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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.03.2015

Aquaponik-System in BerlinDer Barsch-Tomaten-Kreislauf

Von Lydia Heller

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Zu sehen sind viele Tomaten. (picture-alliance / dpa / Patrick Pleul)
In der Aquaponik-Farm von Robert Dietrich werden Fischzucht und erdfreie Pflanzenzucht kombiniert. (picture-alliance / dpa / Patrick Pleul)

"Urban Farming" ist eine weitere Idee für eine bessere Welt. Dabei wird Landwirtschaft auf kleinstem Raum mitten in Städten betrieben. In Berlin gibt es jetzt eine sogenannte Aquaponik-Farm - die Fischzucht und Gemüseanbau miteinander verbindet.

"Die Tomaten haben gekräuselte Blätter. Das heißt, sie sind gewachsen."

Montagmorgen, kurz nach acht. Für Robert Dietrich, Gärtner auf der Farm, beginnt der Arbeitstag mit einem Kontrollgang durchs Gewächshaus. Eine blitzsaubere Halle, eher Labor als Garten. Gurken, Tomaten, Auberginen und Paprika wachsen hier in Matten aus spezieller Mineralwolle, in langen Reihen, Pflanze an Pflanze.  

"Wir haben jetzt ein bisschen mehr als 1.000 Pflanzen hier drin, zwölf Rinnen mit 54 Pflanzen pro Rinne. Schwierig zu sagen, wieviel dann dabei rauskommt. Das ist unsere erste Saison und wir werden das einfach sehen."

In den nächsten Wochen werden sich die Pflanzen an Schnüren bis unters Dach ranken. Pro Jahr soll die Farm 25.000 bis 30.000 Kilo Gemüse und Kräuter produzieren. Für den Verkauf im farmeigenen Hofladen – und über Abo-Gemüse-Kisten, die direkt an die Kunden geliefert werden: 15 Euro pro Kiste und Woche, Bioladenpreis. Aber bis dahin – ist noch eine Menge zu tun.

"Was steht an heute? Stecken wir die Tomaten noch schräg heute?"

Arbeitsbesprechung mit Gärtner-Kollegen Maximilian Schwarze:

"Auf jeden Fall. Aber zuerst würde ich gern einmal die Bewässerung testen."

Hinter einer Glaswand befüllen Helfer lange Tische mit Pflanzgranulat.

"Hier wachsen dann später Salat und Spinat… auch Kräuter, Sauerampfer…"

Den Salat wollen Dietrich und Schwarze heute noch stecken, die Tische werden dafür gerade bewässert. Das Wasser stammt aus der angeschlossenen Fischfarm, links neben dem Gewächshaus. 13 hohe, schwarze Becken, in die in den nächsten Tagen Barsche eingesetzt werden.

"Rosé-Barsch ist der Fisch, den wir machen. Und wir haben circa 25 bis 30 Tausend Fische, die wir im Jahr hier produzieren können. Die wachsen dann sechs bis acht Monate hier in dem System, das heißt, die ersten Fische gibt’s erst ab November. Aber dann täglich."

Pflanzen- und Fischzucht in einem geschlossenen Kreislauf

Neu ist "Aquaponik" nicht – also: die Idee, Pflanzen- und Fischzucht in einem geschlossenen Kreislauf zu verzahnen. Mit der ECF-Farm soll eine solche Anlage aber zum ersten Mal auch kommerziell tragfähig umgesetzt werden. Erklärt Nicolas Leschke, der die Farm vor rund drei Jahren mit gegründet hat.

"Hinten ist der große Bio-Filter. Wir füttern die Fische mit Bio-Futter, die Ausscheidungen der Fische werden in diesem Bio-Filter von Mikroorganismen in Nitrat, also Dünger für die Pflanzen umgewandelt. Da sind viele lockenwicklerartige Teilchen drinnen, an denen Bakterien sitzen. Und wandeln das Ammonium im Wasser um in Nitrat. Das ist das Wasser, was wir nutzen für die Gewächshäuser, die dem System angeschlossen sind."

Die Anlage arbeitet extrem ressourcensparend: 70 Prozent des benötigten Wassers stammt aus Regenwasser-Zisternen. Was nicht für die Pflanzen gebraucht wird, fließt zurück in die Fischbecken. Damit Pflanzen und Fische gleich gut gedeihen, muss das Wasser einen bestimmten ph-Wert aufweisen, einen bestimmten Säuregehalt. Stimmt er nicht, geht es zwar den Pflanzen gut, die Fische aber wachsen zu langsam. Oder umgekehrt. Regelmäßig prüft Robert Dietrich deshalb die Wasserqualität. Mit einem Messgerät kniet er neben Auffangbehältern am Rand der Pflanzreihen.

"Das ist also die Nährlösung, die von den Pflanzen wieder zurückläuft. Und da kann ich sehen: ein ph-Wert von 5,5. Und dann hier der EC-Wert. Die Nährstoffe, wie viele überhaupt drin sind, die messe ich über den EC-Wert, das gibt mir das Gerät auch an. Und der Wert ist auch super."

Alle Werte werden in einem zentralen Computer erfasst – zusammen mit Sensordaten zu Raumtemperaturen, Luftfeuchtigkeit und Lichtintensität. Automatisch steuert dieser dann Heizung, Bewässerung und Belüftung oder Verschattung durch Jalousien.

"…weil wir wollen ja das perfekte Klima schaffen, um optimalen Ertrag zu bekommen."

Rund 550.000 Euro Umsatz pro Jahr

Gut eine Million Euro hat die Farm gekostet – für die Idee gabs bereits den ersten Preis bei den Cleantech Open im Silicon Valley, mit dem Start Ups im Bereich Umwelttechnologien ausgezeichnet werden. Rund 550.000 Euro Umsatz pro Jahr wollen die Farmer über die Direktvermarktung von Fisch, Gemüse und Kräutern erwirtschaften, in acht Jahren soll der Betrieb das erste Mal Gewinn abwerfen.

"Meine Motivation ist ressourceneffiziente Landwirtschaft in der Stadt: So viel wie möglich sinnvoll zu produzieren, direkt beim Konsumenten."

Läuft das gut, wollen die ECF-Farmer ihr Konzept weiterverkaufen – und Aquaponik-Anlagen für andere potenzielle Stadt-Farmer bauen. Interessen gibt es: Auf dem Firmensitz eines großen Schweizer Gemüsehandels-Betriebs baut ECF-Farmsystems gerade die größte Aquaponik-Dachfarm der Schweiz.

"Grow it yourself, Baby! / Grow it yourself, Baby, genau!" 

Mehr zum Thema:

Urban Gardening - Krautgärten in München boomen
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 02.05.2014)

Besser leben - Occupy, Urban Gardening und Co
(DRadio Wissen, Redaktionskonferenz, 30.11.2011)

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