mit ihrem Publikum. Dabei spielen die Kommentare, die Zuschauer zu den Videos ins Netz stellen, eine wichtige Rolle, ja sie sind ein ganz wesentlicher Reiz beim Booktuben, weil durch sie ein enger, persönlicher Bezug zum Publikum entsteht und gleichzeitig ein intensives Gespräch über Literatur.

"Matts Books: Tolles Video :-) Ich werde nun auch einmal zu Dostojewski greifen und deiner Empfehlung nach mit Der Spieler beginnen:-) Liebe Grüße Matt"

Booktuber verzichten bewusst auf visuelle Mätzchen

Die Machart der Booktube-Videos zeichnet sich durch eine bewusst amateurhafte Ästhetik aus, in der die Authentizität des Auftritts zählt, nicht irgendwelche visuellen Mätzchen. Die Videos folgen einer Unplugged-Ästhetik, sind spontan und improvisiert, Fehler werden in Kauf genommen.

Dutter: "Fernsehen ist es nicht. Weil Fernsehen wäre ja auch geskriptet, und das ist es bei mir meistens nicht. Natürlich, wenn ich 10 Bücher vorstelle, schreibe ich mir die Namen auf oder worum ging es aber nicht, was ich sage. Vom visuellen Auftritt ist es so, dass man merkt, dass ich Fehler drin lasse, dass ich mich jetzt nicht so darstelle, als wäre alles, was ich mache perfekt. Es gibt Videos, da lasse ich es drin, wenn ich niese oder wenn mir ein Buch runterfällt oder irgendwas von meinem Bücherregal runterfällt, dass man eben merkt, ich dreh die Videos, weil ich mich mitteilen will über meine Bücher und nicht, weil ich irgendwas zur Schau stellen will."

Booktuber sitzen meistens vor einer Bücherwand, bleiben bei der statischen Halbportrait-Einstellung, halten Bücher hoch und legen sie weg. Die Produktionsmittel der Booktuber beschränken sich auf eine Digitalkamera mit Stativ und einen Laptop mit einfachem Schnittprogramm zur Nachbearbeitung der Videos. In den USA ist die Booktube-Ästhetik dagegen weiter entwickelt. Christine May Riccio zum Beispiel, präsentiert auf ihrem Kanal "Polandbananasbooks" Videos mit einem bewusst hippen visuellen Touch.

Christines Bookvideos sind rasant geschnitten, immer tritt sie gut geschminkt vor die Kamera, frönt Starallüren, hüpft und fuchtelt überdreht vor der Kamera herum, verfremdet ihre Stimme zuweilen ins Mickymousehafte, entfesselt ein Feuerwerk von schrillen Gags und Effekten. Das alles hat einen hohen Unterhaltungsfaktor. Christine ist ein Showgirl der Booktuberszene. Wenn sie über traurige Bücher spricht, malt sie sich Tränen ins Gesicht.

Geld verdienen als Booktuber? 

Von 25.000 Klicks nach zwei Tagen oder 100.000 Aufrufen pro Video und Jahr können deutsche Booktuber nur träumen. Andreas Dutters Videos werden im Durchschnitt 2000 Mal angeklickt. Christine May Riccio spielt da in einer anderen Liga. Sie führt auch Interviews mit Schriftstellern und Schauspielern, wenn ein Buch verfilmt wird. Und sie wird entsprechend von den Verlagen hofiert und kann mit ihren Videos Geld verdienen. Booktube goes Hollywood.

Bei den deutschen Booktubern, die wie Hieronymus im Gehäus vor ihren Bücherwänden sitzen, sind ästhetische Mätzchen und Überinszenierungen selten. Die Booktuberin Winkie nimmt ihren Mops mit ins Bild, wenn sie über Bücher spricht, das gilt schon als extravagant. Und Anne Spitzner erlaubte es sich einmal, ein Video im Wald aufzunehmen, als sie das Buch "Wald" von Doris Knecht besprach. Sofie Palme wagte eine Rezension im Kopfstand mit hochgestreckten Bärchenhausschuhen, als sie ein Buch von Ernst Jandl vorstellte und über Dadaismus und konkrete Poesie sprach. Aber das sind Ausnahmen. Gerade die schlichte Unplugged-Ästhetik der deutschen Booktubes kommt offenbar gut an.

Booktuber sind One-Man-Bands, lichtsetzender Kameramann, Hauptdarsteller und Cutter in einer Person. Andreas Dutter legt meistens Musik unter seine Videos, Spitzner und Palme ist noch das zu viel Effekt. Unplugged eben. Das gilt auch für ein recht populäres Format, das Andreas Dutter mit einigen Mitstreitern der Szene regelmäßig produziert, den sogenannten Bookcircle.

Dutter: "Es ist so, dass wir immer ein Buch auswählen im Monat ... und das wird den Monat über gelesen, da haben wir bei Goodreads ein Forum erstellt, wo die diskutieren können. Und am Ende des Monats gibt es ein Livevideo, wo wir gemeinsam über ein Buch diskutieren. Wir machen das über den youtube Hangout und sind dann quasi live."

Das Live-Video alias Der Bookcircle hat große Aufrufzahlen, und das interessiert dann zunehmend auch die Verlage, für die Blogger und Booktuber nützliche Multiplikatoren sind. Das haben vor allem jene Verlage erkannt, die keine klassische Literatur sondern Genreliteratur verlegen.

Henkel: "Wir haben mittlerweile sowohl die klassischen Blogger als auch Blogger, die auf Facebook, Instagram oder wie auch immer ihre Bücher besprechen, aber auch Leute, die nur auf Youtube arbeiten."

Anke Henkel ist im Carlsen Verlag, der populäre Unterhaltungsliteratur, Comics und Mangas vertreibt, für das Online-Marketing zuständig:

"Es kommen tolle Videos dabei raus, und oft sind es echte Charaktere, die dahinterstecken, es macht Spaß, denen zuschauen, und es ist ein super Entertainment. Und darum haben wir die natürlich auch in unseren Datenbanken, mit einigen arbeiten wir sehr eng zusammen, einige sind alles auf einmal, die sind nicht nur Booktuber, sondern auf allen anderen social media Kanälen vertreten. Das ist spannend für uns."

Verlage wie Carlsen verlinken Booktube-Rezensionen auf ihren Webseiten, so dass man vom Buch direkt zum Video kommt.

Knorr: "Wir machen Unterhaltungsliteratur und Buchblogger, die gleichzeitig unsere Rezensenten sind, und Leser und Käufer waren für uns schon immer sehr wichtig, weil die durchschnittliche Buchbloggerin die Vielleserin ist, die bis zu zehn Bücher im Monat liest, und eine Rezension auf ihrem Blog online stellt. Das begleitet uns schon seit Jahren, und die Booktuber oder Vlogger sind seit ein, zwei Jahren dabei."

Kristina Knorr betreut bei den Egmont-Verlagsgesellschaften die Belletristiklabels Egmont Glück und Egmont inc.:

"Wir haben einige Booktuberinnen, die haben für ihre Videos 400 Aufrufe, das finden wir schon eine Zahl, die beeindruckend ist. Aber es gibt auch welche, die weniger Aufrufe haben, mit denen wir trotzdem zusammenarbeiten, weil wir sehen, die sind mit Herzblut dabei und mit Engagement, und der macht das gut vor der Kamera, und dann trauen wir dem Blog ein Wachstum zu. Und wir sind froh, dass wir das begleiten können."

Random House hat sogar eigenes Bloggerportal eingerichtet. Karla Paul, Verlegerin, Edelbooks, Hamburg:

"Für Verlage sind die Blogger inzwischen unfassbar wichtig, es gibt eine Plattform dafür, die die jeweiligen Verlage tatsächlich geschaffen haben, es gibt Ansprechpartner nur für Blogger und Online-Marketing. Die Blogger bekommen Geschenke von den Verlagen, wenn sie ihr Buch lesen. Denn wenn ich eine Rezension lese auf einem Blog, ist Amazon nur einen Klick entfernt. Das gibt es weder bei der Zeitung noch beim Fernsehen, dass ich einem Kauf so nahe bin. Deshalb bedeutet jede gute Besprechung im Internet sehr viel für die jeweiligen Verlage. Dementsprechend werden auch die reichweitenstarken Blogger sehr stark gehandelt, bekommen sogar eigene Geschenke, Angebote, werden in die Verlagshäuser, zu den Autoren eingeladen, da wird schon viel gemacht, weil man um ihre Bedeutung weiß und wie viel Verkäufe eine positive Besprechung auslösen kann."

Verdienst: 25 bis 100 Euro pro Monat

Angesichts des steigenden Verlagsinteresses an den Booktubern und Bloggern machen sich nicht wenige inzwischen Gedanken darüber, ob sie nicht aus ihrer Passion ein Geschäftsmodell machen können. Aber wohin führt es, wenn sie Geld mit ihren Besprechungen verdienen wollen? Müssen sie dann nicht ihr kritisches Urteil aufgeben, weil sie Werbung für einen Verlag, ein Buch machen, so wie es sonst auf Shopping-Kanälen im Fernsehen geschieht. Booktuben als Dauerwerbesendung?

Lendle: "Das ist eine große Diskussion momentan, dass Literaturblogger von Verlagen bezahlt werden wollen, und ich kann gar nicht stark genug warnen davor, als Blogger Geld zu erwarten von Verlagen. In dem Moment ist doch die Aussage, die ich als Blogger gebe, komplett wertlos, damit bin ich doch wie ein Modeblogger, der sich mit Gucci Handtaschen beschäftigt und sich dafür bezahlen lässt. Das finde ich so kurzsichtig. Als wir die Blogger hier im Verlag eingeladen haben, haben wir uns verabschiedet damit: Ja, wir haben euch jetzt herumgeführt, aber haltet euch zurück vor allen Versuchen, Einfluss auf eure Unabhängigkeit zu nehmen, denn dann wäre das ganze schöne Projekt der Literaturblogs perdu. Natürlich kann ich mir vorstellen, als Verlag auf einem erfolgreichen Literaturblog Werbung zu schalten. Das finde ich eine anständige Form von Monetarisierung und Honorierung, aber für eine wohlwollende Besprechung Geld zu geben, da stellt sich mir alles auf, was ich an Nackenhaaren habe."

Dutter: "Dann ist immer dieses Zweifelhafte dabei, dass man dafür bezahlt wurde, und dann hat man nicht mehr diese ehrliche Besprechung im Hintergrund, und davon gehen ja die Zuschauer aus, dass das ehrlich ist, was man bespricht."

Andreas Dutter wird nicht von Verlagen bezahlt, wenn er ein Buch bespricht, aber er bekommt eine Provision von 7 Prozent von Amazon, wenn ein Zuschauer seiner Videos über einen Link dort ein Buch kauft. Viel nimmt er dadurch nicht ein, nicht mehr als 25 bis 100 Euro pro Monat, ein Geschäftsmodell zum Lebensunterhalt kann er daraus nicht machen. Dabei gehört er zu den umtriebigsten Booktubern mit den höchsten Klickzahlen.

Knorr: "Wenn jemand sich einen Kultstatus erbloggt und Meinungsmacher für eine bestimmte Art von Literatur wird und Mediadaten seines Kanals rausgibt, die vielleicht größer sind als von manchem Printmedium, dass da Anzeigenplätze und Kooperationsangebote mit buchbar sind, dann würden wir das genauso buchen wie eine Printanzeige in einer Zeitschrift. Das würden wir miteinander vergleichen und kucken, wie sind die Preise, und dann ist das für uns auch eine Werbeplattform, die wir bedienen würden."

Da Deutsch keine Weltsprache ist, lässt sich bis jetzt im deutschsprachigen Raum mit Booktubes kein großes Geld verdienen, und viele Booktuber wollen das sowieso nicht. Das gibt der Szene im Augenblick eine vitale Frische. Es dominieren die Idealisten. Vieles wird ausprobiert; alles ist möglich, und jeder kann nach seiner Passion selig werden.

Die Booktuber entwickeln neue Formen des Sprechens über Literatur, sie widerlegen damit das Klischee, dass junge Leute nicht mehr lesen. Sie fördern die Faszination für Bücher und beleben die alte Tradition neu, über Bücher in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter zu sprechen: Bücherzirkel im Zeitalter der virtuellen Gemeinschaft. Booktuber helfen marginalisierten literarischen Gattungen zu kritischer Aufmerksamkeit - eine Emanzipation der Leser gegen die Torhüter einer etablierten literarischen Community.

Mehr zum Thema:

BookTuber - Buchrezensionen als Hype bei YouTube
(Deutschlandfunk, Corso, 30.4.2015)

Literatur-Blog - Über Bücher, die am Herzen liegen
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 21.1.2016)

Literaturkritiken auf YouTube - "Die Leute sagen, was die Bücher mit ihnen machen"
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 12.1.2016)

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