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Montag, 20.11.2017

Buchkritik | Beitrag vom 15.11.2017

Amitav Ghosh: "Die große Verblendung"Sehenden Auges in die Klimakatastrophe

Von Johannes Kaiser

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Cover Amitav Gosh: "Die große Verblendung" (Blessing Verlag / AFP / Diptendi Dutta)
Land unter - doch die Eliten ignorieren die Folgen des Klimawandels. (Blessing Verlag / AFP / Diptendi Dutta)

Tsunamis, Überschwemmungen, untergehende Landstriche: Die Zeichen des Klimawandels sind unübersehbar. Doch warum werden sie von Künstlern, Literaten und Politikern ignoriert? Amitav Ghosh findet in "Die große Verblendung" Gründe dafür in unserer Art des Denkens.

An Vorboten der Klimakrise fehlt es nicht. Doch Kunst und Literatur ignorieren sie. Davon jedenfalls ist der indische Schriftsteller Amitav Ghosh überzeugt. Normalerweise sollten Romane die Wirklichkeit wiederspiegeln. Doch Zyklone oder Tsunamis gelten als unrealistische Ereignisse. Bedrohliche, unheimliche Ereignisse wie Hurrikans werden in der Literatur auf Nebenplätze wie Science Fiction oder Fantasy verschoben. Das sei die "Große Verblendung der Literatur".

Schutzlos ausgeliefert

Amitav Ghosh macht das u.a. am Beispiel Mumbais deutlich, einer 20 Millionen Stadt, die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegt. Sie ist schutzlos Sturmfluten ausgeliefert, wie sie der Klimawandel nahezu unvermeidbar mit sich bringt. Starkregenereignisse zeigen, wie leicht die Stadt im Wasser ertrinkt.

Dennoch gibt es keinerlei Evakuierungspläne der Stadtverwaltung. Amitav Ghosh macht dafür die Kapitalinteressen der mächtigen und politisch einflussreichen Immobilienbrache verantwortlich.

Wie schwer es ist, die Zeichen des Klimawandels zu verstehen, zeigt der Autor am eigenen Beispiel. Seine Mutter lebt in Kalkutta in einem von Sturmfluten bedrohten Stadtteil. Doch einen Umzug in eine sichere Gegend lehnt sie rundweg ab.

In drei Kapiteln nimmt sich Amitav Ghosh des Themas an. Das erste ist mit "Geschichten" überschrieben. Ghosh erzählt hier anschaulich und eindringlich von tatsächlichen Ereignissen. Als Romanautor versteht er sich darauf perfekt. Als Sozialanthropologe kann er die Ereignisse geschichtlich und gesellschaftlich einordnen.

Er kennt die wissenschaftliche Literatur zum Klimawandel, zitiert deren Erkenntnisse und vermisst deren Umsetzung in Literatur. Geschickt verknüpft er Fakten und Zukunftsvisionen mit einer Diskussion um unsere Risikowahrnehmung, unserer Art des Denkens.

Kein Interesse am Klimaschutz

Im zweiten Kapitel "Geschichte" zeigt sich der Geschichtswissenschaftler. Anhand zahlreicher Fakten belegt er seine These, dass Asien von den Kolonialmächten in seiner industriellen Entwicklung gehemmt wurde. Anderenfalls wäre die Klimakrise bereits viel früher eingetreten.

Der Grundfehler der Entwicklungsländer heute: das westliche Entwicklungsmodell zu kopieren. Das sei die "Große Verblendung" der Industrialisierung.

Im dritten Kapitel "Politik" rechnet der Autor mit dem Verhalten der Industrienationen sowie der Eliten der asiatischen Länder ab. Mächtige Kapitalinteressen der Kohle- und Erdölindustrie verhinderten eine drastische Reduzierung des CO2-Ausstoßes in den reichen Staaten.

Doch auch die Eliten in den Entwicklungs- und Schwellenländern hätten daran wenig Interesse. Sie, so vermutet der Autor, gehen davon aus, dass die Bevölkerung gewohnt ist, mit Katastrophen zu leben. Die Klimakrise träfe also vor allem die reichen Länder härter. Eine ebenso zynische, wie realistische Perspektive.

Amitav Ghosh macht sich wenig Illusionen. Und weil die Politik versagt, hofft er auf die Religionen, die keine Kapital-  oder Machtinteressen verfolgen. Sein Buch öffnet tatsächlich einen ganz neuen Blick auf die Klimakrise.

Amitav Ghosh: Die große Verblendung - Der Klimawandel als das Undenkbare
Aus dem Englischen Yvonne Badal
Blessing Verlag, München 2017
256 Seiten, 22,99 Euro

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