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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.02.2014

Andreas Dresen"Ich verehre Ken Loach"

Regisseur Dresen im Gespräch über das linke Gewissen des Kinos

Moderation: Ulrike Timm

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Andreas Dresen (Foto: Sandra Ketterer)
Der Regisseur Andreas Dresen (Foto: Sandra Ketterer)

Bei der Berlinale erhält der Regisseur Ken Loach den Ehrenbären. Sein deutscher Kollege Andreas Dresen würdigt den Briten als herzensguten Menschen, dessen Lebenswerk auch seine eigene Filmarbeit geprägt habe.

Ulrike Timm: Er hat immer Wut im Bauch und möchte doch Mut machen – Ken Loach, der große britische Regisseur, dessen Kino seit Jahrzehnten mit dem Begriff sozialkritisch eigentlich ziemlich unzureichend beschrieben ist. Ken Loachs Liebe gehört den Menschen, die früh aufstehen und die mit Muskelkraft arbeiten, die sich abstrampeln, die zerrieben werden von gesellschaftlichen Verhältnissen und die trotzdem Stehaufmännchen sind.

Ken Loach wird nach vielen internationalen Preisen nun mit dem Ehrenbären der Berlinale geehrt, die auch eine Reihe seiner berühmtesten Arbeiten noch mal zeigt, von "Cassy come home" über "Raining Stones" bis "Looking for Eric". Einer, der sich über diesen Ehrenbären für Ken Loach ganz besonders doll freut, das ist der Regisseur Andreas Dresen, bekannt durch Filme wie "Sommer vorm Balkon" oder "Halt auf freier Strecke". Er wird uns erzählen, was ihn an den Filmen von Ken Loach so begeistert. Herzlich willkommen, Andreas Dresen!

Andreas Dresen: Hallo! Guten Tag!

Timm: Gibt es eigentlich ein paar Bilder, ein paar Szenen, die Sie sofort vor Auge und Ohr haben, wenn Sie an Ken Loach denken?

Dresen: Ach, jede Menge! Das sind diese Gesichter aus seinen Filmen, die ich so liebe. Er arbeitet ja häufig mit Laiendarstellern und denen ganz fremd ist, in irgendeiner Form zu posen vor der Kamera und die ganz viel aus ihrem eigenen Leben, ihrer eigenen Realität mit reinbringen in diese Geschichte. Bei Ken-Loach-Filmen versagt auch regelmäßig, und zwar komplett, mein Englisch, weil er ja meistens in den verschärftesten Dialekten dreht, die letzten Filme ja auch, also, die Whiskey-Geschichte "Angels' Share" in Glasgow. Ich habe außer "Fuck, fuck, fuck" nichts verstanden. Also bei Ken-Loach-Filmen brauche ich Untertitel, sonst bin ich verloren.

Und der erste Ken-Loach-Film, den ich bewusst gesehen habe, da gibt es gleich eins dieser Bilder, das war nämlich "Riff-Raff" Anfang der 90er, und da habe ich ihn quasi auch für mich entdeckt. Da sitzen am Schluss diese gebeutelten Bauarbeiter und haben die Baustelle angezündet. Das ist ein anarchisches und trotzdem fröhliches Schlussbild, ein Mut machender Aufruf zur Revolte. Und das fand ich ganz, ganz toll. Es gibt jede Menge Bilder aus den Filmen, die hängen bleiben bei Ken Loach. Aber es sind vor allen Dingen und in erster Linie weniger die großen, opulenten Kompositionen, sondern es sind die Menschen.

"Der Prophet gilt wenig im eigenen Lande manchmal"

Timm: "Riff-Raff", 1991, "Riff-Raff" heißt eigentlich Gesindel, ist eine unglaublich grimmige Komödie um Leute, die auf einer schlecht gesicherten Baustelle arbeiten müssen, die um jeden Penny kämpfen müssen, ist zugleich aber auch ein unglaublich komischer Film in vielen Passagen. Ich hab gedacht, wie hat das auf den jungen Andreas Dresen gewirkt, der ja in der DDR groß geworden ist, wo die Arbeiterklasse zumindest theoretisch jede Menge gezählt hat. Und in Großbritannien sind ja Filme aus dem Arbeitermilieu immer eher so die Underdog-Filme. Wie hat das auf Sie gewirkt 1991, da waren Sie keine 30?

Dresen: Ja, da hatte ich gerade meinen ersten Film gedreht und war in London und bin in ein Kino gegangen und hab "Riff-Raff" gesehen, der im Übrigen in Großbritannien nie ins Kino gekommen ist. Das war bei einem Festival. Das ist halt häufig so, der Prophet gilt wenig im eigenen Lande manchmal.

Aber ich fand den Film so überwältigend in seiner Menschenliebe und in dem, was er aber auch, ohne dabei jetzt so mit erhobenem Zeigefinger daherzukommen, über die sozialen Verhältnisse erzählt hat, dass mich das zutiefst gerührt hat. Ich bin danach zu Ken Loach hin, der war da bei dieser Vorführung und hab ihn angesprochen und wollte den Mann dahinter auch unbedingt kennenlernen.

Und das, was ich auch besonders liebe an seinen Arbeiten, ist diese Mischung, die Härte des Lebens zu zeigen und auf der anderen Seite aber auch einen unglaublichen Mut und einen wunderbaren Humor, der immer wieder einen fröhlich auch aus dem Kino gehen lässt. Bei dem letzten Film, "Angels' Share", der hat ja sogar auch mal ein richtiges Happy End. Und man geht so ermutigt raus, wenn man diesen geschlagenen Helden dann irgendwie gönnt, dass sie diesen Triumph geschafft haben und ein Teil des Whiskeys eben beiseitegeschafft.

"Ein wunderbar herzensguter, herzlicher Mensch"

Timm: Ich füg mal ganz schnell ein, das ist "Ein Schluck für einen Engel", ist der letzte Film von Ken Loach. Ein arbeitsloser Kleinkrimineller besichtigt eine Whiskey-Fabrik und hat die Idee seines Lebens. Also das ist dann – mehr muss man, glaube ich, gar nicht sagen. Es ist eine Mischung aus Skurrilität und Sozialdrama. Aber nie so gezeichnet, wie man sich in Deutschland eine Sozialreportage vorstellt. Hat er Ihnen eigentlich mal erzählt, wie er diese unglaublich zerknautschten Gesichter findet, und wie er mit den Laien arbeitet?

Dresen: Ich hab mich mit ihm darüber unterhalten. Ich hatte auch mal die große Ehre – er hatte eine Retrospektive in Potsdam im Filmmuseum, und zur Eröffnung war er da und ich konnte mit ihm zwei Stunden auf der Bühne reden, und danach haben wir auch noch die halbe Nacht miteinander verbracht. Er war so wie seine Filme, ein wunderbar offener, humorvoller, herzensguter, herzlicher Mensch. Und natürlich habe ich ihn vieles gefragt, und eins der Geheimnisse ist natürlich, dass er grundsätzlich den Schauspielern oder den Darstellern, muss man in dem Fall ja sagen, das Drehbuch nicht gibt, das Drehbuch, was meistens in den letzten Jahren von Paul Laverty stammte, ein begnadeter Autor, das am Rande bemerkt, ist, mit dem er schon so lange zusammenarbeitet. Die Filme werden grundsätzlich chronologisch gedreht –

Timm: Das gibt es heute gar nicht mehr, eigentlich, nicht?

Dresen: Na ja, man kann das machen, ich hab das auch schon gemacht, das ist aber ein unglaublicher Produktionsaufwand, weil man natürlich immer wieder an verschiedenen Sets zurückkehren muss. Wenn eben verschiedene Szenen des Films in einer Wohnung spielen, wird das üblicherweise ja so gemacht, dass man alle Szenen in dieser Wohnung hintereinander abdreht. Und Ken Loach macht das eben halt so, dass, wenn die Szene in der Wohnung dran ist, geht er eben wieder in die Wohnung. Dazu muss man schon ein bisschen organisiert sein, und das braucht auch Zeit.

Die britische Regielegende Ken Loach auf der Berlinale.  (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)Die britische Regielegende Ken Loach auf der Berlinale. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Es hat aber den riesigen Vorteil, dass man sozusagen Schritt  für Schritt mit den Spielern durch die Geschichte geht, und die Spieler kennen den Verlauf der Geschichte nicht. Die Schauspieler aus den Ken-Loach-Filmen können nur anhand ihres Vertrages raten, ob sie irgendwann in der Geschichte vielleicht sterben werden und früher ausscheiden. Ansonsten gibt Ken Loach ihnen bestenfalls die Szene für den nächsten Drehtag, und meistens sagt er ihnen auch nicht, wie die Szene endet, wenn es dort einen wichtigen Drehpunkt zum Beispiel gibt. Damit schmeißt er die Schauspieler quasi immer wieder ins kalte Wasser, und sie sind, wenn man so will, naiv, wenn sie spielen, und verlassen sich einzig und allein auf die Kraft der Situation.

Verbindungen zwischen Andreas Dresen und Ken Loach?

Timm: Nun machen Sie ja selber häufig Filme mit einem improvisatorischen Element, wo nicht alles feststeht, wo sich Szenen auch ergeben, arbeiten teilweise mit Laien, nicht nur, aber eben auch. Wie, würden Sie sagen, gibt es Verbindungen zwischen dem Kino von Andreas Dresen und dem Kino von Ken Loach?

Dresen: Ich bin ein gnadenloser Bewunderer und Verehrer von Ken Loach. Das ist meine Verbindung zu ihm, und natürlich hat es wenig Sinn, zu versuchen, so  etwas zu kopieren, weil das auch gar nicht gelingen kann. Man kann nur versuchen, seinen eigenen Weg zu finden, und das versuche ich halt. Ken Loach improvisiert übrigens gar nicht, oder sehr, sehr selten jedenfalls. Die meisten Situationen sind schon geschrieben, und die Darsteller haben auch vorgegebene Dialoge, nur kennen sie eben den weiteren Verlauf der Geschichte.

Timm: Und es kann ja auch horrend erschreckend sein, wenn man morgens erfährt, dass man abends tot ist, nicht?

Dresen: Unter Umständen. Oder in der Situation möglicherweise dann. Er erzählte mir eine schöne Geschichte von den Dreharbeiten zu "Land and Freedom", wo es eine Situation gibt, wo eine Gruppe von Darstellern entwaffnet wird von den eigenen Leuten quasi und in eine Falle läuft. Und er hat das den Darstellern nicht gesagt, und die sind vor lauter Schreck weggelaufen. Die sollten aber laut Drehbuch arretiert werden. Und da musste er dann tatsächlich auch inszenatorisch eingreifen, weil der Originalreflex der Schauspieler keineswegs mit den Drehbuchintentionen in Übereinklang kam. Und weil Sie gefragt hatten nach den spielerischen Qualitäten, liegt da, glaube ich, eine der zentralen Ursachen.Und auf der anderen Seite natürlich in seiner großen und zutiefst herzlichen Liebe zu den Menschen.

Deswegen sind die Ken-Loach-Filme alle warmherzig. Ich finde seine Filme auf einen beglückende Art einfach. Die stellen keine filmische Virtuosität aus, da werden keine gigantischen Bilder gebaut, da gibt es keine total virtuosen verblüffenden Montagen. Das ist alles down to earth. Er benutzt ein ganz einfaches Paket filmischen Handwerks, das extrem effizient und wirkungsvoll ist. Und die Sache, die er zu erzählen hat, die Menschengeschichten, die ihm wichtig sind, die stehen halt über der virtuosen Ästhetik, und die braucht es dann auch gar nicht, und das macht die Filme auf so eine wunderbare Art schön, weil man sagt das ja immer so, das Einfache ist das Allerschwerste.

"Mich hat das in den 90ern sehr geärgert"

Timm: Es sind auch politische Filme, immer Working-Class-Filme, Underdogs. Ken Loach hatte im England der 80er-Jahre, in der Thatcher-Ära, große Schwierigkeiten, auch wenn  er da sehr gerne gedreht hat, da konnte er sich ja gut abarbeiten an den Verhältnissen in England damals.

Dresen: Aber er konnte fünf, sechs Jahre gar keine Filme machen.

Timm: Und er ist auch gemieden worden. Nun hat dieses, sehr verkürzt, Sozialdrama, in Großbritannien eine ganz stabile Tradition und einen künstlerischen Wert, eigentlich viel stärker als in Deutschland. Warum eigentlich?

Dresen: Ja, das ist, glaube ich, wirklich sehr schwer zu erklären. Mich hat das in den 90er-Jahren ehrlich gesagt sehr geärgert. Ich hab die Filme aus Großbritannien gesehen, die wunderbaren Filme von Ken Loach, aber auch Filme von Mike Lee. Da kam eine ganze Reihe von Filmen, die auf eine sehr unterhaltsame Art sich auch mit der Realität des Landes beschäftigten, während wir in der Komödientümelei festhingen. Das ging dann eigentlich erst Ende der 90er so los, dass wir hier auch angefangen haben, Filme zu machen, die sich der sozialen Wirklichkeit des Landes stellen.

Aber ich glaube, das hat auch was mit einer bestimmten Tradition im Erzählen zu tun, auch mit der sicherlich verschärften sozialen Wirklichkeit in England. Das kommt natürlich auch aus der Thatcher-Ära daher, wo es in Deutschland doch in stärkerem Maße ein soziales Fundament gab, und diese stärkeren Widersprüche, glaube ich, haben auch zu einer stärkeren Polarisierung bei  den Künstlern geführt und auch dazu, dass sie sich geradezu gezwungen gesehen haben, auch politisch einzugreifen. Und das war ja auch für Ken Loach ein erklärtes Ziel, er hat sich auch mit politischer Literatur beschäftigt, er gründet jetzt eine linke Partei. Also, das sind ja alles Dinge –

"Sich wirklich einzubringen in die Gesellschaft" 

Timm: Mit 78 Jahren.

Dresen: Ja. Und er ist nie müde geworden, sich da auch wirklich einzubringen in die Gesellschaft als politisch denkender Mensch. Und links politisch zu denken, das ist ja in Deutschland doch partiell unter Künstlern zwar opportun, aber sich dann auch gleichzeitig sozusagen an die Front zu begeben, nicht unbedingt üblich. Das finde ich eben auch bei ihm was ganz Tolles, dass sich die politische Haltung in den Filmen spiegelt und umgekehrt.

Timm: Andreas Dresen, Filmregisseur, über Ken Loach, der Regisseur, der bei der Berlinale mit dem Ehrenbären ausgezeichnet wird. Ganz herzlichen Dank fürs Gespräch und alles Gute für die eigenen anstehenden Projekte!

Dresen: Sehr gern. Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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