Klangkunst, vom 23.08.2019, 00:05 Uhr

Hörstück über drahtlose KommunikationKnallfunken

Knallfunken Entladung  (Foto: Raviv Ganchrow)
Knallfunken Entladung (Foto: Raviv Ganchrow)

Bei Hochspannung kommt es zu Funkenbildung. Dieses physikalische Gesetz ist Vorrausetzung für die drahtlose Kommunikation. Man könnte daher sagen: Die Bezähmung von Blitzen läutet die Geburtsstunde des Radios ein.
Das Hörstück "Knallfunken" nutzt Miniaturblitze, um Funkenbildungen hörbar zu machen. An den Blitzableitern der Funkstation Nauen empfängt Raviv Ganchrow Impulse weit entfernter Gewitter. Das Hörstück gleicht einem Schaltkreis aus spannungsgeladenen Spulen, funkenprühenden Kupferverbindungen, tropischen Gewittern, wandernden Kranichen, schwärmenden Bienen, Gegenden in Zentralasien und Südamerika, ionosphärischen Brechungen und Herbstwind.

Essay zur Komposition (in Englischer Sprache)


Ursendung
Knallfunken
Von Raviv Ganchrow
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2019
Länge: ca. 54’30

Mit freundlicher Unterstützung des Mondriaan Fonds


Raviv Ganchrow, geboren 1972 in den USA, lebt als Künstler und Klangforscher in Amsterdam. In seinen Texten und Klanginstallationen erforscht er die Beziehung von Klang, Raum und Hörerfahrung. Lehrauftrag am Institute of Sonology an der Universität der Künste in Den Haag.


Grossfunkstelle Nauen, Brandenburg (Foto: Raviv Ganchrow)Grossfunkstelle Nauen, Brandenburg (Foto: Raviv Ganchrow)

Knallfunken Schaltkreis-DiagrammeKnallfunken Schaltkreis-DiagrammeKnallfunken Leitfaden 

Der Knallfunken Schaltkreis:
Knallfunken ist eine radiophone Zweikanal Arbeit in Kollaboration mit dem Kurzwellen Funksender Nauen in Brandenburg (dem weltweit ältesten durchgehend betriebenen Radiofunk) und Deutschlandradio Kultur.

Die Erde und ihre Atmosphäre bilden zusammen ein gigantisches elektrisches Feld.

Knallfunken ist ein buchstäblicher Schaltkreis, der durch zahlreiche Umgebungen geleitet wird, wie zum Beispiel geladene Spulen, funkenden Kupfer, tropischen Blitz, migrierende Kraniche, schwärmende Bienen, 250 kW Spannung, Zentral-Asiatischen und Süd-Amerikanischen Boden, Neuseeländische Antennen, ionosphärische Brechung und herbstlichen Wind. Das Stück bringt so den materiellen Kontext der Knallfunken Sendetechnik über den Schauplatz der Langwellen Funkübertragung zu Gehör.

Leise Signale globaler Gewitter, die sich im Boden unterhalb der Kurzwellen Radiostation Nauen tummeln — angezapft über des Gebäudes Blitzableiter, dann durch Heinrich Hertz' geschichtsträchtigen Sendeschaltkreis geschickt, wurden mit Radioempfängern empfangen und zurückgeschickt durch die nachklingenden Nauenschen Bodenräume, um dann wieder weiter übertragen zu werden an die andere Seite des Erdkreises — vermitteln eine mögliche radiophone Wegstrecke  und dessen elektrischer Wesensart.

Das Stück setzt sich ausschliesslich zusammen aus dem Murmeln, dem Klappern, den Signalen und den Resonanzen, auf die man entlang des Schaltkreispfades stösst und auf dem Elektrizität durch enorm unterschiedliche Entladungsstrecken geleitet wird, von der Distanz zweier Leitungsdrähte bis hin zu der Entfernung zwischen Brandenburg und der gegenüberliegenden Seite des Erdkreises.

Links: Dominikus Beck, Kurzer Entwurf der Lehre von der Elektricität, Salzburg, 1787 Rechts: HochspannungsbeschilderungLinks: Dominikus Beck, Kurzer Entwurf der Lehre von der Elektricität, Salzburg, 1787 Rechts: Hochspannungsbeschilderung

Die Geburt des Radios:
Der Knallfunkensender ist der erste Apparat, der den praktischen Gebrauch des Radios veranschaulicht. Durch einen Einschnitt im leitenden Draht —um einen Abstand zu erzeugen— weitet sich der elektrische Schaltkreis in einen irdischen Raum. Während die Funken aus ihrem Schaltkreis springen verstricken sie sich mit den sie umgebenden Bedingungen, der landschaftlichen Beschaffenheit, dem Wetter, Oberboden-Leitfähigkeit und ionosphärischer Ladung, sowie mit anderen Funken (Blitz) und magnetischen Feldern der Erde und Sonne.

Von Raviv Ganchrow interpretierte Rekonstruktion von Heinrich Hertz' Experiment zur Übertragung elektromagnetischer Wellen; Knallfunken Installationsansicht, Künstlerhaus Bethanien, August 2018 (Foto: Raviv Ganchrow)Von Raviv Ganchrow interpretierte Rekonstruktion von Heinrich Hertz' Experiment zur Übertragung elektromagnetischer Wellen; Knallfunken Installationsansicht, Künstlerhaus Bethanien, August 2018 (Foto: Raviv Ganchrow)

Knallfunken Hörfunk findet seinen Ursprung in Heinrich Hertz' bahnbrechenden elektrischen Oszillator Experimenten des späten 19. Jahrhunderts und bestätigte Maxwell's Annahme elektromagnetischer Wellen. Allerdings ist der Hochspannungs-Funken selbst ein Residuum elektrostatischer Faszination des 18. Jahrhunderts, die mit Entwicklungen des Blitzschutz einhergingen. Die Miniaturisierung des Blitzes in elektrostatischenDarlegungen, sowie die Integration elektrischer Schaltkreise in Gebäuden, lässt darauf schliessen, dass die Geburt des Radios auch die Verhäuslichung des Blitzes signalisierte. Symbole kleiner Blitzschläge, die Hochspannungsanlagen zieren huldigen dieser Geschichtsschreibung. Des weiteren können diese frühen Experimente elektronischer Manipulation und Modulation als Wegweiser in der Entwicklung elektrifizierter Haushälter, sowie nationaler Stromnetze und mobiler Kommunikation angesehen werden.

Blitzableitersystem für Gebäude, Oliver Lodge, Lightning Conductors and Lightning Guards, Whittaker and Co., London, 1892, S. 529Blitzableitersystem für Gebäude, Oliver Lodge, Lightning Conductors and Lightning Guards, Whittaker and Co., London, 1892, S. 529

Das Gebäude als Schaltkreis:
Als das ikonische Sendezentrum Nauen Anfang der 1920er errichtet wurde war die Struktur selbst als gigantischer elektrischer Schaltkreis konzipiert worden, dessen räumliche Logik gewissermassen dem Radio Signalpfad folgt, von einer Handvoll Volt am Mikrophon bis hin zu Tausenden an der ausstrahlenden Antenne. Das ausladende, reflektierende Wasserbecken vor dem Gebäude wurde entwickelt um als kühlende Instanz durch die Anlage gepumpt zu werden und so der im Übertragungsprozess erzeugten Hitze entgegenzuwirken. Herkömmlichere Merkmale des Gebäude Schaltkreises beinhalten robuste, kupferne Blitzableiter, die im Boden an den Ecken des Baus angebracht sind und die Anlage vor unerwünschten selbstständigen Entladungen schützt.Links im Bild: Lodge spark plug company poster, c. 1953. Daneben: Ford Model-T ignition coil, c. 1915 Links im Bild: Lodge spark plug company poster, c. 1953. Daneben: Ford Model-T ignition coil, c. 1915

Drei Jahrzehnte bevor die Anlage fertiggestellt war prophezeite der Britische Physiker Oliver Lodge, dass Kupfer sich als bevorzugtes Material für Blitzableiter allmählich einstellen würde. Lodge unternahm eine Reihe von Experimenten, die ihn, zeitgleich mit Hertz, unabhängig dazu führten elektromagnetische Oszillationen zu entdecken; seine Herangehensweise jedoch geht auf Forschungen zum Blitzschutz zurück. In seinem Buch von 1892 mit dem Titel Lightning Conductors and Lightning Guards, welches eine Abhandlung über Hertz' Wellenfeld-Oszillation Experimente enthält, sind Illustrationen von Gebäuden zu sehen aus dessen Blitzableitern Wurzeln wachsen. Die Wurzelstruktur am Fuss (als auch die oberen Segment mancher Entwürfe), die das Gebäude mit dem Schaltkreis der Erde verankert, "ähnelt einem Baum mit Zweigen, die sich in die Luft strecken und Wurzeln, die sich im Boden verzweigen." Noch vor Bauwerken, hatten schliesslich die Bäume die am längsten währende Beziehung zum Blitz vom Himmel.

Der naturalisierte Funke:
Luft ist in der Regel ein elektrischer Isolierkörper und dennoch wird sie bei sehr hohen Spannungen leitfähig. Es bedarf ungefähr eines Anstiegs von 3000 Volt um einen Millimeter Luft zu durchschreiten. Funken, die in Schaltkreisen von Knallfunken verwendet wurden reichten von 6000 – 24000 Volt. In den jungen Jahren elektrischer Experimente war es unabdingbar auf die Qualität des Stroms zu hörenw der durch die Schaltkreise floss, um so die ordentliche Funktion des elektronischen Apparates sicherzustellen. Die einfache Form des Ausstosses in Knallfunkensendern besitzt hörbare Charakteristiken, die über die semiotische Funktion, die man Ihnen durch drahtlose Telegrafie zuschreibt, hinausgeht. In seiner ursprünglichsten Form ist der Funke eher ein Merkmal von Materie als ein eigentliches Signal. Dessen ambivalenter Zustand im Stromkreisverlauf als natürliches anstatt eines synthetischen Phänomens gleicht dem anderer Stromkreise der Erde. Es deutet auch auf inhärente irdische Komponenten naturalisierter Stromkreise hin, wie den der elektrischen Signalgebung von Pflanzen, Elektrokommunikation zwischen Honigbienen oder im menschlichen Nervensystem. Die Koevolution von Mineralien und dem Leben auf Erden ist möglicherweise auch die, elektrischer und sensorischer Kreise. In diesem Sinne richtet Knallfunken radiophones Hören an seiner eigenen Vorgeschichte aus.

Tellurische Tweeks:
Die Erde selbst, zusammen mit Ihrer Atmosphäre, bildet einen gigantischen Stromkreis. Donnerschläge sind eine hörbares Indiz dieser Gegebenheit. Radiophone Ausstrahlungen von Blitzen können problemlos mit AM Radio Empfängern empfangen werden. Sich ausbreitende Blitzschläge bleiben oft stecken zwischen der Oberfläche der Erde und der Ionosphäre und wandern, ganz ähnlich der Kurzwellen Ausbreitung, weit über die Distanz Ihres Grollens hinaus. Während der Ausbreitung verändert sich ihre elektrische Signatur: ein Radio-Blitz (auch bekannt als Sferics), der 2000 km und mehr zurück legt wandelt sich von einem charakteristischen "Klick" in ein spektrales "Zwitschern" (auch bekannt als Tweek). Der Empfang dieses Vogel-ähnlichen Zwitscherns weist auf entfernte Gewitter hin, die bis zu halbwegs um den Globus herum (20.000 km) stattfinden. Während diese Geister-Gewitter unhörbar über Kopf verlaufen, vermittelt sich Ihre Präsenz in Bodenstrommustern.

Schalttafel in der Großfunkstelle Nauen mit einer Weltkarte (Foto: Raviv Ganchrow)Schalttafel in der Großfunkstelle Nauen (Foto: Raviv Ganchrow)

Nur eine der Aufnahmesitzung in Nauen zeichnete dieses entfernte elektromagnetische Vogelgezwitscher im Strudel tellurischer Ströme (Bodenstrom) unterhalb des Funkhauses auf. Die Präsenz der Tweeks im Boden bei Nauen belegt also eher des Geländes Kapazitäten für Langstrecken Empfang, als die der Übertragung. Es scheint als ob sogar im tiefsten Winter die Brandenburgischen elektrischen Felder vor tropischen Gewittern nur strotzen; eine 2 Minuten und 7 Sekunden lange Aufnahme tellurischer Strömung, angezapft über die Nauenschen Blitzableiter, wurden zur Quelle elektrischer Funken, die durch Knallfunken kreisen.

Elektrischer Isolator aus Porzellan, Relikt der drahtlosen Knallfunken Telegrafie in Nauen (Foto: Raviv Ganchrow)Elektrischer Isolator aus Porzellan, Relikt der drahtlosen Knallfunken Telegrafie in Nauen (Foto: Raviv Ganchrow)

Irdische Resonanz:
Weltweite Blitze, welche die Atmosphäre durchqueren (durchschnittlich 50 Schläge pro Sekunde) setzen den Raum zwischen der Erdoberfläche und der Ionosphäre buchstäblich in Schwingung und generieren ein eigenständiges elektromagnetisches Obertonmuster. Diese sogenannten Schumann-Resonanzen klingen ganz beständig ausgehend von der andauernden Symphonie globaler Blitzschläge, die wiederum stehende elektromagnetische Wellen in unserer Atmosphäre bewirken. Letzthin jedoch scheinen sich diese Resonanzen in einem Abwärtstrend zu bewegen; deren wachsendes Abklingen scheinbar ein weiteres Indiz für die Erderwärmung ist.

Bei der Kurzwellen Übertragung aus Nauen, welche das Audiomaterial für Knallfunken generierte, passierten ganz verschiedene Dinge mit den Signalen während sie das Wellenfeld der Erd-Ionosphäre rekursiv durchquerten. Einer der verblüffenden Effekte der empfangenen Klänge ist eine sich bei 120.4 Hz manifestierende Resonanz. Wenn Signale sich mehr als ein halbes Mal um die Erde erstrecken holen sie sich selbst ein und produzieren eine sogenannte "um die Welt" Verzögerung. Theoretisch, gegeben der Annahme ein Signal wäre intensiv genug um weiter zu kreisen, könnte dieses eine stehende Welle produzieren deren Intervall den doppelten Abstand um die Erde reflektiert; ein hörbares Artefakt, das anschaulich die Route sich ausbreitender Wellen verkörpert. Dennoch, 120.4 Hz sind zu hoch um eine Schumann Resonanz zu sein, doch womöglich ein Oberton?

Den Erdball umkreisend:
Wenn man unterhalb Nauen mitten durch das Erdzentrum ein Loch bohren würde, so käme man am anderen Ende an der Küste von Neuseeland heraus. Um diese Distanz mit dem Radio zu erreichen muss man ein Signal himmelwärts senden und dreimal zwischen der Ionosphäre und der Erdoberfläche hin und her springen lassen.

Immer wenn der Transmitter von Knallfunken korrekt gerichtet und eingeschaltet wurde stellte sich beim Neuseeländischen Empfänger inmitten des statischen Rauschens unmittelbar ein Moment der Stille ein.. Mit der Signalisierung der Antipode berührte Nauen, die Erde umspanned,den Südpazifik. Während seiner 20.000 km Route schlägt das Signal Brücke zwischen Erde und Himmel, Morgengrauen und Dämmerung und nimmt in der Zeit einer einzigen Übertragung sogar mehr als eine ganze Jahreszeit ein. Den elektromagnetischen Wellen jedoch erscheint die gesamte Erdkugel lediglich als eine einzige Zeitzone. Die unfassbare Geschwindigkeit mit der elektromagnetische Wellen sich ausbreiten bedeutete, dass zwischen Ausstrahlung und Empfang am anderen Ende beinahe keine merkliche Verzögerung wahrgenommen werden konnte. 

Das ist es, was Historiker als "Aufhebung von Zeit und Raum" im wireless Zeitalter preisen, in der Gleichzeitigkeit geradezu greifbar wird. Das mag zutreffen auf das Signal selbst, keineswegs aber auf die wandernden Wellen, noch auf die hörbaren Resultate. Die Verstrickung von Radiowellen und Umgebung vollzieht sich so, dass jeder Anstieg der Sendestreckenentfernung einen parallelen Anstieg akustischer Abdrücke der durchstreiften Regionen und den darin angetroffenen Begebenheiten innerhalb der Wellenfeldstruktur mit sich zieht. Kurzwellenfunk ist das Paradebeispiel solch einer Wellenmechanik, innerhalb dessen akustischer Raum sich vervielfacht.

Kurzwellen:
Es gibt aber auch weniger hörbare Räume, die an der Kurzwellen-Signalgebung beteiligt sind. Verbindet man mit der Erfindung der drahtlosen Telegrafie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die Geburt der Seefahrt Navigation und der Wettervorhersage, so ist die Entwicklung der Kurzwelle im 20. Jahrhundert massgeblich für die Ströme imperialer Ausdehnung, nationaler Identität, politischer Reichweite, militärischer Kommunikation und Ortung (Überhorizontradar), diplomatischer Kommunikation und transnationaler Spionage (Zahlensender). Solch bedenkliche Verfahren hängen auch zusammen mit einer grösseren Gruppe unhörbarer Klänge radiophoner Techniken, wie denen alltäglicher Klänge einer verrichteten Arbeit: die Steuerung der Übertragungsmechanik in der Nauenschen Turbinenhalle oder dem Feuerschüren in der Kamina Funkstation zum Beispiel.

Schon vor der Kurzwellen Inbetriebnahme war eine globale Reichweite für Nauen essentiell. Die Knallfunken-Telegrafie aus Nauen war die primäre Methode der Übersee-Kommunikation mit Armeen und Flotten, insbesondere mit der Grossstation Kamina in der West Afrikanischen Deutschen Kolonie im Togoland, 5000 Kilometer entfernt. Der historische Telefunken Knallfunkensender, ein einfaches Holzgehäuse, in etwa den Proportionen eines Bienenstocks eines Imkers, steht bis heute in einer Ecke der Turbinenhalle in Nauen. Auf Knallfunken finden sich zahlreiche Aufnahmen von den Resonanzen im Hohlraum dieses Gehäuses.

Großfunkstelle Nauen. Ein Funkmast steht auf einer Wiese, im Hintergrund ein Gebäude (Foto: Raviv Ganchrow)Großfunkstelle Nauen (Foto: Raviv Ganchrow)

Seit der Privatisierung der Signale in Nauen bedient die Kurzwelle ein breites Spektrum an Interessen. NHK (die nationale japanische Rundfunkgesellschaft) überträgt regelmässig Programme über die Kurzwellen Antennen nach Nordafrika und weiter. Eine Niederländische Sendeanstalt, bekannt unter dem Namen "The Mighty KCB", sendet Rock und Pop nach Nordamerika, die sich an die Langstrecken Kraftwagen Gemeinschaft richtet. Beträchtlicher Radiowellen Verkehr wird bemerkenswerter Weise von christlich evangelischen Rundfunkveranstaltern beansprucht, wie zum Beispiel dem AWR (Adventist World Radio) und BVB (Bible Voice Broadcasting); übertragen von Nauen aus, in einer Vielzahl von Sprachen, an zahlreiche Ziele quer über den Globus verteilt. Knallfunken's Aufnahmen mögen daher entfernte Spuren dieser Mehrsprachigkeit aufweisen, die sich durch die metallenen Objekte im und um das Gebäude übertragen.

Die verblassende Zeitverschiebung:
Eine der Aufnahmen für Knallfunken legte die Strecke Deutschland nach Neuseeland elf Mal zurück und häufte so über 220.000 km Laufzeit in der Luft an und zusätzlich eine ähnliche Distanz über Internet Kabel. Während die Entfernungen zunahmen begann auch die Zeit sich bemerkbar zu machen — bei der Arbeit mit den Aufnahmen wurde ersichtlich, dass die empfangenen Klänge nicht mehr mit den ursprünglichen synchron waren; die Dauer der empfangenen Signale war leicht verändert, wie als würde sich selbst die Zeit irgendwo auf der Strecke anfangen zu verzerren.

Verschwindende und wieder auftauchende Signale sind besonders beim Kurzwellen Radio üblich bei  einer Übertragung über lange Strecken hinweg. Während sie durch irdische Atmosphäre strahlen projizieren die Signale Multiple ihrer selbst, die in konstruktiven und destruktiven Interferenzen beim Empfänger überlagern. Die Folge ist ein charakteristisches Schwanken bei dem das Signal sich ein- und ausblendet aus dem Störgeräusch. Während der ersten Übertragung aus Nauen wurde auf Grund eines kurzzeitigen Ausfalls eines Transmitters unabsichtlicher Weise eine Lücke im Signal an die andere Seite des Globus übertragen. Knallfunken endet mit eben dieser Stille, die drei Raumwellen nach Osten, über die Ionosphäre-Zentral Asien-Ionosphäre-Mongolei-Ionosphäre-Neuseeland gesendet wurde und zurückgesendet wurde drei Raumwellen nach Osten, über die Ionosphäre-Nordafrika-Ionosphäre-Uruguay-Ionosphäre-Neuseeland.

Durch Brandenburg ziehende Gänse im Herbst (Foto: Raviv Ganchrow)Durch Brandenburg ziehende Gänse im Herbst (Foto: Raviv Ganchrow)

Migrationen:
Um über den Horizont zu fliegen sind navigierende Vögel auf einen wissenschaftlich nur schwer greifbaren Magnetsinn angewiesen — Sinnesorgane, die magnetische Felder erfassen.

Brandenburg ist eine bekannte Zwischenstation im Migrationsmuster von Kranichen und Gänsen; jeden Herbst sammeln sich zehntausende südwärts ziehende Vögel in den Feldern um Nauen. Am Oktobermorgen der Testübertragung nach Neuseeland war das vorherrschende Klangpanorama an der Station das von Graugänsen, dessen Übersiedeln sich mit unseren wandernden Wellen kreuzte. Man fragt sich in welcher Form wohl die sendenden Antennen auf dem magnetischen Radar eines Vogels erscheinen. Als Zielflugfunkfeuer vielleicht, ähnlich den Signalen der zivilen Radioübertragung, die zu den Anfängen des Luftkriegs heimlich zur Orientierung genutzt wurden.

Eine Abschnitt in Knallfunken enthält das Quäken wandernder Brandenburgischer Vogelscharen, abgespielt über Resonanzen stillgelegter Nauener Sender. Wieder andere übertragene Gänse Geräusche mögen bei Ihrer Ankunft im Neuseeländischen Luftraum auf tatsächliche Gänse gestossen sein. Die wilden Graugänse, die heute Neuseeland durchstreifen werden als Nachkommen streunender Hofgänse gehandelt, welche selbst gezähmte Nachfahren der Spezies sind, die Nauen durchstreifen.

Auto Transmitter:        
Die Strahlung der mächtigen Nauenschen Kurzwellen Antennen legt gelegentlich die Autos auf der benachbarten Strasse lahm. Dies Eigenschaft hat Deutsche Automobilhersteller dazu veranlasst die elektrische Widerstandsfähigkeit neuer Modelle vor den Antennen zu testen.

Ein knappes Jahrhundert zuvor hatte die Nordamerikanische Autoindustrie unbeabsichtigt Teile für amateurhafte Radiosender bereitgestellt. Die Zündspule des ikonischen Ford Modell-T war die bevorzugte Spule für die Knallfunke-Kommunikation unter Amateuren. In der Tat haben Autos bereits Radiowellen gesendet noch bevor sie mit Radioempfängern ausgestattet waren; übertragen durch kleine, in das Zündungssystem integrierte Knallfunkensender. Ford Spulen, umgangssprachlich "buzz coil" ("Brumm Spule") genannt, produzierten mit Ihrer Funkenentladung ein hörbares Brummen. Das Modell-T hatte vier solcher geschachtelter Spulen in der Fahrerkabine, die angeblich wie ein "Nest voll aufgebrachter Bienen" tönten.

Jean Wolff's Knallfunkensender Sammelsurium von 1919, zu sehen im Deutschen Museum in München veranschaulicht die Wegstrecke der Hochspannungsfunken — vom Laborexperiment, über drahtlose Demonstrationen, bis hin zur Autozündung und zurück ins Radio. Noch konkretere Bezüge etablierten sich als zwei Söhne von Oliver Lodge eine Zündkerzen Firma südlich von Birminghams in England gründeten. Die Hochspannungsfunken, die in Knallfunken zirkulieren wurden auf einer wiederbelebten Bosch Auto-Zündung generiert, die mit einem Bienenwachs Kondensator gekoppelt wurde.

Nauener Biene und Honig des Nauener BienenvolksNauener Biene und Honig des Nauener Bienenvolks

Elektrische Biene:
Der Nauensche Bienenstock, verteilt um den Apfel-, Pflaumen- und Kirschanbau des Geländes wird von einem Radiooperator der Station betreut. Knallfunken beginnt mit dem Klang dieses heimischen Bienenschwarms, deren schräges Surren kurzzeitig ein absteigendes Glissando eines vorüberfliegenden Passagierflugzeugs in zwei teilt. Kurz danach erscheint derselbe Klang noch ein mal, dieses Mal empfangen über Kurzwelle auf halber Strecke um den Globus. Auf Grund der beschränkten Futtersuche der Insekten verlassen die Nauener Bienen womöglich gar nie das Ausstrahlungsfeld der Antennen. Dennoch produzieren sie ihr eigenes, kleines, magnetisches Flechtwerk innerhalb der grösseren magnetischen Felder der Anlage.

Mit ihrem Flügelschlag akkumulieren Bienen eine positiv geladene elektrische Ladung auf ihren Körpern (teilweise über 100 Volt). Positiv geladene Bienen entladen sich über negativ geladene Blumen bei der Landung und hinterlassen eine elektromagnetische Spur, die eine mögliche Rolle in der Kommunikation mit anderen nahrungssuchenden Bienen spielt. Bienennester wirken auch elektronisch: nichtleitendes Bienenwachs bewahrt die elektrische Ladung der Biene während sie um die Wabe fliegt, zudem erhöht das Flatterverhalten im Nest die Gesamtladung des Schwarms. Neueste Entdeckungen besagen, dass der Schwänzeltanz – eine Choreographie, die auch eine Art räumliche Futterquellen-Karte darstellt – von der Biene als modulierte elektrische Signale ausgesendet werden, welche dann wieder elektrisch von benachbarten Bienen empfangen und verarbeitet werden.

Signal Labyrinth:
Der vordergründigste Strom in der Blitzableiter Boden-Aufnahme von Nauen ist das 50 Hertz Netzstrom Signal, jener vertraute Klang, den Haushaltgeräte manchmal mechanisch abgeben. Netzstrombrummen in der Erdung ist ein Artefakt des national verknüpften Elektrizitätsnetzes und  induziert elektrische Ladung im Oberboden.

Bodenstrom, der vom elektro-chemischen Verhalten in Pflanzenwurzeln bis hin zu den elf-jährigen Zyklen von Sonnenflecken alle möglichen Frequenzspektren beinhaltet, verstrickt sich unter anderem auch mit anthropogenen Frequenzen. In Nauen machte sich innerhalb des dichten elektromagnetischen Knotens auch ein unerklärlich intensiver, periodischer Puls bemerkbar, der stark genug war sich im Schaltkreis des Recorders bemerkbar zu machen, immer dann wenn dieser auf dem Boden platziert war. Scharfe, klar hörbare Klicks in der Ablaufleitung des Dachs von Nauen, die nicht unähnlich denen eines knisternden Ofens sind, scheinen mit den elektrischen Ausschlag-Signalen des Bodens darunter übereinzustimmen. Das ominöse Dröhnen im Inneren des Ablaufrohrs entpuppte sich als klirrende Version eines elektrischen Transformer Brummens, das hinter einer Metalltür im Erdgeschoss an der Gebäuderückseite abgegeben wurde.

Schaltkreise innerhalb Schaltkreise, deren vertrackte Laufbahnen das aufgeräumte Kommunikationsmodel von Sender-Empfänger nullifizieren. Die Anlage brachte eine komplexe Verästelung sich dahin windender Signale hervor, die den Laufmustern elektrischer Entladung nicht unähnlich sind. Jede Verzweigung offenbarte neue Signal Manifestationen, zeitweise so weit von Ihrem Ursprung entrückt, dass sie selbst zu neuen Signalquellen wurden und auf in anderen Gefilden waltende Instanzen verwiesen.


Danksagung

Ich bedanke mich bei Marcus Gammel vom Deutschlandfund Kultur und Michael Pütz vom Medienfunk
für deren Bereitschaft einer Zusammenarbeit im Rahmen des Projekts, sowie beim grosszügigen und hilfsbereiten Personal des Funkhaus Nauen, insbesondere Matthias Quolke und Walter Neumann. Mein Dank geht auch an die folgenden Personen für deren Beitrag in der Realisation des Projekts: Casper Schipper, Carsten Stabenow, Roland Wittje und den tatkräftigen Mitarbeitern des Künstlerhaus Bethanien. Besonderer Dank geht an Michaela Frühwirth und Sila Ganchrow für deren Teilnahme an der Reise. Das Projekt wurde möglich gemacht durch die grosszügige Unterstützung des Mondriaan Fund.

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