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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 03.08.2016

Artenvielfalt im urbanen GebietIst die Stadt bald grüner als das Land?

Von Anke Petermann

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Urbanes Gärtnern liegt bei Großstädtern im Trend: Paris oder London (Bild) begrünen ihre Dächer. (picture alliance / dpa / Facundo Arrizabalaga)
Urbanes Gärtnern liegt bei Großstädtern im Trend. (picture alliance / dpa / Facundo Arrizabalaga)

Während Naturgartenfreunde auf dem Land klagen, dass kaum noch Summen, Brummen und Zwitschern zu hören ist, schwärmen Städter von Bienen und Hummeln und davon, dass ihnen abends Fledermäuse um die Ohren zischen.

Die Mainzer Neustadt – ein dicht bebautes Innenstadtviertel. Doch wer in die Hofeinfahrt einer Mietskaserne tritt, könnte nach ein paar Schritten meinen, er steht im Wald. Dabei ist es nur eine relativ kleine Park- und Gartenfläche mit:

"Linden, Kiefern, Kirschbäumen, Eichen, die hier rundherum stehen."

Im Schatten der Bäume des sogenannten "Neustadtgartens" schichtet Jörg Steinkamp Kompost um.

"Das ist guter Boden, der da entsteht, hoffentlich, ja."

"Papa, ich such’ den Anschluss für das Wasser."

"Drüben unter den Kisten."

Vor vier Jahren stellte die Stadt Mainz den vormals vernachlässigten Mini-Park dem Bund für Umwelt- und Naturschutz, kurz BUND, für ein Gartenprojekt zur Verfügung, samt Wasserzuleitung vom Hydranten.

"Jörg, ich kann schon mal wieder n bisschen Kompost mitnehmen."

"Ja, da steht der nächste."

"Ach so, ich wollt‘ noch einen Stecken mitnehmen für die Himbeeren zum Festbinden."

Jörg Steinkamp ist mit seiner Frau und seinen beiden Kindern da, Marina Schilling mit ihrem Sohn Enno. Der Einjährige hangelt sich mit einer Hand am hölzernen Rand eines Hochbeets entlang, schwingt mit der anderen ein Schäufelchen. Er ist der Jüngste von etwa einem Dutzend Neustadt-Bewohnern, die Samstagnachmittags gärtnern und einmal im Monat abends dafür die Konzepte durchsprechen.

Bunte Artenvielfalt mitten in der Stadt

Zwischen Himbeersträuchern, Petersilie und Zwiebeln, alles ungespritzt, wachsen Kapuzinerkresse und Sonnenblumen, die rosafarbenen Akelei sind verblüht. Die offene Agrarfläche ist längst nicht so bunt, weiß der Geograf Jörg Steinkamp, der selbst vom Land kommt.

"Also, wenn man sich irgendwelche Luftbilder anguckt, und dann nur Rapsfelder nur gelb sieht, dann erwarte ich da keine große Biodiversität. Da wird unsere Biodiversität hier auf den 400 Quadratmetern größer sein, ja: verschiedenste Insekten, Bienen, Wespen, also nicht nur die, die uns beim Essen nerven, sondern auch Solitärwespen, die genauso Bestäuber sind wie Bienen zum Beispiel. Eichhörnchen haben wir hier einige, die hier rumhuschen. Eine Kollegin ist immer morgens früh hier gewesen. Die hat hier Vögel fotografiert, und es sind einige da, die ich hier nicht erwartet hätte. Zilpzalp war dabei, Mönchsgrasmücke war, glaub’ ich, noch einer."

Dass der besiedelte Raum inzwischen eine größere Artenvielfalt aufweist als die offene Agrarfläche, haben Untersuchungen des Bundesamtes für Naturschutz bestätigt.

Marina Schilling, Mainzer Neustadt-Gärtnerin, kommt ursprünglich auch vom Land. Ihr Elternhaus steht inmitten von nordhessischen Raps- und Maisfeldern.

"Also, ich weiß, dass mein Vater in seinem Garten ein Bienenhotel, also ein Insektenhotel, auch gebaut hat. Ich glaub’, da ist nie jemand eingezogen."

In Mainz wächst Bienennahrung nicht nur im Neustadtgarten. Aus ihrem Büro im Rathaus blickt Katrin Eder auf die Promenade am Rhein.

Gegen Mauerblümchen schwingt Mainz nicht mehr die Chemiekeule

Dort dürfen in weiß und gelb Mauer-Gänseblümchen und Kleines Habichtskraut sprießen, die man früher mit der Chemiekeule beseitigte. 2012 ordnete die grüne Umweltdezernentin an, dass das Grün-Amt auf Glyphosat als Unkraut-Vernichter verzichtet, auf Insektizide ebenso.

"Die Gärtner des Rosengartens, die haben mich am Anfang verflucht, aber die gehen da jetzt auch ein Stückweit drin auf, weil’s einfach auch was Neues ist, mal zu gucken, wie kann man Blattläuse mit Milch bekämpfen und so. Die sagen auch, die Vogelpopulation hätte sich erhöht, seitdem sie das tun."

Milchsäure hält jetzt die Blattläuse bei den über 4000 Rosen in Schach. halten. Und auch Finken, von denen es wieder mehr gibt im Mainzer Grüngürtel, mögen Läuse.

Nicht nur in Mainz, sondern auch in Mayen und Andernach im Norden von Rheinland-Pfalz säen Stadtgärtner und Naturschützer bienenfreundliche rosafarbene Cosmea und Malven auf Beeten, Verkehrskreiseln und Baumscheiben. Unter dem Stichwort "essbare Stadt" werden Zucchini und Tomaten im öffentlichen Raum angebaut. Im vergangenen Sommer verbot das rheinland-pfälzische Umweltministerium, Glyphosat auf öffentlichen Flächen einzusetzen.

Die Natur kommt zurück – und die Städter fluchen auf Saatkrähen

"Die Natur kehrt in die Stadt zurück", bilanziert die Mainzer Umweltdezernentin Katrin Eder, nicht immer zur Freude der Städter:

"Die vielen Kolonien an Saatkrähen, die wir haben in unseren Städten, die ja ein großes Ärgernis für viele Leute sind, denn sie sind morgens laut, sie verkoten die Autos, die darunter parken. Aber sie finden einfach in der ausgeräumten Agrarlandschaft auch keine Gehölzstrukturen und auch keine Nahrung mehr, wo sie sich ansiedeln könnten. Das heißt, die Natur kommt ein Stückweit zurück in die Städte, weil sie hier auch ein entsprechendes Angebot finden."

Im Mainzer Neustadtgarten des BUND blickt man vom Komposthaufen unter Linden auf ein Doppel-Hochhaus, das soeben wärmegedämmt wurde. Sanierungen, bei denen alle Spalten und Ritzen verschlossen werden – immer ein Risiko für die Nistplätze von Gebäudebrütern in der Stadt, wie Mauersegler.

"Aber an dem höheren Teil dieses Hochhauses, was letztes Jahr saniert wurde, sieht man schön, was man da machen kann. Da sind dann zwar die Spalten an der Fassadenverkleidung nicht mehr offen. Aber dafür hat man ganz oben an der Kante Mauersegler- und auch Fledermausnistkästen angebracht."

Ehrenamtliche kartieren Mauersegler-Nistplätze

Weiß Matthias Ding von der BUND-Kreisgruppe Mainz, die Nistplätze selbst kartiert.

"Das wurde eben in Zusammenarbeit mit dem Grün- und Umweltamt gemacht."

Erzählt der BUND-Mann, während er Kompost auf Hochbeeten verteilt.

"Die begleiten dann auch solche baulichen Maßnahmen. 

Und wenn wir aus Bretzenheim immer wieder die Beschwerden bekommen, hier gibt’s so viele Stechmücken seit neuestem, dann sagen wir: Tut was für die Gebäudebrüter, und dann erledigt sich das Problem hoffentlich irgendwann wieder. Aber nein, das ist einfach unsere ethische Verpflichtung, dem Aussterben der Arten entgegenzuwirken."

Kein Platz für Wildkräuter in der Agrarindustrie

Für die Ackerlandschaft ist eine breite Artenvielfalt-Offensive, wie sie derzeit in vielen Städten läuft, noch nicht in Sicht. Zu groß der Wettbewerbsdruck in der Agrarindustrie, zu niedrig die Preise, die Bauern mit ihren Produkten erzielen.

Die Pfalz ist die Frühkartoffel- und Gemüsekammer der Nation - mit endlosen Ackerflächen. Am Horizont einige Windräder, aber kaum ein Baum, kaum eine Hecke. Am Himmel: keine Feldlerche. Zu hören: kein Gezwitscher. Ab und zu dröhnen Militärmaschinen vom US-Fliegerhorst Ramstein übern Himmel. Kaum weiße Schafgarbe oder blaue Wegwarte am Feldrand.

Dichte, wilde Blütenpracht entfaltet sich dagegen auf meterbreiten Streifen längs einiger Felder im südpfälzischen Offenbach an der Queich – nicht ganz zufällig allerdings. Die Uni Koblenz-Landau experimentiert hier auf dem Bioland-Gemüsehof von Ralf Gensheimer mit sogenannten "Blühstreifen".

Malven und Borretsch im Dienst der Forschung

Nach Schweizer Vorbild lässt der Landauer Professor Martin Entling verschiedene Mischungen aussäen und untersucht gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe "Ökosystemanalyse", wie die bunte Flora den Bestand an Insekten beeinflusst.

"Ein Problem, das viele Arten in den Agrarlandschaften heute haben, ist, dass es kaum ein Blütenangebot gibt. Die Kulturen blühen nicht oder sind windbestäubt wie Getreide - oder Mais natürlich auch. Und solche Tiere wie Florfliegen, Schwebfliegen, Marienkäfer, die eben wichtig sind als Feinde von Blattläusen, mit denen die Blattläuse eben sehr schnell wieder verschwinden, bevor sie auch Schaden anrichten, die finden keine Blüten mehr, wo sie den Nektar saugen können, den sie als Treibstoff benötigen. Und wenn man das dann zur Verfügung stellt in geeigneter From mit solchen Blühstreifen, dann kann man Probleme an anderen Stellen hoffentlich vermeiden. Und man fördert gleichzitig die Artenvielfalt."

An diesem Sommernachmittag besichtigt die Arbeitsgruppe gemeinsam mit den teilnehmenden Landwirten und deren Beratern die Versuchsfelder.

Sonja Pfister, Doktorandin in der AG, zückt ihre Becherlupe und muss zwischen den hellblauen Blüten-Ähren der büschelartig wachsenden Phacelia nicht lange jagen, bis sie eines der Insekten mit gelben Querstreifen auf dem Rücken findet.

"Also, ich lass die Blüte mal mit drin, dann ist die nämlich nicht so gestresst."

"Phacelia mit Hummel, toll."

Pfister reicht die Becherlupe rum.

"Wer mag die Hummel sehen? Also, das ist eben so eine Erdhummel, die halt die häufigsten häufigsten Hummeln sind, und die am besten auf die Agrarlandschaft angepassten Hummeln sind."

Eine Erdhummel macht noch keine Artenvielfalt

Erdhummeln sind Generalisten, den Nektar verschiedenster Blüten sammeln. Sie gehören zu der Hälfte der fast 600 Wildbienen-Arten, die noch nicht auf der Roten-Liste stehen. Aber eine Erdhummel im Phacelia-Malven-Borretsch- Feld macht noch keine Artenvielfalt, weiß Sonja Pfister. Die Biologin schaut auf noch mal auf das pelzige Insekt in der Becherlupe.

"Diese hier ist jetzt keine seltene. Wenn die mehr unterschiedliche Eigenschaften halt haben, wenn man mehrere Arten hat, sagt man, ist man besser abgepuffert gegen verschiedene klimatische Veränderungen und auch eben Veränderungen mit Krankheiten."

Pfister wendet sich dem Blühstreifen gegenüber zu. Eine andere Versuchsfläche mit mehr Lippenblütlern. Gleichzeitig Abstandsfläche zwischen Gensheimers Öko-Paprika und den konventionellen Zuckerrüben des Nachbarn. Die Nachwuchs-Forscherin hängt sich über Rettich-Blüten, präsentiert kurz darauf erst eine Furchen- und dann eine Sandbiene in ihrer Becherlupe.

Ein großer Genpool, also vielfältiges Erbgut, macht Tiere und Pflanzen widerstandsfähig – eine Art Existenzversicherung auch für menschliches Leben.

Umgekehrt: wenn Bestäuber-Arten verschwinden, wirkt sich das auch auf das Spektrum vorhandener Pflanzen aus – wie bedrohlich das für die Landwirtschaft und die menschliche Ernährung werden könnte, ist derzeit kaum wissenschaftlich erforscht und nicht vorherzusagen.

Die Feldlerche stirbt aus – wenn nichts passiert

Früher verschwanden die Moore, sagt Martin Entling, Leiter der Landauer Arbeitsgruppe Ökosystemanalyse.

"Aber das hat sich stabilisiert,auch teilweise durch Naturschutz. Aber in der Landwirtschaft haben wir nach wie vor: jetzt Paradebeispiel die Feldlerche, wo man noch vor 30 Jahren dachte, die schafft‘s eigentlich immer noch. Und jetzt steht sie auch schon auf der Vorwarnliste. Also ist schon kurz davor, gefährdet zu werden, weil die Bestände stark zurückgehen."

Besonders die Feldvögel sind vom Artenrückgang betroffen. Nach Untersuchungen des Naturschutzbundes NABU sind 65 Prozent der Feldvogelarten vom Verschwinden bedroht. Doppelschnepfe und Zwergtrappe sind schon ausgestorben. Keine Brutplätze, keine Rückzugsräume, keine Nahrung mehr auf und zwischen den Äckern. Artenschwund hat viele Ursachen, weiß der Ökosystem-Spezialist Martin Entling.

"Die Düngung, die heute bei uns, weil man sich’s leisten kann und weil’s die zu kaufen gibt, überall sehr hoch ist, es ist natürlich die intensive Bodenbearbeitung, die da reinspielt. Es sind auch die Anbaufrüchte, also dass man regional sich heute immer stärker spezialisiert auf bestimmte Dinge. Also, es gibt irgendwelche Tomaten-Anbauregionen in Südeuropa und dann wird ganz Europa mit Tomaten beliefert. Und bei uns sind es andere Sachen, das Wintergetreide, was sehr dominant ist, oder – je nach Region. Dadurch nimmt die Vielfalt einfach auch ab an Kulturen in den Landschaften. Und von der Vielfalt der Kulturen hängen eben letztendlich auch Arten ab."

Die Bauern mit ins Boot nehmen – gegen den Arten-Crash

Mit ihren Blühstreifen-Experimenten steuern die Landauer Forscher dem Arten-Crash auf dem Land entgegen. Die Bauern nehmen sie mit ins Boot.

Ein sechs Meter breites Wildblumenfeld haben Entling und sein Team zwischen Bauer Gensheimers Öko-Kartoffelacker und dem konventionellen Maisfeld des Nachbarn gesät. Ralf Gensheimer stellte den Streifen als Versuchsgelände zur Verfügung. Ihn interessierte, ob dort, wie von den Wissenschaftlern angenommen, hilfreiche kleine Raubtiere einziehen würden. Und der Biobauer wurde nicht enttäuscht.

"Mir ham hier tatsächlich mit den Blattläusen wenig Probleme gehabt dieses Jahr. Und ich führ‘ das auch auf so ‘n Blütenstreifen zurück, weil die Nützlinge drin leben können, und wenn hier das Fressen ist von den Nützlingen, ist es für die ein Leichtes darüber zu fliegen,"

Gensheimer deutet aufs Salatfeld, wo Flor- und Schwebfliegen gelandet sind. Ihre Larven haben sich offensichtlich an Blattläusen satt gefressen.

"Is natürlich optimal, ne. Nur müssen wir natürlich irgendwann mal gucke, was mache mir mit derre 6 Meter breite Fläche, weil Gemüse is' jetzt hier die nächschte zehn Jahre eigentlich ni' mehr drin. Das ist ne Opferfläche."

Mähen, die Fläche umbrechen und Möhren einsäen, geht nicht, meint Gensheimer, die würden schnell wieder überwuchert. Hermann Heidweiler mustert den Blühstreifen mit gerunzelter Stirn und Argusaugen – Begeisterung sieht anders aus. Der staatliche Landwirtschaftsberater schaut Sonja Pfister fragend an.

"Unkrautdeckungsgrad hier?"

"Haben wir nicht gemessen."

"30 Prozent? Mindestens!"

"Ja, er ist viel höher als Herr Gensheimer ihn gern hätte."

"So ein Amarant macht 5000 Samen - Ka-ta-strophe. Für mich als Pflanzenbauer, egal ob ökologisch oder konventionell: Katastrophe, Katastrophe."

Böses Kraut, gutes Kraut, so unterscheidet auch der Biolandwirt. Böse ist, was wuchert und Arbeit macht. 300 Stunden Unkraut-Jäten pro Hektar kann Ralf Gensheimer beim Verkauf im Hofladen und auf Wochenmärkten einpreisen, er zahlt dafür Mindestlohn.

300 Stunden Unkraut-Jäten – mit der Pflanzenspritze eine Viertelstunde

Ab 300 Stunden Handarbeit wird es unrentabel. Ein konventioneller Gemüsebauer wird mit dem Unkraut schneller fertig.

"Wenn man das vergleicht, e Konventioneller macht e Hektar mit der Pflanzenschutz-Spritz‘ in eener Stund‘, un' mir henn 300."

"Oder 15 Minuten, wenn die Fläche groß genug ist. Oder – was brauchst du mit der Spritz’ für ‘n Hektar Unkraut?"

Ackerbau-Berater Heidweiler wendet sich zu Thomas Hoffmann, Gemüsebauer aus Kandel.

"15 Minuten?"

"20 Minuten."

"Kommt ja nicht so drauf an, aber der Unterschied zwischen einer Stunde und 300!"

"Ja, is krass, is krass, is krass."

Hoffmann baut im südlichsten Zipfel von Rheinland-Pfalz unter anderem Petersilie und Kürbis an und nimmt an dem Landauer Blühstreifen-Experiment teil. Sein Hokkaido-Kürbis ist auf Bestäuber angewiesen. Und am wichtigsten dafür sind nicht die Honigbienen, sondern die bedrohten Wildbienen-Arten. Gemüsebauer Hoffmann entschied sich, ihnen blühenden Wohnraum anzubieten.

"Es leuchtet mir auch ein, dass die Biene dann längere Zeit an dem Feld verweilen oder verweilen können – natürlich, das sind die Aspekte."

Hoffmann nutzt allerdings Glyphosat, um seine Gemüse-Äcker unkrautfrei zu halten – "mit Fingerspitzengefühl", sagt er. Der Unkraut-Vernichter ist hoch umstritten, weil er im Verdacht steht, Krebs zu erregen. Um anderthalb Jahre verlängerte kürzlich die EU-Kommission die Verwendung des Pflanzengifts, Ende 2017 wird neu bewertet und entschieden. Die Bundesregierung hatte sich nicht auf eine Position einigen können: Die Umweltministerin von der SPD fordert ein Verbot, der Landwirtschaftsminister von der CSU glaubt, dass die Bauern auf das Spritzmittel angewiesen sind.

Glyphosat, Killer der Biodiversität auf dem Land

Ob krebserregend oder nicht – Glyphosat killt die Artenvielfalt auf dem Land, weil es alle Ackerwildkräuter vernichtet, die mit den Nutzpflanzen konkurrieren, so sieht es der Präsident des Deutschen Imkerbundes mit 100.000 Mitgliedern.

"Glyphosat ist ein Breitband-Herbizid, ein Stoff, der in der Agrarlandschaft Beikräuter, Wildkräuter, Unkräuter beseitigt, und das sind Nahrungspflanzen, die den Bienen fehlen. Deswegen lehnen wir in erster Linie den Einsatz in der Landwirtschaft ab, und ich würde mich freuen, wenn es diesen Wirkstoff nicht mehr gäbe."

So Peter Maske auf einer Bienen-Tagung in Mayen in der Eifel. Unweit davon, im Hofladen des ökologische bewirtschafteten Klosterguts Maria Laach, kauft Ursula Adamski Gemüse und Eier.

"Ich lebe seit Jahren bio, ich habe mal auf dem Land gewohnt zwischen zwei Höfen, die gespritzt haben, als die Kinder noch klein waren, und da habe ich gesehen, was da alles auf den Boden gebracht wurde. Und seitdem kaufe ich nichts anderes mehr."

400 Hektar Ackerbau, drei mobile Hühnerställe, Mastschwein- und Mutterkuhhaltung gehören zum Biolandhof der Familie Ullenbruch.

Übern Acker ohne Schutzanzug und Handschuhe

Michael Ullenbruch überquert die Seifenkraut- und Mohn-gesäumte Wiese und umrundet den wohnmobilartigen Hühnerstall mit Außengehege. Er klopft hinten an und öffnet dann erst behutsam den Deckel zur Dinkelspelz gefüllten Nestrinne. Drinnen liegen einige Eier und eine brütende Henne. Fleisch und Eier sind die Renner im Hofladen, ständig ausverkauft. Kunden kommen eigens dafür her. Ullenbruch führt das auch darauf zurück, dass sie die ungespritzte, ungedüngte Wiesenlandschaft als intakte Kulturlandschaft wahrnehmen. Mohn und Seifenkraut blühen am Wegesrand. Die Feldlerche, berühmt für ausdauerndes Singen im Flug, flattert in Wellenbewegungen über das Laacher See-Becken.

Es war sein Wille, sagt der bärtige Bauer,

"Hier im größten Naturschutzgebiet von Rheinland-Pfalz ökologische Landwirtschaft zu betreiben. Man muss nicht mit der Spritze rausfahren, man kommt nicht in Kontakt mit Chemikalien, muss n Schutzanzug und Handschuhe und Maske tragen. Ich kenne beide Seiten: Mein Vater hatte einen konventionellen landwirtschaftlichen Betrieb, da bin ich als Kind dann auch immer mit rausgefahren, und es hat mich immer gestört, dass man mit solchen giftigen Sachen in Verbindung gekommen ist."

Hoher Arbeitsaufwand, dafür aber - auch dank Direktvermarktung – eine stabile Ertragslage, bilanziert Michael Ullenbruch.

Öko als einziger Wachstumssektor der Ernährungsbranche

Genau das könnte sich als neue Chance für die Artenvielfalt auf dem Land entpuppen: Der Biobranche geht es besser als dem Rest der Ernährungswirtschaft. Allerdings überleben auch Ökobauern nicht ohne staatliche Prämien. Die langjährige grüne Agrarpolitikerin Ulrike Höfken ist in der neuen Ampel-Koalition zuständig für den Ökolandbau in Rheinland-Pfalz.

"In Deutschland ist es ja ziemlich extrem, wir haben die niedrigsten Lebensmittelpreise der Welt. Heute wird ja die gesellschaftliche Leistung bezahlt, und deswegen brauchen auch die Ökobauern die Prämie, denn es gibt bestimmte gesellschaftliche Leistungen, die finden sich dann im Produkt, insbesondere in Deutschland gar nicht wieder, also die Maßnahmen für den Schutz des Wassers oder für Erhalt von Blühwiesen für Bienen und ähnliches."

Höfken sorgt sich über den Preisverfall bei konventioneller Milch und das drohende Aus für viele Mittelständler:

"Das wird vielleicht dazu führen, dass die Betriebe, die bäuerliche Familie bleiben wollen, sich stärker auf Öko orientieren."

Das Land will selbst wieder ein "besseres Land" sein

Gemeinsam mit anderen Bauern aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz informiert sich Marc Liessem auf einer Tagung des Anbauverbands Bioland am Laacher See, wie er seinen Hof ökologisch umstellen kann. Seine Wochenmarkt-Kunden haben ihn dazu gedrängt. Der von der Bundesregierung geförderte Bioland-Praktikertag räumt die letzten Zweifel aus – der Landwirt aus Hennef bei Bonn geht jetzt mit Obst, Gemüse, Legehennen und Mutterkühen auch unter die Ökobauern. - Einer derjenigen, die gemeinsam mit Forschern und Naturschützern daran arbeiten will, das Land wieder zum Hort für Artenvielfalt zu machen. Damit die Stadt mit ihrem Flächenhunger nicht mehr behaupten kann, sie sei "das bessere Land".

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