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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.07.2010

Anlehnung an die Mythen

Der Theologe Martin Ostermann untersucht die "Gotteserzählungen" in populären Filmen und Romanen

Von Bernd Soballa

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"Harry Potter"-Leser: Geht es (ihm) auch um Gott? (AP)
"Harry Potter"-Leser: Geht es (ihm) auch um Gott? (AP)

Eine Dissertation würdigt die - oft insgeheimen - Gottessucher in den Bestsellern und Blockbustern der Gegenwart: Von "E.T." bis "Harry Potter", von "Der Name der Rose" bis "Schlafes Bruder".

In dunkler Vorzeit streiten sich zwei Gruppen von Menschenaffen um eine Wasserstelle. Ein Affe entdeckt einen großen Knochen als Waffe und erschlägt damit einen der Artgenossen. Er wirft den Knochen in die Luft, wo dieser zu einem Raumschiff mutiert. Ein Schnitt, der ca. 2,5 Millionen Jahre überblendet: Stanley Kubricks Film "2001 Odyssee im Weltraum" thematisiert Intelligenz und Brudermord, Macht und Unterdrückung, Vergänglichkeit und Evolution. Es ist kein Zufall, dass Martin Ostermann diesen Film in seinem Buch "Gotteserzählungen" untersucht. Bibelverfilmungen jedoch meidet er, weil er sie grundsätzlich nicht mag. Und auf andere Filmklassiker wie "Das siebente Siegel" von Ingmar Bergman verzichtet Ostermann, weil sie zu offensichtlich von Gott und Religion handeln und schon oft besprochen wurden. Ohnehin geht es dem Autor eher um populäre Werke:

"Ich denke, dass eine Suche nach Gott, was letzten Endes ja eine Antwort auf den Ursprung des Menschen sein kann, also den Sinnursprung des Menschen, eine Suche nach Gott durchaus ein Grundmotiv ist, das sowohl in der Literatur wie im Film eine Rolle spielt. Nur wird das nicht explizit dargestellt, d.h. die Menschen sagen jetzt nicht, oder man sieht es auch nicht, dass sie explizit nach Gott suchen. Das sind eher nur wenige Beispiele. Sondern die Menschen suchen eher danach: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?"

So beschreibt der Autor prägnant und anschaulich in einem Wechselspiel von Inhaltsbeschreibung und Analyse Literatur- und Filmbeispiele, in denen Protagonisten nicht nach Gott, sondern nach ihrer Bestimmung im Leben suchen. Gelegentlich stellt Ostermann die jeweilige Suche in einen biblischen Kontext. Immer überzeugend und ohne in abstrakte Theorien zu verfallen. Dazu führt er Literaturbeispiele wie James Joyce "Ulysses" oder Umberto Ecos "Der Name der Rose" an. Aber ebenso Tolkiens "Der Herr der Ringe" oder auch "Harry Potter". Gerade ein Kinderbuch wie "Harry Potter" sieht der Autor als ein ideales Beispiel. Denn für Martin Ostermann hat Joanne Rowling nicht nur ein Buch über Zauberei, Schule und Familie geschrieben, sondern es geht ebenso um Identitätssuche, was im übertragenen Sinne immer mit der Suche nach Gott zu tun hat:

"Joanne Rowling hat aber all diese Elemente in eine Welt, die parallel zu der unseren mit gewissen Durchlässigkeiten existiert, hineingestellt. Also das ist diese Welt der Zauberer. Was charakterisiert speziell diese Welt der Zauberer? Dass dieses Buch obwohl am Ende, also zu Beginn des 3. Jahrtausends erschienen ist, charakterisiert sie eine absolute Technikfremdheit. Also die schreiben wieder mit Federkielen, sind in der Bibliothek unterwegs, es gibt kein Telefon, es gibt keinen Computer, nichts. Das sind alles Dinge, die in der Welt der Zauberer keine Rolle spielen. Und ich glaube, sie hat damit Erfolg gehabt, weil in dieser Figur Harry und natürlich in vielen Begleitfiguren sie ein Spiegelbild geschaffen hat, in dem sich dann viele Menschen auch wieder erkennen können."

Und im Kampf Gut gegen Böse, also gegen Lord Voldemort und die Schwarze Magie, übernimmt Harry Potter die entscheidende Rolle des Erlösers. In Robert Schneiders Buch "Schlafes Bruder" hingegen ist der Gottesbezug direkter und zugleich vielschichtiger. Wobei Ostermann besonders die sinnlose Auflehnung gegen Gottes Willen herausarbeitet. Das Werk handelt von Elias, einem jungen Mann, der in einem Bergdorf im 19. Jahrhundert lebt. Ein musikalisches Genie, das die vollkommene Liebe mit Elsbeth anstrebt. Denn ihre beiden Herzen schlagen im absoluten Gleichklang. Doch als Elsbeth von einem anderen schwanger wird, fühlt sich Elias von Gott betrogen. So auch in der Verfilmung von Joseph Vilsmaier:

"Warum hast du mich, den Johannes Elias Alder geschaffen? Warum weidest Du dich an meiner Trauer? An der Missgeburt meiner Augen? Meiner Hände? Am Kummer meiner Liebe? Wisse, dass ich nicht aufhören werde, Elsbeth zu lieben! Wisse, dass ich mich gegen deine Fügungen stelle! Von nun an soll deine Macht nicht mehr in mir wirken. Und wenn ich, Johannes Elias Alder, untergehe, so ist es mein Wille, nicht dein Wille."

Bei den Filmen konzentriert sich Martin Ostermann auf Werke, die sich an Mythen anlehnen. Vor allem George Lucas und Steven Spielberg zeigen in ihren Filmen immer wieder, wie sie sich der Heldenreise bedienen. Ostermann bezeichnet diese auch als Monomythos: Ein Protagonist erhält einen Auftrag, muss seine gewohnte Welt verlassen und eine gefahrenvolle Reise bewältigen, an dessen Ende er seine Bestimmung erkennt, zum Helden wird, ein höhere Bewusstseinsebene erlangt und sich somit auch Gott nähert. Sowohl "Star Wars" als auch "E.T." sind nach diesem Muster gedreht. Wobei "E.T." sogar unübersehbare Parallelen zum Leben Jesu aufweist. Denn nicht nur opfert sich E.T. für seinen "Jünger" Elliot. Er wird auch durch die geistige Kraft des herannahenden Raumschiffs wieder zum Leben erweckt und steigt schließlich in den Himmel auf.

Ostermann analysiert nicht nur schlüssig und zeigt, wie sich moderne Filme an biblischen Mythen anlehnen. Er geht auch in die andere Richtung. Denn Filme, die fragmentarisch erzählen, handeln oft auch von Orientierungslosigkeit. Oder anders ausgedrückt: Wenn sich Menschen weder um ihren Ursprung noch über ihre Ziele Gedanken machen, geht alles unter. So zum Beispiel in Robert Altmans "Short Cuts". Darin werden verschiedene Kurzgeschichten von rund 20 Personen erzählt, die irgendwie durch Los Angeles driften. Nur ein Erdbeben erschüttert für einen kurzen Moment ihr zielloses Leben:

"Lasst uns den Fernseher einschalten, dann sehen wir, was alles passiert ist. - Also ich finde, eigentlich war es doch nicht so schlimm. - Jetzt einen Tequilla. - Und jetzt die neuesten Nachrichten über das Erdbeben. Es hat ein Todesopfer gegeben, das ist uns jetzt bestätigt worden."

"Gotteserzählungen” ist ein interessantes, vielschichtiges Werk: stark in der Analyse, voller Perspektivwechsel und mit viel Aufmerksamkeit für Zwischentöne und Andeutungen. Gott zu begegnen, heißt es da sinngemäß, bedeutet auf allen Ebenen im Leben Beziehungen zu führen - die funktionieren.

Martin Ostermann: Gotteserzählungen. Gottessuche in Literatur und Film
Schüren Verlag, Marburg 2010
464 Seiten, 38 Euro

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