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Freitag, 24.11.2017

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 07.06.2016

Bitcoins und Co. Kryptowährungen und die reale Welt

Von Maximilian Klein

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Bitcoins-Aufkleber auf einer Glasscheibe (Po Keung Cheung)
In diesem Laden wird die Währung Bitcoins akzeptiert (Po Keung Cheung)

Die Bundesregierung hat das Zahlungsmittel Bitcoins als privates Geld anerkannt uns somit diese Währung geadelt. Doch Bitcoins sind nicht die einzige Kryptowährung. Müssen wir für die Zukunft mit ihnen rechnen?

Ein Becher Joghurt - 26 Cent. Ein Fußball - 54 Euro. Ein Flugticket nach New York 500 Euro. Wert und Gegenwert. Wir haben eine Vorstellung davon.

Schwieriger wird es schon bei 1000 qm Bauboden oder einer Aktie. Eine Kilowattstunde Strom? Verständnis oder Kopfschütteln. Eines haben Butter und Boden gemeinsam. Wir benennen ihren Wert in Euro. Wir können uns darunter etwas vorstellen. Ob bunter Schein oder das Unterzeichen auf der E-Taste. Wir vertrauen diesem Symbol: €.

Vertrauen. Banken werben gerne mit diesem Wort. In den letzten Jahren mussten die Geldhäuser eher darum buhlen, als das sie mit dem Wert Vertrauen handeln konnten.

Zitatorin:

"Deutsche Bank, Neues Vertrauen?: Vorsicht!

Commerzbank: Ausverkauf geht weiter.

Banken: Sie ringen um Vertrauen!

Nichtstun kostet. Vertrauen Sie Ihr Geld nicht den Banken an!"

Verwunderlich? Wohl kaum. Der Beruf des Bankers ist mittlerweile weniger beliebt als der eines Gebrauchtwagenverkäufers. Aber Autos, Aktien und Strom wollen bezahlt werden. Mit Geld. In diesen Breitengraden - Euro.

Neuer Undergroundstar

2008 ist er zum ersten Mal aufgetaucht. Bitcoin. Seine Geburtswelt: virtuell. Er  besteht aus Daten, Bits und Bytes. Der Herzschlag der Kommunikation ist sein Brutkasten - das Internet. Kaum war die erste vollständig digitale Währung geboren, avancierte sie zu einem Undergroundstar. Plötzlich war da etwas Neues. Elektrifiziert war die Welt. 

Zitatorin: 

"Was ist der Bitcoin?

Wir erklären ihnen was es mit dem Bitcoin auf sich hat.

Acht Wege, um mit Bitcoin Geld zu verdienen."

Die Welt der digitalen Kryptowährung - mysteriös, undurchsichtig, rätselhaft.  21 Millionen Bitcoins soll es insgesamt geben. Satoshi Nakamoto, so der Name des angeblichen Erfinders. Wie die Transaktionen mit Bitcoins selbst, bleibt auch dieser Urheber im Schattenreich der Anonymität. Details: welches Land? Was von Beruf, Beweggründe? Unbekannt. Es gibt Gerüchte, es wird spekuliert.

Was ist Geld? Was ist der Bitcoin? Und was ist der Unterschied? Der Wirtschaftsphilosoph Wolf Dieter Enkelmann versucht zu begreifen, zu erklären. Bevor ich mich in den weitverzweigten Hasenbau der Kryptowährungen vorwage, will ich verstehen, was die Faszination dieser Währung ausmacht.

Enkelmann: "Unser Hauptthema ist die wirtschaftsphilosophische Forschung plus Praxis. Mit der Frage: was ist Geld? setze ich mich natürlich auseinander. Das ist eine sehr wichtige Frage. Da gibt es also dramatische Irrtümer, worum es sich dabei handelt. Auf Bitcoins bin ich zufällig mal gestoßen."

Die Haare von Dr. Enkelmann sind grau. Er ist schmal um die Wangen, sein Gesicht gezeichnet vom professionellen Grübeln. Und er raucht Kette. Bitcoins und ihre Existenz. Auch darüber grübelt Wolf-Dieter Enkelmann.

"Ich also ehrlich gesagt frag mich, was das Faszinierende daran ist. Ich verstehe natürlich, warum das in einer bestimmten Szene Furore macht und sehr attraktiv ist. In der Szene der digital natives ist das natürlich ne feine Sache. Das kommt dieser Szene geradezu originär vor. Eine digitale Währung, also raus aus dem Analogen. Das kommt einem geradezu einheimisch vor und als vollständig passend."

Wie eine digitale Brieftasche

Ich bin online. Viel online. So gut wie jede Bezahlung erledige ich im Netz oder mit Plaste. Bargeld? Stört eher! Mein Smartphone, nur in der Nacht für ein paar Stunden aus. Die analoge Welt schreckt mich eher ab. Aber vertraut kommt mir bei dieser Währung Bitcoin dennoch nichts vor. Dr. Enkelmann fängt an, von einem Wort zu sprechen, das ich eher mit Propaganda aus den 50er Jahren, als mit einer digitalen Währung in Verbindung bringe. Die Ideologiezentrale. 

"Hinzu kommt, wie soll man das nennen, die Ideologiezentrale für diese Kultur im Silicon Valley ja eh sich positioniert. In einer eher staatsfeindlichen bzw. noch nicht mal feindlichen, sie  halten die Demokratie für eine veraltete Technologie."

Die Technologie der Gewaltenteilung. Die Dystopie: die Herrschaft von Bits und Bytes. Eintauchen in eine komplett ver-digitalisierte Welt. Verstehen, warum ein Zahlungsmittel auch Ideologie sein kann.

"Überwindung von Staatlichkeit, was ja auch eine alte ideengeschichtliche Tradition ist. Die da jetzt ihre technologischen Urstände feiert. Und dann natürlich die passende Währung dazu. Die staatlicher Institutionalisierung nicht mehr bedarf.... Wenn ich in diesem mindset existiere, ist das umwerfend überzeugend."

Der Bitcoin ist nicht nur eine Währung, der Bitcoin ist eine Bewegung. Eine Idee, das Streben nach einer neuen Weltordnung. Gründe zum Misstrauen in das bestehende System gibt es genug.

"Also dahinter da stecken ja die Erfahrungen mit den Finanzkrisen und die Verdächtigungen der Währungsmanipulationen durch die Staaten. Und da sind eben verdächtig die Institutionen des Staates und die Großinstitutionen der Banken. Die dafür sorgen, dass es zu Kapital- oder Wertvernichtung kommt. Und von daher: lass uns das privat managen und dann wird das alles gut. Das ist ja eine Ideologie, die im Westen Standard ist. Staat möglichst nicht, sondern viel privat und dann wird alles gut."

Die Forderung nach weniger Staat. Weniger Kontrolle. Das klingt en-vogue, nach Edward Snowden, nach Auflehnung, nach Kritik. Ein hoher Anspruch an ein Konstrukt, das vor allem eines erleichtern soll -  den Tauschhandel.

"Dann die zweite Geschichte die sehr wichtig ist, was Geld angeht, nämlich das Zahlungsmittelfunktion. Gut, Tesla nimmt Bitcoins entgegen. Ich denke aber, dass das mehr dem Imagegewinn dient. Als das es eine existentielle Geschichte wäre auf die sie sich verlassen würden. Und dann gibt es, ich glaube 7000 Geschäfte im Internet, die Bitcoins... das ist natürlich gar nichts. Das sind so ein paar Szenekneipen in Berlin die das entgegen nehmen, oder in Hannover."

Ein Bitcoin ist derzeit etwa 450 Euro wert. Aus der Sicht von Dr. Enkelmann ist das Konzept Bitcoin als Zahlungsmittel trotzdem kein Erfolgsmodell. Er zweifelt an der Digitalwährung in ihrer Form als solche.

"Funktioniert eigentlich nicht, muss man sagen. Das einzige was eben funktioniert, ist eben die Spekulation auf den Erfolg der Geschichte. Das ist das Einzige, was soweit erstmal funktioniert. Die Frage ist: Wie funktioniert das eigentlich? Dahinter steckt für mich noch eine ganz entscheidende Frage: Ist es überhaupt eine Währung? Oder ist das nicht eine Ware. Also wir wissen ja alle, dass man Geld als Ware handeln kann."

Die Frage ist, ob das auch das Konstituens von Währungen ist. Also, ob das ein autonomes System ist. Das es genau so funktioniert oder ob da etwas nicht vorausgesetzt ist wie diese Währung überhaupt erst entsteht. Damit man sie sekundär auch in dieser Art auch verwenden kann. Das ist die entscheidende Frage. Und da hätte ich eben meine entscheidenden Zweifel.

Zurück am Schreibtisch, vor meinem Rechner. Bitcoins. Um in diese finanzielle Parallelwelt einzutauchen und mitspielen zu können, brauche ich ein Wallet. Eine digitale Brieftasche. Eröffnet wird dieses Wallet ähnlich wie ein E-Mail-Account. 

Wie eine veraltete Version von Online-Banking

Es gibt eine Vielzahl von Anbietern für Wallets. Deutsche, Amerikaner, Schweizer. Ihre Seiten heißen bitcoin.org, bitcoin21 oder blockchain.info. Ästhetisch erinnern die Webseiten an Online-Spielcasinos, oder an "kostenlose Mastercard Gold für umsonst und ohne Schufa" Werbung.  Auch versprühen sie deren Vertrauenswürdigkeit.

Nach wenigen Klicks ist es eröffnet- das digitale Bitcoinkonto. Es wirkt wie eine veraltete Version meines Onlinebanking-Accounts. Gespickt mit kryptischen Informationen. Zahlenkolonnen, abgeschlossene Bitcoin-Transaktionen rattern über den Bildschirm. Wie an einer Börse kann ich sehen welche Summen den Besitzer wechseln.

Ein QR-Code, Senden-Empfangen-Button und der Kontostand: null. Meine Wallet-Nummer 32-stellig: 1c4556sjdnfg7r94mdnr8...

Hier können sie ihre Blockhöhe verändern. Blocklash, Adresse, Transaktion-Hash, hash160 oder IPv4-Adresse suchen - ich habe keine Ahnung, was ich hier vor mir habe. Aber ich will ja Bitcoins verdienen, um mein Wallet auch nutzen zu können. Google muss helfen. 

Zitatorin:

"Gratis Bitcoins verdienen indem Du Aufgaben auf Internetseiten löst.

Es gibt viele Internetseiten, die gratis Bitcoins anbieten. Die meisten haben folgendes Konzept: Du verdienst Bitcoins, indem du verschiedene Aufgaben löst. Bei den meisten Seiten bestehen die Aufgaben einfach darin, sich Werbung anzusehen."

Schnell mal 34 Cent verdient

Werbung anschauen. Ich hatte mir mehr Fortschritt erwartet. Verschiedene Seiten öffnen sich. Ich muss meine 32- stellige Wallet-Nummer angeben.

Fünf Minuten starre ich auf eine sinnlose Werbeanzeige für ein Onlinespiel. Vorher musste ich aber noch versichern, kein Roboter zu sein. Nach den fünf Minuten kommt die nächste Werbeanzeige. Wieder fünf Minuten. Alle fünf Minuten verdiene ich somit etwa 0,00034 Byte. Also Fragmente von einem Bitcoin. Ausgeschüttet wird nur alle 30 Bytes. Jede weitere Anzeige bringt weniger Ertrag als die vorhergehende. Menschen die auf Rechner starren. Nach zwei quälenden Stunden bekomme ich aber tatsächlich einen Betrag auf mein Wallet überweisen. Ich habe soeben 34 Cent verdient.

Levin Keller: "Im Endeffekt muss man sagen, benutzt du Bitcoin falsch."

Levin Keller. Rauschebart. Mathematiker, Aktivist, Programmierer. Startupgründer. Eine von ihm mitentwickelte Software dient Firmen die mit Bitcoins handeln, zur Buchführung.

"Und woran ich erkannt habe, dass du einen dieser Dienstleister nutzt, ist, dass du eine E-Mailadresse und einen Namen angeben musstest. Weil die Idee bei Bitcoin ist, dass man nichts von beiden angeben muss. Du installierst die Wallet auf deinem Handy und dann ist die sofort da und kannst Bitcoins empfangen und versenden."

Musst dich nicht ausweisen, du musst kein Account machen, du musst nicht akkreditiert werden, du musst keinen Post-Ident machen. Sondern du kannst sofort teilnehmen. Und das ist das gleiche wie bei Bargeld. Wenn du einen Fünf-Euro-Schein bekommst, dann darfst du den auch wieder ausgeben. In dem Moment wo du ein Portemonnaie hast, kannst du am Zahlungsverkehr teilnehmen, ohne dass man dich fragt, wer du bist.

Wir eröffnen ein neues Wallet, diesmal das richtige. Levin Keller installiert mir eine App auf meinem Smartphone.

"Und dann kommt der tägliche Umgang mit Bitcoin und da geht’s auf einmal los mit Verschlüsselungen mit Passwörtern, mit richtig guten Passwörtern. Nicht Mutti ist die Beste sondern wir brauchen wirklich was richtig Gutes als Passwort."

Also das Gute ist das man erstmal ein grundlegendes Passwort von dem Wallet automatisch generiert bekommt. Und dann muss man quasi nur noch ein zweites Passwort setzen, was ein bisschen wie ein Pin funktioniert um an das richtige Passwort heran zu kommen. So ist das richtige Passwort sicher und das ist auch erstmal das was Hacker angreifen können im ersten Schritt.

Dann hat man noch ein zweites, was diese Kopie auf dem Handy sichert. Und da kann man, sage ich mal, ein 8-stelliges Passwort nehmen, was aus Klein-  und Großbuchstaben vielleicht noch ein paar Zahlen besteht.

Bitcoins haben etwas persönlich-unpersönliches

15 Euro liegen vor Levin Keller, als er mir das etwas umständliche, aber nun richtige Wallet auf meinem Handy einrichtet. Ich will Euro gegen Bitcoins eintauschen. Er bekommt mein Bargeld. Nüchtern die Optik der App, aber seriöser anmutend als die erste digitale Brieftasche die ich eingerichtet habe. Senden und Empfangen. Keller scannt eine QR-Code, drückt auf seinem Smartphone auf senden.

"So, und nun hast du Deine Bitcoins die dir auch niemand mehr wegnehmen kann."

Im gleichen Moment landen sie auf meinem Wallet. Ohne Werbung, ohne warten. Schneller als jede Überweisung bei einer Bank. 33,229 Bits kann ich nun mein Eigen nennen. Kleingedruckt steht 15,04 € darunter.

"Das heißt, hier musst Du erstmal so eine Entscheidung treffen: Sehe ich diesen Wert Bitcoin als sicher an. Das kannst du nur in dem du dir überlegst, wie funktioniert die Technologie dahinter. Wieso sind die 21 Millionen Bitcoins da und können nicht erhöht werden. Du musst also Fachmann für monetäre Geldpolitik werden um einschätzen zu können, was der Wert eines einzelnen Bitcoins ist."

Selbstbestimmtheit und volles Risiko. Das ist die Faszination des Bitcoin. Keine Banken, kein Vermittler, alles geht blitzschnell. Der Zahlungsverkehr in meiner Hand, ohne Zwischenvermittler. Keine Banken, keine Emittenten, volle Anonymität. Das ist die Faszination von Kryptowährungen. Bitcoins haben etwas persönlich-unpersönliches. Die Schwierigkeit: Der Umgang mit  Bitcoins setzt Fachwissen voraus.

"Davon kann ich auch keinen entbinden, im gewissen Maß. Man kann vielleicht so ein bisschen auf peer reassurance setzen. Also das heißt, man fragt Freunde und Freunde von Freunden. Holt sich verschiedene Meinungen ein und wird danach irgendwann ein Bild finden."

Dabei sind Bitcoins noch in der Entwicklungsphase. Sie sind für den täglichen Gebrauch noch nicht gedacht. 

"Bitcoin an sich ist ja jetzt auch in der Version 0.12. herausgekommen. Und im Softwarebereich steht also wenn eine Null am Anfang ist, bei der Versionierung heißt das, dass es eine Betaversion ist. Das heißt Bitcoin ist eigentlich für den Produktiveinsatz geeignet und gedacht, obwohl das Netzwerk ein paar Milliarden wert ist. Aber noch sind wir nicht soweit, selbst die Macher der Kernsoftware sagen, nein, noch ist es nicht final."

Noch nicht fertig. Die Software, das Produkt, das Protokoll, der Bitcoin, die Währung? In den letzten 12 Monaten hat der Bitcoin in seinem Wert eine extreme Berg- und Talfahrt erlebt. Im August 2015 sank der Wert eines Bitcoin unter 200 Euro. Im Mai 2016 liegt er bei fast 500 Euro. An Online-Börsen wird der Bitcoin gehandelt. In Deutschland ausschließlich auf der Plattform Bitcoin.de. Angebot und Nachfrage bestimmen den Kurs des Bitcoin im Verhältnis zum Euro. Eine Währung und eine Ware.  

"Der große Unterschied zu Geld ist, bei Bitcoins gibt es halt keinen Emittenten. Trotzdem wird es aber behandelt wie Geld. Es gibt aber trotzdem keine zentrale Instanz, die man angreifen kann und oder greifen kann vielleicht auch eher. Das ist dann dieser Unterschied zu Geld und warum eigentlich auch die Gesetze überhaupt nicht darauf vorbereitet sind weil man ohne die Technologie, die Blockchain, die hinter Bitcoin steht, nie hätte erreichen können, diesen dezentralen Ansatz ohne Zentrale."

Herrschaft über Geld bedeutet Macht

Blockchain. Der Begriff - sperrig wie ein Fliesentisch. Das Konstrukt: genial. Es ist das eigentliche Geheimnis der Bitcoins. Die Blockchain ist vereinfacht gesagt eine dezentrale Datenbank. Das Protokoll, also die Grundinformation, liegt auf vielen Rechnern verteilt auf der ganzen Welt. Niemandem gehört diese Information, alle haben die gleichen Zugriffsrechte. Jede Information die über die Blockchain getätigt wird ist unveränderbar abgespeichert. Codiert  in einer endlosen Abfolge von Zahlen und Buchstaben. Das macht das System so unangreifbar. Musik, Geld, Geburtsregister, alles lässt sich theoretisch über die Blockchain kommunizieren und speichern. Sie macht Mittelsmänner überflüssig.

Herrschaft über das Geld bedeutet Macht. Diese Macht liegt bei Staat und Banken. Sie sollen für Stabilität sorgen, aufgeblähte Gesetze und Regulierungen halten den Apparat am Laufen. Die Anhänger des Bitcoin glauben an einen Befreiungsschlag aus einem starren Finanzsystem. Wabernd werden ab diesem Punkt Forderungen und Wunschvorstellungen. Kryptowährungen - für Banken ein neues Feld.

Patrick Pohl: "Zum Thema Kryptowährungen und insbesondere aus Bankenperspektive ist interessant die unterliegende Technologie die Blockchain. Und da sind ganz klar Berührungspunkte in das Transaktionsbankengeschäft. In das Zahlungsverkehrsgeschäft. In das Handelsfinanzierungsgeschäft."

Deutsche Bank. Fast sieben Milliarden Euro Verlust im Jahr 2015. Neue Geschäftsfelder, neue Technologien sollen die Zukunft sichern. Hier setzen die Geldhäuser ihre besten Köpfe ein.

"Mein Name ist Patrick Pohl. Ich bin bei der Deutschen Bank als Leiter für die Produkte im Mittelstandsgeschäft zuständig. Ich mache das seit über drei Jahren. Habe vorher für die Bank in Japan gearbeitet, in den Niederlanden. Und war zwischenzeitlich auch kurz mal als Diplomat in Japan, tätig."

Mit Herrn Pohl im Studio sitzt der Pressesprecher der Deutschen Bank – zum Zuhören. Das Thema Bitcoin hat die Branche aufgeschreckt. Vielleicht auch weil die Bundesregierung vor zwei Jahren Bitcoins als private Währung anerkannt hat. Aus Sicht von Patrick Pohl spielt der Bitcoin keine nennenswerte Rolle im Zahlungsverkehr.

"An erster Stelle zu nennen, aus unserer Perspektive ganz klar der Euro. Dann der US-Dollar. Chinese Renminbi mit steigender Bedeutung."

Kosten sparen - schneller, höher, weiter

Seit 1949 hat Deutschland eine einigermaßen stabile Währung. Geflügelt die Worte im Supermarkt "Vier Euro? Mensch, das wären ja acht Mark!". Dennoch, von Verhältnissen wie in Venezuela sind wir weit entfernt. Auch Kryptowährungen haben daran nichts geändert. Sie haben die gleiche Aufgabe wie alle Währungen, findet Herr Pohl.

"Ich sehe nicht das die Funktion der Währung oder die Funktion von Geld, die sind glaube ich über viele Jahrhunderte oder Jahrtausende mittlerweile sehr ähnlich oder gleich geblieben. Geld ist ein Tauschmittel, Geld ist ein Zahlungsmittel, Geld wird als Recheneinheit genutzt. Und Geld ist auch als Wertaufbewahrungsmittel wunderbar verwendbar. Weil es einfach nicht verdirbt."

Das gilt auch für Kryptowährungen und alle anderen Formen der Transaktionsmedien die man nutzen kann.

Kryptowährungen und Euro können doch auf Augenhöhe existieren. Doch müssen bald die restlichen Bankfilialen schließen, und dem kleinen Symbol auf meinem Smartphone weichen? Herr Pohl wird an dieser Stelle leidenschaftlich.

"Sehe ich nicht so. Kryptowährungen unterscheiden sich durch die Standardwährungen Euro, Dollar dadurch, dass der Wert der Währung nicht durch einen Gesetzgeber oder eine Institution garantiert wird. Bei den Kryptowährungen wird dieses Vertrauen in die Institution ersetzt durch das Vertrauen in die Technologie. Wir kommen immer auf die Frage, worein vertraue ich. Vertraue ich in einen Staat, vertraue ich in eine Gesellschaft, vertraue ich einer Zentralbank zum Beispiel. Oder vertraue ich einer eher anonymen, dezentralen Menge an Rechnern..."

Ob Herr Pohl ein Wallet auf seinem Smartphone hat und sich Bytes hin und her sendet und versucht, seinen Kaffee damit zu bezahlen? Eher nicht. Bitcoins, das ist nur ein Phänomen für die Banker. Das woran sie wirklich interessiert sind, ist das was unter den Bitcoins liegt.

"Mit der Kryptowährung direkt, wenn wir mal das Beispiel Bitcoin nehmen, habe ich nichts zu tun. Wir haben direkt zu tun mit der Technologie, die den Bitcoins unterliegt. Und das ist die Blockchain, die ich eben schon genannt habe. Die im Moment von vielen als das betrachtet wird, was das Internet in den Neunziger Jahren war.  Wir haben Vorstellung davon, welche revolutionäre Kraft die Blockchain entwickeln kann, wir wissen aber, wie in den Neunziger Jahren im Internet nicht genau, wo und wie es sich ausprägen wird."

Das System heute: ellenlange Zahlencodes. Die SEPA-Einführung war der letzte große Wurf der Banken im Sinne der Effizienz. Vereinheitlichung, Kosten sparen, schneller, höher, weiter.

"Im Zahlungsverkehr haben sie absolut Recht. Da ist insbesondere im Euroraum auch durch die SEPA-Einführung, haben wir schon hoch effiziente Systeme in der gesamten Banken Landschaft. Die Blockchain geht aber weit darüber hinaus. Blockchain als solches ist quasi ein digitales Kassenbuch, ein elektronisches Register in dem alle Ereignisse, das können verschiedene Transaktionen sein. Das können Geldtransaktionen sein, da kann es aber auch um Automobile gehen."

Wird als "digitaler Lenin" bezeichnet

Die Blockchain klingt wie ein Heilsversprechen. Sie ist der neue Begriff für die Fintechs, also die Finanztechnologien. Banken haben nicht nur ein Interesse an dem Thema, sie sehen durch die Technologie eine Revolution auf dem Bankenmarkt.

"Da kann es um Musik gehen. Blockchain ist ein Register in dem diese Ereignisse dann für alle Teilnehmer unmittelbar und transparent und insbesondere unveränderbar festgehalten werden. Das heißt, diese Technologie, die Tests die wir fahren, die sogenannten use-cases die wir haben im Wertpapierbereich zum Beispiel. Auch im Zahlungsverkehr wie eben genannt. Wenn wir das Thema betrachten im Zusammenhang mit dem Internet der Dinge...."

Da  wo ihre Gabel, ihre Primel und ihr Kühlschrank mit dem Internet verbunden sind und miteinander kommunizieren...

"Stellen sie sich vor: Container werden von China nach Deutschland verschifft und sind mit Sensoren ausgestattet. Sodass sobald die Container hier im Hafen ankommen, sodass ein Zahlung ausgeführt werden kann. Über die unterliegende Blockchaintechnologie. Das sind die Themen die uns als Bank sehr beschäftigen."

Die Blockchaintechnologie. Sie ist das Gehirn hinter dem Bitcoin, hinter der ganzen Idee: Kryptowährung. Ein digitales Kassenbuch. Eine Datenbank. Dezentrales Buchungssystem verteilt auf viele vernetzte Rechner, in eine unumstößliche  Transaktion. Nicht einfach zu verstehen? Aber genial.

Wenn die Blockchain ein Gesicht hätte, dann das eines hageren Jungen. Ein Russe der nach Kanada ausgewandert ist. 21 Jahre jung, ein Wunderkind, das nicht nur die Anhänger von Kryptowährungen in Erstaunen setzt. Als "digitaler Lenin" wurde er bezeichnet. Seine Erfindung: der Etherium. Eine neue Kryptowährung, eine neue Form die Blockchain zu benutzen.

Währung ist wie ein Geist

Und genauso schwer zu fassen wie seine Währung, ist er selbst. Wie ein Geist, nicht zu erreichen. Keine Emailadresse, geschweige denn eine Telefonnummer. Versuche der Kontaktaufnahme.

Zitatorin:

"Support-Chat-Etherium"

Sprecher:

"Dear Etherium Team

I‘m a Journalist, based in Berlin working for the public station Deutschlandradio Kultur. I’m working on a feature about crypto currencies...."

Zitatorin:

"Antwort auf einen Blogeintrag von ihm."

Sprecher:

"... like why do we need a crypto currency, the future of the blockchain technology and how it will or could change our system. These are some of my topics and questions. 

I would like to do an Interview with you about these questions." 

Zitatorin :

"Twitter: @VitalikButerin."

Sprecher:

"Hey Vitalik.  I’m a journalist working for the german public radio Deutschlandradio Kultur. I would like to interview you."

Antworten? Reaktionen? Keine. Nach mehreren Wochen kam eine mysteriöse Mail aus Afrika:

Zitatorin :

"Psssst, versuchen sie es mal auf Skype unter vita..."

Zukunft, Vergangenheit oder Gegenwart?

Eine Antwort steht bis heute aus. Das Labyrinth der Kryptowährungen, eine verschlossene Tür, undurchsichtig der Hasenbau. Anspruch und Wirklichkeit stehen sich gegenüber. Transparenz fordern die Kryptowährungsaktivisten. Elitär die Anforderung an die Nutzer. Aus Sicht der Banken ist das Phänomen Bitcoin schnell erledigt.

Pohl: "Zum einen ist es einfach die technische Weiterentwicklung, die Möglichkeit die man hat, die Rechenkapazität die heute verfügbar ist. Das gab es vorher so in der Form noch nicht. Die starken Schwankungen im Wert, und das gilt für jede Währung, egal ob Kryptowährung oder eine der Standardwährung, die starken Schwankungen des Geldes, erschüttern das Vertrauen in eine Währung. Und das ist auch etwas das man bei den Bitcoins beobachtet hat über die letzten Jahre. Insbesondere auch der Tatsache, dass der Wert der Bitcoins wenig mit volkswirtschaftlichen Entwicklungen zu tun hat. Sowie das bei den Standardwährungen der Fall ist. Insofern ist da ein Vertrauensdefizit aus meiner Perspektive gegeben."

Vertrauen. Es gibt ein Edelmetall in das alle vertrauen. Und das auch in Zukunft wohl immer tun werden. Gold. Es hat alle Währungen überstanden, Krisen überlebt, Zeiten überdauert. Auch der technische Fortschritt hat nichts an der Bedeutung des Goldes verändert.

Keller: "Seit Jahrtausenden rechnen die Menschen Gold einen Wert zu. In diesem Sinne ist Bitcoin auch designed. Also Bitcoin soll Gold abbilden in digitaler Form, vor allem soll Gold dem Einfluss von Mächtigen darüber erhaben sein. Und das ist bei Gold auch gegeben. Ich kann nicht Gold irgendwo herzaubern. Das ist bei bitcoin der Unterschied zum Euro. Richtig ist allerdings, dass wir Gold nicht benutzen um unsere Waren nicht in Gold bezahlen."

Zukunft. Vergangenheit. Gegenwart? Die Zweifler werden zweifeln. Die Träumer werden träumen.

Enkelmann: "Das ist so eine Zeiterscheinung so der letzten Wende des Kapitalismus. Dass ein unfassbarer Idealismus investiert wird in alles Neue. Ich hab mich da schon immer gewundert und hab gesagt, wie soll das passieren. Das Neutrale das muss man eben sehen, das gibt’s in dieser Form gar nicht. Das ist nur ein sehr, na wie soll man das nennen: fluidaler Moment. Das wird sich dann immer entscheiden, was es ist. Dieses wertfrei, neutrale, das ist so ein Wunschtraum, auch in der Wissenschaft, das gibt es nicht."

Neue Spielfelder ausloten

Und die Banken werden auch in Zukunft ihre Gewinne zählen. Nur werden die Geldhäuser eine neue Form annehmen, neue Spielfelder ausloten.  

Pohl: "Da sehe ich überhaupt keinen Widerspruch, ich glaube das ist die Aufgabe eines jeden Unternehmens sich damit zu beschäftigen was morgen passiert, wie die Umwelt geprägt sein wird und versuchen auch darauf die richtigen Antworten zu finden. Man kann auch das Geschäft auf der Basis neuer Technologien deutlich ausbauen."

"Hallo, ich würde gerne den Burger bestellen." 

33,229 Bits wollen ausgegeben werden. Eine Kneipe mit Bitcoin-Zeichen. Hier treffen sich die Fans der Währung. Das Essen soll gut sein. Kreuzberg. Eine Ecke, wo die Mieten hoch und die Kinderwagen teuer sind.

"Hier der Burger." 

"Kann ich auch gleich zahlen?"

"Klar."

"Mit Bitcoin bitte."

"Kein Problem. Danke für das Trinkgeld."

Der Burger war gut.

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