Sonntag, 21.01.2018

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.12.2016

Altern 2.0 Von der schönen neuen Genwelt

Von Ulrich Woelk

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Deutschland 2060. Ein Mann feiert in diesem utopischen Hörstück seinen 100. Geburtstag, und das bei bester Gesundheit - dank seiner täglichen Gen-Pille. Würde es uns wirklich Spaß machen, so alt zu werden? Das fragen wir den Autor des Features, Ulrich Woelk.

Die Hauptfigur Joost findet an seinem 100. Geburtstag, dass er besser aussieht als mit 60. Er trägt eine Robert-Redford-Frisur, joggt und ist nicht abgeneigt, sich neu zu verlieben. Und sein älterer Bruder Toni hat ein 35-jähriges Model zur Freundin, mit der per Gleitschirm über den Himalaya fliegt. Aber das alles wäre natürlich ohne seine Genpille nicht möglich.

Programmtipp: "Alter 2.0 - Von der schönen neuen Genwelt" hören Sie am Freitag, 23.12.2016, um 19.30 Uhr in den Zeitfragen. 

Während Joost aufwändig seinen Geburtstag vorbereitet, verirrt sich das Knirpskrokodil Frau Malzahn in seinem Garten. Seine Tochter steckt in Meetings und die Enkelin in einer Demo mit ihren GENounymus-Freunden. Die Verwandten sagen nach und nach ab, weil sie zu beschäftigt sind. Und der Caterer versucht dem Jubilar Designergemüse aufzuschwatzen, während er auf die eurokratischen Food-Diktatoren schimpft.

Das Manuskript zur Sendung als PDF und im TXT-Format


(Bettina Keller)Ulrich Woelk: "Wahrscheinlich möchte jeder im Alter so weitermachen wie all die Jahre zuvor." (Bettina Keller)

"Hundert ist die neue Fünfzig!"
Ulrich Woelk im Gespräch mit Cornelia Sachse

Ihr Stück spielt in der Zukunft – im Jahr 2060. Sicher nicht zufällig das Jahr Ihres eigenen 100. Geburtstags. Ist es für Sie erstrebenswert, so alt zu werden?

Nun, das kommt natürlich darauf an. Im Moment ist das ja eine vieldiskutierte Frage: die Lebensqualität im Alter, und wie man sie sicherstellen kann. Bei bester Gesundheit, denke ich, wollen wohl die meisten alt werden, aber wenn es gesundheitlich bergab geht? Doch da nun so viel über Altersgebrechen und Demenz diskutiert wird, wollte ich es einmal anders beleuchten: Wie wäre es, wenn wir alle bei bester Gesundheit altern könnten? Wie lange würde uns das Spaß machen?

Neue Generation der verliebten Alten 

Ihr Protagonist Joost wird 100. Er trägt einen Robert-Redford-Schnitt, joggt und ist nicht abgeneigt, sich neu zu verlieben. Ist das Ihr Wunschmodell des Älterwerdens?

Wahrscheinlich möchte jeder im Alter so weitermachen wie all die Jahre zuvor. Wer gerne Sport gemacht hat, wird das weiter tun wollen, und wer kulturell interessiert war, wird weiter lesen und in Konzerte und Theater gehen. Mit der Liebe ist das aber so eine Sache. Vielleicht würden manche Paare ja auch hundert Jahre oder noch länger zusammenbleiben. Aber die Regel wäre das vermutlich nicht. Vielleicht würde ja eine ganz neue Generation der verliebten Alten entstehen. Oder man schmiedet nur noch Zweckbündnisse auf Zeit. Fragen über Fragen ...

"Ich würde die Gen-Pille auch sofort nehmen"

Hundert ist die neue Fünfzig!, heißt es in "Altern 2.0" so schön. Das geht natürlich nur dank einer neuen Gen-Wunderpille. Was vermag sie?

In meinem Stück repariert sie diskret und unauffällig die ganzen Genschäden, die unsere Körper so peu à peu verfallen lassen. Ehrlich, ich würde sie auch sofort nehmen. Aber ganz so einfach wird es nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft wohl doch nicht werden. Es ist eben eine Utopie, und wie nahe die  Wirklichkeit ihr einmal kommen wird, können wir heute noch nicht sagen. Das Spannende ist aber, dass wir über solche Was-wäre-wenn-Szenarien viel darüber lernen können, was wir eigentlich wollen und worum es uns geht oder gehen sollte.

Gruselige Gimmicks in der Gen-Utopie 

Und was schenkt man einem 100-Jährigen in der Zukunft zum Geburtstag? Einen Paragliding-Kurs, ein Knirps-Krokodil oder besser Neonrosen?

Ja, das sind so ein paar lustig-gruselige Gimmicks in meiner Gen-Utopie. Ich nehme aber an, dass wir uns an vieles, was da möglicherweise auf uns zukommt, ganz einfach gewöhnen werden, so wie wir uns auch an Autos, Schnellkochtöpfe und Lichterketten in Weihnachtsmannform gewöhnt haben. Und was eine gewisse Fragwürdigkeit von Geschenken angeht, sind wir ja eigentlich jetzt schon in der Zukunft angekommen: Das, was wir zum Leben brauchen, haben wir alle ja schon.

Baumkartoffel und Gelbkohl zum Fest 

In Ihrem Stück gibt es lustige Dinge zu essen. Können Sie uns daraus ein Fest-Menü zusammenstellen?

Wie wäre es zum Beispiel mit zarten Knirpsgänsen, für die man nicht mehr diese riesigen Bräter aus der Zeit braucht, als Familien noch zweistellig waren. Und dann wären vielleicht auch schalenlose Baumkartoffeln hilfreich, die man weder zu schälen noch zu waschen braucht. Dazu gibt es Gelbkohl − gelb ist meines Wissens die einzige Farbe, die es bei Kohl noch nicht gibt. Und als Nachtisch kommen Bratäpfel von den letzten unter strengstem Naturschutz stehenden Streuobstwiesen auf den Tisch. Sündhaft teuer, aber garantiert genfrei.

Ausschnitt aus "Paradies", dem Mittelportal des Triptychons "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch (um 1450−1516) (Bild: Imago)"Paradies" von Hieronymus Bosch (Bild: Imago)Was ist aus den Utopien und Visionen von Thomas Morus geworden? Der Schwerpunkt "Zukunft denken. 500 Jahre 'Utopia'" in Deutschlandradio Kultur sucht nach Antworten vom 18. bis 27. Dezember. Die Übersicht der Themen und alle bereits gesendeten Beiträge gibt es hier zu lesen und zu hören: Utopien in Politik, Gesellschaft und Kunst − Welche anderen Welten sind möglich?

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