Freispiel, vom 18.06.2020, 22:30 Uhr

SchwerpunktIch kann so nicht arbeiten!

Parkplatz-Hinweisschild der Agentur für Arbeit in Kiel (imago images/penofoto)
(imago images/penofoto)

Arbeit macht das Leben süß, so süß wie Maschinenöl
Ton Steine Scherben

Wir arbeiten und arbeiten. Und vor lauter Arbeit merken wir immer weniger wie die Arbeit unser ganzes Leben einnimmt und wie unser Job immer mehr zu einem zentralen Bestandteil des Selbst wird. Arbeit wird zu der Antwort auf Fragen nach Sinn und Daseinsberechtigung. Arbeit als Antwort scheint aber keine beruhigende Lösung zu sein, es lässt sich eher ein Unbehagen und eine allgemeine Unruhe beobachten: sei es im Home-Office, vor dem Bildschirm eines globalen Tech-Unternehmens oder auf den Laufstegen der großen Metropolen. Was könnte eigentlich außer Arbeit noch wichtig sein in unserem Leben?

Es ist überraschend wie deutlich und wie tiefgreifend diese Frage die gängigen zeitgenössischen Lebenskonzepte in Frage stellt. Um dem Ganzen näher kommen zu können, müssen wir überdenken wie Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbedingungen organisiert sind. Sie tragen einen großen Teil dazu bei, dass wir häufig weder Zeit noch den Nerv dazu haben überhaupt in Ruhe darüber nachzudenken, was wir eigentlich sonst noch wollen könnten. 

Im Hörspiel Heidi Hoh 3 – Die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat stellt die Protagonistin eine Kontinuität der Ausbeutung in der zunehmend flexiblen Arbeitswelt fest und bringt sie auf die Formel: "Früher haben wir wie Roboter gearbeitet, heute arbeiten wir wie Junkies." Dieser halluzinogene Trip ins innerste Selbst des neoliberalen Subjektes macht deutlich: Wenn Arbeit und Leben zunehmend ununterscheidbar werden, müssen die oben genannten Fragen nach Arbeitsbedingungen neu formuliert werden.

Dass ein Suchtverhalten mit einem diffusen und verheißungsvollen Gefühl der Freude beginnt hat auch die Modeindustrie der 90er Jahre erkannt und den Ausdruck ‘Heroin Chic’ geprägt. Das Hörspiel La vie en vogue erzählt von den Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie der 2010er Jahre, in der die Konsequenzen eines harten Konkurrenzkampfes und der Abwesenheit von gewerkschaftlicher Organisation unübersehbar sind. Arbeit als Antwort auf die Frage nach Daseinsberechtigung bedeutet hier fünf Stunden Schlaf und 40 Castings in vier Tagen. 

Das Hörspiel Screener erzählt von der Rückseite der glänzenden Model-Bilder in den sozialen Netzwerken. Der Protagonist arbeitet als "Internet Content Reviewer" und ist als Subunternehmer bei Sozialen Netzwerken und Video-Plattformen "angestellt". Er sitzt den ganzen Tag vor einem Bildschirm um Gräueltaten, Nekrophilie und Kinderpornografie aus den Netzwerken und Plattformen herauszufiltern. Große Internet-Firmen versuchen so irgendeine Form von Kontrolle über die Inhalte zu bekommen, mit denen sie ihr Geld verdienen. Diese Arbeit, ohne die das Internet, wie wir es täglich nutzen, nicht denkbar wäre, führt bei den Arbeitnehmer*innen regelmäßig zu posttraumatischen Belastungsstörungen. Dieses Hörspiel zeigt uns Arbeitsverhältnisse in Arbeitsbereichen, die in jüngster Zeit durch die Digitalisierung entstanden sind. 

Im Schwerpunkt "Ich kann so nicht arbeiten!" sind Hörspiele versammelt, die uns vor die alltägliche und gleichzeitig weitreichende Frage stellen: Wie wollen wir arbeiten? Wenn es um Fragen nach der eigenen Daseinsberechtigung geht könnte es sinnvoll sein, diese Fragen im Sinne Wittgensteins so zu behandeln wie eine Krankheit, also so, dass sich die Frage nicht mehr stellt. "Wie wollen wir arbeiten?" ist hingegen eine Frage die keine Behandlung sondern eine Antwort braucht.

Alle Stücke zum Schwerpunkt:

Screener
Deutschlandfunk Kultur, Freispiel, 04.06.2020

(Lucas Derycke)Felix filtert Tag für Tag explizite Videos aus dem Internet. Doch was er sieht, bleibt nicht folgenlos. (Lucas Derycke)

Heidi Hoh 3 – Die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat
Deutschlandfunk Kultur, Freispiel, 11.06.2020

(imago images/Ikon Images) (imago images/Ikon Images)

La vie en vogue
Deutschlandfunk Kultur, Freispiel, 18.06.2020

Alexandra Grandl im Selbstporträt (Alexandra Grandl)Geht es nicht genau darum: "the face of the future" zu werden? (Alexandra Grandl)

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