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Klangkunst / Archiv | Beitrag vom 06.07.2018

Klangkomposition über die dunkle Seite des NetzesDarknet Poetry

Von Lasse-Marc Riek und Tobias Schmitt

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Parallelwelt Darknet in ihren verschiedenen Facetten hörbar machen (imago/epd)
Parallelwelt Darknet in ihren verschiedenen Facetten hörbar machen (imago/epd)

Jenseits der Suchmaschinen liegt das Darknet. Einerseits gilt es als die dunkle Seite des Internet – Kriminalität, Drogenhandel, Schattenwirtschaft. Anderseits steht es in Zeiten von Abhörskandalen und Whistleblowern für Anonymität und freien Zugang. Für "Darknet Poetry" ließen die beiden Autoren sogenannte "Onion-Seiten" von selbstprogrammierten Bots durchstöbern. Die gesammelten Textfragmente speisten sie verschlüsselt in eine Klangkomposition ein, die die Parallelwelt in ihren verschiedenen Facetten hörbar macht.

Ursendung
Darknet Poetry
Von Lasse-Marc Riek und Tobias Schmitt
Mit: Julia Kümmel, Laura Cisneros, Sebastian Scherer, Bernd Herzogenrath
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2018

Länge: ca. 54'30

Lasse Marc Riek, geboren 1975 in Bad Segeberg, ist Klangkünstler. Seine Arbeiten sind interdisziplinär und gehören sowohl der Bildenden Kunst als auch der Klangkunst an. Riek ist Mitbegründer des Labels "Gruenrekorder", das sich auf Soundscapes, Field Recordings und Elektroakustische Kompositionen konzentriert. Zahlreiche Ausstellungen, Konzerte und Hörfunkproduktionen. Für die Sendereihe "Geräusch des Monats" von DKultur schuf er die Reihe: "Kalenderstücke" (2010)

Tobias Schmitt, geboren 1975 in Frankfurt am Main arbeitet als Klangkünstler und Kurator. Zahlreiche Veröffentlichungen und Konzerte im In- und Ausland.

Lasse-Marc Riek und Tobias Schmitt sind seit 2003 zudem als Klangkunst-Duo "Waldlust" unterwegs.



Werkstattbericht von Lasse-Marc Riek & Tobias Schmitt

Wir erforschen seit einigen Jahren für unsere Arbeit das Darknet. Für gewöhnlich arbeiten wir in dem Projekt ›Waldlust‹ mit Feldaufnahmen des Aufführungsortes und deren Umgebungen. Getreu dieser Methode arbeiten wir für ›DarkNet Poetry‹ mit gefundenem Material aus der Parallelwelt des Internets.

Das Darknet ist medial ein Synonym des Bösen und Abartigen, doch in Zeiten von wahlentscheidenden Socialbots, Whistleblowing, Snowden, der NSA und Zensur in autoritären Staaten darf man den verschlüsselten freien Zugang zum Internet nicht stigmatisieren. In ›DarkNet Poetry‹ kontextualisieren und kontrastieren wir die vielen Seiten dieser virtuellen Grauzone.

Einerseits begaben wir uns selbst auf Suche, andererseits bauten wir dafür Bots, also kleine Programme, die autonom im Netz einer bestimmten Aufgabe nachgingen und uns so automatisiert Material lieferten. Das gesammelte Material wurde anschließend gesichtet und sortiert. Wir versuchten wertfrei vorzugehen und kategorisierten das Material nach inhaltlichen und ästhetischen Gesichtspunkten. Dann ließen wir vier SprecherInnen und eine Text-to-Speech-Software unterschiedliche Textfragmente und Blogeinträge lesen. Außerdem wurde aus Bildern Klang generiert, durch Sonifizierung. Und Texte wurden verschlüsselt und das entstandene Material neu als Sound interpretiert.

Kommandozeile - DarkNet (Screenshot)Kommandozeile - DarkNet (Screenshot)

All die Daten im Darknet stehen unter der Prämisse des ewigen Spiels: was ist Fake, was ist Realität? Letztendlich ist das Darknet dementsprechend ein Ort des Vertrauens: Verbrecher machen mit Verbrechern anonyme Geschäfte und hoffen, etwas für ihre Bitcoins zu bekommen.

Dem steht ein Idealismus entgegen: Hacker, die sich gegen autoritäre Systeme stellen, für barriefreien Austausch im Netz und z.B. Whistleblower, die im geschützten Raum des Darknet auf Missstände aufmerksam machen wollen.

Die Hälfte aller Darknet-Inhalte ist Fake. Da sitzen Sonder-Service-Hacker der Polizei, die darauf warten, dass du auf bestimmte Dinge eingehst, damit sie nach dir suchen können, um dich dingfest zu machen, um dein Profil anzukucken, was du damit willst, wo man dich findet. Wenn sich einer nur noch für größere Schusswaffen interessiert und für Manpower aus Bosnien, dann kucken sie vielleicht: was will der damit? Was will der mit sechs Killern aus Bosnien? Die Angebote sind so extrem, dass du glaubst, du könntest dir die direkt nachhause bestellen. Und wenn du das wirklich machen willst, dann gibt es Wege und Foren, die dir sagen, wo du die richtigen findest.

Wie klingt ein nicht jugendfreies Bild? (Screenshot)Wie klingt ein nicht jugendfreies Bild? (Screenshot)

Die Seiten werden ständig aktualisiert, immer wieder neu kodiert, damit der andere Hacker, der früher mal dein Skateboard-Kumpel war, das nicht findet. Deshalb haben wir diese Ästhetik im Stück angewendet, dieses immer wieder verschlüsseln, immer wieder kodieren, dekodieren, vermischen. Es ist ein ständiges Versteck- und Suchspiel. Wir waren z.B. auf Seiten, die innerhalb der Suchzeit geschlossen wurden, von irgendwelchen Kriminalämtern. Da surfst du auf einer Drogenseite, und auf einmal, fünf Minuten später, ist die Seite gesperrt.

Verschlüsselte Daten (Screenshot)Verschlüsselung (Screenshot)

Alles Beängstigende ist im Stück stark chiffriert, aber es ist viel drin, von Kreditkarten über Aufenthaltsgenehmigungen. Die schlimmsten Sachen sind natürlich Services mit Menschen. Die Roboterstimmen, die man zwischendurch hört, nennen Schlagworte wie ›Social Engineering‹. Da kannst du jemanden beauftragen, der deinen Nachbarn terrorisiert, das ist ein Gruselkabinett.

Am Anfang hört man etwas von einem USB-Stick. Das ist jemand, der so einen im Forum bestellt hat, und der sich darüber austauscht und erklärt, wie das Ding funktioniert. Diese Killer-Sticks, die benutzt du, um andere Computer zu zerstören. Auf den Sticks ist etwas drauf: Fotos—Urlaub—Rügen. Und darunter läuft ein Code, der verbindet sich mit deinem Computer und versucht ihn zu überhitzen und dadurch zu zerstören. Leute legen solche Sticks auf die Straße und warten, dass jemand den aufhebt und sich freut: Oh super, 32 Gigabyte!

Wie klingt ein Bild mit krimminellen Inhalten? (Screenshot)Wie klingt ein Bild mit krimminellen Inhalten? (Screenshot)

Und auf der anderen Seite kommst du an Dinge ran, die sonst unter Verschluss sind, weil eine politische Macht nicht will, dass du sie bekommst. Das Darknet ist auch ein Mittel für Leute, die sonst keinen wahrheitlichen Bericht abgeben könnten, Dokumenten-Sharing-Seiten, Foren für Whistleblower etc. Man muss ganz verschiedenartig suchen, je nach Anliegen, und so kommt man zu seltsamen Zielen. Es geht darum, dass sich alle verstecken vor denen, die es nicht sehen sollen. Es ist eine Form, die man findet indem man verschiedene Strategien des Blicks anwendet, oder eben des Hörens in unserem Fall.«

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