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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.10.2014

AusstellungDas Neue hinter den zerstörten Bildern

Die Retrospektive "ZERO – Countdown to Tomorrow" im Guggenheim New York

Andreas Robertz

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Zero-Künstler Günther Uecker vor einer seiner Arbeiten aus der Sammlung "The Mistreated Man: 14 Pacified Implements" während einer Ausstellung in Jakarta im Jahr 2005. (Adek Berry / AFP)
Zero-Künstler Günther Uecker vor einer seiner Arbeiten aus der Sammlung "Mistreated Man: 14 Pacified Implements" während einer Ausstellung in Jakarta im Jahr 2005. (Adek Berry / AFP)

Die Düsseldorfer Künstlergruppe Zero brach in den 50er- und 60er-Jahren mit etablierten Kunstvorstellungen, ging mit Aktionen raus auf die Straße, benutzte Alltagsgegenstände als Material. Die Kraft und Frische ihres Aufbruchs ist auch heute noch deutlich zu spüren. Jetzt wird sie international umfassend gewürdigt.

Es ist so, als wäre das New Yorker Guggenheim Museum eigens für die Ausstellung "Zero – Countdown to Tomorrow" konzipiert worden. Frank Lloyd Wrights ikonisches Gebäude mit seiner weiten Rampe und dem hellen Licht von oben könnte selbst eines der Lichtobjekte Günther Ueckers sein. Raum, Bewegung und Licht waren auch die zentralen Begriffe dieser Gruppe gleichgesinnter Künstler, die in den 50er- und vor allem 60er-Jahren, so würde man heute sagen, ein Netzwerk gründeten, ein Label verwandter Seelen, deren Kunst nicht in den etablierten Kunstbetrieb ihrer Zeit passte.

Künstler wie Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker waren damals der düsteren Nachkriegsbefindlichkeit, die die deutsche Kunst beherrschte, zunehmend müde. Sie suchten nach einem neuen Vokabular, einen neuen Aufbruch. Sie fingen an zu Reisen, erst nach Paris, dann nach Antwerpen, Mailand und Amsterdam, später nach Tokyo, New York und Bogota. Sie gründeten die Gruppe Zero, ein Name den sie im Zusammenhang mit Neuanfang und Neustart, aber auch mit Internationalität und Freiheit verbanden. Auf allen fünf Ausstellungsrampen des Guggenheim Museums versucht die Ausstellung diese Aufbruchsstimmung und die damit verbundene Hoffnung dieser Gruppe zu dokumentieren, und zwar so vollständig, wie sie noch nie in Amerika zu sehen war. Dazu Günther Uecker:

"Es ist ein besonderer Augenblick, dass auch diese Schwelle überwunden ist zwischen Amerika und Europa, dass auch diese Akzeptanz stattfindet. Und das ist eigentlich wunderbar, dass es eine geschichtliche Bestätigung findet."

Kopfschütteln über die "neue" Kunst

Die Ausstellung orientiert sich an den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte von Zero. Gleich am Eingang sieht man ein Video aus dem Jahr 1959 in dem zur Feier der dritten Ausgabe ihrer Publikation Zero mehrere Kunstaktionen draußen im öffentlichen Raum zu sehen sind und wie Günther Uecker das Kopfsteinpflaster vor dem Komödchen in Düsseldorf weiß anmalt und zur Zero Zone erklärt. Menschen stehen herum und blasen Seifenblasen in die Luft. Ein Raketenballon steigt auf. In den Gesichtern kann man Neugier, Belustigung und echtes Interesse sehen. Ein altes Paar schaut kopfschüttelnd aus dem Fenster ihrer Wohnung. Guenther Uecker zu dem Bedürfnis mit ihrer Kunst auf die Straße zu gehen:

"Man bricht natürlich irgendwo auf, aus einer Kammer, aus einem Ausstellungsraum und dann aber doch in die Welt. Und die Welt, die man meint, sollte man nicht abmalen und in die Kammer tragen und ausstellen, sondern die Welt, die man meint, sollte man verwenden für bildnerisches Handeln. Das war so der Gedanke."

Wie die Ausstellung zeigt, wurde die Funktion des Gemäldes grundsätzlich in Frage gestellt. Vor allem Mack und Piene beschäftigten sich mit monochromen Flächen, versuchen das Bild als eigenständige Struktur und nicht als Gemälde zu verstehen. Fasziniert von der Arbeit des Franzosen Yves Klein, der zeitweise selbst Teil der Gruppe wurde, thematisierten sie in ihren Arbeiten einzelne Farben wie Rot, Weiß und Gold und damit verbunden die dreidimensionale Strukturen im Bild selbst.

Eine Waffe als Pinsel

Alltägliche Gegenstände als Material und Thema rückten in den Fokus. Reflektierendes Aluminium und Spiegel setzen Betrachter in eine aktive Position. Klein, Mack und viele andere begannen mit dem Zerstören von Bildern neue Räume zu entdecken – eine Erfahrung, die sich mit der Nachkriegserfahrung der Künstler deckte. Ein Originalfilm zeigt, wie Yves Klein mit einem Flammenwerfer eine große Leinwand bearbeitet und durch den Vorgang des Verbrennens neue Strukturen aufdeckt. Eine Waffe als Pinsel. Otto Pienes Arbeit "Venus von Willendorf" bezeugt diesen Vorgang eindrücklich. In einem kreisrunden verbrannten Bereich entsteht praktisch zufällig die Kontur einer prähistorischen germanischen Fruchtbarkeitsgöttin. Und dann steht man plötzlich vor Yves Kleins Fläche aus blauen Pigmenten und man könnte in dieses Meer aus intensivem Blau stundenlang eintauchen.

Einer der Höhepunkte der Ausstellung ist die Installation "Lichtraum" aus dem Jahr 1964, Teil der Dokumenta 3. Die ausgestellten "lichtkinetischen" Objekte – Objekte aus sich langsam bewegenden reflektierenden Flächen – in einem verdunkelten Raum lassen einen die ganze Faszination der Künstler mit dem Thema Licht und Raum nacherleben. Über die Bedeutung von Licht Kuratorin Valerie Hillings:

"Licht bedeutete Leben. Das war ein so wichtiges Prinzip für diese Künstler. Sie wollten aus der Dunkelheit heraus. Zu sagen: wir gehen zurück zum Nullpunkt, wir starten die Rakete in den Weltraum ... all diese Dinge. Es ist eine optimistische Weise die Welt anzuschauen."

“Zero – Countdown to Tomorrow” zeigt auf vielfältige Weise, wie die Neugier dieser Gruppe von Künstlern mit unverstelltem Blick und offenem Konzept zu einem hoch innovativen Netzwerk wurde. Die Ausstellung bietet dabei nicht nur einen Überblick der Arbeit dieser Gruppierung von vor über 50 Jahren im entfernten Deutschland, sondern reflektiert die Suche einer ganzen Generation, die sich nicht mehr mit Post-Expressionismus und etablierten Kunstvorstellungen zufrieden geben wollte. Die Kraft und Frische dieses Aufbruchs ist deutlich in der Ausstellung zu spüren. 

Mehr zum Thema:

Kunstpionier - "Es lohnt sich, einen Raum zu relativieren"
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 18.07.2014)

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