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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.11.2016

AutodidaktenDas selbstgemachte Können

Von Ayse Buchara

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Holzstempel mit Buchstaben, Zahlen und Zeichen liegen sortiert in einer Schachtel aus Holz. (imago/ Westend61)
Wer gilt als qualifiziert, aus diesen Buchstaben und Zeichen etwas Sinnvolles zu formen? Braucht man ein Diplom? (imago/ Westend61)

In Zeiten des Wandels ist Pioniergeist gefragt. Erst dann schlägt die Stunde des Autodidakten, denn seine freie Kreativität und ungeregelte Erkenntnisfähigkeit findet Lösungen, für die andere blind sind. Die Filmemacherin Ayse Buchara beschreibt die Anatomie eines Störenfrieds.

Wer ist der ärgste Systemfeind. Der Anarchist? Der Rechtspopulist? Nein. Der ärgste Systemfeind ist der Autodidakt.

Er, der Autodidakt, will nicht begreifen, dass Wissen nicht jedermanns Sache ist. Er ist der Meinung, dass er sich alles selbst beibringen kann, was andere nur unter dem wachsamen Auge von bereits Wissenden und Könnenden erlernen. Ganz ohne Dialektik, ganz ohne Dialog.

Seine Wege geht der Autodidakt kraft seines aufsässigen Wesens. Eine unbegrenzte Neugier treibt ihn in ein bestimmtes Feld hinein, und er sucht sich seinen eigenen Zugang zur Materie. Kein Lehrer muss ihm dabei zur Seite stehen, wenn er sich auf seine Themen stürzt.

Hat er eine Ahnung, die sonst keiner hat? Schwant ihm etwas? Sucht er nach verdrängten Perspektiven?

Erfahrungen öffnen ihm die Augen

Naiv behauptet er, seine persönliche Erfahrung habe ihn ausgebildet und ihm die Augen geöffnet. Diese Erfahrung lasse ihm alle Erkenntnisse einfach zufliegen und verleihe ihm nicht nur Wissen, sondern auch praktische Fertigkeiten. So wie einst Leonardo da Vinci.

Der Autodidakt gibt zum Beispiel zu bedenken, dass es doch ganz offenkundig falsch sei, wenn Sprachlehrbücher so viele Bilder enthielten. Bilder prägen sich viel schneller ein als Buchstaben und schieben sich wie ein bunter Nebel vor die Wörter, die gelernt werden sollten. Dem Autodidakten schwebt ein Sprachlehrbuch ohne Bilder vor, das eine viel nützlichere Grundlage für den Unterricht bilden würde, gerade für Kinder mit Lernschwierigkeiten.

Aber wieso soll der Autodidakt dazu qualifiziert sein, ein Schulbuch zu entwerfen? Nur weil ihm beim eigenen Sprachstudium eine Inspiration gekommen ist? Das könnte jeder sagen.

In unserer Zeit ist ganz klar geregelt: Die Arbeit gehört jenen, die sich im gesellschaftlichen Zusammenhang dafür qualifiziert haben.

Die Anmaßung, alles besser zu wissen

Wir haben den Autodidakten gern, wenn sein Können nicht von der Hand zu weisen ist und die allgemeine Ordnung dabei nicht stört. Wenn er Sprachen sprechen, ein Instrument spielen, malen, zeichnen oder Computerspiele entwickeln kann. Oder kochen oder Haare schneiden.

Stellen Sie sich aber vor, dass das Leben den Autodidakten zu der ganz besonderen Fähigkeit erzogen hat, ein herausragender Gesundheitsminister zu sein. Er ist schon 50 Jahre alt, und gerade ist ihm aufgegangen, was alles getan werden müsste – in der Gesundheitspolitik. Wer würde ihm glauben? Wer möchte sich ihm anvertrauen?

Gott sei Dank ist es nicht schwer, den Autodidakten in seine Schranken zu weisen. Selbst mitten im Informationszeitalter werden Erkenntnisse und Fertigkeiten über Statusmarker wie Schul- oder akademische Abschlüsse, Lebenslauf und öffentliche Förderungen legitimiert. Freilich verkörpert der Autodidakt in dieser Wissensgesellschaft auch eine wachsende Bedrohung. Durch sein bloßes, selbstgemachtes Können stellt er die gesellschaftlich Wege in Frage, auf denen ein Mensch zur Entscheidungsmacht über andere kommt. 

Was wird passieren, wenn die alten Rating- und Bewertungssysteme der Bildung an ihre Grenzen stoßen? Wenn die Wissensgesellschaft den Autodidakten, der sich mit niemandem austauscht, in seiner Expertise ebenso ernst nimmt wie die herkömmlich Gebildeten? Gehen dann alle Qualitätsnormen unter?

Man kann es vielleicht so sehen: In Zeiten des Wandels ist Pioniergeist gefragt. Dann schlägt die Stunde des Autodidakten, denn seine freie Kreativität, seine ungeregelte Erkenntnisfähigkeit findet Lösungen, für die andere blind sind.

Ayse Buchara, Jahrgang 1959, studierte Psychologie und besuchte danach die Hochschule für Film und Fernsehen in München. Neben ihrer Tätigkeit als Filmemacherin und Autorin gibt sie seit vielen Jahren türkischen Jugendlichen Nachhilfe.

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