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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.05.2010

Axel Michaels: Rituale machen das Leben einfacher

Der Indologe und Tagungsleiter über Sinn und Unsinn von rituellen Handlungen

Axel Michaels im Gespräch mit Susanne Führer

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Das Weihnachtsfest ist voller Rituale. (Stock.XCHNG / Dan Shirley)
Das Weihnachtsfest ist voller Rituale. (Stock.XCHNG / Dan Shirley)

Nachdem Rituale durch den Nationalsozialismus in Deutschland sehr lange in Verruf standen, haben sie eine Renaissance erfahren, sagt Axel Michaels, Leiter der Tagung "Wozu braucht es Rituale?", die von der Daimler-Benz-Stiftung heute in Berlin veranstaltet wird. In Ritualen könne man sich "zu Hause fühlen" und fallen lassen.

Susanne Führer: "Wozu braucht es Rituale?" So lautet der Titel einer Tagung, die heute in Berlin stattfindet. Braucht der Mensch Rituale, helfen sie uns, durch den Alltag zu kommen, oder engen sie nicht eher ein und behindern Veränderung? Themen auf der Tagung unter der Leitung von Axel Michaels und jetzt hier im "Radiofeuilleton". Axel Michaels ist Professor für Klassische Indologie an der Universität Heidelberg und Sprecher des Sonderforschungsbereichs Ritualdynamik. Guten Tag, Herr Michaels!

Axel Michaels: Guten Tag, Frau Führer!

Führer: Ist das jetzt ein Ritual, dieses Guten Tag, Guten Tag?

Michaels: Na ja, das würde ich jetzt vielleicht noch nicht als Ritual bezeichnen, aber natürlich ist Grußverhalten sehr stark ritualisiert, und je außerordentlicher er ist, umso länger dauert es, umso mehr Regeln gibt es dabei, wenn man etwa daran denkt, wie sich Staatsoberhäupter begrüßen oder auch, wer das Erstgrußrecht hat. Die Queen darf man nicht grüßen, sondern man muss warten, bis man von der Queen gegrüßt wird. Das alles ist in Regeln festgehalten und sehr stark ritualisiert, je nach Kontext.

Führer: Was ist denn ein Ritual, im Gegensatz zu einer Regel oder einer Gewohnheit sagen wir mal?

Michaels: Also grundsätzlich kann eigentlich jede Handlung zu einem Ritual werden. Und der Unterschied ist, dass es in außerordentlichen, außeralltäglichen Kontexten stattfindet, dass es vereinbart ist, dass es förmlich ist, dass es wiederholbar ist und dass es eben vorgeschrieben ist mehr oder weniger, was man zu tun hat und wie man es zu tun hat.

Führer: Das heißt, wenn sich die Familie immer sonntags vorm Fernseher zum "Tatort" gucken versammelt, dann ist das noch kein Ritual?

Michaels: Hier streiten sich natürlich wie das so üblich ist die Wissenschaftler. Manche bezeichnen das als Ritual, andere wiederum nicht, sondern als ritualisiertes Verhalten, um den Unterschied deutlich zu machen zwischen den Ritualen, die etwa im Leben stattfinden – Geburt, Hochzeit, Tod –, wo das doch ein bisschen außergewöhnlicher ist. Aber natürlich kann man auch das Ritual des "Tatort"-Schauens so sehen, wenn es bestimmten Regeln folgt, die auch mehr oder weniger den Teilnehmern bewusst sind. Das heißt also, wenn man sich dazu verabredet, vielleicht ein bestimmtes Getränk immer dazu nimmt, immer der gleiche Kreis ist und man isst eine bestimmte Sorte Chips dazu oder vereinbart, wer den Täter zuerst raten darf oder so etwas. Also je nachdem, wie es organisiert ist, kann man es als Ritual bezeichnen oder nicht.

Führer: Ich hätte jetzt so ganz naiv gedacht, also Gewohnheiten sind etwas, was ich jetzt persönlich mache, also irgendetwas Individuelles, immer, was weiß ich, erst Zähne putzen und dann Haare föhnen, und ein Ritual wäre etwas Überindividuelles sozusagen, etwas Soziales, was in die gesamte Gesellschaft hineinwirkt.

Michaels: Also ich bezeichne als Rituale eigentlich eher das, was ein bisschen außeralltäglich ist, nicht wahr. Zähne putzen, mit dem Hund Gassi gehen, "Tagesschau" gucken und so etwas, das sind Gewohnheiten für mich, aber nicht unbedingt Rituale.

Führer: Früher, als sich die Ethnologen ja vor allem mit fremden Völkern beschäftigt haben, besonders gerne mit den sogenannten Wilden und den Primitiven, da hat man ja Rituale bei diesen Völkern dann beobachtet und dann auch immer so mit Spiritualität in Verbindung gebracht – also nehmen wir mal so etwas wie den Regentanz. Muss ein Ritual, um ein Ritual zu sein, auch immer so eine spirituelle Dimension haben?

Michaels: Nicht unbedingt eine spirituelle Konnotation, aber durchaus einen Verweis auf eine andere, auf eine höhere Welt – auf die Urahnen, auf die Götter, auf das, was einem heilig ist, was das Besondere ist –, das ist doch sehr oft festzustellen, eigentlich fast immer festzustellen bei Ritualen. Sie können als Unterschied zum Beispiel nehmen, Ruderregatta zwischen den Universitäten Cambridge und Oxford, das ist eben keine normale Ruderregatta, sondern da spielt mit der Glaube an die besonderen Bildungseinrichtungen, die dahinterstehen, und das bedeutet dann auch ein höheres Maß an Ritualisierung.

Führer: Heute richten die Ethnologen ihren Blick ja auch sehr stark auf die eigene Gesellschaft. Ist es nicht eigentlich schwerer, eigene Rituale zu erkennen, also diesen fremden Blick auf das so Vertraute zu richten?

Michaels: Es ist ein bisschen schwerer, weil natürlich das, was einem nah ist, nicht fremd ist, aber der ethnologische Blick ist in uns allen drin. Wir müssen nur das Weihnachtsfest anschauen, und schon haben wir ein exotisches Ritual mit dem Baum im Wohnzimmer, und das ist uns über den Umweg anderer Kulturen natürlich sofort bewusst geworden. Und so kann man doch vieles im eigenen Verhalten sehen, das von außen betrachtet recht absurd erscheint gelegentlich.

Führer: Über Sinn und Unsinn von Ritualen spreche ich im Deutschlandradio Kultur mit dem Ritualforscher Axel Michaels von der Uni Heidelberg. Herr Michaels, Rituale standen hierzulande ja mal im ganz schlechten Ruf. Unter den Talaren, Muff von tausend Jahren, wir erinnern uns, die 68er, die haben sich ja gegen eine ganze Reihe von Ritualen gewehrt und auch viele mal eben locker zum Kippen gebracht, also Knicks und Diener zum Beispiel gibt es nicht mehr, die Tanzstunden haben auch einen anderen Charakter angenommen, das Fräulein ist auch nahezu ausgestorben. Passiert so etwas eigentlich häufiger, dass Rituale sozusagen vom Sockel gestürzt werden?

Michaels: Ja, das ist etwas, was wir in Heidelberg erforschen und wo wir eigentlich auch sicher sind, dass wir den richtigen Weg gefunden haben. Rituale verändern sich immer. Und Rituale sind eigentlich auch von Anfang an mit Kritik begleitet. Eben das Äußerliche daran, das Wiederholbare, steht im Konflikt zu dem, was auch mit den Ritualen sich verbindet, dass man sie nämlich begründen muss, dass sie eine Bedeutung haben müssen. Dann ist es ja doch oft so, dass gerade das Äußere daran viel Kritik hervorruft, denn nur in die Kirche gehen und nicht dran glauben, das geht eben nicht. Oder das lateinische Gebet, das man nicht versteht, das geht auch dann nicht. Und so verhält es sich eigentlich überall. Es hat auch große Revolutionen hervorgerufen – man denke an die Reformation, man denke an die Entstehung des Buddhismus, die auch einer großen Ritualkritik folgte. Und tatsächlich haben Rituale sehr lange im Verruf gestanden, natürlich auch durch den Nationalsozialismus in Deutschland, und ich denke, sie haben eine Renaissance erfahren, sie sind dann wiedergekommen, sie sind plötzlich erkannt worden oder wiedererkannt worden, indem man sich ja auch zu Hause fühlen kann, aufgehoben fühlen kann, weil sie eben eine Form vorgeben, die man nicht immer nur aus dem Inneren, aus der Einstellung, aus dem Bewusstsein holen muss, sondern ja, wo man sich etwas fallen lassen kann.

Führer: Gibt es denn überhaupt menschliche Kulturen ohne Rituale?

Michaels: Ich kenne nicht alle Kulturen, aber alle, die ich kenne, haben Rituale. Interessante Frage ist, haben bestimmte Kulturen mehr Rituale oder weniger Rituale. Und hier ist erstaunlicherweise festzustellen, dass man ja annehmen würde, dass moderne Gesellschaften weniger Rituale haben. Das scheint aber nicht der Fall zu sein, die Rituale sind eben mehr geworden. Sie sind vielleicht kurzlebiger geworden, sie sind auch vielleicht nicht mehr so viele Menschen umfassend, aber wir stellen doch fest, dass es enorm viele neue Rituale gibt und dass Rituale eigentlich auch immer erfunden werden, damit sich Menschen zusammenfinden und zusammenschließen und das dokumentieren und zeigen.

Führer: Sie haben gerade einen Vorteil von Ritualen genannt, nämlich dass sie eine bestimmte Sicherheit geben – also ich weiß, in der und der Situation, was ich dann zu tun habe –, und sie machen dadurch ja auch das Leben einfacher.

Michaels: Ja, sie machen es einfacher, nicht, wenn man eben nicht weiß, ob man Du oder Sie sagen soll und es ist vorgeschrieben, was man zu sagen hat, dann ist das einfacher. In vielen Fällen ist es einfacher, in manchen Fällen ist es auch schwieriger, weil man eben das nicht so gerne macht, was einem vorgeschrieben wird, und dann gibt es dagegen Protest, wir kennen das.

Führer: Das wären dann wieder die Nachteile von Ritualen?

Michaels: Genau. Aber eben das, ich glaube, dass Rituale genau diese Funktion haben, sich daran abzuarbeiten, so einen Konzentrationspunkt einer gesellschaftlichen Gruppe, einer ganzen Gesellschaft bilden, und man muss sich dazu stellen. Die meisten übernehmen es, andere kritisieren es, dann kommt es in einen Prozess der Veränderung, der Erneuerung. So hat man einen Bezugspunkt.

Führer: Aber wenn man sich abarbeiten an Ritualen, dann haben sie doch eigentlich wiederum ihre Funktion verloren, wenn der Sinn von Ritualen ist, eben dass ich mich fallen lassen kann, dass ich mich sicher fühle, dass es einfach ist, dass ich mich freue, die ganze Familie, wie jedes Jahr sitzen wir zu Weihnachten natürlich am Heiligabend im Gottesdienst.

Michaels: Ja, Sie erwähnen zu Recht das Weihnachtsfest, das ist ein klassisches Beispiel dafür, nicht wahr. Jedes Jahr überlegt man, ob man es nicht anders machen könnte: Dieses Mal schenken wir uns nichts. Und komischerweise, am Ende läuft es dann doch – same procedure every year – so ab wie das Jahr davor, wenn auch mit ein paar kleinen Änderungen. Der Tannenbaumschmuck wechselt oder man feiert mal ...

Führer: Niemals!

Michaels: ... Sie sagen niemals, sehen Sie, da stellt man schon fest, am Ende ist man dann doch in den meisten Fällen mehr oder weniger gezwungen, es so zu machen, wie man es immer gemacht hat.

Führer: Heute findet in Berlin die Tagung "Wozu braucht es Rituale?" statt, veranstaltet von der Daimler-Benz-Stiftung unter der Leitung von Axel Michaels, Professor für Klassische Indologie an der Universität Heidelberg und Sprecher des Sonderforschungsbereichs Ritualdynamik. Nicht weil es das Ritual verlangt, Herr Michaels, ich danke Ihnen herzlich für Ihren Besuch!

Michaels: Ich danke Ihnen!

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