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Zeitfragen | Beitrag vom 13.06.2017

Arbeit als GerüstbauerEin Beruf mit guten Aussichten

Von Vivien Leue

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Gerüstbauer errichten in Hamburg auf einer Brückenbaustelle in der Hafencity ein Gerüst. (dpa / Christian Charisius)
Schwindelfreiheit ist Grundvoraussetzung: Gerüstbauer in Hamburg (dpa / Christian Charisius)

Wer hoch hinaus will, ist bei den Gerüstbauern genau richtig - vorausgesetzt, man ist schwindelfrei, packt gut an und hat die Sicherheit im Blick. Seit 20 Jahren ist der Beruf staatlich anerkannt - und beruflicher Nachwuchs wird dringend gesucht.

Nico Badelita ist hochkonzentriert. Über seinem Kopf schwebt ein etwa zehn Meter langes Metallgerüst – es ist Teil eines Wetterschutzdaches, das gerade mit Hilfe eines Autokrans von der nebenan stehenden Kapelle im Düsseldorfer Süden abgebaut wird.

Der 43-jährige Gerüstbauer gibt dem Kranfahrer ein Zeichen, dass das Dach jetzt abgesetzt werden kann. Zwei seiner Mitarbeiter nehmen es in Empfang und bauen die Stahlverstrebungen auseinander.

Ein von der Firma Gerüstbau Kaiser aufgestelltes Baugerüst (Gerüstbau Kaiser)Ein von der Firma Gerüstbau Kaiser aufgestelltes Baugerüst (Gerüstbau Kaiser)

Über der Kuppel der knapp 300 Jahre alten Kapelle, in etwa zehn Meter Höhe, werkeln derweil zwei weitere Mitarbeiter an der restlichen Dachkonstruktion, lockern Schrauben, ziehen Wellblech-Platten aus Verankerungen und bereiten das nächste Metallgerüst für den Abtransport vor.

"Mit dem Kran hier, da sind mehr Leute im Einsatz, aber sonst sind wir immer drei Mann."

Ein Job mit viel Abwechslung

Drei Mann, die Nico Badelita als Vorarbeiter leitet und beaufsichtigt. Vor allem auf die Sicherheit seiner Männer achtet der gebürtige Rumäne: Zur Baustelle darf nur, wer auch einen Helm auf hat, außerdem tragen einige eine Art Geschirr, mit dem sie sich in den höheren Etagen an die Stahlrohre klinken – um nicht abzustürzen. Badelita blickt auf langjährige Erfahrung zurück: Seit 16 Jahren ist er Gerüstbauer.

"Gefällt mir dat Job, macht mir richtig Spaß. Paar Tage hier, dann sind wir woanders wieder. Ist ja nicht wie die ganze Zeit im Büro, ist immer Abwechslung."

Mittlerweile ist auch sein Chef an der Baustelle angekommen, Gerd Henrich. Die Firma von ihm und seinem Bruder, Gerüstbau Kaiser, ist pro Saison auf rund 300 Baustellen aktiv und beschäftigt bis zu 60 Mitarbeiter.

"Das ist ein Handwerk, was auf absehbare Zeit nicht durch irgendwelche Maschinen ersetzt werden kann. Jedes Gerüst ist individuell, da ist Handwerk erforderlich."

Genau Statikkenntnisse erforderlich

Seit rund 20 Jahren ist der Gerüstbauer als Beruf staatlich anerkannt. Die duale Ausbildung dauert in der Regel 3 Jahre. Und wer will, kann sich danach zum Meister fortbilden lassen. Außerdem gibt es Aufstiegsmöglichkeiten zum geprüften Gerüstbau-Kolonnenführer.

"Das ist schon anspruchsvoll", sagt Gerüstbau-Unternehmer Gerd Henrich.

"Das ist nicht ‘einfach ein paar Rohre ineinander stecken‘, teilweise ist es ingenieursmäßiger Gerüstbau, den wir hier machen. Wir arbeiten nach Statikplänen, da muss schon große Sorgfalt walten."

Neben eher schlichten Fassadengerüsten gibt es zum Beispiel Hängegerüste, die an hohen Türmen schweben, fahrbare Gerüste für mobile Arbeitsplattformen und Dachgerüste, erklärt Henrich und zeigt dann auf den Bau rund um die Kapelle.

"Das ist schon eine Sonderkonstruktion. Normale Gerüste werden direkt vors Haus gestellt, in vorschriftsmäßigen Abständen in der Fassade verankert. Wie man hier sieht, sind da zum Beispiel keine Anker vorhanden, deshalb ist hier auch so ein Vorbau, mit Ballastgewichten, der dafür sorgt, dass das Gerüst stabil ist und auch noch die Lasten aus dem Wetterschutzdach aufnimmt."

Man muss Konstruktionspläne lesen können

Denn die Basis des Gerüsts trägt das ganze Gewicht, sie muss sicher und gerade stehen. Gerüstbauer müssen sich deshalb gut mit verschiedenen Untergründen auskennen, mit der Beschaffenheit von Fassaden und vor allem: Konstruktionspläne lesen können.

"Das ist ganz wichtig, er muss sie lesen und verstehen können und wirklich eins zu eins nach diesen Plänen umsetzen, denn wenn es mal kompliziert wird und hohe Lasten abgetragen werden müssen, da muss natürlich schon alles passen, da müssen die Diagonalausstaffelungen richtig liegen, da müssen die Verankerungen ordentlich sitzen, das ist schon eine hohe Verantwortung."

Sicherheit ist das A und O

Jede lockere Schraube, jede falsch montierte Stange kann schlimme Folgen haben. In höheren Etagen sind die Gerüstbauer mit Seilen an den Stahlverstrebungen befestigt – für den Fall, dass sie doch einmal stolpern. Nach Angaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung kommt es jedes Jahr zu ein paar Dutzend Unfällen, die zur Berufsunfähigkeit führen – in seltenen Fällen enden sie auch tödlich.

Ein von der Firma Gerüstbau Kaiser aufgestelltes Baugerüst (Gerüstbau Kaiser)Mitarbeiter der Firma Gerüstbau Kaiser bei der Arbeit (Gerüstbau Kaiser)

Deshalb ist es wichtig, dass man sich auf seine Kollegen am Bau verlassen kann – Gerüstbau ist Teamarbeit. Hektik ist hier fehl am Platz, Ruhe und gewissenhaftes Arbeiten sind gefragt. Und: Körperkraft. Die Materialien müssen vom Lager auf den LKW und später zum Gerüst getragen und dort montiert werden.

"Wobei wir heutzutage auch viel Technik einsetzen. Das heißt, wenn wir in kleinen Kolonnen fahren, dann gibt es immer auch Aufzüge, Materialaufzüge. Es bleibt natürlich ein körperlicher Anteil, aber den versuchen wir auch zu minimieren."

Denn Ausfälle durch Rückenprobleme oder ein verdrehtes Knie können sich Gerüstbaufirmen wie die von Gerd Henrich kaum leisten – die Personaldecke ist ohnehin sehr dünn.

"Wir suchen permanent Mitarbeiter und es ist furchtbar schwer, Mitarbeiter zu finden."

Mitarbeiter händeringend gesucht

Das bestätigt auch die Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk in Köln. Bundesweit suchen die Mitglieds-Unternehmen händeringend nach Personal, auch Ausbildungsplätze gibt es mehr als genug. Die Innung hilft den Betrieben bei der Vermittlung, aber häufig bleiben Stellen unbesetzt. Dabei ist der Beruf Dank stetig wachsender Auftragszahlen nicht nur zukunftssicher, er ist auch relativ gut bezahlt. Azubis liegen mit einer Ausbildungsvergütung von bis zu 1.000 Euro im dritten Lehrjahr im mittleren Lohn-Bereich, gelernte Facharbeiter steigen bei 1.800 bis 2.400 Euro ein und mit Meistertitel können die Gehälter auch bei 3.500 Euro liegen.

Neben einem Hauptschulabschluss und guten Mathe-Kenntnissen sollten Gerüstbau-Azubis körperlich fit sein – und natürlich schwindelfrei, sagt Nico Badelita.

"Ist egal, wie viele Jahre du bist dabei, wenn Du höher bist, ist ein bisschen so… nicht wie am Boden. Ich glaube, die Ohren, da wird Dir ganz anders."

Deshalb nimmt er Azubis auch nie am ersten Tag mit nach ganz oben, sondern lässt ihnen Zeit, sich langsam an die Höhe zu gewöhnen. Wer das geschafft hat, der darf sich allerdings über einen ganz besonderen Arbeitsplatz freuen, sagt Badelitas Chef Gerd Henrich:

"Die Leute, die schon lange bei uns sind, realisieren gar nicht, dass sie in 70 Metern stehen, sondern genießen die Aussicht."

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