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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.05.2016

62. Internationale Kurzfilmtage OberhausenVon Leere, Entfremdung und Verfall

Von Bernd Sobolla

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An den Werbeplakaten zu den 62. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, geht am 08.04.2016 eine Passantin vorbei. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
An den Werbeplakaten zu den 62. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, geht am 08.04.2016 eine Passantin vorbei. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)

Die Rituale der Ureinwohner Kanadas, ein Parteitag in Russland oder ein Naturparadies in einer Sperrzone: Viele Filme bei den diesjährigen Kurzfilmtagen in Oberhausen widmen sich politischen Zuständen - und spiegeln Ratlosigkeit und Niedergang.

Eine Inuitfrau tanzt zur traditionellen Musik ihres Volkes, während man Bilder aus der Weite der kanadischen Steppe sieht: Eine Möwe fliegt erhaben in die Weite. Doch dann tauchen schwarze Krähen auf, mehr und mehr, bis sie das Bild bedrohlich füllen. Und auch die herannahenden Wolken sind dunkel und angsteinflößend.

Der Film "Nimmikaage" – Sie tanzt für Menschen" von Michelle Latimer wirkt wie ein Requiem, vielleicht ist es auch eine Ehrung an die Ureinwohnerinnen Kanadas, die von den herrschenden Weißen als Folklore-Ritual belächelt werden.

Ein Ritual besonderer Art bietet auch der russische Filmemachermacher Pavel Medvedev. In "Hubris" zeigt er, wie sich die herrschende Partei "Einiges Russland" zum großen Kongress trifft, wobei Wladimir Putin seine übliche Rede hält, die davon handelt, dass Russland ein großes Land sei, dass die Arbeit verbessert und die Effizienz gesteigert werden müsse, während die Kamera ausdruckslose oder gelangweilte Gesichter zeigt. Schließlich gibt es den üblichen, nicht endenden wollenden Beifall, ein herrlich subversiver Film.

Regisseur Pavel Medvedev gab sich als Journalist aus, um die Aufnahmen vom Kongress machen zu können.

"Als der Film dann fertig war, wurde er von allen Festivals in Russland abgelehnt, weil er angeblich zu kurz war. Das machte mich und alle an der Produktion Beteiligten sehr traurig."

Das Ende alter Landschaften und Stadtbilder

Politische Zustände sind auch Gegenstand anderer Filme im "Internationalen Wettbewerb": So widmet sich die koreanische Regisseurin Hayoun Kwon in ihrem Werk "489 Jahre" einer entmilitarisierten Zone am 38. Breitengrad zwischen Nord- und Südkorea. Ein 250 Kilometer langes und 4 Kilometer breites Gebiet, das seit 1953 kaum von Menschen betreten wurde und sich zu einem Naturparadies entwickeln hat.

Der südafrikanische Künstler Mohau Modisakend thematisiert in "To Move Mountains" die Ausbeutung der Bodenschätze, indem er einen Mann zeigt, der einen Protest- und Klagetanz in einer Asphaltlandschaft zelebriert.

Im deutschen Wettbewerb handeln mehrere Filme vom Ende alter Landschaften bzw. Stadtbilder. So schildert Vanessa Nica Mueller in "Plateau", wie ein Mann durch eine menschenleere Stadt irrt, während zwei Frauen anscheinend Schutz in einem provisorischen Innenraum gefunden haben. Ein Werk, das die Entfremdung in einer zerfallenden urbanen Umwelt thematisiert.

Und Eren Aksu begleitet in "Cosmorama" ein junges Paar auf einer Flussüberfahrt zu einem Strand. Dort entspannen sich die beiden und beobachten die gegenüberliegende, hässliche Skyline der Großstadt. Schließlich sucht sie nach "ihrem Haus" auf der andern Seite, kann es aber nicht finden. Und auch er ist ratlos.

"Ist es nicht da drüben, zwischen den beiden Gebäuden? Ich bin mir auch nicht sicher. Das Haus ist wohl hinter diesen anderen Gebäuden beerdigt."

Fern vom traditionellen Geschichtenerzählen

Von einem Zuhause, das die Bewohner bald verlassen werden, handelt schließlich "A fire in my brain that separates us" von Benjamin Ramírez Pérez. Dabei geht es dem Filmemacher nicht um Kritik an Wohnkultur oder einer Art Heimatverlust, sondern um das Gefühl, Kontrolle über sich selbst und seine nächstes Umfeld zu verlieren.

"Ich verbinde in meinem Film sehr unterschiedliche Elemente von Performance und Text und Re-Enactments, auf die ich mich in einem bestimmten Sub-Genre von Film beziehe, und zwar ist es das Gas-Lighting-Filmgenre. Das geht zurück auf einen Film von 1944 mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle, in der die Protagonistin durch Manipulation in ihrem Umfeld, in ihrem Haus, am Licht und den Objekten suggeriert bekommt, dass sie verrückt wird."

Viele Werke der Internationalen Kurzfilmtage spiegeln in diesem Jahr Ratlosigkeit, Leere oder auch Entfremdung wider, andere zeigen zudem den Niedergang dessen auf, was uns so oft als Fortschritt verkauft wird. Die irische Künstlerin Linda Curtin ausdrückt es so aus.

"Die Filme halten sich fern vom traditionellen Geschichtenerzählen und von den Dingen, die das Kino sonst immer bietet. Es ist schön zu beobachten, dass es hier eine Art Anti-Mainstream-Ästhetik gibt, die mit unseren Gefühlen spielt und die oberflächliche Betrachtungen verneint. Das finde ich wirklich cool."

Die Kurzfilmtage Oberhausen enden am heutigen Dienstag, 10. Mai. 

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