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Forschung und Gesellschaft / Archiv | Beitrag vom 12.03.2009

Bildung - frisch gewickelt

Die psychologischen Grundlagen der Kleinkindpädagogik werden neu vermessen

Von Barbara Leitner

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Die psychologischen Grundlagen der Kleinkindpädagogik werden neu vermessen (Deutschlandradio - Andreas Diel)
Die psychologischen Grundlagen der Kleinkindpädagogik werden neu vermessen (Deutschlandradio - Andreas Diel)

Der menschliche Säugling braucht die innige Beziehung zu verlässlichen Bezugspersonen. Aus den Rückmeldungen beim Spielen und Wickeln lernt das Kind und gewinnt ein Bild von sich selbst und der Welt. Was bedeutet es aber für ein Kleinkind, wenn es früh – neben Mutter und Vater - auch von Erzieherinnen oder Tagesmüttern betreut wird?

Ahnert: "Wir haben eine ganze Reihe von Studien gemacht, wo wir zeigen können, wie anstrengend und herausfordernd die Aufnahme von Kindern ist, die Eingewöhnung und/ wie ist das Bild zwischen Kortisol und Stressmuster, wenn die Mutter dabei ist."

Dornes: "Wenn man mit der groben Axt versucht zu vereinheitlichen, kann man sagen, nichtmütterliche Betreuung in den ersten Lebensjahren hat in der Regel/ keinen messbaren Einfluss auf die Entwicklung des Kindes- negativen./ Natürlich will die Mutter mehr mit ihrem Kind zu tun haben als eine fremde Person. Ob sie dadurch es automatisch besser kann, da habe ich meine Zweifel …"

In Siebenmeilenschritten wird gegenwärtig die öffentliche Kinderbetreuung für unter Dreijährige ausgebaut. Krippen entstehen und neue Plätze bei Tagesmüttern werden geschaffen. 2013 wird jedes Kind mit Vollendung des ersten Lebensjahres einen Rechtsanspruch auf Förderung in einer Kita oder einer Tagespflege haben.

Und das in Deutschland – wo bis vor kurzem Frauen als Rabenmütter abgewertet wurden, wenn sie ihren Nachwuchs früh in die Obhut fremder Personen gaben. Doch ist das, was für berufstätige Eltern wünschenswert ist, auch gut für die Kinder?

Schneider: "Ich finde, man kann es sich am besten so vorstellen, dass die Kinder, wenn sie geboren werden, in eine völlig fremde Welt kommen. Das Kind hatte neun Monate Zeit, in eine Welt hineinzuwachsen. Aber das war die Welt im Mutterleib und wenn es geboren wird, kommt es völlig fremd in eine neue Welt und da muss jemand dafür sorgen, dass es sich darin wieder zu Hause fühlen kann."

Kornelia Schneider, Pädagogin und Kindheitsforscherin am Deutschen Jugendinstitut München. Seit 30 Jahren beobachtet sie, wie Kinder in der Familie und in der öffentlichen Kinderbetreuung lernen und Konflikte lösen - und sich mit ihrer Welt vertraut machen.

Schneider: "Alle Sensorien arbeiten, und das Kind spürt direkt, was auf seinen Körper einstürmt. Es spürt, wie es angefasst wird. Es spürt, wie mit ihm geredet wird. Natürlich spürt es, wie seine Bedürfnisse befriedigt werden, und diese Vermittlerposition müssen Erwachsene übernehmen, damit das Kind heimisch wird in der Welt."

Je jünger die Kinder, umso mehr sind sie Körperwesen. Ob sie sehnsüchtig der vertrauten Bezugsperson entgegen streben oder sich mit Händen und Füßen gegen eine Situation sträuben. Mit ihrem ganzen Leib zeigen sie, was sie bewegt. Und über ihren Köper erschließen sie sich auch ihre Umgebung.

Haug-Schnabel: "Ein Kind versucht mit den Dingen in Kontakt zu kommen, die es interessieren und diese Dinge dann, mit allen Sinnesorganen, die es hat, zu manipulieren."

Die Verhaltensbiologin und Ethnologin Gabriele Haug-Schnabel. Sie gründete 1993 die Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen in Kandern, um neues Wissen über Kinder zu gewinnen und es an die pädagogische und therapeutische Praxis zu vermitteln.

Haug-Schnabel: "So sammeln sie ihre Erfahrungen und machen so eine ganze Liste, von Dingen, die sie miteinander vergleichen. Also so richtige Programme im Kopf. Was ist hart, was ist weich. Was ist mit dem oder jenem vergleichbar und sie suchen immer nach Dingen, die, auf der einen Seite das, was sie schon wissen, bestätigen und auf der anderen Seite was völlig Neues bieten."

Die Wissenschaft konfrontiert uns in den zurückliegenden Jahrzehnten mit einem doppelten Bild des Neugeborenen. Da liegt ein Säugling hilflos und unfähig sich selbst zu bewegen vor uns. Als "extrauterine Frühgeburt" könnte er ohne erwachsene Fürsorge nicht überleben.

Zugleich besitzt dieses kleine Wesen aber enorme Fähigkeiten. "Kompetent" nannte Martin Dornes den Säugling in sein gleichnamigen Buch von 1993. Über 20 Jahre beschäftigte sich der Frankfurter Entwicklungspsychologe und Psychoanalytiker mit Säuglings- und Kleinkindforschung und fasste in seinem bahnbrechenden Werk eine ganze Forschungsrichtung zusammen.

Dornes: "Bis in die Siebziger und zum Teil Achtziger war doch das Bild des Säuglings dies, dass er überwiegend mit Schlafen und Nahrungsaufnahme beschäftigt ist. Dies Bild hat sich grundlegend gewandelt durch viele Untersuchungen, die man mit Säuglingen gemacht hat. Was man festgestellt hat, dass sie in vielen Bereichen der Sinneswahrnehmung, des Hörens, des Sehens aber auch im Bereich des Fühlens zu differenzierteren Fähigkeiten in der Lage sind, als man es früher dachte."

Beinahe von Anfang nimmt ein Neugeborenes die ihn umringenden Gesichter wahr und sieht – das ist eine Frau, das ein Mann. Von Geburt an unterscheidet es die mütterliche Stimme von der anderer Frauen und belegt sie mit positiven Gefühlen.

Vor allem aber ist auch das neugeborene Kind von Anfang an ein Beziehungswesen. Ob mit Blicken oder Gesten – Babys unterbreiten selbständig Interaktionsangebote und reagieren auf sie. Oberflächlich betrachtet, gleicht ihr Spiel dem zwischen Affenmutter und Affenkind. Bei näherem Hinsehen treten Differenzen zutage.

Dornes: "Ich glaube, der zentrale Unterschied ist der, dass menschliche Säuglinge auf eine emotional besondere Weise mit ihrer Mutter verbunden sind, die sich im Tierreich so nicht finden lässt, und der zentrale Unterschied scheint mir zu sein, dass der Säugling mütterliche Pflegehandlungen oder kommunikative Handlungen, wie zum Beispiel das Lächeln im Laufe seiner Entwicklung lernt zu entziffern und zwar ziemlich früh, als Bekundung einer Einstellung. Das heißt er sieht das Lächeln nicht nur als einen netten Reiz, als eine stimulierende Interaktionserscheinung, sondern er sieht das Lächeln als eine Bekundung einer Einstellung von Wohlwollen. Wenn ich es in der Erwachsenensprache ausdrücke, würde ich sagen, wenn die Mutter ihn anlächelt, extrahiert er so etwas wie, sie mag mich."

Sekundengenau scannt der Säugling die Reaktionen seines Gegenübers und prüft sie auf Stimmigkeit und Interaktionsangebote. Dabei löst bereits die Beobachtung beim Kind neuronale und muskuläre Aktivitäten aus, durch die es wiederum etwas vom Anderen erfährt. Denn an allem, was in seiner Umgebung geschieht, ist das kleine Wesen vom ersten Moment an kognitiv und emotional beteiligt.

Dornes: "Dadurch entsteht so was bei ihm wie ein elementares Selbstgefühl. Ich bin jemand, den man Wohlwollen gegenüber bringt oder Ablehnung gegenüber bringt oder der Aggressionen beim anderen provoziert oder der Freude beim anderen evoziert. Und diese Extraktion von Einstellungen aus elterlichen Handlungen, wandern gewisser Maßen in sein Selbstgefühl ein und bilden dieses Selbstgefühl, auch wenn es zunächst kein explizites Gefühl ist, sondern, sagen wir, ein vorreflexives Befinden der eigenen Person."

"Sie scheinen mich zu mögen, meistens jedenfalls!’, erfährt das Kind im Umgang mit seinen Eltern. Manchmal allerdings sind sie ärgerlich, frustriert, überfordert. Kann sein, ich bringe sie durcheinander, wenn ich mich lautstark melde und strenge sie an."

Das Kind lernt nicht nur von, sondern auch durch andere. Dringend braucht es auch die Antwort der Erwachsenen, um sich selbst kennen zu lernen. Dabei trägt es von Geburt an, so nennt es Dornes, das Bild des "virtuellen Anderen" in sich.

Dornes: "Was damit gemeint ist mit diesem virtuellen Anderen ist schon, dass Säuglinge auf die Welt kommen mit bestimmten Präkonzeptionen oder mit bestimmten Erwartungen, dass auf ihre Bedürfnisse, ich will nicht sagen auf eine bestimmte Weise, aber in einem Spektrum von Möglichkeiten geantwortet wird. Der Säugling kommt nicht als Tabula Rasa zur Welt, sondern, wenn man so will, im gewissen Sinne vorverdrahtet, dass sie Reaktionen von der Umwelt erwarten auf ihre Lebensäußerungen und diese Reaktionen können geeigneter oder ungeeigneter sein und dann entscheidet der Fortgang der Verarbeitung, was aus dieser Interaktionssequenz wird."

Wenn ein Kind hungrig ist, erwartet es Nahrung. Wenn es Schmerz empfindet, will es Linderung und Trost. Wenn es "Da da" ruft und auf einen vorbeilaufen Hund zeigt, möchte es, dass sein Gegenüber hinschaut oder wenigstens etwas sagt und ist dann vielleicht irritiert, wenn es nur einen Nuckel in den Mund gesteckt bekommt und die Eltern nicht nach dem Tier schauen.

Durch ihre Äußerungen laden die winzigen Mädchen und Jungen ihr Gegenüber ein, ihnen die Wirklichkeit zu erklären und durch immer neue Informationen und Gefühle ihre Welt zu bereichern.

Dornes: "Und da bilden sich Muster heraus, wie auf Lebensäußerungen von uns reagiert wird und diese Muster sind Einstellungen, die wir dann aus diesen Mustern entnehmen. Natürlich extrahieren wir wieder das Überwiegende, überwiegend mit Wohlwollen, manchmal mit Gereiztheit. Und aus diesen Myriaden von Interaktionen, Reaktionen, Kommunikationen extrahieren wir so etwas wie ein Grundgefühl über unsere eigene Person in Bezug auf unsere Eltern als willkommen oder nicht willkommen und dieses Grundgefühl hat viele Facetten. Das differenziert sich auch aus. Willkommen in mancher Hinsicht. Unwillkommen in anderer Hinsicht."

So prägend die Reaktion der Eltern für das Leben sind, nicht immer können die Erwachsenen erahnen, was das Kind meint. Das halten die Knirpse auch aus. Es genügt, wenn sie – so formuliert es die Bindungsforschung - hinreichend oft und hinreichend einfühlsam reagieren. Schwierig aber ist, wenn sie gar keine Antwort bekommen. Die Kindheitsforscherin Kornelia Schneider.

Schneider: "Es gibt zum Beispiel Untersuchungen, wenn Mütter depressiv sind, dann strengen sich die Kinder an, dem unbewegten Gesicht ihrer Hauptbezugsperson irgendeine Bewegung zu entlocken. Mit allen Mitteln, die sie haben. Bewegungen, Geräusche, die Stimme einsetzen, die den Kontakt in Gang setzen. Und wenn sie damit sie nicht erfolgreich sind, dann hören sie irgendwann damit auf. D.h., dass sie für sich verstanden haben, in dieser Welt kann ich nichts bewegen. Es ist egal was ich tue, es passiert nichts, nichts von dem, was ich brauche."

Die Bindungsforschung und die Neurobiologie brachten im zurückliegenden Jahrzehnt eine große Zahl neuer, überraschender Erkenntnisse hervor, Erkenntnisse darüber wie Säuglinge wahrnehmen, kommunizieren, lernen und was sie in die Kommunikation mit ihren Eltern einbringen.

Ahnert: "Es gibt diese Explosion des Wissens, gerade im Bereich der frühen Entwicklung und das kommt dadurch, dass sich auch die Forschungstechnologien massiv entwickelt haben."

Die Entwicklungspsychologin Liselotte Ahnert. Vor drei Jahrzehnten begann sie bereits in DDR-Kinderkrippen das Bindungsverhalten in den ersten Lebensjahren zu erforschen. Später war sie unter anderem an den National Institutes of Health in Washington und an der Uni Köln tätig. Gerade hat sie eine Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien übernommen.

Um zu verstehen, wie die Jüngsten ihre Beziehungen gestalten, zeichnen die Wissenschaftler bereits seit den Siebzigerjahren Experimente als Video auf. Heute wird das ergänzt durch Augenbewegungskameras, durch Messungen der Hirnströme und des Cortisolspiegels. So wurde sichtbar, dass im Dialog eines Säuglings mit seinem Gegenüber Zeitverhältnisse eine große Rolle spielen.

Ahnert: "Wenn ein Kind ein Signal gibt, kikelt oder einfach nur die Bezugsperson anblickt und die Bezugsperson nicht in einer bestimmten Zeit, nämlich unter einer Sekunde auf die Aktion eines Kindes reagiert, dann versteht das Kind diese Reaktion seiner Bezugsperson nicht mehr als eine Antwort auf seine eigene Aktion. Das heißt es kommt da gar kein Dialog zustande, wenn sie nicht prompt und in einer kurzen Zeitspanne reagieren, was ein Kind signalisiert. Dann fällt das Geschehen auseinander."

Nimmt mein Gegenüber meine Signale richtig wahr? Und interpretiert es, was ich will und handelt sofort und angemessen? All das sind die Kriterien, an denen das Kind abliest, ob sein Gegenüber feinfühlig reagiert. Angemessen heißt dabei auch, bereits den nächsten Entwicklungsschritt des Kindes vor Augen zu haben, dafür die entsprechende Umwelt zu schaffen oder Gegenstände bereit zu stellen und auf sein Tun entsprechend zu reagieren. All das hinterlässt Abdrücke in der Seele der Forscher in Windelhosen.

So eigenaktiv und wissbegierig Säuglinge sein mögen, sie brauchen den emotionalen Rückhalt einer vertrauten Person, um diese Qualität weiter zu entfalten. Das Wechselspiel zwischen ihrem Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit auf der einen und Neugier und Entdeckerlust auf der anderen Seite gleicht einer Wippe. Fühlt es sich sicher und geborgen, krabbelt beispielsweise ein neun Monate altes Baby los und sucht nach interessanten Gegenständen in der Umgebung, während es sich kurz vergewissert, ob seine Bezugsperson noch da ist. Fühlt es sich aber unsicher, wird es nach den Eltern verlangen und sein Umfeld vergessen.

Ahnert: "Wir sehen das in den neurowissenschaftlichen Arbeiten, die zum Teil aus dem Tierexperiment kommen, dass diese Regulationsfunktion, die anfangs über die Bindungsfiguren geht, eine wunderbare Voraussetzung ist für die spätere eigene Regulation. Aber es muss erst mal von außen dieses emotionale Ausbalancieren von Ängsten zugunsten positiver Emotionen über eine Figur laufen. Wenn das nicht läuft, das haben wir ja bei den unsicheren Bindungen, ist das Kind darauf angewiesen, es mit sich selbst auszumachen. Die ganzen Regulationsmechanismen und Bewältigungsstrategien selbst herauszufinden und die Kinder finden es auch tapfer heraus. Es ist nur so, bei vielen dieser Kinder gibt es so etwas wie eine Negativbewertung in ihrem eigenen Selbstbild, weil das, was sie selbst zu bestimmten Zeiten noch leisten können, nie optimal ist."

Führt auch die frühe öffentliche Tagesbetreuung dazu, dass sich Kinder nur unsicher binden und deshalb weniger selbstbewusst durchs Leben zu gehen?
Wird das Wohl der Jüngsten arbeitsmarktpolitschen und emanzipatorischen Gründen geopfert, wenn jetzt in der Bundesrepublik das frühkindliche Betreuungssystem ausgebaut wird?

Auf den Punkt gebracht: Kann man ein Kind unter drei Jahren tatsächlich schon von seiner Mutter trennen und einer anderen Person anvertrauen?

Dornes: "Diese Diskussion wälzt sich jetzt seit 30, 40 oder 50 Jahren durch die Literatur und der momentane Stand ist eigentlich der, dass man sagt, ja, kann man."

Der Soziologe und Psychoanalytiker Martin Dornes vom Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main.

Dornes: "Wir dürfen ja nicht glauben, dass die Mutter qua Mutter besonders geeignet wäre für die Betreuung ihres Kindes. Warum sollte sie es sein? Durch die biologische Verbundenheit im Mutterleib? Die schafft vielleicht die Neigung oder den Wunsch, aber lange nicht die Fähigkeit, mit Kindern qualifiziert umzugehen. Manchmal ist es tatsächlich besser, man hat ein bisschen Abstand zu dem Kind als wenn sie einem ganz unter der Haut sind. Von daher kann man sagen, ich sehe keinen Grund, die Mutter in ihrem Einfühlungsvermögen zu privilegieren, zum Beispiel gegenüber dem Vater."

Martin Dornes beruft sich vor allem auf die große US-amerikanische Studie des National Institute of Child Health and Human Development. In der einflussreichen Längsschnittstudie werden seit 1991 über 1000 Familien und Kinder zu Hause und in der Betreuung untersucht. Dabei fragten die Wissenschaftler auch, wie sich eine frühe Kinderbetreuung in öffentlichen Einrichtungen auf die kognitive Entwicklung auswirkt? Macht die frühe Trennung von den Eltern die Kinder aggressiver, und wie verändert sich die Bindung?

Das Ergebnis überraschte, denn anfänglich glaubte man, die öffentlich betreuten Kinder müssten die unsicher Gebundenen sein. Doch die Studie konnte zeigen, dass für ein Kind die Beziehung zu den Eltern entscheidend bleibt. Deshalb schadet gute frühkindliche Betreuung intakten Familienbanden auch nicht. Im Gegenteil, falls die Beziehung zwischen Mutter, Vater und Kind vorbelastet ist, kann eine gute Krippe sehr hilfreich sein.

Anders als John Bolby, der Begründer der Bindungstheorie, in den 70er Jahren glaubte, braucht eine sichere Bindung nicht die ständige Anwesenheit der wichtigsten Bezugsperson. Die Psychologin Liselotte Ahnert.

Ahnert: "Heute wissen wir, dass ein Kind, auch wenn Unterbrechungen sind in der Betreuung, trotzdem so ein mentales Bild aufbauen kann über die Person. Es löscht nicht gleich das, was es erfahren hat. Es kann es behalten und kann es weiter anreichern und vervollständigen und das hat man in der frühen Zeit der Theoriebildung nicht so geglaubt."

Dabei zeigte auch die bereits erwähnte NICHD-Studie, dass Mütter und Väter mit dem Kind nicht gleich ihre Erziehungsverantwortung in der Betreuungseinrichtung abgaben. Vielmehr sorgten sie in der verbleibenden Zeit besonders intensiv für ihren Nachwuchs. Zu diesem Ergebnis gelangte Liselotte Ahnert auch Anfang der Neunzigerjahre in einer Studie fürs Bundesfamilienministerium.

Ahnert: "Und was wir auch noch herausgefunden hatten, war, dass die Kinder auch über den Tag hinweg in den Einrichtungen gut reguliert sind, gut sich im Griff haben, spielen und fröhlich sind. Aber wenn die Mütter kommen, anfangen zu quengeln und biestig zu werden und offensichtlich zeigen, jetzt sind die Mütter da und jetzt wollen sie die Mütter für sich reklamieren."

Selbst wenn Kinder von zwölf Monaten mehre Stunden am Tag in einer Krippe oder bei einer Tagesmutter betreut werden: Die Mütter und Väter bleiben die Hauptbezugspersonen für die Kinder. Im Kontakt mit ihnen balancieren sie schwierige Situationen aus, um daraus das Vertrauen ins Leben zu schöpfen.

In ihren Bindungsverhalten bedienen sie offenbar ein uraltes Muster. Bei Forschungen über jetzt noch lebenden Jäger- und Sammlerkulturen rund um den Äquator fanden Anthropologen heraus, dass in bis zu 50 Prozent der Zeit andere Stammesmitglieder die Kleinkinder betreuen. Gleichwohl bleibt die Mutter jene Person, die das Kind stillt, ihm hilft, Angst zu überwinden und es bei Krankheit betreut.

Ahnert: "Dieses Muster ist für eine der berühmtesten Anthropologinnen in den USA, die Sarah Hrdy, der Ausgangspunkt dafür zu sagen, dass das Menschheitsgeschlecht in seiner Entwicklung, wie es sich heute darstellt, gar nicht so weit hätte kommen können, wenn man die Frauen nicht so entlastet hätte mit dieser multiplen Betreuung. Dann hätte man nicht aus Zentralafrika fortbewegen können und andere Habitate erobern können, andere Umwelten sich erschließen können mit anderen Technologien, sondern man hätte diesen Aufwand sich gar nicht leisten können, wenn man die Frauen nicht unterstützt hätte. Außerdem wären die Geburtenraten viel zu klein gewesen …"

Es scheint keine natürliche Form der Nachwuchsbetreuung zu geben. Vielmehr bevorzugt die eine Gesellschaft dieses, die andere jenes Konzept - je nach Interessenlage. Relativ stabil allerdings bleiben die Bedürfnisse der Kinder unter drei.
Ihnen zu entsprechen, gehört auch zur Verantwortung unserer Gesellschaft, in der öffentliche Kinderbetreuung zunehmend erwünscht und ausgebaut wird. Martin Dornes.

Dornes: "Da ist die Forschungslage eindeutig. Wenn man Kinder unter 1,5 Jahren nicht von der Mutter betreuen lässt, sei das eine Verwandte oder eine Kinderkrippe, dann sollten nach Möglichkeit nicht mehr als drei Säuglinge von dieser Person betreut werden und ich würde hinzufügen und es sollte vor 1,5 Jahren auch nicht den ganzen Tag erfolgen."

Auch das ist ein Befund der NICHD-Studie, der durch Forschungen in Deutschland bestätigt wurde. Kleine Kinder sind auf das emotionale Miterleben eines Gegenübers angewiesen. Ein ständiger Wechsel von Personen und Umgangsweisen beunruhigt und verunsichert sie in ihrem Bemühen um einen engen Dialog und ist der unterbrochen, bremst das seine Neugier. Dabei weiß man heute, dass ein kleines Kind durchaus auch bindungsähnliche Beziehungen zu einer Erzieherin oder Tagesmutter eingehen, wenn die vertraute Person, die Mutter oder der Vater, die Brücke bauen. Die Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel.

Haug-Schnabel: "Wenn sie sein Weinen trösten, wenn es vor sich hinspielt, als ob gar nichts wäre, trotzdem ansprechen, dass die Mama weg ist, aber auf jeden Fall wieder kommt, dann können wir diesen Stress in eine Herausforderung umwandeln, die das Kind als bewältigt erleben kann. Und das ist natürlich ein großer Entwicklungsschritt. Denn wir merken richtige Selbständigkeitsschübe, die damit einhergehen, wenn die gut rein gekommen sind und erste Anzeichen des Wohlbefindens signalisieren."

Durch diese Eingewöhnungszeit wird auch die Erzieherin oder Tagesmutter zu einer sicheren Basis für Kinder unter drei Jahren, jemand, der - je nach Kind und Situation - es schützt und tröstet, unterstützt und sein Selbstwertgefühl nährt, ähnlich wie es die Bindung zu den Eltern auszeichnet.

Manch sicher gebundene Kinder sehen die Erzieherin eher als eine Spielkameradin oder Entertainerin an. Sie wissen, ihre Eltern kommen am Nachmittag wieder, sind für sie da. Viel wichtiger kann die Erzieherin für unsicher gebundene oder ambivalent gebundene Kinder sein. Bei allen aber gibt es das Interesse an anderen Kindern.

Seitens der Hirnforschung häufen sich Befunde, die darauf hindeuten, dass bereits Säuglinge ab zwölf Monaten sich in ihrem Tun an Gleichaltrigen oder etwas älteren Kindern orientieren. Dabei brauchen sie aber die Vermittlung des Erwachsenen. Die Erzieherin oder Tagesmutter, die ihm sagt: "Es scheint dich zu interessieren, was das andere Kind macht." Und dabei lernt es, wie sich Verstandenwerden anfühlt. Diese Form von Dialogen immer wieder mit den Jüngsten zu führen, verlangt wesentlich mehr Eins-zu-eins-Kontakte, als gegenwärtig mit einem Personalschlüssel von oft fünf bis acht Kinder von unter Dreijährigen auf eine Erzieherin oder Tagesmutter möglich sind.

Ahnert: "Der Vorteil ist schon der, dass man, wenn die Betreuungsqualität gut ist, d. h. wenn die Angebote nicht überfrachtet werden mit zu großen Gruppen, mit zu großen Angeboten, die entwicklungsunangemessen sind, für Kinder unter drei muss es da wirklich instruierte Angebote geben und sollte man das in dem Alltag mit einweben und dann in einer natürlichen Beziehungsgestaltung mit unterbringen. Diese qualitativ gute Betreuung hat den Vorteil auch, dass sich Familien unterstützt fühlen und das was wir wissen, wenn Mütter sich unterstützt fühlen im eigenen Familienkontext oder durch zusätzliche Hilfen, dann sind ihre eigenen Betreuungsleistungen auch viel besser."

Ähnlich wie die die Jäger- und Sammler-Völker in ihrem Kontakt zu ihren Kinder von der Unterstützung durch die Gemeinschaft profitieren, erweisen sich auch die Mütter der gut betreuten Kinder als sensibler und engagierter. Im Austausch mit der Erzieherin oder Tagesmutter gewinnen Eltern Sicherheit, sich auf das einzulassen, was ihre Kinder mitbringen.

Gabriele Haug-Schnabel: "Ich denke, vor allem die Psychoanalytiker, die Kinder- und Jugendanalytiker haben uns gezeigt, es geht in den Krippen nicht darum, dem Kind beizubringen sich zu trennen. Sondern es geht darum zu vermitteln, du verlierst überhaupt nichts, sondern du gewinnst etwas Neues hinzu. Also es muss bereit sein, von dieser sicheren Basis, die es hoffentlich mit seinen Eltern hat, nun zu erweitern und eine weitere Person zuzusagen rein zu lassen, die im weiteren Sozialisationsverlauf eine ganz große Rolle für das Kind spielen kann. Also ein guter Einstieg in die Krippe kann ein guter Sozialisationsgewinn sein."

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