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Kulturpresseschau | Beitrag vom 13.03.2018

Aus den FeuilletonsMehr Kulanz, mehr Aufgeschlossenheit

Von Arno Orzessek

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Geschlechtergerechte Sprache in einem Formular (imago/Eckhard Stengel)
Klägerin scheitert am Bundesgerichtshof mit ihrem Wunsch, als "Kundin" angesprochen zu werden (imago/Eckhard Stengel)

Die "Welt" setzt sich für die geschlechterspezifische Anrede einer 80-Jährigen ein, während sowohl die "ZEIT", als auch die "SZ" dem Autor Durs Grünbein Fläche bieten, seine Auseinandersetzung mit Uwe Tellkamp darzulegen.

"In der Liebe zu unserer Heimatstadt [Dresden] übertrifft uns beide so leicht kein anderer", versichert der Schriftsteller Durs Grünbein in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG

Und meint mit dem zweiten Liebenden seinen Kollegen Uwe Tellkamp, mit dem er jüngst einen folgenreichen Disput hatte.

Nur in der Liebe zu Dresden geeint

In der SZ blickt Grünbein nun auf die Streit-Veranstaltung im Kulturpalast zurück, die auch von Menschen besucht wurde, denen Dresden seinen Ruf als Pegida-Hauptstadt verdankt:

"Mein einziger Gedanke an diesem Abend […] [so Grünbein]: Ich sehe euch an, ich schaue euch ins Gesicht. Wir sind alle Menschen, die leben und sterben müssen. Ihr entscheidet mit, wie es weitergeht mit diesem Gemeinwesen. Jeder Einzelne von euch hat die Verantwortung für das, was er sagt und meint. Und überhaupt: Es braucht das Gespräch zwischen vernünftigen Menschen – sonst gehe alles den Bach runter."

Hm!... denken wir. Auch Edelfedern unterlaufen also Plattitüden, sobald sie grundsätzlich werden.

Bloßer Kulturkampf oder echte Sozialkämpfe

Aber nichts für ungut! Grünbein ist halt besorgt.

"Diese Gesellschaft ist tief gespalten, das zeichnet sich immer mehr ab. Die einen bedauern dies und sind der täglich sich ausweitenden Spannungen müde. Oder reagieren sarkastisch, wie jener Reichsbürger, der schrieb: ‚Wer unbequeme Fragen stellt, wird umgelegt.‘ Aber hier wird niemand umgelegt, jeder darf reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. […] Andere begrüßen die Spaltung und versprechen sich vom offenen Streit eine reinigende Wirkung, wobei nicht ganz klar ist, ob sie damit einen bloßen Kulturkampf im Sinn haben, echte Sozialkämpfe […] oder einen neuen Bürgerkrieg."

Über Uwe Tellkamp sagt Durs Grünbein in der SZ wenig…

Mehr dafür in der Wochenzeitung DIE ZEIT, die diesem Sender ihr Grünbein-Interview vorab zu lesen gegeben hat.

"Als […] [Tellkamp] sagte, dass ‚über 95 Prozent‘ der Flüchtlinge nur gekommen seien, um in die Sozialsysteme einzuwandern, war ich für einen Moment sprachlos. Das ist eine glatte Unterstellung, keine Meinung. […] Was wir von Tellkamp zu hören bekamen, ist uns seit Jahren von den Teilnehmer der Pegida-Demonstrationen bekannt: Islamophobie, Furcht vor dem Anderen, Verschwörungsfantasien, diffuse Sozialängste."

Klar, hart, konfrontativ: Durs Grünbein in der ZEIT, die darauf verweist, dass Uwe Tellkamp zu keinem Gespräch bereit war.

Der aktuelle Grünbein-Doppelpack dürfte garantieren, dass uns das Thema noch länger befassen wird…

Aber zu einem Dauerbrenner wie die "geschlechtergerechte Sprache" wird es wohl kaum reichen.

In der Tageszeitung DIE WELT fällt uns dazu eine WELT-untypische Meinung auf.

Die Kundin hat kein Recht, Kundin zu sein

Hannah Lühmann verteidigt das Anliegen der 80jährigen Marlies Krämer, die vor dem Bundesgerichtshof vergeblich darauf geklagt hat, in den Formularen ihrer Sparkasse als "Kundin" und nicht nur als "Kunde" angesprochen zu werden.

"Liebe Gender-Genervte: Wäre es nicht wesentlich weniger nervenaufreibend, einfach mal zu sagen: Okay, wenn da jemand (und Krämer ist ja nicht die Einzige) sich so offenkundig angegriffen, beleidigt, ausgeschlossen, nicht  repräsentiert fühlt – kann es vielleicht, nur ganz vielleicht, sein, dass das einen Grund hat? Und sollte man nicht aus Kulanz, aus Aufgeschlossenheit, aus welchem menschenfreundlichen Grund auch immer, einfach mal sagen: Okay, bitte, hier, dann habt ihr eure Anrede? Es würde alles in Wahrheit nicht komplizierter, sondern viel einfacher machen."

So die WELT-Autorin Hannah Lühmann…

Sprache ist Handeln, und Handeln kann verletzen

Die sich der Unterstützung der SZ sicher sein darf. Dort heißt es:

"Sprache ist Handeln, und Handeln kann verletzen: Politisch korrekte Sprache ist keine autoritäre Gängelung, sondern das Symptom einer emanzipatorischen Gesellschaft."

Sie haben es wohl bemerkt, liebe Hörer: In der heutigen Presseschau hatten die Politisch-Inkorrekten keine Stimme. Aber ist das so etwa politisch korrekt?

Tja, wenn man darüber ins Grübeln gerät, droht – mit einer Überschrift der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG

"Der Sturz ins Bodenlose"

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