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Religionen | Beitrag vom 02.07.2017

Bernd Kolbs Fotoband "Brahman"Auf der Suche nach der verlorenen Weisheit

Von Anke Schaefer

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(Bernd Kolb, mit freundlicher Genehmigung)
Der Ex-Manager und Umweltaktivist Bernd Kolb bereist für sein "Brahman"-Projekt die Welt auf der Suche nach Weisheit (Bernd Kolb, mit freundlicher Genehmigung)

Er war Manager und Internetunternehmer - dann stieg er aus: Seit 2012 sucht Bernd Kolb mit seiner Kamera nach Weisheitstraditionen in verschiedenen Regionen und Kulturen Asiens. In Berlin ist jetzt die Ausstellung zu seinem zweiten Bildband "Brahman" zu sehen.

Bernd Kolb lädt sein Ausstellungspublikum am liebsten um Mitternacht zu einer Führung durch die Malzfabrik ein. Denn Mitternacht, sagt er, das ist der Nullpunkt. Da ist der alte Tag vergangen und der neue hat noch nicht begonnen. In diesem Moment ist es vielleicht leichter zu verstehen, was er seinem Publikum zeigen will. Dass es nämlich möglich ist, über den Verstand hinaus zu gehen:

"Dieses Gehirn ist ein wichtiges Organ des Menschen, das vielleicht wichtigste Werkzeug des Ego, aber wir sind nicht nur unser Gehirn, unser Verstand. Und genau das schlägt ja nun Brahman und Atman vor."

Das wahre Selbst des Menschen

"Atman" hieß die erste Ausstellung und das erste Buch, "Brahman" heißt nun das zweite Buch und die zweite Ausstellung von Bernd Kolb. "Atman" ist die "Seele" im Sinne des wahren, individuellen Selbst des Menschen, "Brahman" ist der Urgrund allen Seins, der nicht mit Worten beschrieben oder mit dem Verstand erfasst werden kann. Beide Begriffe stammen aus den Vedischen Schriften aus Indien, einem uralten Dokument, auf dem z.B. auch der Hinduismus beruht.

"Wenn man sich die Geschichte der Vedischen Schriften anguckt, dürfte der inhaltliche Teil vor etwa 10.000 Jahren entstanden sein. Und es hat dann eine ganze Weile gedauert, bis das verschriftlicht wurde. Das war dann vor dreieinhalbtausend Jahren, immer noch vor jeder bekannten Religion."

(Bernd Kolb, mit freundlicher Genehmigung)Ein Bild aus Bernd Kolbs Bildband "Brahman" (Bernd Kolb, mit freundlicher Genehmigung)

Bernd Kolb animiert die Besucher der Ausstellung, mindestens drei Minuten möglichst ohne zu blinzeln im Dunklen vor den großen, leuchtenden Fotos stehen zu bleiben. Sie zeigen Gesichter. Oft zerfurcht, immer charismatisch. Die Augen ganz klar. Man soll stehen bleiben, auch dann noch, wenn es dem Verstand langweilig wird. So, meint Kolb, überlisten wir den Verstand, so gehen wir heraus aus dem Denken und machen eine Erfahrung. Im besten Fall tauchen wir ein ins "Eine Sein".

Dank Al Gore weg vom Profitdenken

Dass Bernd Kolb mal auf der Suche nach Menschen, die "im Einen Sein ruhen", durch Asien reisen und aus seinen Fotos Ausstellungen machen würde, das hätte er nicht gedacht. Er hat zur Zeit der New Economy eine Internet-Agentur gegründet. Brachte diese dann als erste in Europa an die Börse. Später war er Innovations-Vorstand bei der Deutschen Telekom. Er verdiente viel Geld. Aber irgendwann leuchtete es ihm nicht mehr ein, dass das laufende Quartal immer ein paar Prozentpunkte mehr Profit, mehr Wachstum einbringen musste, als das vergangene:

"2006 habe ich zum ersten Mal einen für mich sehr eindrücklichen Vortrag von Al Gore gehört. Mit dem schlanken Titel ‚Die unbequeme Wahrheit‘, wo das Thema Klimawandel zum ersten Mal zu mir durchgedrungen ist. Wenn der Mann Recht hat, dann müssen wir viele Dinge verändern, damit wir mit dieser Herausforderung klar kommen. Und das habe ich sehr unternehmerisch gesehen und als Innovationsmann mit großer Neugier – denn ist ja schön, dass man mal was Neues braucht. Aus Sicht der Innovation."

Appelle an die Regierungen

2007 steigt Bernd Kolb bei der Telekom aus. Er baut in Marrakesch einen alten Stadtpalast zum Hotel um, gründet den "Club of Marrakesh", wo er mit Managern und Wissenschaftlern diskutiert, wie und ob man die Welt doch noch retten kann. Er engagiert sich, er hält Vorträge. Und er wundert sich:

(Bernd Kolb, mit freundlicher Genehmigung)Fotografie aus Bernd Kolbs Bildband "Brahman" (Bernd Kolb, mit freundlicher Genehmigung)

"Ich habe vor Regierungen gesprochen, bis in China – ich habe vor großen Unternehmen gesprochen, ich hab versucht, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Und habe mich stark gewundert, warum es uns nicht gelingt, so zu handeln, dass wir vorsorglich, mitfühlend, positiv Zukunft gestalten. Nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch ganz persönlich."

Raus aus der Ego-Falle

Wenn Wissen nicht hilft, könnte Weisheit helfen, sagt sich Bernd Kolb. Seit fünf Jahren bereist er Asien, auf den Spuren der alten Weisheitslehren. Er hat auf diesen Reisen, sagt er, gelernt, seine Konzepte von Wettbewerb und Konkurrenz in Frage zu stellen und das will er jetzt auch anderen ermöglichen. Bernd Kolb will sein Ausstellungspublikum einladen, aus der – wie er sagt – "Ego-Falle" auszusteigen. Den Menschen, die er in seiner Fotoausstellung zeigt, sei das gelungen.

"Wenn Sie im Bewusstsein sind, dass Sie eins sind mit allem, dann befördern Sie, wie ich meine, unsere höchste Fähigkeit, nämlich die des Mitfühlens. Das Mitgefühl."

Bernd Kolb lebt inzwischen auf Java, aus Überzeugung: "Weil es dort noch eine sehr lebendige alte Kultur gibt. Weil es dort ein für uns Westler utopisch anmutendes Miteinander von Gesellschaft gibt. Eine unfassbare Nähe zu den anderen Menschen, eine Liebenswürdigkeit. Und ich habe festgestellt, dass die eigene Lebenszufriedenheit auch sehr stark davon abhängt, wie dein Umfeld aussieht."

Mehr als das, was wird denken

Während Bernd Kolb das alles sagt, sitzt er in einer alten Halle der Berliner Malzfabrik. Mitten im Staub, neben alten Maschinen - auf einem weißen Sofa. Hat er es gefunden, sein Wahres Selbst? Darauf - sagt er, gibt es keine einfache Antwort.

"Also, ich bin natürlich kein Guru. Aber ich bin ein Erinnerer. Atman, Brahman ist das älteste philosophische Fundament der Menschheit. Die ganzen Dinge, die ich rüberbringe in den Westen, die ich zurückhole, sind uralt. Ich hoffe, dass man sich letztlich daran erinnert, dass wir sehr, sehr viel mehr sind als das, was wir denken."

(Bernd Kolb, mit freundlicher Genehmigung)Ein Foto aus Bernd Kolbs "Brahman"-Projekt (Bernd Kolb, mit freundlicher Genehmigung)

Brahman
Ausstellung in der Malzfabrik, Berlin
Noch bis 30. September 2017
weitere Informationen zur Ausstellung hierInformationen zum Bildband hier 

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