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Konzert / Archiv | Beitrag vom 30.05.2018

Begegnungen mit dem Komponisten und Theologen Dieter Schnebel (1/5)"Ich bin halt beides"

Eine experimentelle Doppelbegabung

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Der Komponist und Theologe Dieter Schnebel (Carolin Naujocks)
Der Komponist und Theologe Dieter Schnebel (Carolin Naujocks)

Am Pfingstsonntag 2018 starb Dieter Schnebel im Alter von 88 Jahren. Zwischen November und Februar zuvor war er für eine Gesprächsreihe zu Gast im Deutschlandfunk Kultur. Diese "Begegnungen mit Dieter Schnebel" sind nun zu seinem Vermächtnis geworden.

Dieter Schnebel war experimenteller Komponist par excellence. Von 1976 bis 1995 hatte der Komponist und Theologe die Professur für Experimentelle Musik an der Hochschule der Künste (HdK) Berlin inne.

Ein Außenseiter der Neuen Musik

Zwei Lehrer habe er gehabt, ohne je eine Kompositionsstunde bei Ihnen genossen zu haben: Karlheinz Stockhausen und John Cage. Dabei ist der Berliner Komponist und Theologe Dieter Schnebel selbst einer der bedeutendsten experimentellen Komponisten geworden.

Zu Beginn der 50er Jahre hatte Dieter Schnebel die Neue-Musik-Szene als Außenseiter betreten. Es war die Zeit der Experimente und der musikalischen Neuanfänge. Darmstadt hieß der Ort, auf den alle blickten, denn die 1948 dort gegründeten Ferienkurse für Neue Musik wurden zum Konsolidierungszentrum des zeitgenössischen Musikschaffens und zum Synonym für die musikalische Avantgarde schlechthin. Hier wurden serielle Verfahren zur stufenweisen Durchorganisation des musikalischen Materials entwickelt – es entstand eine ästhetische Strömung, die als Serialismus in die Musikgeschichte einging.

Im seriellen Denken verwurzelt

Selbst tief im seriellen Denken verwurzelt, hat sich Dieter Schnebels Komponieren nicht auf das rationale Organisieren akustischer Messgrößen (Tonhöhe, Dauer, Lautstärke) beschränkt. Vielmehr hat Schnebel früh schon das serielle Strukturieren auf komplexere Zusammenhänge – auf dynamische Prozesse – ausgeweitet. Immer sind diese Vorgänge konkret, denn Klangvorgänge stehen bei Dieter Schnebel für Lebensvorgänge.

Und weil echte Lebensvorgänge nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar und fühlbar sind, ist Dieter Schnebels experimentelle Musik konsequenterweise beim Visuellen, beim Theater angekommen. Allerdings erzählt dieses Theater keine traditionellen Geschichten, was dort geschieht, sind die Klangvorgänge selbst.

Ein unüberschaubares Werk

In den inzwischen über 70 Jahren kompositorischer Arbeit hat Dieter Schnebel ein schier unüberschaubares Werk geschaffen, das zugleich akribisch strukturiert ist: Phonetische Musik, Sichtbare Musik, Organische Musik, Psychoanalytische Musik, Experimentelles Theater usf.,  mit vielen Ableitungen und Seitenlinien, z.B. Zeichen-Sprache und Schau-Stücke.

Die unerwarteten Beziehungen, die aus diesem systematisch-experimentellen Vorgehen resultieren, machen das ebenso überraschende wie befreiende Moment seiner Musik aus. Denn Dieter Schnebels Komponieren bedeutet immer auch einen Emanzipationsprozess.

Zwischen experimenteller Musik und kritischer Theologie

In fünf Gesprächen berichtet Dieter Schnebel von seinem Leben zwischen experimenteller Musik und kritischer Theologie, von den tragischen und komischen Seiten des Lebens.

Die heutige Sendung handelt von den Darmstädter Ferienkursen und der Bekennenden Kirche, von John Cage und Karlheinz Stockhausen, von Nazis in der Kriegs- und Nachkriegszeit, von Albert Schweitzer und Joseph Beuys, von Fluxus und von einer ganz anderen geistlichen Musik als jene, die man sich normalerweise in der Kirche vorstellt.

Dieter Schnebel im Studio. Diese Autogrammpostkarte von Albert Schweitzer hatte Joseph Beuys bereits signiert. Dieter Schnebel hat sich auf dem Foto dazugesellt.                                (Carolin Naujocks)Dieter Schnebel im Studio. Diese Autogrammpostkarte von Albert Schweitzer hatte Joseph Beuys bereits signiert. Dieter Schnebel hat sich auf dem Foto dazugesellt. (Carolin Naujocks)

Begegnungen mit dem Komponisten und Theologen Dieter Schnebel (1/5)
Darmstädter Ferienkurse und Bekennende Kirche, Kriegs- und Nachkriegsjahre,
John Cage, Albert Schweitzer und Joseph Beuys, experimentelle geistliche Musik
Carolin Naujocks im Gespräch mit Dieter Schnebel

(Teil 2 am 06. Juni 2018)

Mit Ausschnitten aus folgenden Kompositionen:

Arnold Schönberg
Klavierstück op. 11/3 (1909)

Glenn Gould, Klavier


Dieter Schnebel

"Stuhlgewitter"
Schulmusik, Erfahrungen II 2 (1987)
für mindestens 12 Ausführende

Dozenten der Emmerich-Smola-Musikschule der Stadt Kaiserslautern


Johann Sebastian Bach

"Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ"
Choralbearbeitung, BWV 639

Albert Schweitzer, Orgel der Pfarrkirche in Gunsbach/Elsass


Arnold Schönberg

"A Survivor from Warsaw" op. 46
für Sprecher, einstimmigen Männerchor und Orchester (1947)

Hans-Olaf Hudemann, Sprecher
Chor des Landestheaters Darmstadt
Orchester des Landestheaters Darmstadt
Leitung: Hermann Scherchen


Dieter Schnebel

"Analysis" für Saiteninstrumente und Schlagzeug (1953)
aus: "Versuche I-IV"

Kammerorchester des Belgischen Rundfunks und Fernsehens
Leitung: Mauricio Kagel


Dieter Schnebel
"Für Stimmen (... missa est)"

Teil 1: "dt 31,6" (Deuteronomium 31,6) für 12 Stimmen a capella (1958)

Schola Cantorum
Leitung: Clytus Gottwald


Dieter Schnebel
"Für Stimmen (... missa est)"

Teil 2: "amn" (1958, 1966/67)

Schola Cantorum
Leitung: Clytus Gottwald


Dieter Schnebel
Trauermarsch

aus: Bagatellen für Klavier (1986)

Hermann Kretzschmar, Klavier


Dieter Schnebel
"Für Stimmen (... missa est)"

Teil 3: ":! (madrasha 2)" für 18 Solostimmen (1958, 1967/68)

Schola Cantorum
Leitung: Clytus Gottwald

Konzert

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