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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.12.2014

Alexander von HumboldtBriefe aus der Ferne

Humboldt-Korrespondenzen vom anderen Kontinent zunächst in der Vitrine und demnächst digital

Von Christiane Habermalz

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Die amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts in der Staatsbibliothek in Berlin (dpa / picture alliance/ Britta Pedersen)
Die amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts in der Staatsbibliothek in Berlin (dpa / picture alliance/ Britta Pedersen)

Die Staatsbibliothek zu Berlin hat seit dem 19. Jahrhundert den Nachlass des Naturforschers und Gelehrten Alexander von Humboldt. Die erst kürzlich angeschafften Amerikanischen Reisetagebücher zeigt das Haus nun der Öffentlichkeit - und bald auch im Netz.

Als Alexander von Humboldt 1799 zu seiner Forschungsreise nach Amerika aufbrach, konnte er nicht wissen, ob er je zurückkehren würde. Die Neue Welt war damals noch zu großen Teilen unbekannt, nicht kartographiert und kaum erschlossen. Fünf Jahre sollte seine Exkursion dauern – die Tagebücher dieser Reise, neun in Schweinsleder gebundene Bände, gelten heute als der Kern seiner Forschungsarbeit – und als die vielleicht wichtigsten sowohl wissenschaftshistorischen als auch reiseliterarischen Dokumenten seiner Zeit.

"Das ist der letzte Brief den Humboldt geschrieben hat, bevor er 1799 in La Coruna aufs Schiff gestiegen ist. Er dankt noch mal seinem Lehrer, Wildenow, für seine botanische Ausbildung sozusagen, und sagt: Grüße mir alle Freunde und Bekannten, ich fahre jetzt in die Weite, der Mensch muss das Große und Gute wahren! Und das finde ich ein wunderbares Motto, auch für diese Ausstellung übrigens."

Jutta Weber, stellvertretende Leiterin der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, führt nicht ohne Stolz durch die Ausstellung. Knapp ein Jahr, nachdem es der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gelungen ist, die Amerikanischen Reisetagebücher des Naturforschers von den Erben anzukaufen und damit für Berlin zu sichern, stellt die Staatbibliothek die Bände nun erstmals öffentlich aus – bis Samstag sind sie im Haus am Kulturforum zu sehen. Auch danach aber bleiben die Tagebücher für die Öffentlichkeit zugänglich – im Netz. Seite für Seite sind die Reiseberichte von nun an für jedermann digital im Internet einsehbar.

Ein wahrer Fundus für Wissenschaftler aller Disziplinen

"Diese hier finde ich ganz besonders nett, das ist ein Querschnitt durch einen Zitteraal. Der Zitteraal, der elektrische Stromstöße von sich gibt. Es heißt immer, Alexander von Humboldt hätte das an sich selber ausprobiert. Im Tagebuch steht das anders, sie haben es mit Pferden ausprobiert. Sie haben Pferde in das Wasser getrieben, in dem diese Zitteraale waren, und haben gemerkt, dass die Pferde heraus kamen mit einem wilden Blick, als ob sie gerade in der Höhle des Löwen gewesen wären."

1,8 Millionen Euro hatte das Ministerium für Bildung und Forschung nach der Erwerbung für die Digitalisierung und Erforschung der Tagebücher bereitgestellt. Die Digitalisierung ist abgeschlossen - nun soll sich ein Forschungsverbund aus Universität Potsdam, Staatsbibliothek und Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit den bislang nur rudimentär erforschten Büchern befassen. Ein wahrer Fundus für Wissenschaftler aller Disziplinen.

"Bei Humboldt kann man ja ein transdisziplinäres Vorgehen ganz deutlich sehen, das wird auch immer wieder reflektiert, er bezeichnet sich selber ja auch als Nomade zwischen den Wissenschaften. Und wir haben ein transdisziplinär aufgestelltes Team, also das von den Bildwissenschaften bis hinein in die Naturwissenschaften reicht, das aber genau in diesem Zusammenwirken die eigentliche Kraft von Humboldt sieht", sagt Ottmar Ette, Literaturwissenschaftler und Leiter der Forschergruppe der Universität Potsdam.

Wissenschaftlicher und literarischer Anspruch miteinander verbunden

Er beschäftigt sich schon seit Jahren mit Humboldts Schriften – vor allem mit seiner Ästhetik, denn Humboldt selbst verband mit seinen wissenschaftlichen Reisebeschreibungen klar auch einen literarischen Anspruch. Er wolle seine Erkenntnisse in einem Werk darstellen, „das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt", schrieb der Forscher später in einem Brief an Karl August Varnhagen. Die Amerikanischen Reisetagebücher von Alexander von Humboldt sind vielschichtig im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat sie in mehreren Sprachen geschrieben - deutsch, französisch, manchmal auch Spanisch. Humboldt war nicht nur Naturwissenschaftler, er war auch Geograph, Philologe, Reisender, Humanist, er zeigte Interesse an der sozialen Situation der Menschen in Südamerika, kritisierte die Sklaverei und die Marginalisierung der indigenen Bevölkerung in Neuspanien.

"Das fehlende Gesellschaftsprojekt eigentlich, das er sehr deutlich diagnostiziert und auch anprangert. Das Unwissen, dass das Vizekönigreich und die Administration über das eigene Gebiet hatte. Und wo Humboldt in seinem Text eigentlich ein ganzes Forschungsprogramm entwickelt und anbietet. Auch volksökonomische Aspekte in diese selbe Studie einbaut, ohne dabei zu vergessen, dass das Volk, das er da beschreibt eben auch eine Geschichte hat. Und natürlich auch eine Kulturgeschichte die vor der Eroberung und Kolonisierung stattgefunden hat, und die er sehr sehr stark einblendet. Auch das für seine Zeit und für einen europäischen Wissenschaftler eigentlich sehr ungewöhnlich", betont Tobias Kraft, auch er Teilnehmer der interdisziplinären Forschungsgruppe.

Doch auch die Bücher selber tragen Informationen – die Zeichensprache des Originals, auf die der Kunsthistoriker Horst Bredekamp hinweist. Fahrige Schrift und Flecken im Tagebuch, z.B. von einem umgekippten Tintenfass, geben Aufschluss über Müdigkeit und Strapazen der Reise. An der Tiefe der eingegrabenen Schrift lassen sich Emotionen, Begeisterung, Frustration ablesen. Immer wieder hat Humboldt seine Texte ergänzt - mit Überschreibungen, Zeichnungen von Pflanzen und Tieren, mit Graphiken und Tabellen, mit eingeklebten Zetteln, an den Rand geschriebenen Messdaten und Notizen. Heute würde man sagen: Mindmapping. An Humboldts Tagebüchern, betont Bredekamp, lassen sich heute noch seine Denkprozesse nacherleben. Ein Beleg für den Wert des Originals – im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit.

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