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Studio 9 | Beitrag vom 16.10.2014

Ausstellung in LondonAufklärung mit Gutenberg-Bibel und Gartenzwerg

Das British Museum und die BBC wollen das Deutschland-Bild der Briten korrigieren

Von Jochen Spengler

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Eine Wiege im Bauhaus-Stil. (British Museum)
Eine Wiege im Bauhaus-Stil. (British Museum)

Das Bild der Briten von den Deutschen konzentriert sich oft auf die dunklen Kapitel der Nazizeit. Deshalb zeigt das Londoner British Museum in seiner Ausstellung "Germany: Memories of a Nation", dass etwa das Heilige Römische Reich Deutscher Nation oder Goethe auch dazu gehören. Die BBC sendet dazu eine Serie.

Die Ausstellung beginnt mit dem Ereignis, das den Anstoß dazu gab , erläutert der Audioführer. Ein Video über den Fall der Mauer. "Wir sind ein Volk" steht auf einem schwarz-rot-goldenen Pappschild mit dem Umriss des vereinten Deutschland. Seit der Einheit gibt es ein anderes, mündiges Deutschland, eines, das die Briten kaum kennen, sagt Museumsdirektor Neil MacGregor:

"Die meisten Briten lernen von der deutschen Geschichte nur die zwölf schwarzen Jahre. Und das heißt, dass sie die längere, größere Geschichte Deutschlands nicht kennen, und vielleicht noch wichtiger, die Geschichte Deutschlands seit 1945 nicht kennen. Es war die Absicht und ist die Hoffnung, dass wir durch Objekte, Aspekte der deutschen Geschichte, dem britischen Publikum verständlich machen können."

Der intelligent verdichtete Blick auf zentrale Elemente unserer Geschichte ist ungemein aufschlussreich. So wird zunächst geschildert, dass es ein Deutschland mit Grenzen wie auf dem Pappschild vor 1990 nie gegeben hat. Sehr viel größer und ungeheuer komplex war das Konstrukt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation - mit seinen Kaisern, Königreichen und Fürstentümern ein früher Vorläufer des heute bewunderten Föderalismus. Jahrhundertelang war Deutschland eher eine Idee, als EIN Staat, als EINE Nation mit EINER Geschichte, EINER Religion und EINER Währung. Auf eine Reichskarte um 1700 haben die Kuratoren Münzen geklebt:

"Wir haben fast zweihundert Münzen hier, die wir alle regional aufgeteilt haben. Es zeigt, dass Deutschland ein Flickenteppich war, und es ist ein wenig so wie heute, wo man den Euro heutzutage hat. Man konnte mit diesen Münzen in ganz Deutschland bezahlen. Sie hatten alle den gleichen Wert, nur verschiedene Gesichter darauf."

Es ist ein vollkommen anderes System als zur selben Zeit im zentralistischen Königreich der Engländer. Die Kuratorin Sabrina Ben Aouicha:

"Für die war es unmöglich, darüber nachzudenken, dass jemand die Frechheit besitzt, seine eigenen Münzen zu prägen. Weil der König an der Spitze des Staates steht, er hat die Oberherrschaft, ihm gehört das Land und er ist der einzige, der Anrecht auf das Geld hat."

Gutenberg-Bibel, Meissener Porzellan und eine Bauhauswiege aus Weimar

Ausstellungsstücke wie die Straßburger Uhr erinnern daran, wie fließend die Grenzen waren, wie sehr Deutschland geprägt wurde durch Städte wie Straßburg und Basel, Prag oder Königsberg, die heute längst nicht mehr deutsch sind. Zugleich verweist die meisterliche Spieluhr auf Erfindungen und Handwerkskunst, mit denen das Land die Welt grundlegend verändert hat.

"Jetzt sind wir in der Sektion, die heißt 'Made in Germany', Untertitel ist: 'Vorsprung durch Technik'. Da freut sich eine Firma, glaube ich… Wir haben angefragt und die haben gesagt, ja, wir dürfen’s benutzen. Also hier sprechen wir über großartige Errungenschaften, die Deutschland mehr oder weniger in die Welt gebracht hat, sie waren wirklich weltverändernd, vor allen Dingen der Buchdruck, wir leben in einer Welt von Gutenberg."

Und so findet sich die Gutenberg-Bibel in der Ausstellung ebenso wie Kupferstiche Dürers, Meissener Porzellan, Schwerter aus Solingen, Metallwerkzeuge und eine Bauhauswiege aus Weimar. Daneben hängt das bekannte Tischbein-Portrait des berühmtesten Sohns der Stadt, der wie kein zweiter für die Verbreitung der deutschen Sprache in der Welt sorgte. Museumsdirektor Neil MacGregor widmet Goethe in seiner BBC-Radio-Serie ein eigenes Kapitel, das er mit einer Umfrage in Frankfurt beginnen läßt:

"Entschuldigen Sie, können Sie uns bitte helfen? Wir sind von der BBC in London. Können Sie uns sagen, ob Sie diesen Mann kennen? Das ist Goethe in der Campagna von Tischbein. You could almost say. If America is one nation under God the Germans are one nation under Goethe."

Symbol für vorbildliche Vergangenheitsaufarbeitung

Natürlich spart die Ausstellung die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte nicht aus. Aber Krieg, Nazizeit und Holocaust werden eher kurz gehalten, weil es da wenig Aufklärungsbedarf gibt. Kaum bekannt aber ist hier die Vertreibung von 14 Millionen Deutschen, an die ein Handkarren erinnert. Ein Taucheranzug symbolisiert die vergeblichen Fluchtversuche aus der DDR.

Versöhnlich schwebt am Ende Barlachs aus Güstrow ausgeliehener Schwebender über einem Modell des transparent umgestalteten Berliner Reichstags, der für Neil MacGregor Symbol dafür ist, wie vorbildlich sich Deutschland seiner Vergangenheit stelle.

"In Deutschland spricht man immer von der Geschichte, weil man an die Zukunft denkt. Das ist eine ganz wichtige deutsche Besonderheit."

Ein Fußballtrikot mit dem vierten Weltmeisterschaftsstern und ein Gartenzwerg, der die Deutschlandfahne schwenkt, beenden die Memories of a Nation. 

Mehr zum Thema:

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