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Samstag, 16.12.2017

Buchkritik | Beitrag vom 23.10.2017

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der SingularitätenDas Besondere wird zum Maßstab

Von Simone Miller

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(Suhrkamp, Imago)
Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten (Suhrkamp, Imago)

Einen umfassenden Strukturwandel von der klassischen zur spätmodernen Gesellschaft macht der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem neuen Buch "Die Gesellschaft der Singularitäten" aus. Was jetzt vor allem zähle, sei das das eigene Profil und das Besondere.

Unsere Gesellschaft wird regiert von einem unsichtbaren Gesetz: dem Imperativ des Besonderen. Diese These steht wie eine Knospe am Anfang eines Buches, das sich in seinem Gang zu einer brandaktuellen Gesellschaftstheorie entfaltet. In "Die Gesellschaft der Singularitäten" zeichnet der vielbeachtete Soziologe Andreas Reckwitz einen umfassenden Strukturwandel von der klassischen zur spätmodernen Gesellschaft nach.

Das eigene Profil zählt

Die Industriegesellschaft hätte unter dem Vorzeichen des Allgemeinen gestanden: Ökonomie und Öffentlichkeit wurden in der klassischen Moderne standardisiert und formalisiert. Im Kulturellen und Privaten ließ der Konformismus die Massenkultur entstehen. In der Spätmoderne hingegen verkehrte sich diese Vorherrschaft des Allgemeinen in ihr Gegenteil: Nicht mehr allein Fleiß, bestandene Prüfungen und gerahmte Zertifikate garantierten den Erfolg. Es sei vielmehr das eigene Profil, das zählt. Nur wem es gelinge, sich in seiner Einzigartigkeit, Originalität und Attraktivität zu profilieren, hätte heute eine Chance auf monetäre und soziale Anerkennung.

Fundamentale Veränderung

Sehr minutiös, deshalb stellenweise ein wenig langatmig, stellt Reckwitz unter Beweis, wie das Besondere zum Maßstab aller gesellschaftlichen Sphären wird: Seien es die Märkte, die Arbeitswelt und Lebensstile, aber auch die Welt der Dinge, Ereignisse und Orte – der Druck der Besonderung dringe selbst in den letzten Winkel der Gesellschaft vor. Die zentralen Voraussetzungen für diese fundamentale Transformationsgeschichte macht der Autor dabei in der Globalisierung und Kulturalisierung der Ökonomie und einem enormen Innovationsschub der digitalen Technologie aus.

Die Neue Mittelklasse

Besonders erhellend ist nun, wie sich der Kulturkapitalismus ins Soziale und Politische übersetzt. Denn was als besonders gelten kann, stellt sich als stark umkämpft heraus. Um in den unablässig tobenden Bewertungskonflikten bestehen oder sich gar durchsetzen zu können, sei man mehr als jemals zuvor auf `kulturelles Kapital‘ angewiesen. Man müsse also das Wissen und ein Gefühl dafür entwickelt haben, was als attraktiv und interessant gelten kann. Im Besitz dieses Wissens sei vor allem die ´Neue Mittelklasse‘, wohingegen sich die 'Neue Unterklasse' und die alte Mittelschicht einer zunehmenden Abwertung und Prekarisierung ihrer Tätigkeitsbereiche und Lebensstile ausgesetzt sähen.

Das Eigene und das Heimische

Auf plastische und überzeugende Weise zeigt Reckwitz, wie die Kulturalisierung des Ökonomischen wiederum zu einer Polarisierung des Politischen führt. Die 'Neue Mittelklasse' verkörpere eine doppelte Öffnung: sie sei Profiteurin des Wirtschaftsliberalismus und Inbegriff eines linksliberal geprägten Kulturkosmopolitismus. Auf diese zweigliedrige Öffnung würden insbesondere die Verlierer dieser Entwicklung mit Schließungstendenzen reagieren. Reckwitz sieht hier ein Erstarken des "Kulturessenzialismus". Rechtspopulistische, nationalistische, religiös-fundamentalistische und teilweise auch ethnische Gruppen behaupteten verstärkt die innere Homogenität einer kollektiven Identität, setzten auf das Eigene, das Traditionelle und Heimische, um sich gegen die Abwertung des Provinziellen und Konformen zu wehren. Das Allgemeine und Verbindende  trete in dieser zunehmend zersplitterten sozialen und politischen Landschaft entsprechend in den Hintergrund. Ihm einen neuen Ort zu geben, macht Reckwitz abschließend als zentrale Aufgabe der Gegenwart aus. 

Schlüssel zum Verständnis  

Indem Andreas Reckwitz den Imperativ des Besonderen als Schlüssel zu einem umfassenden Verständnis der Spätmoderne erkennt, ist ihm eine beeindruckende synthetische Leistung gelungen. Mehr noch als in der "Erfindung der Kreativität" trägt er mit dieser Theorie der Moderne zur Erhellung unserer Tage bei.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, Suhrkamp Verlag, 480 Seiten, 28 Euro.

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