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Studio 9 | Beitrag vom 20.02.2018

Bildungsforscher Fuchs über gute Schulbücher"Korrektes Wissen im Zeitalter von Fake News"

Eckhardt Fuchs im Gespräch mit Ute Welty

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Ein junges Mädchen surft auf einem Schulbuch. (imago stock&people)
Schulbücher müssen die Neugier der Kinder wecken und ihnen Freude bereiten, sagt der Experte Eckhardt Fuchs. (imago stock&people)

Im schlimmsten Fall ist ein Schulbuch nur eine Kritzelunterlage. Damit es Schüler nicht langweile, müsse ein Schulbuch einen Bezug zu ihrer Lebenswelt haben, sagt Bildungsforscher Eckhardt Fuchs. Das ist eine Herausforderung, denn im digitalen Zeitalter kann ein Schulbuch schnell veralten.

"Das Schulbuch ist ein Massenmedium. Es gibt, glaube ich, niemanden, der durch das deutsche Bildungssystem gelaufen ist, der nicht irgendwann ein Schulbuch in der Hand hatte. Und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern", sagt Eckhardt Fuchs. Als Direktor des Georg-Eckert-Instituts, welches den Schulbuchpreis verleiht, beschäftigt sich der Historiker mit der Qualität von Schulbüchern.

"Ein Schulbuch muss natürlich aktuell sein, es muss korrekt sein, es muss versuchen, den fachwissenschaftlichen Stand des jeweiligen Faches widerzuspiegeln."

Realität statt Heile Welt

Doch Wissenschaftlichkeit und Aktualität allein reichen nicht aus. Damit das Schulbuch nicht zur ungeliebten Kritzelvorlage verkommt, muss es das Interesse von Schülern wecken:

"Es muss den Lebenswelten, den Erfahrungen der Schülerinnen und Schülern angepasst sein. Das heißt, wenn Schulbücher nur abstrakt sind, wecken sie kein Interesse, keine Neugier. Ein dritter Punkt ist die Verständlichkeit. Natürlich haben Schülerinnen und Schüler in der fünften Klasse ein anderes Lernniveau als in der achten Klasse. Hier müssen die Texte verständlich sein. Die Aufgaben müssen gut formuliert sein, so dass Schulbücher dazu anregen, auch benutzt zu werden und Schülerinnen und Schüler sie auch mit Freude benutzen."

Dabei muss es in dem Buch nicht immer nur um Themen gehen, die Freude bereiten. Eine idealisierte Heile-Welt verfehlt das Ziel, die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen zu reflektieren. Ein gutes Schulbuch leistet aber genau das, sagt Eckhardt Fuchs:

"Die gesellschaftliche Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, sind natürlich Migration und Diversität, Fragen von Religion, von Krieg und Gewalt, neuen Konflikten, die dann eingebunden werden müssen. Für deutsche Schulbücher bedeutet das, wenn wir über Lebenswelten reden, realistische Gesellschaftsbilder zu vermitteln. Um ein Beispiel zu geben: Wenn in Schulbüchern Familien abgebildet werden, wird nicht nur die traditionelle, ich sag' mal 'deutsche' Familie, mit weißer Mutter, Vater, Kind, sondern auch die Diversität der Familienzusammengehörigkeit zu zeigen - beispielsweise auch Trennungskinder zu zeigen."

"Wissen, auf das man sich verlassen kann"

Die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen zu berücksichtigen, bedeutet aber auch, dem immer schnelleren Informationsfluss einer digitalisierten Gesellschaft gerecht zu werden. Ein Schulbuch herauszubringen, das nicht nur kanonisiertes Wissen vermittelt, sondern auch aktuelle Entwicklungen berücksichtigt, ist deshalb die große Herausforderung für die Verlage. Doch gerade in einem Zeitalter, in dem Fake News und Alternative Fakten durch das Netz verbreitet werden, kommt dem solide recherchierten Schulbuch eine besondere Aufgabe zu:

"Schulbücher – egal in welcher technischen Form sie kommen, ob gedruckt oder vielleicht in naher Zukunft digital – enthalten kanonisiertes Wissen, das eine Generation einer anderen Generation weitervermitteln will. Und dieses kanonisierte Wissen ist systematisch aufbereitet: Es wird didaktisch den Schülern und Schülerinnen und den Lehrern zur Verfügung gestellt. Und es ist korrektes Wissen. In einem Zeitalter, in dem wir von Fake News reden, ist das das Wissen, auf das man sich auch verlassen kann."

(mw)

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