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Fazit | Beitrag vom 08.08.2017

Alban Bergs "Wozzeck" bei den Salzburger FestspielenDunkel glühendes Opernkino

Von Jörn Florian Fuchs

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Szene aus William Kentridges "Wozzeck"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen (Salzburger Festspiele / Ruth Walz)
Szene aus William Kentridges "Wozzeck"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen (Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Mit virtuos mäandernden Bildwelten bringt der südafrikanische Künstler William Kentridge Alban Bergs Oper "Wozzeck" auf die Bühne der Salzburger Festspiele. Die Inszenierung besticht durch ihren Einfallsreichtum, ein perfektes Ensemble und großartige musikalische Leistungen.

In seinen besten Arbeiten verbindet der südafrikanische Künstler William Kentridge eindringliche Bildwelten mit luftig Spielerischem. Trotz den oft düsteren Sujets gibt es immer wieder leichte und humorvolle Momente. Kentridges fünfte Opernregie (nach Alban Bergs "Lulu", Dmitri Schostakowitschs "Die Nase", Mozart "Zauberflöte" und Schuberts "Winterreise" mit Bariton Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser am Klavier) führt gleichsam in taghelle Abgründe, wenn etwa der ebenso böse wie urkomische Arzt (Jens Larsen) aus einem großen Kleiderschrank kommt – später entsteigt dem Möbel eine ganze, sehr schräg spielende Kapelle.

Der Regisseur William Kentridge - "Wozzeck" ist seine fünfte Opernregie. (Marc Shoul)Der Regisseur William Kentridge - "Wozzeck" ist seine fünfte Opernregie. (Marc Shoul)

Die kunstvoll künstliche Bühne (Sabine Theunissen) bietet viel muffiges Mobiliar, modrige Stühle, böse glimmende Lampen, medizinische Instrumente, eine Staffelei sowie zwei verwinkelte Stege, auf denen die Figuren in oft zackig verschrobenen Bewegungen herum irren. Dazu gibt es – natürlich – zahlreiche Filme und Stills, Kentridge hat zwei Jahre lang an seinen virtuos mäandernden Bildwelten gearbeitet. Verwaschene Zeichnungen, hingetuschte abstrakte Flächen, kunstvoll gemalte Köpfe (darunter Alban Berg und Georg Büchner) bevölkern die Szenerie. Wozzeck höchstselbst (wenn der Eindruck vom recht weit entfernten Kritikerplatz nicht trog) wirft anfangs einen altertümlichen Projektor an.

Wuchtige Schmerzenseleganz

Wozzeck, dieses von Marie betrogene, vom Arzt für Experimente missbrauchte, von der Gesellschaft verachtete Wesen verkörpert Matthias Goerne mit wuchtiger Schmerzenseleganz. Ihm steht ein perfektes Ensemble zur Seite: Asmik Grigorians hocherotische Marie, Mauro Peter als Wozzecks Mitstreiter Andres, Gerhard Siegel in der Partie des mindestens halbverrückten Hauptmanns. Die hervorragende Personenführung, das genaue Timing zwischen realen Figuren und Filmeinblendungen liegt vermutlich ganz wesentlich auch am Co-Regisseur Luc De Wit.

Szene aus William Kentridges "Wozzeck"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2017 (Salzburger Festspiele / Ruth Walz)Szene aus William Kentridges "Wozzeck"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen (Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Es gibt eine wahre Fülle an Einfällen und Überraschungen, jedoch keine psychologische Deutung des Stücks und seiner Protagonisten. Stattdessen legt Kentridge manchmal fein subtil, manchmal holzschnittartig grob, diverse Bedeutungsschichten übereinander. Der Erste Weltkrieg, der Alban Berg ja traumatisierte und den Georg Büchner in seinem Theaterstück irgendwie vorausahnte, schiebt sich öfters in die Handlung hinein. Da tauchen dann Gasmasken aber auch Landkarten von Schlachten auf. Das Kind von Marie und Wozzeck erscheint als bloße Puppe.

Großes Opernkino mit kulinarischen Momenten

Brillant sind Farbgestaltung und Lichtregie, mehrfach gehen Film und Figuren auf der Bühne ineinander über, es entstehen dunkel glühende Wimmelbilder. Dieser "Wozzeck" ist ein Gesamtkunstwerk, großes Opernkino mit bisweilen beinahe kulinarischen Momenten, dann wieder verrätseltes, verstörendes Kammerspiel.

Szene aus William Kentridges "Wozzeck"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2017 (Salzburger Festspiele / Ruth Walz)Szene aus William Kentridges "Wozzeck"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen (Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Am Pult der Wiener Philharmoniker sorgte Vladimir Jurowski für Perfektion und Durchhörbarkeit, zu viel Pomp wird vermieden, erst gegen Ende knallt es richtig.

Der musikalische Aufwand zahlt sich aus

Neben der von Ernst Raffelsberger gut einstudierten Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor wirkten auch der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor (ein vielleicht marketingtechnisch nicht ganz glücklicher Name), geleitet von Wolfgang Götz, mit. Die Bühnenmusiken (Stichwort: Blaskapelle...) lieferten Nachwuchskräfte der Angelika-Prokopp-Sommerakademie der Wiener Philharmoniker. Der erhebliche Aufwand lohnte sich sehr, die Produktion wandert nach dem Festspielsommer weiter an die New Yorker Metropolitan Opera und nach Toronto.

Einige Ausschnitte aus Kentridges Inszenierung:

Und noch ein kleines Gerücht am Rande: Vladimir Jurowski ist heißer Kandidat für die Nachfolge Kirill Petrenkos an der Bayerischen Staatsoper. Auch dort läuft Bergs "Wozzeck", Andreas Kriegenburg lässt einen Teil der Handlung im Wasser spielen. Der Dirigent muss sich seinen Weg zum Schlussapplaus durchs knöchelhohe Nass bahnen. Damit hat Jurowski noch keine Erfahrung, dirigierte er doch zuletzt in München Sergej Prokofjews "Feurigen Engel" - phänomenal übrigens.

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