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Frühkritik | Beitrag vom 28.08.2015

Ausstellung "200 Jahre Westfalen. Jetzt!" Sturköppe, die mal Autos bauten

Von Thomas Wiethoff

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Ein Auto der Marke "Kleinschnittger" steht am 26. August 2015 in Dortmund im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in der Ausstellung "200 Jahre Westfalen. Jetzt!".
Ein Cabrio der Firma Kleinschnitger zeigt in der Aussstellung "200 Jahre Westfalen. Jetzt!", dass in Arnsberg einmal Autos gebaut wurden.

Sie sind Sauerländer, Münsterländer oder Siegerländer. Vor 200 Jahren wurden diese Regionen preußische Provinz. Eine Ausstellung in Dortmund zeichnet die Industriegeschichte des Landstrichs nach und fragt nach der typischen Mentalität der als bodenständig und sturköpfig geltenden Westfalen.

Nordrhein-Westfalen ist das bevölkerungsreichste Bundesland. Allerdings existiert es so erst seit dem Zweiten Weltkrieg. Davor gab es die Rhein-Provinz und die Provinz Westfalen. Und die Provinz Westfalen, die es eigentlich nicht mehr gibt, feiert ihr 200-jähriges Bestehen mit einer großen Ausstellung in Dortmund im Museum für Kunst und Kulturgeschichte.

800 Ausstellungsstücke aus 200 Jahren auf 1200 Quadratmetern. Da stehen massive Eisenbahn-Räder und Schienen aus dem Ruhrgebiet, eine Metallfräse aus Bielefeld, eine preußische Amtsstube mit Original-Möbeln des Verwaltungs-Reformers Freiherr vom Stein. Und eine typisch westfälische Eck-Kneipe für den Wacholder-Schnaps nach Feierabend. Eine handfeste Schau ist es geworden, sagt Ausstellungsmacher Ovis Wende.

"Erstmal werden sie von livriertem Aufsichtspersonal begrüßt. Das Zweite ist, dass man viele Sachen anfassen kann. Das Dritte ist, dass alles real ist und nicht medial vermittelt."

Mit einer Ausnahme: Eine große Videowand mit Selfis der Besucher. Als Kulisse dient ihnen eine der bekanntesten Landmarken Westfalens: Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica, an der östlichen Grenze des Landes, in Dortmund als Nachbau aus Holz und Pappe. In der Ausstellung überraschen Schauspieler das Publikum mit unerwarteten Szenen.

"Sie müssen riskieren geküsst zu werden."

Es gibt so viel zu zeigen, dass nicht alles auf einmal in die Ausstellungsräume im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte passt. Deshalb baut Ovis Wende drei Mal um. Wer alles sehen will, muss eben drei Mal kommen. Das heißt: Also: drei Mal mehr Besucher im Museum. Guter Trick!

"Nein, das ist kein Trick. Es war schlicht und einfach so ein Chaos, in 200 Jahren bis heute, dass man es eigentlich nicht sinnfällig gruppieren, deshalb haben wir gesagt: Wir machen drei unterschiedliche Schwerpunkte und bauen die um."

Preußen fasst unterschiedliche Regionen zur Provinz Westfalen zusammen

Aus Chaos sollte Ordnung werden vor 200 Jahren. Nachdem Napoleon besiegt war, organisierten die Preußen das Land neu und fassten sehr unterschiedliche Regionen zur "Provinz Westfalen" zusammen: Münsterland, östliches Ruhrgebiet, Ostwestfalen, Sauer- und Siegerland.

Sie vereinheitlichten die Verwaltung und bauten Bahnlinien und Schulen. Die Bürger hatten nichts dagegen. Schließlich folgte mit der Industrialisierung eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, die in der Ausstellung sichtbar wird.

Die riesige Turmhaube des historischen Hagener Hauptbahnhofs steht für zunehmende Mobilität, eine Badewanne und Armaturen aus Ahlen im Münsterland – Kaldewei – und Küchengeräte aus Gütersloh – Miele  demonstrieren wachsenden Komfort im Haus.

Ob es aber auch eine einheitliche westfälische Mentalität gibt, das ist aber bis heute nicht klar, meint Matthias Löb, Direktor des" Landschaftsverbands Westfalen Lippe", der an der Ausstellung beteiligt ist.

"Die Frage 'Was macht Westfalen und westfälische Identität?' aus, das ist 'ne ganz schwierige Frage. Der gehen wir schon seit vielen Jahrzehnten nach, also Klischees sind natürlich 'stur, humorlos, trocken', aber auch 'bodenständig, treu, verlässlich, fleißig'. Diesen Klischees gehen wir nach. Mit manchen schmücken wir uns gerne, andere hören wir nicht so gerne."

Stur und humorlos? Wer will da schon gern Westfale sein? Das fragt Museumsleiterin Brigitte Buberl besonders gern junge Museumsbesucher. Die würden sich selbst eher nicht als "Westfalen" bezeichnen.

"Ist man das gerne? Weiß ich nicht. Beschrieben fühlen sie sich hundert Prozent nicht. Ich glaube, dass das Wort Westfale für sie keine Rolle mehr spielt."

Frage nach der gemeinsamen Identität bleibt unbeantwortet

Deswegen will die Ausstellung den Begriff "Westfalen" mit mehr Bedeutung füllen. Bergmannskluft und Grubenpferd erinnern an die Zeiten von Kohle und Stahl. Ein Cabrio der Firma Kleinschnitger zeigt, dass in Arnsberg einmal Autos gebaut wurden.

Aber obwohl das alles sehr haptisch ist: Die Alltagsgegenstände und Kuriositäten erklären sich nicht von selbst. Eine gedruckte Zeitung zur Ausstellung und DIN-A4-Abreiss-Zettel erklären, was man sieht. Aber wer sich einer Führung anschließt, kann die volle Bedeutung der Exponate eher erfassen. Sie sollen ein Gefühl für Westfalen vermitteln.

"Ich glaube dass es eine Bedeutung hat, dass man dann offeneren Auges durch die Welt geht. Dass man gern hinausgeht in die westfälische Landschaft und sich die mal anschaut. Und nicht nur nach Mallorca fährt."

In Bezug auf die Geschichte Westfalens gelingt das auch. Eine gemeinsame Identität heute oder die Herausforderungen der Zukunft bleiben aber eher vage. Spannend klingt dagegen das Rahmenprogramm mit Ausstellungs-Rallyes, Konzerten, Familientagen sowie Exkursionen zu Industrie-Denkmälern und ins Umland.

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