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Fazit | Beitrag vom 17.04.2017

ARD-Doku "Die nervöse Republik"Sendestörung

Von Michael Meyer

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Mikrofone und Kameras verschiedener Anstalten und Sender vor einem Pressetermin (picture alliance / dpa / Bernd Von Jutrczenka)
Mikrofone und Kameras verschiedener Anstalten und Sender vor einem Pressetermin (picture alliance / dpa / Bernd Von Jutrczenka)

Die Flüchtlingskrise, der Aufstieg der AfD, der Brexit und die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten haben das Verhältnis zwischen Politik, Bürgern und Medien schwieriger gemacht. Das behauptet die Dokumentation "Die nervöse Republik“ von Journalist Stephan Lamby, die in der ARD läuft.

"Volksverräter! Volksverräter!"

Die Demos der "Wutbürger" in Dresden und anderen Städten sind zwar abgeebbt, aber der Frust sitzt offenbar tief in einem Teil der Bevölkerung. So tief, dass eine kleine, aber radikale Minderheit oft sogar mit Klarnamen Mails an Politiker schickt, die es in sich haben. Vor der Kamera von Stephan Lamby lesen einige Politiker die schlimmsten Mails vor:

"Ich weiß gar nicht, ob ich diese Namen bei Ihnen in den Mund nehmen darf, aber ich lese es mal vor, auch unter seinem richtigen Namen: Tauber, Du bist für mich ein wertloses Fotzen- Arschloch/ Immer mehr bin ich dafür, die KL in Buchenwalde und in Deutschland wieder aufzubauen, um Euch Kinderficker zu vergasen. Sie sind eine Schande für alle Naturwissenschaftler, falls ich Sie zufällig einmal sehen sollte, werde ich alles versuchen, so schnell als möglich zu Ihnen zu gelangen und Ihr Genick zu brechen."

Kein Zweifel, es hat sich etwas verändert in Deutschland. Der Ton ist rauer geworden, auf den Straßen, in den Mails, in den Talkshows. Vorbei die Zeiten, in denen noch Respekt und ein gewisser Anstand dem Gegenüber gezollt wurden. Viele Bürger haben das Vertrauen in Politik und Medien verloren. 

Eine Social – Media- Redakteurin von Spiegel Online beschreibt ihren Frust über die oft wüsten Beschimpfungen von Lesern und Leserinnen.  Auslöser sei die Flüchtlingskrise gewesen:

"Das hat die Fronten so komplett verhärtet, da gab´s auch kein Dazwischen mehr: ich mach mir einfach nur Gedanken oder ich würde es gerne wissen. Da gab´s nur noch die Guten und die Bösen, die Gutmenschen und die Nazis, so ungefähr war die Situation. Es gab nur diese zwei Lager, die aufeinander los sind, und die Medien waren halt Lügenpresse.  Und ich hab das Gefühl, dass viel, was da heute passiert, Folgen dieser Entwicklung sind."

Facebook hat den Trend enorm beschleunigt

Eine ungute Entwicklung, die auch dadurch befeuert wird, dass ein Teil der Bevölkerung offenbar nur noch das liest und konsumiert, was ihrer eigenen Meinung entspricht: Facebook hat diesen Trend enorm beschleunigt. Diese Erkenntnis ist nicht ganz neu, aber immer noch gültig. Der Algorithmus spielt nur noch das zu, das den eigenen Überzeugungen entspricht. Die persönliche Filterblase wird dadurch dicker. Wenn zwei junge Demonstranten bei einer Pegida- Demo sagen, die Facebook- Seite von Pegida sei ihre bevorzugte Informationsquelle, dann ist das durchaus bedenklich – so stellt es der Film dar.

Eine andere Frage, die die Doku "Die nervöse Republik" aufwirft, ist: in wie weit sollten sich Medien einmischen, Entwicklungen bekämpfen oder befördern? Kai Diekmann, ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber der BILD-Zeitung ist in dieser Frage sehr überzeugt und sagt: Ja, durchaus – man kämpfe gegen Extremismus, Rassismus und Antisemitismus, auch etwa beim Thema AfD:

"Sowas ist brandgefährlich… und wird von uns bekämpft. / Bekämpft? / Ja. Das gehört dazu, zum Beispiel zu beschreiben, wer sind denn die Leute, die von der AfD in die Landtage geschickt werden, was für einen Hintergrund haben die, und das wirklich kritisch aufzuzeigen, das haben wir in der Vergangenheit getan und deswegen werden wir von der AfD bekämpft. (…) Es gibt ja den Satz von Hans-Joachim Friedrichs: Ein Journalist macht sich mit keiner guten Sache gemein, diesen Satz habe ich schon immer für falsch gehalten."

Auch wenn Diekmann den Satz nicht ganz richtig zitiert, bleibt doch festzuhalten, dass Medien sich immer häufiger positionieren, und für Demokratie, Offenheit, Freiheit und Toleranz einsetzen – auch wenn sie offenbar einen Teil ihres Publikums damit verlieren. Manchmal, wie etwa ein Reporter der "Sächsischen Zeitung", diskutieren die Macher auch vor Ort ganz persönlich mit Demonstranten und Andersdenkenden. Aber nützt das etwas? Oft nur wenig oder nichts, sagt der Redakteur vor laufender Kamera.

Strukturkrise der Medien und Vertrauensverlust in die Politik

Müssen wir uns also mit einem stärker werdenden Spannungsverhältnis zwischen Politik, Medien und Bürgern abfinden? Angesichts von Flüchtlingskrise, dem Aufkommen der AfD und der Digitalisierung, die es erlaubt, via Internet jede extreme Meinung in die Welt zu schicken, wird es wohl nicht besser werden, meint Filmautor Stephan Lamby:

"Ich glaube, die Stimmung wird sich auch nicht beruhigen, wenn all diese Phänomene vorbei sind, weil wir es mit einem Strukturwandel der Öffentlichkeit zu tun haben. Das hängt mit der Digitalisierung von Informationen, mit Algorithmen und sozialen Medien zusammen, die wird nicht verschwinden. Aber dieser Strukturwandel, der ist nicht zurückzudrehen, wenn sich das mit der Flüchtlingskrise beruhigt, oder weniger Terroranschläge, das wird bleiben."

Wenn es so kommt, sind das keine guten Aussichten für die Zukunft des demokratischen Gemeinwesens. Ein Problem des Films ist allerdings, dass er sich zuweilen zu viel vornimmt: Die Strukturkrise der Medien, der Vertrauensverlust in die Politik, das Erstarken des Populismus – jedes einzelne Thema würde schon eine gesonderte Betrachtung verdienen. Dennoch ist "Die nervöse Republik" ein sehenswerter Film geworden, der viele Denkanstöße gibt zum Verhältnis zwischen Politik, Bürgern und Medien.

Die Dokumentation "Die nervöse Republik" des Journalisten Stephan Lamby läuft am 19. April um 22.45 Uhr in der ARD. Im März wurde die Doku vorab in Berlin gezeigt mit anschließender Podiumsdiskussion, an der unter anderem Sahra Wagenknecht (Die Linke) und Frauke Petry (AfD) teilnahmen. 

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