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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.02.2009

Bitteres über ungelebte Leben

Christoph Loy aktualisiert Donizettis "Lucrezia Borgia" im Münchner Nationaltheater

Von Wolf-Dieter Peter

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Das berühmte Nervengift Strychnin - Lucrezia Borgia ist eine der berühmtesten Giftmörderinnen. (Michael Stang)
Das berühmte Nervengift Strychnin - Lucrezia Borgia ist eine der berühmtesten Giftmörderinnen. (Michael Stang)

Typisch für Christoph Loys Inszenierungen ist ihre klare Einfachheit. Auch seine "Lucrezia Borgia" hat er in diesem Sinne in München auf die Bühne gebracht. Also kein Kostümspektakel, sondern ein anrührender, glänzend besetzter Opernabend über das tragische Schicksal zweier Menschen.

Das Renaissance-Geschlecht der Borgia - was für farbige, wilde, abgründige Geschichten um Lorenzo den Prächtigen und seine berüchtigte Schwester Lucrezia! Gaetano Donizetti hat 1833 eine Oper über eben diesen Vamp komponiert. Bis heute ist das Werk nie in der Opernstadt München gespielt worden.

Doch da Intendant Nikolaus Bachler einen Christoph Loy als Regisseur engagiert hat, bekommen Opernfreunde nun gerade kein Kostümspektakel, keinen Hollywoodesken Historienfilm vorgesetzt. Bertolt Brechts "Glotzt nicht so romantisch!" könnte auch auf dem schwarzen Bühnenportal des Nationaltheaters stehen. Loy verfolgt ja in den letzten Jahren eine Ästhetik der Reduktion, der klaren Einfachheit.

Inmitten unserer Bilderfluten will er den Zuschauer zur Konzentration auf Weniges führen. Dementsprechend - und mit etwas Buh von Opernkulinarikern bestraft - haben Bühnenbildner Henrik Ahr und Kostümbildnerin Barbara Drosihn gearbeitet: vor einem schwarzen Horizont ein leicht schräg ansteigendes Podest aus dunklen, verschrammten und abgenutzten Brettern - fast eine Probebühne.

In der halben Bühnentiefe ist das Podest durch eine einfache graue Wand begrenzt. An ihr prangt der Name "Lucrezia Borgia" in Großbuchstaben und heutiger Industrie-Normschrift - fast die Firmeninschrift an einem Industriebau. Statt ein Renaissance-Wappen zu schänden, wird der gelangweilte, von der vermeintlichen Edeldame Lucrezia enttäuschte Gennaro später das "B" abreißen und "orgia - Orgie" als tödliche Beleidigung stehen lassen.

In diesem Einheitsbühnenbild für den Prolog und die zwei Akte zusätzlich dann die Faszination von Loys hoch differenzierter Personenregie: Die jungen Renaissance-Patrizier um Gennaro sind heutige, verwöhnte und daher von fast allem gelangweilte "Youngster aus bestem Hause", aber auf der Suche nach dem nächsten Party-Kick. Der Herzog Alfonso d’Este mitsamt seinem Machtgehabe und schmierigem "Consiliere" gleicht einem proletig-protzenden Regional-Mafioso aus Roberto Savianos "Gomorrha"-Enthüllungsbuch.

Lucrezia tritt mal wie für ein Society-Event mit dem Thema "Renaissance" in glutroter Brokatrobe, dann gegenüber dem ungeliebten Alfonso als berechnende Business-Woman im schwarzen Hosenanzug auf. Am Ende, nachdem sie in Gennaro zunächst den geliebten eigenen, jedoch jahrelang verlorenen Sohn wiedergefunden, ihn dann aber aufgrund ihrer eigenen Verstrickungen und Machtrollen versehentlich zusammen mit seinen Freunden vergiftet hat: ein schwarz gewandeter Racheengel mit langem Grauhaar, greisenhaft gealtert, eine fast jenseitige Erscheinung.

Wie in Loys erster Donizetti-Zusammenarbeit mit dem Koloratur-Star zieht sich Edita Gruberova abermals die Perücke vom Kopf - doch zusätzlich schminkt sie sich noch ab: Alle "Opernrollen" sind zu Ende, eine Mutter hat ihr eigenes Kind vergiftet, eine Tragödie findet statt, zwei Menschen haben nie zu ihrem wahren Leben gefunden - das kann uns "Lucrezia 2009" sagen ...

Mit Ovationen gefeiert, haben Loy und "la Gruberova" auch die Artistik der Belcanto-Koloraturen in tief emotionales Musiktheater verwandelt. Als sich Lucrezia und Gennaro erstmals spielerisch begegnen, da ahnen sie unwissentlich ihre Zusammengehörigkeit und treten in winzigen zartesten Gesten der Annäherung zueinander, blicken träumerisch Hand in Hand in eine mögliche bessere Zukunft - und Gruberovas Koloraturen werden zu Exaltationen einer glücklichen Seele.

Fahl, brüchig und grell klingen dagegen ihre Klageton-Perlenketten am Ende - Gesang als Expression einer zerstörten Psyche. Dazu noch Pavol Bresliks Gennaro: eine Idealbesetzung in Bühnenerscheinung und jung-männlichem Tenorgesang. Mit Franco Vassallos herrlich wuchtigem Bariton für den brachialen Alfonso gab es eine weitere Stimmentdeckung im bis in die Nebenrollen glänzenden Ensemble.

Da waren ein paar Wackler in Bertrand de Billys sängerfreundlichem Dirigat leicht zu verschmerzen. Ein mehrfach anrührender, zu Recht bejubelter Musiktheaterabend.

"Lucrezia Borgia"
Inszenierung: Christoph Loy
Münchner Nationaltheater

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(picture alliance / dpa / Kyodo)

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