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Religionen / Archiv | Beitrag vom 28.09.2013

50 verschiedene Versionen von Bonhoeffers Hit

Der pensionierte evangelische Pfarrer Karl Christian Thust gibt ein Kirchenlieder-Lexikon heraus

Von Christian Find

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Gesangbücher in einer Kirche (Jan-Martin Altgeld)
Gesangbücher in einer Kirche (Jan-Martin Altgeld)

Der Kirchenmusiker und Pfarrer Karl Christian Thust, heute im Ruhestand, hat jahrzehntelang die Welt der deutschsprachigen Kirchenlieder erforscht. Nun hat er ein Lexikon dieser Lieder erstellt. Der erste Teil mit knapp 500 Seiten behandelt 269 Lieder.

"Ich hatte immer wieder mit Liedern zu tun und bin von anderen gebeten worden, dann mal über dieses oder jenes Lied was zu erzählen. Und dann bin ich bei Synoden, bei Pfarrkonventen oder mal bei den Akademien gebeten worden. Da hat sich eben herausgestellt, es fehlt so was, ja, eine Information. Auch wenn ich ein Lied im Internet eingebe, dann habe ich tausende Vertonungen oder sonst was, aber so diese systematische Information, wie ist das entstanden, wie sind die einzelnen Strophen gemeint, welche biblischen Grundlagen haben sie, wie ist das mit der Sprache, wie ist das mit der Melodie, wie ist das mit der Wirkungsgeschichte? Das gibt es in dieser Systematik und knappen Zusammenfassung eben nicht."

Karl Christian Thust lebt im wahrsten Sinne des Wortes mit seinen Liedern. In seinem Haus in Ingelheim stapeln sich in den Regalen bis an die Decke zahllose Ordner mit Fotokopien und Notizen zu Artikeln und Verweisen, die er in jahrelanger systematischer Kleinarbeit zu jedem einzelnen Lied zusammengetragen hat. Allein neben seinem Klavier steht ein großes Regal, das nur Orgelvorspiele bereithält, die aus den Liedern entstanden sind. Für Thust ist das Reden über die Lieder genauso selbstverständlich wie das Singen.

"Bei mir ist das ja so, die Eltern kommen beide aus der Singbewegung. Wir haben zu Hause schon die ganze Kinderzeit in einer Weise gesungen wie man’s heute nirgends mehr kennt. Bei jeder Gelegenheit, beim Abwaschen, nach dem Essen wurden Kanons gesungen und natürlich morgens und abends bei den Abendandachten und mittags noch als Tischgebet. Und von daher sind die Lieder auch von Anfang an so in mir drin, ja. Das hat ja auch zu meinem Doppelberuf geführt. Weil die Musik einfach dominant war, aber die Theologie genauso."

Thust ist auch Hymnologe, ein Wissenschaftler, der sich mit den Hymnen, den feierlichen Liedern und Gesängen befasst. Als Teildisziplin der Praktischen Theologie untersucht die Hymnologie die enge Verbindung von Musik und Theologie. Thust erklärt, dass die ältesten Textvorlagen für kirchliche Lieder die Psalmen Davids sind. Spannend wäre zu erfahren, zu welchen Melodien sie ursprünglich gesungen wurden.

"Man ahnt so etwa, wie die waren, man weiß es nicht genau. Es waren jedenfalls durchaus Wechselgesänge. Und das ist auch schon mal was Interessantes. Das hat auch eine lange Tradition, die man in letzten Jahren auch wiederentdeckt hat. Dass man Lieder im Wechsel singt mit Solist, Vorsänger oder Chor und Gemeinde, was die ganze Sache viel lebendiger gestaltet. Also z.B. so ein neueres Lied von Paulo Stein und Rolf Schweizer, der auch eben diese Wechselgesänge wieder neu aufgegriffen hat, ist ein ganz bekanntes Lied: 'Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.'

Und dann kommt der Chor mit Strophen und immer zwischendurch der Kehrvers, den die Gemeinde singt, mit einer etwas lebendigen, schwungvollen, neuen Melodie, aber einem alten Psalmtext von Psalm 98. Da gibt’s viele neue Beispiele dafür wie ein Lied gleichzeitig sehr alt sein kann, direkt biblisch und auch mit neuem Text und in lebendiger Form auch neuer musikalischer Form."

Dass zu einem alten Text völlig neue Strophen hinzugefügt werden, steht in der Tradition der Reformationszeit. Damals hatte man damit begonnen, die überlieferten Lieder sogar ganz oder zumindest teilweise zu verändern.

"Das ist zum Beispiel dieses 'Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten, es ist doch ja kein anderer nicht, der für uns könnte streiten; denn du unser Gott alleine.' Und das Lied ist deshalb interessant, nicht nur weil es auf das neunte Jahrhundert zurückgeht, sondern weil es auch im Lauf der Jahrhunderte eine Veränderung erfahren hat, sowohl was den Text als auch die Melodie anbelangt. Luther hat z.B. nicht die ursprüngliche Melodie von diesem Da Pacem übernommen, sondern von dem Hymnus 'Nun kommt der Heiden Heiland.'

Ist genau die gleiche Melodie, die er auch für das Lied 'Erhalt uns Herr bei deinem Wort' verwendet hat, nur hat er dann den Schluss doch ergänzt, hat diese Hymnus-Melodie sehr geschickt nochmal zusammengefasst und betont das reformatorische 'alleine' an den Schluss ergänzend gesetzt: denn du unser Gott alleine, das Solus, das reformatorisch Betonte. Und dann hat man das immer wieder im Laufe der Jahrhunderte genommen, auch z.B. im 19. Jahrhundert gegen den Zeitgeist bis zu Friedensdemonstrationen in neuerer Zeit."

Und es sei jetzt sogar ein Lied, das im Evangelischen Gesangbuch den ökumenischen Teil einleite, die Rubrik "Konziliarer Prozess - Bewahrung der Schöpfung, Friede und Gerechtigkeit". Thust freut sich besonders darüber, dass er mit seiner Arbeit als Hymnologe einen Beitrag zur Ökumene leisten kann, auch wenn die ersten Hymnologen in erster Linie protestantische Liedtexter waren, wie zum Beispiel Paul Gerhart im 17. Jahrhundert.

Inzwischen sei Hymnologie sogar zu einer interdisziplinären Wissenschaft herangereift. Auf Studientagungen, wie zuletzt die der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Hymnologie im Kloster Kirchberg am Neckar, treffe er immer öfter auch auf Germanisten. Die neuere Erforschung von Kirchenliedern sei von großer Offenheit geprägt und gänzlich undogmatisch.

"Alle Tagungen, die in Kirchberg oder wo laufen, sind ökumenisch ausgerichtet, da sind auch die Mennoniten, die Methodisten und andere dabei. Und wenn ich in Mainz bin an der Uni, bin ich fast mehr im katholischen, theologischen Seminar als an der evangelischen Fakultät."

Bestes Beispiel dafür, wie ein protestantisches Kirchenlied seinen Weg auch in das neue katholische Gesangbuch, das Gotteslob finden kann, ist das Lied "Von Guten Mächten" aus der Feder des evangelischen Pfarrers und NS-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer.

"Wie die meisten Lieder übrigens in einer ganz persönlichen konkreten Situation entstanden. Weihnachten 1944, im Frühjahr ist Bonhoeffer hingerichtet worden, es ist eines seiner letzten Dokumente überhaupt an seine Verlobte geschickt aus dem Gefängnis heraus in einer sehr bedrückten Situation aber doch gefasst und im Glauben Halt findend und Andere damit auch tröstend.

Das Lied ist derart verbreitet, das ist auch das einzige Lied, was 40 bis 50 Melodievertonungen hat. Die bekannteste Melodie, die wahrscheinlich jetzt auch in das neue katholische Gotteslob reinkommt, ist die von Fietz: 'Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag' ist so ein bisschen eine Marschmelodie, eine flotte, fröhliche Melodie. Im Gesangbuch, im evangelischen steht eine andere: 'Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag'."

Obwohl Thust schon seit Jahrzehnten die Lieder singt, hat er erst durch seine intensive Beschäftigung mit ihnen entdecken können, welche Schätze sie nicht nur kultur- und sprachgeschichtlich darstellen, sondern wie sie auch weiter gewirkt haben, bis in die Gegenwart hinein.

"Die Lieder sind so wie ein Kristallisationspunkt. Auf der einen Seite bündeln sie bisherige Strömungen, theologische, sprachliche, musikalische, sind ein Spiegel der Zeitgeschichte, des Zeitgeistes, des Empfindens und gleichzeitig haben sie eine Ausstrahlung, haben sie wieder eine weiterführende Wirkung."

Die sich auch auf die Entstehung des Kirchengesangbuchs erstreckt und seinen Umfang weiter anwachsen lässt. Denn immer zahlreicher werden die Lieder, die auf Kirchentagen und Jugendtreffen entstehen und später auch in den Gemeinden gesungen werden. Einige von ihnen finden hier dann ihren Weg in die Gesangbuchanhänge der jeweiligen Landeskirchen.

"Und das ist auch wieder so eine Möglichkeit, Lieder zu erproben. Sie sind nicht im Stammteil, sondern jede Landeskirche hat ihren eigenen Anhang mit Liedern, die sie für sich gewünscht haben. Und wenn die sich bewähren und auch von anderen Landeskirchen übernommen werden, kommen die dann in den Stammteil."

Systematisch und akribisch genau behandelt Thust in seinem Lexikon jedes einzelne dieser Lieder, jede einzelne Strophe, ihren Text und ihre Melodie, den Ursprung und ihre Wirkungsgeschichte. Das Ganze liest sich so unterhaltsam und spannend wie man es kaum von einem Lexikon erwarten würde. Immer wieder lässt sich dabei entdecken, dass viele Lieder ihrer Zeit weit voraus waren, manche sogar so weit, dass sie aus dem Zeitrahmen zu fallen scheinen, in dem sie eigentlich entstanden sind.

"Das Erstaunliche ist, dass im Liedschaffen sehr früh eine Ökumene möglich war, obwohl man sich gleichzeitig politisch aufs Äußerste bekämpft hat. Also Singen ist etwas Verbindendes. Und grundsätzlich geht’s auch immer nur darum, Lieder zu singen. Auf gottesdienstlicher Ebene, im gemeinsamen Feiern, da kommt man sich näher. Sobald es dann in die Dogmatik geht und auf höherer Ebene in die Hierarchie, da wird’s schwierig, ja. Über das Singen kommen die Menschen zusammen."

Hinweis:
Karl Christian Thust: "Die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs"
Kirchenjahr und Gottesdienst. Band 1 mit den Liedern EG 1-269 ist im Bärenreiter-Verlag erschienen und kostet 39,95 Euro. Band 2 folgt.

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